Montag, 26. Dezember 2011

Hegel-Preis für die Mißachtung der Logik 2011

Das Jahr 2011 ist fast vorbei, doch das Beste kommt erst noch! Denn bereits zum zweiten Mal vergibt Die Wahrheit über die Wahrheit in diesem Jahr den traditionellen Hegel-Preis für die Mißachtung der Logik! Wieder einmal soll die herausragendste Leistung im Bereich der Mißachtung von Logik, Kausalität oder schlicht der Realität ausgezeichnet werden. Das Preiskommitee ist bereits zusammengetreten, um über die Nominierungen zu beraten, und zweifellos ist 2011 ein ausgesprochen starkes Jahr für die Mißachtung der Logik! Da ist das Komitee froh, daß die endgültige Entscheidung über den Preis nicht bei ihm, sondern wie immer bei den Lesern dieses Blogs liegt.
Hier sind sie also, die Nominierungen für den Hegel-Preis für die Mißachtung der Logik 2011. Bis zum 31. Januar 2012 sind alle Leser aufgefordert, in der rechten Seitenleiste dieses Blogs über den würdigsten Kandidaten abzustimmen. Und wie immer wird am 1. Februar der Hegel-Preis im Rahmen eines Festakts an den glücklichen Gewinner (zumindest in Gedanken) überreicht!
Nominiert sind für das Jahr 2011:

Kandidatin A: Eva Ziessler, Hamburg, Gutachslerin
Unsere erste Kandidatin ist eine leidenschaftliche Kämpferin für die Freiheit: die Freiheit von Einschränkungen im Besitz von gefährlichen Gegenständen wie ultrastarken Laserpointern und Schußwaffen, und Freiheit von Logik und Verstand. Beide Forderungen vereint sie argumentativ aufs Beeindruckendste in ihrem Blog, das auch über achgut.com Verbreitung findet.
So kämpft Frau Ziessler anläßlich eines Spiegel Online-Artikels, der sich mit der Gefahr durch extrem leistungsstarke Laserpointer für die Luftfahrt auseinandersetzt, gegen staatliche Reglementierungen des Handels mit solchen Geräten. Am 28. Juli postete sie, warum der Ruf nach einem Verbot katastrophal ist:
"Denn fast jeder Gegenstand und selbst "natürliche" Dinge wie Äste und Steine können als gefährliche Waffen eingesetzt werden. [...] Sogar mit einem Daunenkopfkissen kann man jemanden ersticken."
Und was folgt daraus?
"Warum ruft sie [die Autorin des SpOn-Artikels] dann nicht dazu auf, auch den Handel mit Daunenkopfkissen, Absatzschuhen (damit kann man jemandem das Auge ausstechen!) und Küchenmessern zu reglementieren? [...] 
Wie kann sie [die Autorin des SpOn-Artikels] dann die Reglementierung des Handels mit Laserpointern durch den Staat fordern, obwohl die weiß, dass Laserattacken auch in Deutschland schon strafbar sind?"
Genau! Dabei muß infantiles Verbotsdenken gar nicht sein:
"Nach diesem, dem nicht-infantilen Prinzip, haben einige amerikanische Bundesstaaten nach den diversen Universitätsschießereien gehandelt: Sie haben die Waffengesetze ENTSCHÄRFT, sodass jetzt Jeder auf dem Campusgelände verborgene Waffen tragen darf. So ist keiner mehr einem Amokläufer hilflos ausgeliefert. Und ein potentieller Amokläufer weiß schon vorher, dass möglicherweise er selbst das Opfer wird—weil die anderen zurückschießen könnten."
Dank des Einsatzes der scharfen Waffe Logik werden nun wohl Piloten mit Laserpointern ausgestattet, damit sie im Landeanflug zurückblenden können.
Das Hegel-Preis-Komitee unterstützt Frau Ziesslers Ansatz vorbehaltlos und fordert endlich auch ein Ende der infantilen und schikanösen staatlichen Einschränkungen im Handel mit Milzbranderregern und waffenfähigem Plutonium! Schließlich ist das Töten von Menschen mit biologischen und atomaren Waffen ja bereits verboten. Und wenn sich doch jemand nicht an das Verbot halten will... dann könnte er uns ja auch den Absatz seines Schuhs ins Auge rammen!
Selten war eine Nominierung so verdient wie diese.


Kandidat B: Hans Peter Royer, Ramsau am Dachstein, Christuszentrierter Erlebnispädagoge
Zu den ganz großen Denkern der evangelikalen Szene im deutschsprachigen Raum gehört gewiss der Hobbyprediger Hans Peter Royer. Und in diesem Jahr gelang es ihm, den Rahmen der Logik so wie wir sie kennen zu sprengen und in ungeahnte intellektuelle Höhen aufzusteigen. An die Öffentlichkeit trat er mit seinen bahnbrechenden Einsichten auf der 116. Konferenz der Deutschen Evangelischen Allianz. Dort trug er laut pro-medienmagazin am 5. August vor:
"Der größte Beweis für die Existenz Gottes liegt schon darin, dass die Menschen immer wieder nach ihm fragen."
Und der größte Beweis für die Nichtexistenz der Madagaskar-Großfußmäuse liegt schon darin, daß verdammt noch mal einfach niemand nach ihnen fragt! Die Schöpfung dieses Gottesbeweises ex quaestione wird noch viel Aufsehen erregen, wird er erst einmal auf andere Wissensgebiete erweitert (Higgs-Bosonen, außerirdisches Leben, Sinn von Bauer sucht Frau...). Und sie bringt dem Schöpfer eine völlig verdiente Nominierung für den Hegel-Preis 2011!


Kandidat C: Arnulf Baring, Berlin, Hobbyhistoriker
Am 22. November 2011 war Herr Baring Gast der BR-Talksendung Münchner Runde zum Thema "Wie wehrhaft ist unsere Demokratie", wo unter dem Eindruck der Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrundes über rechtsradikalen Terror gesprochen wurde. Dort erklärte er uns, weshalb wir keinerlei Probleme mit rechten Straftaten oder gar Terror haben:
"Aber das ist doch keine große Katastrophe. Das ganze Gerede davon, es gäbe sozusagen eine ernsthafte rechtsradikale Bedrohung... Ich frage Sie: waren die Nazis rechts? Das halte ich für einen Grundirrtum, übrigens auch von Ihnen. Die Nazis waren nicht rechts, die Nazis waren eine Linkspartei!"
Ob Herr Baring nun vorschlägt, die NPD mit der Linkspartei zu fusionieren, um dann beide auf einmal verbieten zu können, entzieht sich leider der Kenntnis des Preiskomitees. Doch ist es nun erstaunt, wie gut die Mittel des Familienministeriums in der Bekämpfung des Linksextremismus tatsächlich angelegt sind! Und ein solch kunstvoll-kreativer Paradigmenwechsel, weg vom "was links ist, ist böse" hin zu "was böse ist, ist links", muß mit einer Hegel-Preisnominierung belohnt werden!


Kandidat D: Bischof Gerhard Ludwig Müller, Regensburg, Freiheitskämpfer
Kein Preis für die Mißachtung der Logik wäre komplett ohne eine Nominierung für die römisch-katholische Kirche! Dieses Jahr tritt für das Team RKK an: Bischof Müller aus Regensburg! Dieser bewahrt uns alle vor einer "Gesinnungsdiktatur" - denn laut bistumspresse.de vom 9. Dezember sagte er der Katholischen Nachrichtenagentur:
Nach Überzeugung säkularistisch gesinnter Kreise solle die Religion ins Private abgedrängt werden. Dabei werde übersehen, dass dieses Konzept selbst weltanschaulichen Charakter habe. Der Staat müsse aber weltanschaulich neutral bleiben.
Und angesichts solch entschlossener Verachtung des gesunden Menschenverstandes war dann selbst das Hegel-Preiskomitee tief beeindruckt! Nun kann man ja mit einigem Recht behaupten, daß auch der Faschismus weltanschaulichen Charakter hat. Also sollte sich der Staat aus der Zurückdrängung des Faschismus heraushalten, um seine weltanschauliche Neutralität sicherzustellen. Aber das tut der Staat dank Thüringer Verfassungsschutz ja? Dann fordert Herr Bischof doch nur gleiches Recht für alle! Und ein solch mutiges Eintreten für die Religionsfreiheit unterstützt das Preiskomitee mit einer Nominierung für den Hegel-Preis!


Wie gesagt, dieses Jahr sollte die Entscheidung über die Preisvergabe nicht leicht fallen. Vier starke Kandidaten buhlen um das heftigste Kopfschütteln der Leser. Doch für einen Kandidaten muß der Leser sich entscheiden!

PS: Nachnominierungen von Vergessenheit bedrohter weiterer Leistungen ist natürlich auf Antrag beim Preiskomitee hin möglich.

Kommentare:

  1. Lese diesen Blog nun schon seit einigen Monaten und muss mich wirklich für die erbrachten Leistungen und die vielen Lacher im Jahr 2011 bedanken. Auch dieser Artikel ist wieder absolut lesenswert.

    Viele Grüße aus Münster und einen guten Rutsch!

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  2. Vielen Dank für das Lob und gleichfalls einen guten Rutsch!

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  3. Ihrer Anregung zur Nachnominierung weiterer von Vergessenheit bedrohter herausragender Leistungen im Bereich der Mißachtung von Logik möchte ich gerne nachkommen und die Herrschaften von FOCUS Online vorschlagen, für die Hervorbringung:

    »Die Insel Utoya liegt in Sichtweite vor Oslo
    Schreie drangen bis nach Oslo
    «


    Eine herausragende Leistung wider die Logik insofern, wenn man in Betracht zieht dass die Insel Utoya etwa 30 Kilometer Luftlinie von Oslo entfernt liegt.

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  4. @ nömix:
    Natürlich stimme ich vollkommen zu, daß dies ein wirklich beeindruckendender Schwachsinn ist! Was diese Mischung aus Ahnungslosigkeit und Dramatisierung angeht, macht dem Focus Online so schnell niemand was vor. Allerdings passt dieser Fall nicht so recht in den Zuständgkeitsbereich des Hegel-Preises für die Mißachtung der Logik (auch wenn Logik hier recht großzügig ausgelegt wird). Dieser Unsinn ist eine Mißachtung der Physiologie und Physik, aber nicht der Logik, denn logische Probleme bestehen ja nicht, Geräusche auch über eine Entfernung von 30 km zu übertragen.
    Vielen Dank daher für dieses schöne Beispiel für Focus-Journalismus, aber nachnominiert wird dieser Fall dann doch nicht.

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  5. Mal sehen, ob ich später (also 2012, vor dem Ende der Mayo - oh, Maya) noch einen längeren Kommentar ablasse. Jetzt nur kurz zu Nummer 2: nach dieser Logik muss aber das Perpetuum Mobile schon ewig existieren.

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  6. @Pathologe:
    Da hat der Durchschnittsprediger aber noch mehr Argumente in seiner christlichen Wundertüte! Gewiss ist es nun mal Gottes Wille, daß wir das Perpetuum Mobile nicht zu erkennen vermögen!

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  7. Wo kann ich denn abstimmen?

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  8. @Jan:
    Oben rechts in der Seitenleiste! Ist die Abstimmung nicht zu sehen?

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  9. A, B, C, D... Hab mich gefragt, was das heißt und einfach abgestimmt, um zu sehen, ob das Voting-Dings überhaupt einen sinn hat.
    Wenn man diesen Artikel nicht kennt, ist es recht rätselhaft. Habe aber instinktiv blind richtig gestimmt. (C).

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