Samstag, 13. September 2014

Reinraumspiele

Nach all den drögen Posts hier wird es mal wieder Zeit für einen kleinen Themenwechsel. Ich mein', es ist ja nicht so, daß ich nicht wüßte, was die DWüdW-Leser wirklich wollen: Sex. Spontanen, hemmungslosen, leidenschaftlichen Sex! (Zwischen Menschen.) Und das ist ja auch kein Problem, schließlich gehört dieses Thema seit jeher zu den Kernkompetenzen und zu den Herzens- und anderweitigen Organangelegenheiten dieses Blogs. Und ein kleiner Blick zurück auf die heißen Tage dieses Sommers genügt, um die Leserinnen und Leser mitzunehmen in eine erotische Traumwelt jenseits aller Tabus, aller Konventionen und AfD-Deutschmutterphantasien.
(Hinweis: Der nachfolgende Text enthält sexuell explizites Andeutungsmaterial und ist für Minderjährige ohne Interneterfahrung nicht geeignet. [Aber die lesen das hier ja sowieso eher nicht. Hinweis: Hinweis vor dem Veröffentlichen entfernen!])

Es war an einem der besonders heißen Tage im Juli, einem Tag, an dem ich auswärts zu tun hatte. Mein Gastgeber wollte mir eine Freude bereiten, vielleicht auch sich selbst, und mir das Reinraumlabor seiner Arbeitsgruppe zeigen. Nach dem Mittagessen und dem Kaffee traten wir zusammen aus der flirrenden Hitze in das Summen der Klimaanlage, und die eben noch schweißverklebten Härchen an den Armen richteten sich im kalten Luftzug vor zartem Schauder auf. Wir traten in den kleinen Vorraum des Labors, der als Umkleideraum und zugleich Luftschleuse zum dahinter liegenden, fensterlosen optoelektronischen Labor diente. Wir zogen uns Plastikhäubchen über die Köpfe und Überzieher über die Schuhe und Schutzmasken vor den Mund. Dann nahmen wir zwei der für die Eintretenden bereitgehaltenen langen Labormäntel aus speziellem, flusenfreien Stoff von den Haken. Wir schlüpften in sie hinein um die uns erwartenden Geräte und Proben vor dem Schmutz und den Absonderungen unser menschlichen Körper und Kleidung zu bewahren. Mein Gastgeber wartete bereits an der Tür zu den Laborräumen, als ich noch einige persönliche Gegenstände in den weiten Taschen meines Mantels verstaute. Da stießen meine Fingerspitzen in der Tasche auf einen fremden, einen weichen Gegenstand. Mit neugieriger Unschuld zog ich ihn aus der Manteltasche hervor. Ich hielt ein kleines, dünnes, blassrosanes Stoffknäul in der Hand. Vorsichtig zupfte ich es auseinander. Ich entfaltete einen verspielten, am Rande dezent mit Spitze verzierten Damenschlüpfer.

Ein Blick in sein Gesicht ließ keinen Zweifel daran, daß mein Gastgeber über meinen Fund mindestens ebenso erstaunt war wie ich. Einige Sekunden starrten wir beide auf das Höschen in meiner Hand und hingen unseren Gedanken zu Ursprung und Implikationen meines unerwarteten Fundes nach. Dann nahm er den Slip an sich, ließ ihn wortlos in der Tasche seines eigenen Mantels verschwinden und wir traten ohne weitere Worte unsere Laborbesichtigung an.
Nur reißt bei einem jungen, unschuldigen Mann wie mir eine einmal von Damenunterwäsche angestoßene Gedankenkette nicht wieder so schnell ab. Von den technischen Ausführungen meines Gastgebers drang nicht viel zu mir durch. Stattdessen musterte ich die in ihren Mänteln und mit ihren Masken fast zur Unkenntlichkeit vermummten, im kalten Halogenlicht zwischen spiegelreinen Edelstahl- und Kunststoffoberflächen wirkenden Laborkräfte und versuchte mir vorzustellen, wie ein Damenhöschen in die Tasche eines Labormantels gelangt. Vielleicht war es am späten Abend, als das letzte im Labor verbliebene Paar die sich unter den unförmigen Mänteln aufstauenden Hormone nicht länger kontrollieren konnten? Ich mußte mir vorstellen, wie sie sich, eben noch über die Stereomikroskope gebeugt, auf einmal, nach einem kurzen, brennenden Blick die Kleider herunterrissen und übereinander herfielen wie die Tiere! Wie Schweiß und kaum unterdrückte Schreie anbrachen gegen die kalte Sterilität der Laborwände, zwischen denen diese Körper gefangen waren. Wie das Stoßen des Fleisches, das schiere, primitive Verlangen nach dem Körper, nach den Geschlechtsorganen des Nächsten die Ratio, das Streben von Wissenschaft und Technologie nach der Macht des menschlichen Verstandes über die Natur, in Sekunden hinwegfegte und ad absurdum führte. Ich mußte mir vorstellen, wie vor Kurzem genau hier für zwei Menschen plötzlich nichts mehr zählte - nicht die erzwungene Sauberkeit, nicht die unabdingbare Disziplin, nicht der hell erleuchtete Ort der Forschung -,  nichts als das Berühren von Haut, das sich Aneinanderpressen, das Ineinanderdringen ihrer Körper...
Ja, es war wirklich an einem heißen Tag im Juli.

Branchentypisch gab es nicht sehr viele weibliche Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe. Wenn man mal die kurz vor der Pensionierung stehende Sekretärin mit nicht unbedingt zu der Höschengröße passenden Figur ausschließt, blieben eigentlich nur zwei Frauen übrig. Bei meinem Abschied sah ich ihnen intensiv in die Augen, in der irrigen Hoffnung, irgendwo einen kurzen Funken erhaschen zu können, durch den sie sich verrät. Ich wünschte mir, sie würde mir aus meinen Augen lesen, was ich weiß. Und mich dadurch in ihren intimen Moment der Liebe mit einschließen. Das waren natürlich blödsinnige Gedanken.

Zwei Tage später schrieb mir mein Gastgeber eine email, in der er mir mitteilte, er wisse nun, wem das Höschen gehöre.
Seiner Tochter.
Er habe die Labormäntel zum Waschen mit zu sich nach hause genommen. Kurz vorher hätte seine Frau eine Ladung Familienwäsche gewaschen und dabei muß sie eine Unterhose seiner Tochter in der Trommel vergessen haben. Mit der nächsten Wäsche muß diese Unterhose dann irgendwie ihren Weg in die Tasche eines der Labormäntel gefunden haben.
Ich finde ja, diese Erklärung klingt irgendwie arg konstruiert. Lieber glaube ich auch weiter an das geheime, ungezähmte, wilde Leben der Optoingenieure...

Dienstag, 9. September 2014

Fracking gegen Putin!

Ja, das Thema Ukraine kommt hier oft zur Sprache. Aber es ist ein kompliziertes Thema, das macht es so interessant und erlaubt es, immer wieder neue, spannende Aspekte zu finden. So zum Beispiel, was Bürgerkrieg, Fracking und Die Grünen miteinander zu tun haben. Dahinter steckt eine längere und ziemlich vernachlässigte europäisch-ukrainische Geschichte, bei der es gar nicht so einfach ist, den Anfang zu finden. Man erinnert sich viellicht noch daran, daß der Internationale Währungsfond im letzten Mai der Regierung in Kiew gedroht hat, die Kredite zu kürzen - bzw. "neu zu kalibrieren" - wenn diese nicht die von Rebellen kontrollierten Gebiete der Ostukraine wieder unter ihre Kontrolle bringt [1]. Was genau an diesen Gebieten so interessant ist, wurde meist mit dem diffusen Verweis auf deren "wirtschaftliche Stärke" abgehandelt. Dabei können die Interessen viel klarer formuliert werden: Im Osten der Ukraine, zwischen Donzek und Charkow, liegt ein Schiefergasfeld, das Jusowskoje-Feld. Im Januar 2013 schloß die Regierung Janukowitsch am Rande des Weltwirtschaftforums in Davos ein Förderabkommen mit dem niederländisch-britischen Konzern Royal Dutch Shell. Und dieser Vertrag ist kein Pappenstiel: Royal Dutch Shell verpflichtet sich, bis zu 10 Milliarden US-Dollar in die Erschließung des Gasfeldes zu investieren. Im Gegenzug gehört dem Konzern auf 50 Jahre die Hälfte des geförderten Gases [2]. Dieses Abkommen ist eines von zwei großen Gasprojekten, die unter Janukowitsch mit westlichen Konzernen abgeschlossen wurde. Das zweite ist ein Vertag ähnlicher Größenordnung mit dem US-amerikanisch-brasilianischen Konzern Chevron, der in die Erschließung des Olesskaja-Schiefergasfeldes im Westen der Ukraine, bei Lviv, investiert. Dieses zweite Abkommen wurde im November 2013, kurz vor dem Ausbruch der Maidan-Proteste, in Kiew unterzeichnet [3].
Ein Bild aus guten Zeiten: Der ukrainische Energieminister
Eduard Stavitsky, Präsident Janukowitsch, der nieder-
ländliche Ministerpräsident Mark Rutte und der Royal
Dutch Shell CEO Peter Voser im Januar 2013 in Davos.
Diese Verträge haben für alle Beteiligten eine erhebliche politische Dimension. Für die Ukraine könnte sich das Verhältnis zu Russland drastisch ändern. Sollten sich die optimistischen Schätzungen der förderbaren Gasmenge bestätigen, dann könnten diese beiden Felder in einigen Jahren den ukrainischen Bedarf an Erdgas decken, das Land könnte sich mittelfristig von russischen Gasimporten unabhängig machen [4]. Und die Abhängigkeit vom russischen Erdgas ist noch immer der russische Fuß in der ukrainischen Tür. Das Drehen am Gashahn ist, zumindest bisher, das größte Druckmittel Russlands auf die Ukraine.
Es ist also irreführet, Janukowitsch als "pro-russischen" Politiker zu charakterisieren. Noch kurz bevor er das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aussetzte, schloß er große und strategisch gegen Russland ausgerichtete Verträge mit westlichen Konzernen. Janukowitsch schien sich eher beiden Seiten zuzuwenden und mal der EU und den USA, mal Russland entgegenzukommen. Diese Politik für ein Land zwischen zwei großen Machtpolen ist weder pro-europäisch noch pro-russsich - sie ist allenfalls pro-ukrainisch.
Für die westlichen Erdölkonzerne geht es ebenfalls nicht nur einfach so um Gas und Gewinne. Das ukrainische Schiefergas kann nicht konventionell gefördert werden. Chevron und Shell werden im großen Stil Fracking anwenden. Und damit sind diese Projekte auch eine Art Türöffner für die im Westen umstrittene Technik des Frackings. Wenn man erst einmal darauf verweisen kann, diese Technik in der Ukraine um großen Maßstab, hoffentlich ohne allzu große Schäden und zum Wohle des Volkes einzusetzen, so sollte dies den Widerstand auch in den USA und der EU zu unterlaufen helfen.

Nun wurde die Situation aber mit den Maidan-Protesten unübersichtlich. Russland hatte die Gasverträge mit westlichen Unternehmen hinnehmen müssen und damit die Möglichkeit, über die kommenden Jahre seinen wichtigsten Einfluß auf die Ukraine einzubüßen. Es waren aber der Westen und die EU, denen diese Perspektive nicht ausreichte. Die Maidanproteste schienen eine Möglichkeit, Schluß zu machen mit Schlingerkurs der Ukraine und sie sofort und ganz dem Einflussbereich der westlichen Bündnisse zuzuschlagen. Sie unterstütze die Protestbewegungen gegen die Regierung Janukowitsch, die letztlich in deren Sturz und einer neuen, pro-westlichen Regierung in Kiew mündeten. Nur unterschätze man den Widerstand gegen diese Entwicklung in großen Teilen des Landes. Die Krim viel schnell und kampflos an Russland, und im Osten und Südosten übernahmen Bürgerwehren die Kontrolle über das Land. Damit verlor die Regierung in Kiew auch die Kontrolle über das Gasfeld Jusowskoje bei Donezk, in das sich Royal Dutch Shell mit 10 Milliarden Dollar eingekauft hatte. Ja, und da stellte der Internationale Währungsfond klar, den Kreditrahmen für die Ukraine nach unten zu korrigieren, sollte die Regierung in Kiew nicht schnell wieder die Kontrolle über die Region zurückgewinnen.
Und es kam wie es kam, eine schnelle militärische Offensive scheiterte, die Ukraine steuerte direkt in einen Bürgerkrieg. Und eine russische Unterstützung der Rebellen in der Ostukraine ergibt sich geradezu zwangsläufig und nutzt den schweren strategischen Fehler von EU und USA aus. Hätte die Ukraine die Gasfelder entwickelt, so hätte Russland der Verlust an Machtmitteln auf die gesamte Ukraine gedroht. Durch den voreiligen Druck des Westens auf die Ukraine ist ein neuer Konflikt aufgerissen, der, selbst nach einer Beendigung der Gewalt, noch lange nicht begraben werden wird. Dieser neue, "eingefrorene Konflikt" wird Russlands neuer Fuß in der Tür. Russland musste nie auf eine territoriale Abspaltung der Ukraine hinarbeiten, wie von westlichen Medien immer wieder unterstellt. Mit dem vertieften Graben zwischen westlich und russisch orientierten Ukrainern wird sich der langfristige Einfluß Russlands auf die Ukraine verstärkt haben, auch ohne russisches Erdgas.

Und da steht nun Europa. Da steht eine Europäische Union, die einerseits die Regierung in Kiew mit ihrem bewaffneten Kampf gegen den russischen Einfluß in der Ukraine unterstützt. Und das mit der Rechtfertigung, die Regierung Janukowitsch hätte mit ihrem Aussetzen der Assoziation mit der EU gegen den demokratischen Willen des ukrainischen Volkes gehandelt. Und die gleichzeitig auf die Erfüllung der profitablen Verträge der Regierung Janukowitsch mit westlichen Konzernen besteht [5]. Diese Argumentation hat heute übrigens der Grünen-Abgeordnete und europapolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen, Manuel Sarrazin, in einem ausgesprochen propagandistischen Interview mit der Zeit hervorgebracht:
"Der Westen, die EU und Kiew können nie so zynisch handeln wie der Kreml. […] 
Es geht um die legitimen Interessen der ukrainischen Bevölkerung, die sich für eine Annäherung an die EU entschieden hat."
Das sagt ein Abgeordneter der Grünen, einer Partei, die in ihrem Auftritt, wie auch ihr Abgeordneter Manuel Sarrazin auf seiner Website [6], gegen den Einfluß multinationaler Konzerne Stimmung macht und ein striktes Verbot von Fracking zur Förderung von Schiefergas fordert [7].
"Der Westen, die EU und Kiew können nie so zynisch handeln wie der Kreml." - Man könnte die Grünen ja für einen komplett bigotten, heuchlerischen und verkommenen Haufen halten. Aber ich glaube, es ist noch schlimmer. Ich fürchte, die sind so dumm, die glauben wirklich an das, was sie da sagen. Daran, daß sie den demokratischen Interessen der ukrainischen Bevölkerung dienen, und nicht den Gasförderinteressen multinationaler Konzerne.
"Fracking gegen Putin!" - Ein schöner neuer Slogan für die Umwelt- und Friedenspartei Die Grünen!

Sonntag, 7. September 2014

Freunde von Freunden

Bei SpOn gab's heute einen Artikel zu russischen "Ultranationalisten", in diesem Fall einer Bande rechter Monarchisten, denen Putin "zu weich" sei und die pro-russische Separatisten in der Ukraine militärisch unterstützen. Und das soll an dieser Stelle mal nicht allein so stehen bleiben. Denn auf den ersten Blick klingt es vielleicht, zumindest in sich, vernünftig und nachvollziehbar, wenn die Opposition rechts von Putin die Rebellen in der Ostukraine unterstützt. Aber so vernünftig nachvollziehbar ist die Welt nicht. Nicht mal in sich. Machen wir eine kleine Reise durch die Kloake der menschlichen Gesellschaft.

Wappen des Bataillon Asow.
Anfangen können wir bei russischen Nazis. Etwa der Nazi-Band "Wotan- Jugend". Trotz des deutschen Namens ist diese Band russisch, und sie ist nicht nur so ein bisschen nazistisch, sie ist so gewaltafin und nationalsozialistisch, wie es nur geht. Auf ihrem Webauftritt oder ihrem Profil beim russischen sozialen Netzwerk und Facebook-Analogon VKontakte.com feiert Wotanjugend gerne mal die Waffen-SS oder erweist dem Massenmörder Anders Breivik ihre Reverenz (Vorsicht, das Stöbern auf deren Seiten erfordert eine wirklich gute Kontrolle über den Brechreflex!).
Diese russischen Nazibande hat auch Freunde in der Ukraine - allerdings nicht, wie man naiv vermuten würde, in den Reihen der pro-russischen Separatisten. Wotanjugend sind Fan und Unterstützer des ukrainischen "Bataillon Asow". Das Bataillon Asow ist eine extrem rechte ukrainische Miliz, die gegen die ostukrainischen Bürgerwehren kämpft. Wotanjugend gedenkt z.B. den Gefallenen des Bataillons Asow auf ihrer Seite, was das Bataillon Asow gerne auf ihrem VK-Profil wiedergibt. So sollen die Kämpfer des Bataillons ihren Kameraden in Erinnerung bleiben:
Screeshot vom VK-Profil des Bataillon Asow.

Das Bataillon Asow revanchiert sich auch gerne mit ein paar Bildern für Wotanjugend, auch wenn deren Hitlergruß noch arg verschämt daher kommt:
Screenshot vom VK-Profil von Wotanjugend.
Die Unterstützung russischer Nazis für das Bataillon Asow beschränkt sich nicht nur auf den Tausch von Bildern und Propaganda auf sozialen Netzwerken. Am 14. August organisierte Wotanjugend ein Benefizkonzert von Nazibands für das Bataillon Asow in Kiew. Wotanjugend hält eine Zusammenfassung des Konzerts bereit, laut eigener Angabe kamen alle Einnahmen aus dem Konzert und dem Souvenirverkauf dem Bataillon zugute. Und das Bataillon Asow bedankte ich auf seinem VK-Profil mit einer umfangreichen Bilderserie vom Konzert. Die Zusammenarbeit von russischen Nazisbands und ukrainischen Nazimilizen scheint gut zu funktionieren.
Auf dem Nazikonzert für das Bataillon Asow (VK-Profil von Wotanjugend).

Nun ist das Bataillon Asow aber nicht irgendeine verbotene terroristische Vereinigung, wie man das vielleicht denken oder zumindest doch hoffen würde. Das Bataillon ist völlig legal, untersteht offiziell dem ukrainischen Innenministerium und wird von ihm in Kampf gegen Rebellen eingesetzt. Und innerhalb der Ukraine wird aus der Zusammenarbeit des Innenministeriums mit dem Bataillon Asow kein Hehl gemacht.
Der Herr, der hier vorne links vor den Flaggen des Bataillons hermarschiert, ist der ukrainische Innenminister Arsen Awakow. Der Herr vorne rechts ist der Präsident des ukrainischen Parlaments, Olexandr Turtschynow.
Diese zwei Bilder stammen von einer Pressemitteilung des ukrainischen Innenministeriums vom 21. August anlässlich einer Feier zur Ehrung der im "Anti-Terror-Einsatz" getöteten oder verletzen Mitarbeiter des Innenministeriums. Das Bataillon Asow ist in der Mitteilung ausdrücklich mit eingeschlossen. Es sind die freundlich vermummten Herren im Hintergrund. Die Repräsentanten der ukrainischen Demokratie wie Herr Turtschynow im oberen Bild  sind die anerkannten Partner der deutschen Außenpolitik und schütteln nicht nur Mitgliedern von Nazimilizen die Hand:
Die deutsche Politik unterstützt politisch und materiell eine Regierung, die sich ihrerseits im Kampf gegen ukrainische Bürger auf eine Nazimiliz stützt. Eine Miliz, die ihre Unterstützung, propagandistisch und in Form von Spenden, auch von russischen Nationalsozialisten erhält. Ja, die Welt ist schon kompliziert. Und eklig. Aber dieses deutsche Spielen in der Jauchegrube ist nicht nur eklig. Man kann sich dabei auch eine Menge ekelhafter Sachen einfangen, die man danach nicht wieder so schnell los wird...

Montag, 1. September 2014

Die Invasion aus dem All (2)

Also die erste Abbildung aus der NATO-Präsentation lässt mir ja keine Ruhe. Vor allem wegen ihrer merkwürdigen Perspektive aus dem Norden. Daher versuche ich mich mal an einem genaueren Blick auf diese eine Abbildung, die russische Konvois in der Ukraine am 21. August zeigen soll. Das wird ein bisschen technisch, aber vielleicht interessiert es ja wen. Und ich schreibe das mal so aus der hohlen Hand. Kritik und Anregungen sind ausdrücklich erwünscht.
Zunächst einmal lässt sich die Abbildung recht schnell bei Google Earth finden. Hier ist die NATO-Aufnahme, so gedreht, daß Norden oben und Westen links ist:
Dieses Bild zeigt die Gegend am nordwestlichen Rand des Dorfes Sukhodilsk in der Ukraine, um 48o22' Nord, 39o43' Ost:
Was auffällt, ist die starke Stauchung der NATO-Aufnahme in Nord-Süd-Richtung. Dies ist eine Folge der Perspektive: Die Aufnahme wurde schräg von oben aus nördlicher Richtung gemacht. Daher scheinen Strecken in Nord-Süd-Richtung gegenüber der Ost-West-Richtung verkürzt. (Man stelle sich einfach ein Kreuz mit gleich langen Balken auf einem Blatt Papier vor. Sieht man senkrecht darauf, sehen beide Balken gleich lang aus. Dreht man das Blatt entlang einer der Balken, dann ändert sich die Länge des Balkens entlang der Drehachse nicht, die senkrecht dazu wird aber perspektivisch verkürzt. Und zwar mit dem Kosinus des Kippwinkels zur Senkrechten.) Wenn wir die perspektivische Verkürzung der Nord-Süd- relativ zur Ost-West-Richtung im NATO-Bild messen können, dann können wir daraus den Aufnahmewinkel über dem Horizont ermitteln.

Um die perspektivische Verzerrung zu ermitteln, müssen wir möglichst viele eindeutige Punkte in der NATO-Abbildung und bei Google Earth identifizieren. Dann legen wir ein Liniennetz über die Abbildung, das diese Punkte miteinander verbindet. Auf die Schnelle waren "möglichst viele" bei mir sechs. Aber das reicht schon für eine akzeptable Schätzung. Hier ist das Netz in die NATO-Aufnahme eingetragen:
Als leicht zu identifizierende Fixpunkte dienen Häuserecken, Straßenkreuzungen und markante Gewässergrenzen. Jetzt messen wir die Längen aller 15 Strecken in beliebigen Bildkoordinaten (ich habe mal die Länge der Nord-Süd-Kante des Bildes auf "1" gesetzt, aber das spielt keine Rolle). Dann messen wir die Länge aller Strecken mit den Google-Earth-Tools entlang der Erdoberfläche, sowie ihren Winkel zur Ost-West-Richtung (ich hoffe, Google Earth macht das zuverlässig…).
Ohne perspektivische Verzerrung sollten die Verhältnisse aller Längen in Bildkoordinaten und am Erdboden die gleichen sein. Kommt es durch die schräge Ansicht zu einer Verzerrung der Nord-Süd-Richtung, dann sollte das Verhältnis von Bildlänge zu Länge am Erdboden mit steigendem Winkel der Strecke bezüglich der Ost-West-Richtung abnehmen. Und das tut es auch deutlich. Hier sind die Längenverhältnisse aller 15 Strecken aus dem obigen Bild gegen ihre Winkel zur Ost-West-Richtung aufgetragen:
Man erkennt deutlich, wie das Verhältnis (hier "Bildskala" genannt) von Bildkoordinaten zur wahren Länge (hier in km) abnimmt, je steiler eine Strecke zur Ost-West-Richtung steht. Nun müssen wir nur noch nachsehen, wie sehr die Länge der Strecke im Bild in N-S-Richtung gegenüber der O-W-Richtung gestreckt werden muß, damit diese Verkürzung verschwindet. Dieser Streckfaktor ist dann Eins geteilt durch den Kosinus zum Quadrat des Blickwinkels relativ zur Zenitrichtung. Für diesen Winkel findet sich der Wert von 56.6o. So sehen zum Vergleich die Verhältnisse der mit 56.6 Grad zum Zenit "entzerrten"Streckenlängen zur den wirklichen Längen aus (rote Punkte):
Also steht der Beobachter ziemlich niedrig über über dem Horizont, nämlich nur 33.4 Grad in nördlicher Richtung. (Die Pixelskala der Abbildung bekommt man daraus noch als Nebenprodukt: 1.843 Meter pro Pixel.)

Nachdem wir den Blickwinkel kennen, können wir auch die Aufnahmezeit viel genauer bestimmen als im letzten Post hier. Denn da wir die perspektivische Verkürzung der N-S-Richtung gegenüber der O-W-Richtung kennen, müssen wir die Richtung des Schattenwurfs nicht mehr nur über den Daumen peilen, sondern können ihn gut messen. Dazu müssen wir annehmen, daß die Fläche unter dem Schatten in der Horizontalen liegt. Da alle Schattenrichtungen über das gesamte Bild ganz gut übereinstimmen, scheint mir diese Annahme vertretbar. Zur Messung der Schattenrichtung nehmen wir, wieder auf die Schnelle, den großen Masten einer Überlandleitung in der Box oben rechts. Ohne Verzerrung ist das Verhältnis der Schattenrichtung in Nord- und Westrichtung 0.233. Mit der vorher ermittelten perspektivischen Verkürzung der N-S-Richtung um cos(56.6o) ergibt sich das wahre Verhältnis zu 0.423. Damit ergibt sich ein Schattenwinkel von 22.9 Grad nördlich von West. Die Sonne stand zum Aufnahmezeitpunkt also 22.9 Grad südlich von Ost. Ein Blick in den Sonnenverlauf vom 21. August zeigt, daß die Sonne um 9:01 Ortszeit aus dieser Richtung schien, bei einem Winkel von 34.6 Grad über dem Horizont.

Damit haben wir aus dem kleinen Bild eine Menge Informationen herausgekitzelt: Es wurde aus Richtung Nord aus einer Höhe von 33.4 Grad über dem Horizont aufgenommen, und wenn das angegebene Aufnahmedatum 21. August stimmt, dann wurde die Beobachtung um 9:01 Ortszeit (UTC+3) gemacht.

Damit gilt also umso mehr, was schon im letzten Post gefolgert wurde (siehe ggf. dort): Diese von der NATO präsentierte Aufnahme stammt mit Sicherheit nicht wie behauptet von DigitalGlobe.

[Ergänzung 2.9.: Vielleicht sollte ich hier noch etwas mehr zur Erläuterung anfügen, da ich diese Frage zweimal gestellt bekommen habe.
Das Problem für dieses Bild ist nicht nur, daß die Aufnahmezeit nicht mit einem der DigitalGlobe-Satelliten in Verbindung gebracht werden kann. Dieses Problem könnte man, wenn man unbedingt wollte, durch falsche Bahnberechnungen wegzudiskutieren versuchen. Bei der dritten von der NATO präsentierten Aufnahme wäre eine solche Argumentation im Prinzip möglich, nicht aber bei der ersten, in diesem Post diskutieren Aufnahme. Denn das größere Problem ist hier die Nord-Perspektive.
Die fraglichen Satelliten bewegen sich auf Umlaufbahnen, die sehr steil zum Erdäquator stehen. Dies muß man nicht einfach nur der Datenbank glauben, es hat einen einleuchtenden Grund. Soll ein Erderkundungssatellit (nahezu) die ganze Erdoberfläche beobachten können, dann kommt nur eine solche Umlaufbahn in Frage. Denn nur bei einer Umlaufbahn, die (im Extremfall) 90 Grad zum Äquator steht, zieht der Satellit im Laufe der Zeit über jeden Punkt der Erdoberfläche hinweg. Ein solcher Satellit bewegt sich aber damit zwangsläufig mit nur geringen Abweichungen in Nord-Süd-Richtung über den Himmel. Wenn ein solcher Satellit nun eine Region nicht direkt überfliegt und dabei mehr oder weniger senkrecht auf die hinabblickt, dann verfehlt er sie immer in östlicher oder westlicher Richtung, aber nie in nördlicher. Da die diskutierte Aufnahme eindeutig aus Norden aufgenommen ist, kommen zivile Erdbeobachtungsatelliten auch bei noch so großzügiger Fehlerbetrachtung nicht als Quelle des Bildes in Frage.]

Daraus folgt natürlich nichts mit Bezug auf die Interpretation der Aufnahme. Nur macht die NATO von sich aus nur sehr, sehr spärliche Angaben zu den von ihnen präsentierten Beweisbildern für eine russische Militärintervention in der Ukraine. Und von diesen spärlichen Angaben sind zumindest manche eindeutig falsch. Da sollte man sich schon selber fragen, wieviel Vertrauen man den Verlautbarungen der NATO insgesamt entgegen bringen will.


Nachtrag 4.9.:
An manchen Tagen will man ja alles lieber machen als das, was man eigentlich tun müßte… Also habe ich heute eine kleine Animation gemacht, die die Analyse des Bildes etwas anschaulicher macht.
Im ersten Schritt zeigt die Animation, wie durch kippen des Blickwinkels nach Norden sich die Verzerrung der Linien in Nord-Süd-Richtung gegenüber der Ost-West-Richtung ändert. Die rote Raute im Bild soll dies illustrieren. Die blaue Linie könnte etwa der Strommast aus dem unten gezeigten Ausschnitt sein.
Wenn die Verzerrung richtig ermittelt ist, kann der Schattenverlauf für den Aufnahmetag aus dieser Perspektive simuliert werden. Die rote Linie gibt den beobachteten Schattenverlauf wieder. Um ca. 9:20 stimmen Länge und Richtung des simulierten Schattens mit dem beobachteten Schatten überein.


Diese Zeit ist etwas später als die zuvor angegebene, aber ich habe versucht, nicht nur Richtung, sondern auch Länge des Schattens richtig zu treffen. Die Abweichung von ca. 20 min in der Aufnahmezeit entspricht einer Winkelungenauigkeit von um die drei Grad und gibt ein Gefühl für die Unsicherheiten in der simplen Abschätzung hier. Allerdings weist die problemlose Übereinstimmung von Richtung und Länge des Schattens darauf hin, daß die Satellitenaufnahme wirklich vom 21.8. stammen kann. In Frage kämen bei der Unsicherheit hier auch einige Tage um den 21.8., herum, sowie die letzte Aprilwoche (die Sonne hat im späten Frühjahr einen analogen Verlauf zum späten Sommer). Das Jahr der Aufnahme kann aber nicht ermittelt werden.

Freitag, 29. August 2014

Die Invasion aus dem All

[Hinweis: Dieser Text wurde am 31.8.2014 um 01:12 erheblich umgeschrieben und erweitert. Die Schlussfolgerungen der Ursprungsversion haben sich nicht geändert. Der aktuelle Text beinhaltet aber eine umfangreichere Betrachtung, versucht sich an etwas stringenterer Argumentation und nimmt Anregungen von Lesern der ersten Version auf.]

"Beachtliche Eskalation in der Ukraine", "Russland lässt alle Hüllen fallen", "Bundesregierung spricht von 'militärischer Intervention' Russlands". Und das alles, weil die NATO am Donnerstag Satellitenbilder präsentiert hat, die laut NATO den Einmarsch russischer Truppen auf ukrainisches Territorium zeigen.
Nun sind Satellitenbilder als Beweis so eine Sache. Immer wieder werden sie präsentiert und immer wieder stellen sie als manipuliert oder fehlinterpretiert vor. Die Regierung in Kiew wollte mit Satellitenaufnahmen beweisen, daß Rebellen den Flug MH17 mit einem russischen Raketenwerfer abgeschossen haben. Russland wies darauf hin, daß auf diesen Bildern derselbe Baum, angeblich zur selben Tageszeit aufgenommen, Schatten in verschiedene Richtungen wirft. Satellitenbilder sollten irakische Chemiewaffentransporte zeigen, die es nie gab. Da sollte jedem Satellitenbild Misstrauen entgegen gebracht werden. Sie stammen nie aus neutralen Quellen. Und sie sind sehr schwer zu interpretieren. Man sieht ihnen kaum an, wann und wo sie aufgenommen wurden. Klare Zeit- und Ortsangaben sind daher zur Beurteilung wichtig, erlauben sie es doch zumindest im Prinzip, die Bilder auf Konsistenz zu überprüfen. Das betrifft sowohl die Aufnahme selber - stimmen Tageszeit, Wetterbedingungen, Auflösung, Beobachtungswinkel...? - als auch unabhängige Bestätigungen - gibt es Zeugen am Boden, hat ein anderer Satellit sowas auch gesehen? Nicht, daß solche Überprüfungen in der Öffentlichkeit oft stattfinden würden, aber als Vertrauensbildende Maßnahme sind solche Angaben unverzichtbar. Doch selbst mit solchen Angaben sind Bilder nur schwer zu interpretieren. Gerne sind Satellitenbilder mal vom Loch-Ness-Phänomen betroffen: Dummerweise sind die Bilder vom Monster immer ein klein wenig unschärfer, als man sich für eine eindeutige Beurteilung wünschen würde. Und auch wenn die Qualität gut genug ist, eine Lastwagenkolonne ist eine Lastwagenkolonne. Wer drin sitzt, was sie geladen hat und wo sie hin will sieht man nicht. Man ist immer auf die mitgelieferte Interpretation der Bilder angewiesen. Satellitenbilder verlangen also einen gewaltigen Vertrauensvorschuss in denjenigen, der sie präsentiert. Umso wichtiger ist es, sich die Bilder genau anzusehen und zu überlegen, wieviel Vertrauen man ihnen entgegenbringen will.

Allgemeines zur Einleitung

Sehen wir uns also die vier Bilder der NATO an. Besonders brisant sind die ersten beiden, sie sollen russische Truppen auf ukrainischem Boden zeigen. Die beiden anderen Bilder zeigen russisches Militär in Russland und sind daher nicht ganz so spannend.
Die Informationen zu den Bildern ist spärlich. Angegeben sind nur die Aufnahmetage und ungefähre Gebietsangaben. Interessant ist in diesem Fall aber, daß die ausgewiesene Quelle der Satellitenbilder ein Privatunternehmen ist - DigitalGlobe. Offenbar möchte man keine eigenen Aufnahmen von Spionagesatelliten zeigen, um nicht zu viel von den eigenen Spionagefähigkeiten zu verraten. Zudem scheint man anzunehmen, einer zivilen Quelle des Bildmaterials würde mehr Vertrauen entgegengebracht als der NATO selbst. Für eine Überprüfung der Bilder ist der Unterschied zwischen einer zivilen Quelle und Spionagesatelliten aber erheblich. Die Betreiber von Spionagesatelliten wollen gerade nicht, daß jemand weiß, wann die Satelliten wo sind. Deren Umlaufbahnen werden daher geheim gehalten. Die Umlaufbahnen ziviler Satelliten sind dagegen öffentlich, und so ist es möglich zu prüfen, ob ein bestimmter Satellit als Quelle für eine Aufnahme überhaupt in Frage kommt.

Leider gibt die NATO nicht an, welcher der Satelliten von DigitalGlobe die jeweiligen Aufnahmen gemacht hat. Die Firma betreibt z.Z. vier Satelliten: QuickBird-2 sowie WorldView-1 bis 3. Ein Leser hatte zudem darauf hingewiesen, daß DigitalGlobe auch Bilder der Satelliten Ikonos-2 und GeoEye-1 anbietet. Wir wollen also überprüfen, ob einer dieser sechs Satelliten als Quelle der NATO-Bilder in Frage kommt. Dazu benutzen wir das hier schon einmal an anderer Stelle gepriesene Projekt Heavens Above. Diese Satellitenseite hat alle sechs genannten Satelliten in ihrer Datenbank. Zudem ermöglichen deren angebotene Tools, für einen geliebigen Ort der Erde sie Zeiten zu finden, an denen ein Satellit über dem Horizont steht - und damit auch den Ort prinzipiell beobachten könnte. Allerdings habe ich selber ein ungutes Gefühl dabei, mit diesem Tool sehr weit (d.h. Monate) in die Vergangenheit zurück zu rechnen. Typischerweise pflegen solche Berechnungen, wenn nicht entsprechende Vorsichtsmaßnahmen berücksichtigt wurden, mit zunehmendem zeitlichen Abstand zur Gegenwart ungenauer zu werden und ich weiß nicht, wieweit die hier verwendeten Ergebnisse von solchen Effekten betroffen sind. Dies nur zur Vorsicht.

Für die Orte reichen die groben Angaben der NATO-Erklärung durchaus, ein paar Kilometer Ungenauigkeit auf der Erde spielen für die Frage der Beobachtbarkeit keine Rolle. Schön wäre es im Einzelfall allerdings, die Zeit der Aufnahmen noch etwas genauer einzugrenzen. Dazu wollen wir versuchen, die Schatten in den Aufnahmen zu benutzen. Ihre Länge und Richtung hängen vom Stand der Sonne ab, und damit von der Tageszeit. Den Sonnenlauf an den Aufnahmetagen und -orten können wir uns etwa von hier holen.
Erwähnt sein soll aber, daß die Interpretation der Schatten nicht ganz unkompliziert ist. Schatten sind auf eine möglicherweise kompliziert gestaltete Erdoberfläche projiziert, und von dort auf einen Film. Verzerrungen in Länge und Richtung sind daher nicht selten. Wir wollen die Schatten daher nicht überinterpretieren und bleiben großzügig in allen Annahmen. 

Die erste Aufnahme

Fangen wir also endlich mit dem ersten Bild aus der NATO-Präsentation an. Das hier:
Wie schon erwähnt ist dieses Bild eines von nur zwei Aufnahmen, die russische Truppen in der Ukraine zeigen sollen. Laut NATO-Angaben soll es am 21. August 2014 entstanden sein und die Gegend um Krasnodon zeigen, einem ukrainischen Ort einige Kilometer vor der russischen Grenze, etwa 20 km von Luhansk entfernt. [Nachtrag (1.9.): Den Aufnahmeort habe ich inzwischen bei Google Earth gefunden: 48º 22' N, 39º 43' O, beim Dorf Sukhodilsk. Ortsangabe und Orientierung der Aufnahme stimmen.] Die Schatten erlauben es, mehr über die Aufnahmezeit zu sagen: sie sind lang und zeigen nach Westen (Norden ist in der Abbildung unten). Das heißt, die Sonne stand zu dem Zeitpunkt nicht allzu hoch im Osten. Also wurde das Bild am Morgen des 21. August aufgenommen. Etwas genauer geht vielleicht noch. Die Schatten scheinen, auch wenn das in einer zweidimensionalen Abbildung nicht ganz so leicht zu beurteilen ist, etwas länger zu sein als die Objekte, die sie werfen. Die Schatten der Lastwagen etwa wirken "in die Länge gezogen". Das deutet darauf hin, daß die Sonne niedriger als 45 Grad über dem Horizont steht. Zudem scheint die Sonne nicht genau aus Osten zu scheinen, sondern eher aus Ost-Süd-Ost. Länge und Richtung der Schatten schein zudem überall auf dem Bild grob überein zu stimmen, etwa bei den Lastwagen, den Masten oder den einzeln stehenden Häusern oben links und unten rechts im Bild. Unabhängig von Verzerrungen scheint der Sonnenstand von etwas südlicher als Ost und unter 45 Grad eine ziemlich zuverlässige Einschätzung. Am 21. August stand die Sonne nun um 7:10 Ortszeit (alle Zeitangaben in diesem Text sind Ortszeit, d.h. UTC+3 für die Ukraine, UTC+4 für Russland) genau im Osten, bei einer Höhe von ca. 16 Grad über dem Horizont. Das Bild sollte also nach 7:10 entstanden sein. Eine Höhe von 45 Grad erreichte sie um 10:25 Ortszeit, dabei stand sie schon in Süd-Ost. Die Aufnahme sollte daher vor 10:25 entstanden sein.

Sehen wir also nun, ob einer der sechs Digital Globe-Satelliten am 21. August zwischen 7:10 und 10:25 als Quelle der Aufnahme in Frage kommt. Von Heavens Above nehmen wir uns die auf den Erdboden projizierte Bahn der Satelliten bei ihrer ersten Annäherung an die Region nach dem Sonnenaufgang. Hier sind sie (Die Satelliten befinden sich alle in polaren Umlaufbahnen und bewegen sich daher in etwa in Nord-Süd-Richtung entlang der schwarzen Linie mit Zeitmarken jede Minute. Zur Orientierung ist die Stadt Luhansk eingezeichnet. Alle Abbildungen von Heavens Above):




Alle sechs Satelliten fliegen also weiter östlich, von Nord nach Süd, an der Ostukraine vorbei. Die WorldView-Satelliten sind alle nach 10:25 in der Gegend und scheiden daher schon aus zeitlichen Gründen aus. Ikonos-2 fällt zwar ins Zeitfenster, ist aber für eine Beobachtung der Ostukraine deutlich zu weit entfernt. Wenn überhaupt, dann käme nur QuickBird-2 als Beobachtungsquelle in Frage. Mit 10:25 bei der größen Annäherung scheint die Zeit bereits sehr fraglich, für meinen Geschmack zu fraglich. Aber wollte man die Schatteninterpretation extrem beanspruchen, könnte man vielleicht, wer weiss? Die Entfernung muß nicht gegen eine Beobachtung sprechen. Der Fußpunkt der Bahn ist ca. 200 km von der Ostukraine entfährt, die englische Wikipedia-Seite zum Satelliten legt nahe, daß dessen Beobachtungsrichtung um bis zu 30 Grad gegen den Fußpunkt gekippt werden kann. Bei einer Flughöhe von über 450 km reicht dies, um die Region Luhansk zu beobachten. Allerdings bleibt hier noch ein weiteres Problem:
Der Satellit fliegt östlich an der Ukraine vorbei. Wenn man den Erdboden aus erhöhter, östlicher Position betrachtet, sollten die nach Osten weisenden Seiten von Fahrzeugen, Gebäuden, etc. auf den Beobachter zuweisen. Sieht man aber auf die Aufnahme, dann weisen die nach Norden gerichteten Seiten auf den Betrachter zu. Die Aufnahme muß also von einem erhöhten nördlich gelegenen Punkt aus entstanden ein, nicht von Osten her.
Und damit kann die erste Abbildung aus der NATO-Präsentation keine von DigitalGlobe stammende Aufnahme vom 21. August mit russischer Artillerie in der Gegend von Krasnodon sein.

Die zweite Aufnahme

Kommen wir zur zweiten Aufnahme:
Dieses Bild vom 23. August soll russische Artillerie in der selben Gegend wie zuvor zeigen. Die Schatten sind hier sehr kurz und sie weisen nach Nord bis Nordnordwest. Die Aufnahme muß also gegen Mittag, wohl kurz bevor die Sonne genau im Süden war, entstanden sein. Das war um 12:25. Zudem liegt der Aufnahmepunkt nahezu senkrecht über der Gegend. In diesem Fall ist die Situation klar - Sowohl WordView-1 als auch Worldview-3 haben kurz vor Mittag des 23. August die fragliche Gegend direkt überflogen. WordView-2 lag leicht nach Westen versetzt, GeoEye-2 deutlich. QuickBird-2 und Ikonos-2 verfehlten die Gegend etwas in östliche Richtung. Hier sind die beiden interessanten Bahnen:
Aufnahmen von DigitalGlobe kommen also aus Quelle für die zweite Abbildung der NATO-Präsentation zweifellos in Frage. Das bedeutet nicht, daß diese Abbildung wirklich von einem WorldView-Satelliten stammt und daß sie wirklich russische Artillerie zeigt. Die Perspektive der Aufnahme passt allerdings gut zu einem WorldView-Satelliten.

Die dritte Aufnahme

Nun zum Dritten. Diese Aufnahme soll eine Ansammlung russischer Truppen in der Nähe von Rostow am Don demonstrieren:

Der linke Teil der Abbildung soll am 19. Juni entstanden sein, der rechte am 20. August. Leider ist die Qualität dieser Aufnahmen auch im Original sehr schlecht. Auf der linken Seite erkennt man auch bei genauem Hinsehen nur Flecken. Außerdem scheue ich, wie schon gesagt, davor zurück, Heavens Above zum Zurückrechnen über mehrere Monate zu verwenden. Den linken Teil will ich daher gar nicht kommentieren. Die Tageszeit, zu der die rechte Aufnahme vom 20. August entstand, läßt sich aufgrund der geringen Qualität nur schlecht einschätzen. Mir scheint, es weisen Schatten nach Westen, was wieder für eine Aufnahmezeit am Morgen bis frühen Vormittag spräche, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Dieser Punkt ist aber auch nicht so wichtig. Denn offenbar ist die Aufnahme wieder bei einem direkten Überflug entstanden, der Betrachter scheint unmittelbar über der Szene zu sitzen. Und damit sind potentielle Beobachter bereits ohne genaue Zeitangabe stark eingeschränkt. Der einzige der sechs Satelliten, der am 20. August die Region Rostow am Don unmittelbar überflog, war QuickBird-2. Das war allerdings um 22:53 und damit bereits deutlich nach Sonnenuntergang. Hier ist die Bahn:

Die größte Annäherung an diese Region während des Tages machte WorldView-2 am Mittag. Dabei verfehlte er die Gegend aber deutlich westlich. In Rostow erreichte er eine maximale Höhe von 62 Grad über dem Horizont und blieb damit deutlich unter dem Zenit.

Damit ist sehr zweifelhaft, daß die rechte Seite in der dritten Abbildung der NATO-Präsentation tatsächlich eine DigitalGlobe-Beobachtung einer Militärbasis bei Rostow am Don vom 20. August darstellt.

Die vierte Abbildung

Zur guter Letzt die vierte Abbildung der NATO-Präsentation (Abb. 5 der Präsentation ist eine Übersichtsaufnahme zu dieser Abbildung). Die Aufnahme soll russische Truppen nahe der ukrainischen Grenze bei Kuybyshevo am 23. Juli 2014 zeigen. 

Diese Aufnahme ist offenbar nicht genau aus dem Zenit aufgenommen, der Satellit muß zur Zeit der Beobachtung aber ziemlich hoch am Himmel gestanden haben. Man hat den Eindruck, die Beobachtung wurde sehr hoch aus leicht westlicher Richtung gemacht. Die Schattenrichtung lässt sich trotz der guten Perspektive leider der schlechten Qualität wegen nicht sehr genau eingrenzen. Die Sonne muß zwischen Ost und Süd gestanden haben. Eine genauere Einschätzung fällt mir schwer, es gibt nur wenige isolierte, deutlich Schatten werfenden Objekte und manche werfen den Schatten eher nach West, andere nach Nordwest. Die Schatten sind nicht mehr besonders lang. Insgesamt würde ich mich also nicht genauer als auf "Vormittag" festlegen wollen. Am 23. Juli stand die Sonne um 8:48 genau im Osten, um 11:50 genau in Südost, um 13:31 genau im Süden. Von den sechs Satelliten sind während des Tageslichts des 23. Juli WorldView-1, QuickBird-2 und GeoEye-1 sehr hoch über die fragliche Region geflogen. Von diesen war QuickBird-2 leicht östlich versetzt. Hier sind die Pfade:

Die Überflüge lagen zwischen 11:40 und 12:46 und passen somit grob zur Schattenrichtung. Allerdings sind die Berechnungen der Bahn bis in den Juli zurück auch wieder mit Vorsicht zu genießen.
Im Juli stand die Sonne zu dieser Zeit bereits zwischen 54 und 61 Grad hoch. Das ist mindestens so hoch wie in der einen Monat später aufgenommenen Abbildung 2 zur Mittagszeit. Allerdings scheinen dort die Schatten weniger ausgeprägt als in Abbildung 4. Auf den ersten Blick scheinen DigitalGlobe-Satelliten  für Abbildung 4 als Quelle möglich. Hätte man Bilder besserer Qualität, würde es sich aber vielleicht doch mal lohnen, die Schatten genauer zu betrachten. Nach dem Augenschein beurteilt wie hier kommen aber WorldView-Satelliten sowie GeoEye-1 und QuickBird-2 als Quelle dieser Beobachtung in Frage.

Fazit

Von den vier Satellitenbildern der NATO-Präsentation können zwei Satelliten der als Quelle angegebenen Firma DigitalGlobe zugeordnet werden. Das sind die Abbildungen 2 (Russische Geschütze in der Ukraine) und 4 (Von Russland aus auf die Ukraine gerichtete Geschütze).
Die beiden anderen Abbildungen, 1 (Russische Panzer in der Ukraine) und 3 (Truppenaufmarsch bei Rostow am Don), lassen sich nicht mit Satelliten von DigitalGlobe in Verbindung bringen.

PS: Ein Update zur 1. Aufnahme gibt es hier.

Sonntag, 24. August 2014

Der Wahn vom Gender-Wahn

Im März diesen Jahres bekam Baden-Württemberg ein neues rot-grünes Hochschulgesetz. Eine kleine Folge dieses Gesetzes ist die Umbenennung der baden-württembergisches Studentenwerke in das geschlechtsneutrale "Studierendenwerke". Als Freund geschlechtergerechter Sprache mag man diese Umbenennung willkommen heißen. Ist einem die geschlechtergerechte Sprache egal, mag man diese Änderung als Lappalie erscheinen. Man muß schon ein echter psychologisches oder ideologisches Problem mit der Gegenwart haben, um die Umbenennung von "Studentenwerk" in "Studierendenwerk" ganz im Ernst als Aufreger zu empfinden. Aber natürlich gibt es genug Menschen mit solchen Problemen, vor allem im Dunstkreis der CDU. Damit diese allerdings auch ihre mit echten Problemen genug ausgelasteten Zeitgenossen mitreißen können, bemühen sie den universellen Aufreger schlechthin: Die Geldverschwendung.

Am Donnerstag vermeldeten die Stuttgarter Nachrichten Zahlen zu den Kosten der Namensänderung: 40 000 € für das Studenten- bzw. Studierendenwerk Mannheim, 60 000 € für Stuttgart, 100 000 € für Karlsruhe. Da fehlte natürlich ein Kommentar der CDU nicht: "'Das Geld wäre sinnvoller für die Studenten eingesetzt“, findet der CDU-Abgeordnete Thaddäus Kunzmann."
Woher diese Zahlen kommen bleibt zwar offen (Der Ring Christlich-Demokratischer Studenten in Baden-Württemberg verbreitete sie allerdings schon 2011), Spiegel Online sprang aber am nächsten Tag auf den Zug auf - mit dem hübsch gereimten Titel
"Gender, Gender, Geldverschwender"
 und der immer ziehenden Behauptung "Das Netz schäumt". Gestern dann kamen noch mal die Stuttgarter Nachrichten mit der Überschrift:
"Umbenennung kostet soviel wie 13 Wohnheimplätze"
und nach mehr geschätzten Zahlen zum "Genderwahn": geschätzte 640 000 € sollte die Umbenennung aller acht Studentenwerke in Baden-Württemberg kosten.

Gut, nehmen wir diese Zahl mal so hin. Und halten dem das Finanzvolumen der Studentenwerke in BW entgegen.
Im Jahr 2013 hatten diese Einnahmen in Höhe von 242 539 000 €. Der Löwenanteil davon, 70%, entstammt übrigens aus Betriebserlösen, sprich Geschäft, nicht Steuergeldern. Schaut man auch noch in die Geschäftsberichte der einzelnen Studentenwerke auf deren Seiten, dann scheint deren Finanzierung zudem auf recht solidem Grund zu stehen. Die Abschlüsse sind typischerweise über Jahre leicht im Plus.
Die Umbenennung von "Studentenwerk" in "Studierendenwerk" verlangt also solide finanzierten Einrichtungen eine Einmalaufwendung in Höhe von 2,6 Promille ihres Jahresbudgets ab. Wahrlich eine dramatische Geldverschwendung!

Wären die Nörgler nicht von der CDU und damit echten Problemen gegenüber eher gleichgültig, sie könnten ja auch noch mal ausrechnen, wieviele hungernde Afrikaner man mit dem verschwendeten Geld satt kriegen könnte...

Samstag, 23. August 2014

"Politiker" - "Wir"


Nur mal eben so - weil ich es an einer Kioskwand gesehen habe und es so ein schönes völkerverbindendes Element in sich trägt… ;)

Freitag, 15. August 2014

Verletzte Gefühle

Im Cicero findet Petra Sorge den Vorwurf, deutsche Journalisten beteiligten sich an einem Propagandafeldzug, absurd und auch "ein bisschen verletzend". Damit ist sie nicht allein, immer mal wieder erklären Journalisten, daß sie es sich den wiederkehrenden Propagandavorwurf nicht so recht erklären können. (Außer durch den Einsatz russischer Provokateure und die in der Birne nicht so ganz hellen Medienkonsumenten, vielleicht.) Nun könnte man in einen sehr, sehr langen Strom von fragwürdigen Artikeln und Berichten zu aktuellen Konflikten eintauchen, um den Propagandavorwurf zu untermalen. Ich möchte hier aber nur an ein drei kleine Einzelfälle erinnern, die mir selbst als eindrucksvolle Höhepunkte journalistischen Versagens in Erinnerung geblieben sind.

Fangen wir mit einem kurzen Satz des Chefredakteurs der Tagesschau, Kai Gniffke an. Der schrieb am 16. Mai im Tagesschau-Blog:
"Übrigens war die Regierung Janukowitsch unstreitig demokratisch legitimiert."
Dagegen halten wir mal einige Zitate der Off-Sprecherin und der Reporterin Sabine Rau aus der 20-Uhr-Tagesschau vom 1. Februar. Aus der Berichterstattung zur Münchner Sicherheitskonferenz heißt es da:
"Der Oppositionsführer [Klitschko] war in der Nacht aus der Ukraine angereist und er ließ keinen Zweifel, was der von Europa erwartet: Klare Positionierung und Sanktionen gegen das Regime." 
"Am Rande der Konferenz hatte der Ex-Boxweltmeister zahlreiche Gespräche, unter anderem auch mit dem deutschen Außenminister. Dessen Appell an die Adresse des Regimes: […]" 
"Russland zeigt sich bislang entschieden an der Seite des Regimes." 
"Danach werde man sehen, ob Moskau womöglich zu weiteren Maßnahmen greift, um das Regime in Kiew zu stabilisieren."
In einer einzigen Tagesschau-Sendung wurde die "unstreitig demokratisch legitimierte" Regierung in Kiew gleich vier mal ausdrücklich als "Regime" bezeichnet. Hat die Tagesschau das Wort "Regime" hier in irgend einem abstrakten, staatsrechtlichen Sinne verwendet, der mir als Zuschauer nicht so geläufig ist?  Oder hat sie versehentlich einfach nur ein bisschen zu eng mit Steinmeier und Klitschko gekuschelt? Denn ich schließe mich da der Bemerkung aus der Wikipedia an:
"Im allgemeinen Sprachgebrauch findet ‚Regime‘ mit abwertender Konnotation vor allem für nicht demokratisch legitimierte und kontrollierte Herrschaftsformen, etwa Diktaturen oder Putschregierungen, Verwendung."
Bleiben wir noch ein bisschen bei der Tagesschau. In der Sendung vom 3. Mai wird (nach einem immerhin16-minütigen (!) Bericht über die Freilassung von "OSZE-Beobachtern" in der Ostukraine) auch vom Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa mit vielen Toten berichtet. Dort heißt es:
"Bei schweren Ausschreitungen geriet das Gebäude der Gewerkschaften in Brand, mehr als 40 Menschen kamen dabei ums Leben."
Und etwas später:
"Brandursache waren offenbar Molotowcocktails."
Nun war die Brandursache wirklich sehr offenbar Molotowcocktails: Als die Tagesschau ausgestrahlt wurde, gab es bereits Videos von der Brandstiftung im Netz und Fotos über die Agenturen. Ja, die "Euromaidanbewegung" hatte da gar über ihre "unabhängige Informationsquelle" (Eigenbeschreibung) "EuromaidanPR" schon in einem Video auf YouTube Brandopfer vorgezeigt unter dem Titel "Russian Terrorists were burned alive" [1].
Das Gebäude "geriet" also ganz offenbar nicht "in Brand", es wurde angezündet. Und die Menschen "kamen" auch nicht "ums Leben", sondern sie wurden, da die Brandleger offenbar wussten, daß sich Personen im Gebäude aufhalten, ermordet.

Gehen wir jetzt noch mal schnell zum Spiegel 31/2014, der mit dem "Stoppt Putin jetzt!"-Titel. Dort werden die Opfer des Absturzes von Flug MH17 gegen Putin instrumentalisiert. Es heißt dort:
"298 Unschuldige sind hier ermordet worden"
und
"Selbst nach dem Mord an 298 Menschen kam von Putin kein Wort der Distanzierung, der Entschuldigung."
Im selben Text heißt es aber auch:
"Der Abschuss von MH17 mag ein tragisches Versehen gewesen sein. Wer die Rakete abfeuerte, wollte vermutlich kein Verkehrsflugzeug treffen."
[2]
Menschen, bei denen davon auszugehen ist, daß sie bei einem tragischen Versehen ums Leben gekommen sind, wurden laut Spiegel also "ermordet". Menschen, bei denen davon auszugehen ist, daß sie ermordet wurden, sind laut Tagesschau "ums Leben gekommen". Und eine "unstreitig demokratisch legitimierte" Regierung ist in der Tagesschau auch mal ein "Regime".

Und damit noch mal zurück zur leicht verletzten Petra Sorge. Diese manipulierte Sprache, diese selbstwidersprüchlichen Aussagen, immer und immer wieder zu Gunsten der "atlantischen" Sichtweise - das ist keine Propaganda? Das sind alles nur einzelne, kleine Versehen, wie sie halt immer mal vorkommen? Gut, nehmen wir an, wir haben es hier tatsächlich nicht mit Propaganda zu tun. Wenn solche Fehler unterlaufen, dann ist allerdings die Mehrheit der Journalisten so komplett unprofessionell und inkompetent und ahnungslos in dem, was sie sagen, daß sie von politischer Berichterstattung lieber die Finger lassen sollte. Und satt dessen besser Discounterprospekte austragen.

Ich hoffe, dieser Vorwurf wirkt weniger verletzend als der mit der Propaganda.


[1] Ich verlinke das Video mal, wenn auch ungern. Ich möchte nachdrücklich darauf hinweisen, daß es nicht für sensible Menschen geeignet ist. Stattdessen empfehle ich lieber diese interessante Zusammenfassung.

[2] Kollege Nömix hatte schon vor einiger Zeit auf diesen merkwürdigen Umstand hingewiesen.