Samstag, 30. April 2016

Das war der April

Die Top 10 Terroranschläge des Monats!

Platz 1:
19. April, Kabul (Afghanistan): 64 Tote!

Platz 2:
4. April, Nasiriyah (Irak): 14 Tote!

Platz 3 (geteilt):
22. April, Baghdad (Irak): 7 Tote!
25. April, Sayyidah (Syrien): 7 Tote!

Platz 5 (geteilt):
11. April, Hit (Irak): 6 Tote!
21. April, Ramadi (Irak): 6 Tote!

Platz 7 (geteilt):
4. April, Basra (Irak): 5 Tote!
11. April, Mogadishu (Somalia): 5 Tote!
11. April, Ruyigi (Burundi): 5 Tote!

Platz 10:
12. April, Aden (Jemen): 4 Tote!

EU + USA mal wieder abgeschlagen (0 Tote).

Samstag, 16. April 2016

MUЯ OƧ HƆUA THƆIИ MUЯAW

Daß eine Vierjährige ihren Namen schreiben kann: ok. Aber wenn die bei einem Besuch eine Magnettafel mit kyrillischen Buchstaben findet und das "И" und "Г" benutzt, um ihren Namen spiegelverkehrt zu schreiben - ist das ein Zeichen leichter Verwirrbarkeit oder besonderer Begabung?

Dienstag, 12. April 2016

Der die Ziege fickt

Ein recht zuverlässiger Indikator dafür, daß gerade etwas wirklich Großes entstanden ist, ist das Unverständnis des Establishments. Wenn die Jury des ehrenwerten Pariser Salons zu dem Urteil kommt, die Werke dieser Herrn Manet, Whistler oder Cézanne entsprächen nicht den Ansprüchen, die an die Kunst zu stellen seien, dann merkt man, hier ist etwas Neues und Wichtiges geboren worden. Wenn die Pariser Universität und der Heilige Stuhl zu der Einschätzung gelangen, Descartes Art der Philosophie sei eine Zumutung und gehöre verboten, dann weiß man, das menschliche Denken hat nun eine neue und aufregende Richtung eingeschlagen.
Und da sollte man zwei Dinge nicht falsch verstehen. Das Neue wird nicht dadurch besonders, daß es auf einer rein technischen Ebene so viel weiter entwickelt wäre als das Bestehende. Und nur weil es neu und anders ist, muß man es noch nicht persönlich mögen. Man sollte sich allerdings damit beschäftigen.

Und nun schalten wir einen Gang zurück und reden über Jan Böhmermann und seine "Schmähkritik".  Allein das aus unzähligen Kritiken und Kommentaren sprechende allgemeine Unverständnis läßt einen erahnen, daß hier ein wirklich großes, ein überragendes Werk gelungen ist.
Was hat er getan? Er hat gesagt, daß eine nicht sachbezogene, grob beleidigende Kritik in Deutschland nicht als Satire geschützt, sondern als "Schmähkritik" im Prinzip strafbar sei. Und er hat ein Beispiel zur Verdeutlichung gegeben. Hätte er gesagt, "Es ist verboten 'Erdoğan ist ein Arschloch' zu sagen.", nichts wäre daran bemerkenswert gewesen. Allein, er hat das "Arschloch" etwas ausführlicher in Form eines kleinen Gedicht ausgearbeitet. Und nur dadurch wird der Fall besonders! Denn hat er das Beispiel dafür, was man nicht darf, nicht doch ein klein wenig zu detailliert ausgeführt, um noch ein Beispiel zu sein? Er hat etwas grundsätzlich unverfängliches gesagt und dabei doch Worte gewählt, die zweifeln lassen, ob das Gesagte nicht doch etwas anderes, etwas dem Mächtigen gegenüber Unerhörtes meint. Und dies ist Satire in ihrer reinsten, direktesten und gelungensten Form. Und all die irrsinnigen Kommentare steigern die Brillanz dieses so simplen und so treffenden Werks noch. Wir müssen nun die Meinungsfreiheit verteidigen? Was hat das denn mit der Meinungsfreiheit zu tun! Böhmermanns Meinung war doch nicht, Erdoğan sei ein Ziegenficker, seine Meinung war es, seine Ziegenfickerausführungen seien nach deutscher Rechtslage strafbar. Und mit dieser Meinung hat doch niemand das geringste Problem! Nein, Böhmermann hat keine Diskussion um Meinungsfreiheit angeregt! Die eigentliche Diskussion geht darum, ob man jemanden für Worte bestrafen kann, weil man glaubt, daß diese etwas anderes meinen als sie sagen. Eine hübsche, spannende und groteske Diskussion, fundamental und genial. Und alle fallend sie darauf herein. Herr Erdoğan natürlich sowieso, aber auch Frau Merkel, die sich mit ihrer "bewußt verletzend"-Einschätzung genau in die Interpretationsfalle des Was meint der dünne blasse Junge wirklich wirft, die ihr ausgelegt wurde. Oder die ach so progressiven Oppositionspolitiker, die jetzt über Paragraphen diskutieren oder eben "Meinungsfreiheit" verteidigen wollen. Oder  all jene, die meinen, Herr Böhmermann hätte sich schlicht im Ton vergriffen, vergaloppiert oder wolle nur schnelle Aufmerksamkeit abgreifen. Oder der Kommentator bei SpOn, der meint, Böhmermanns Ziegenficker-Äußerungen würden den wahrgenommenen Höhepunkt seiner Karriere markieren. Denn jemand, der alleine mit einem einzigen etwas zu plastisch ausgeschmückten Beispiel alle, vom Feuilleton bis zur Regierung, vor sich her und orientierungslos durcheinander treiben kann, dessen Karriere ist noch lange nicht auf dem Höhepunkt. Dessen Karriere geht gerade erst richtig los.

Donnerstag, 31. März 2016

Das war der März

Hm, nicht viel geschrieben hier im März… Aber was alles liegen geblieben ist hier in aller Kürze als Monatsrückblick des Jahres! Das war der März:

1. März, Die Zeit

Wieviel Realität darf man zeigen bevor man Propaganda macht? Besser als sie selbst hätte niemand das journalistische Selbstverständnis der Zeit zusammenfassen können!

3. März, SpOn

"Mann schießt sich beim letzten Selfie in den Kopf"? Das ist höchstens ein Trostpreis beim Darwin-Award, aber doch keine Meldung! "Mann schießt sich bei vorletztem Selfie in den Kopf" - das wäre eine Meldung gewesen!

8. März, Die Zeit

Wie man mit nur einem überzähligen Wort seine Entkopplung von der Realität dokumentieren kann! "Künftig"? Da steht der laut Wikipedia "jungen Journalistin" Nadja Kirsten noch ein schmerzhafter Kontakt mit Wirklichkeit bevor: "Karriere machen" ist quasi synonym mit "Das machen, was sowieso alle machen, nur ein bisschen schneller und perfekter"!

14. März, ze.tt

Da habe ich auch einen guten Tipp, wie man besser in den Tag starten kann, wenn man sich nicht aus dem Bett quälen muß: Einfach länger liegenbleiben!

14. März, FAZ

Etwas weniger fazig ausgedrückt heißt das schlicht: "Diese Politik ist inhuman aber richtig". Das finden zumindest FAZ-Redakteure, aber die sind ja auch nicht Gegenstand der inhumanen Politik. Aus einem rätselhaften, noch völlig unerforschten Grund finden von der Inhumanität der Politik Betroffene diese meist deutlich weniger richtig. Aber egal - endlich sagt's mal einer!

15. März, Die Welt
18. März, Die Zeit

Fast geschlagen in fast aussichtsloser Defensive und dann drei Tage später vor der globalen Expansion? O Fortuna / velut luna / statu variabilis…!

29. März, Süddeutsche

Die ukrainische Finanzministerin Natalie Jaresko? Eine Amerikanerin, die über zwei Jahrzehnte für das US-Außenministerium und amerikanische Finanzinvestoren arbeitete, 2014 auf dem kurzen Weg die ukrainische Staatsbürgerschaft bekam und noch am gleichen Tag zur Finanzministerin berufen wurde. So eine unabhängige Regierungschefin würden sicher ganz viele Ukrainer schätzen! Und nächsten Monat: Gina Wild wird die neue Stadtjungfrau von Kiew!

30. März, Die Welt

Jesus hat es mit Brot und Fischen vorgemacht, die Luftschiffbauer machen es nach: Aus einem Luftschiff-Projekt mache 1000 erfolglose!

30. März, Die Zeit

Ja, das ist in der Tat große Satire! Aber man stellt sich doch wieder einmal die ewige Frage, darf Satire eigentlich alles? Auch so geschmacklos und zynisch sein? Liest man dann aber den Zeit-Artikel durch, dann erfährt man, die Satire kommt vom NDR und Steinmeier meinte das mit den europäischen Werten und der Türkei ernst! Darf Heulerei und Zynismus eigentlich alles?


Und zum Abschluss noch die Top-10-Terroranschläge des Monats!

Platz 1:
27. März, Lahore (Pakistan): 72 Tote!

Platz 2:
6. März, Hilla (Irak): 60 Tote!

Platz 3:
25. März, Al Asrya (Irak): 41 Tote!

Platz 4:
13. März, Ankara (Türkei): 37 Tote!

Platz 5:
22. März, Brüssel (Belgien): 32 Tote!

Platz 6:
16. März, Maiduguri (Nigeria): 22 Tote!

Platz 7:
13. März, Gran-Bassam (Elfenbeinküste): 21 Tote!

Platz 8:
4. März, Aden (Jemen): 16 Tote!

Platz 9:
10. März, Charsadda (Pakistan): 10 Tote!

Platz 10:
19. März 2016, Istanbul (Türkei): 5 Tote!

Auch im März konnte Westeuropa einmal mehr nicht in die Spitzengruppe der Terroropfer vordringen...

Dienstag, 29. März 2016

DWüdW Deutsch

Ich habe die Ostertage ja auch genutzt, um den Entwurf des Grundsatzprogramms der AfD zu lesen. Und das war kein Spaß, hat es mich doch in eine tiefe Identitätskrise gestürzt!
Die AfD will eine deutsche Leitkultur, und das finde ich prima! Ich brauche auch eine Leitkultur, denn ohne kulturelle Anleitung werde ich womöglich noch aus Versehen schwul und mache eine Falafel-Bude auf. Und das kann ja niemand wollen. Und was diese Leitkultur ist, das schreibt die AfD praktischer Weise auch gleich auf:
"Die Alternative für Deutschland bekennt sich zur deutschen Leitkultur, die sich im Wesentlichen aus drei Quellen speist: erstens der religiösen Überlieferung des Christentums, zweitens der wissenschaftlich‐humanistischen Tradition, deren antike Wurzeln in Renaissance und Aufklärung erneuert wurden, und drittens dem römischen Recht, auf dem unser Rechtsstaat fußt."
Christentum, Renaissance-Humanismus und römisches Recht? Das Christentum ist eine Erfindung durchgeknallter Juden im Nahen Osten! Der Renaissance-Humanismus kommt aus Italien und seine antiken Wurzeln liegen in Griechenland! Die Aufklärung kommt aus Frankreich und Rom liegt, wenn ich mich aus der Schule noch richtig erinnere, auch irgendwo in der Nähe von Italien! Alle wesentlichen Quellen unserer deutschen Leitkultur sind also Importe aus irgendwelchen verfickten Ölivenölländern?! Das darf doch nicht wahr sein! Was ist denn da noch richtig deutsch?

Die Kartoffel! Ach ne, die haben spanische Eroberer aus Südamerika mitgebracht. Autobahnen! Nee, die erste Autobahn der Welt wurde 1924 in Italien eröffnet, gebaut von einem Ingenieur mit dem urdeutschen Namen Piero Puricelli. Und selbst der verschissene Faschismus ist eine italienische Erfindung, die erst noch von einem Österreicher aufgekocht werden musste, bevor der Deutsche sie gefressen hat!
Da bleibt nur eines, deutsch sein, das heißt: Zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl, flink wie ein Windhund! Wobei - die ältesten bekannten Lederprodukte kommen aus - man traut es sich kaum zu sagen - Armenien! Die Krupps waren eine niederländische Migrantenfamilie, die das Verfahren zur Stahlherstellung von englischen Ingenieuren abgekupfert hat. Und Windhunde hatten schon die alten Ägypter... Verdammt, ich kann so nicht völkisch denken!

Aber jetzt hab ich's: Niederländische Migranten, die mit geklauten ausländischen Ideen ein Vermögen machen, während sie, von römischen Recht geschützt und wenn sie nicht gerade einen nahöstlichen Religionsstifter an einem römischen Kreuz anbeten, italienischem Humanismus huldigen - das ist urdeutsch! Au ja, lasst uns das vor fremdländischen Einflüssen schützen!

Montag, 21. März 2016

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Die Kreiszahl π hat, als Dezimalzahl aufgeschrieben, unendlich viele Ziffern. Äh, gut, das ist erst mal nix besonderes, das hat die Zahl 1/3 auch. Nur gibt es bei π halt keine Systematik in der Abfolge der Ziffern (also zumindest nach dem gegenwärtigem Stand der Kunst…). Trotzdem sorgt man sich bei der Welt um die Genauigkeit, wenn amerikanische Raketenwissenschaftler mit der Zahl π rechnen müssen:
"Für die amerikanische Weltraumagentur Nasa ist die Kreiszahl π (Pi) für die Steuerung von Raumsonden und anderen Flugkörpern im All von großer Bedeutung. Bei der Navigation geht es dabei vor allem um Genauigkeit, ein Umstand der durch die Komplexität der Konstante π erschwert wird. Denn die Kreiszahl besitzt unendlich viele Stellen hinter dem Komma"
Ob die Kreiszahl π auch für andere Weltraumagenturen als die NASA für die Steuerung von Flugkörpern im All von großer Bedeutung ist und wie die NASA die Zahl 1/3 denn rechentechnisch so bewältigt, darüber erfährt der Leser leider nichts. Aber immerhin beantwortet die Welt eine ganz ganz spannende Frage:
Na, schon aufgeregt?
Jetzt knistert's aber schon wirklich, was? Wollt ihr's wissen? Wollt auch ihr erstaunt werden? Wollt ihr wirklich wirklich wissen, mit wie vielen brandheißen π-Nachkommastellen die Badass Motherfucker von der NASA so rechnen?? Ja?!?


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Oder anders ausgedrückt: die Höllenhunde von der NASA benutzen doch tatsächlich double precision foating point - Arithmetik.

Baoh, das war ja mal was. Hammer. Jetzt brachen wir bestimmt alle eine ganze Weile, bis wir nach der Aufregung wieder runter gekommen sind und den vor Staunen offenen Mund wieder geschlossen haben!

Mittwoch, 16. März 2016

Wenn Brödchen brabbelt

Es ist nicht zum aushalten! Was hat man uns nicht schon alles erzählt, warum so viele Flüchtende, insbesondere aus Syrien, nach Europa gelangen wollen! Josef Joffe hat in der Zeit unter dem Titel "Putins Krieg" festgestellt, daß die russischen Bomben auf Syrien schuld sind (und Putin damit natürlich Deutschland in den Abgrund stürzen will):
"Den jüngsten Flüchtlingsschub verdankt Merkel-Land dem eskalierenden Bombardement syrischer Städte [durch Russland], das doppelten Gewinn abwirft: Es stützt Assads Killerdiktatur und treibt Hunderttausende Richtung Deutschland, wo Merkel unter wachsenden Beschuss gerät."
Und nein, das ist nicht nur ein Joffe-Problem; selbst bei der taz bläst man aktuell in dieses Horn:
"Dabei treibt der russische Potentat mit seinen Bombardements in Syrien immer mehr Menschen in die Flucht und damit in unsere Arme."
Aber es sind noch mehr Theorien im Angebot! Bei der Welt spekulierte man diese Woche herum, es sei eine Kombination aus "chronischen Defiziten an Demokratie, Emanzipation und Bildung" und dem Klimawandel, die Menschen auf die Flucht nach Europa treibe.
Den ersten Preis für eklige Theorien geht aber wieder mal an Henryk Broder bei der Welt (es kann ja nicht immer Fleischhauer gewinnen…).  Unter dem Titel "Was Blümchen [gemeint ist Norbert Blüm] in Idomeni zu sehen bekam" analysiert er die Lage von Geflohenen in Idomeni und bringt eine neue Erklärung dafür ins Spiel, weshalb sich Menschen die Torturen der Flucht nach Europa antun: Die sind einfach geil auf Qualen! Bzw:
"Anders als im hedonistischen Europa, wo Jugendliche, denen der Einlass in eine Disko verweigert wurde, wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt werden müssen, gilt in der arabisch-islamischen Kultur das Leiden als ein Wert an sich."
Bei so vielen Theorien über die Ursachen der Massenflucht aus Syrien nach Europa will ich jetzt auch mal mit einer These aufwarten: Wir sind schuld daran. Nicht prinzipiell, wegen Unterstützung einer Bürgerkriegspartei oder sowas, sondern ganz unmittelbar und direkt. Aber gehen wir es der Reihe nach an.

Ist Putin Schuld? Ja klar, immer. Aber gucken wir erst mal auf die Zahlen. Zuerst auf die Zahl der Syrer, die nach Europa fliehen. Dazu gibt es jede Menge Daten vom Statistischen Amt der Europäischen Union, Eurostat. Unter Europa wollen wir hier mal die 28 EU-Länder plus der Schweiz, Norwegen und Island verstehen (diese Definition ist aber nur pro forma, tatsächlich bedeutet Europa in diesem Zusammenhang: Deutschland, Schweden, Ungarn und Sonstige). Und für die Zahl der nach Europa Geflohenen nehmen wir die Anzahl von Asylerstanträgen von Menschen mit syrischer Staatsbürgerschaft pro Kalendermonat. Das sieht dann so aus:
Offensichtlich wächst die Zahl der nach Europa fliehenden Menschen Jahr zu Jahr an. Außerdem sieht man eine Schwankung mit der Jahreszeit, im Sommer und Herbst sind es mehr Menschen als im Winter und Frühjahr. Und wann begannen die russischen und amerikanischen Luftangriffe auf Syrien? Der rote Pfeil markiert den Beginn der russischen, der blaue den der amerikanischen Angriffe:
Da werden sich die Freunde stabilisierenden Eingreifens mit robusten Mandaten aller Orten aber ein Loch in den Ast freuen! Mit dem Beginn von Bombardierungen nimmt die Zahl der nach Europa Fliehenden ab! Vielleicht liegt's aber doch nur am Wetter, und die Bombardierungen haben keinen unmittelbaren Einfluß auf die Anzahl der nach Europa Fliehenden. Nicht mal die russischen. Und Joffe hat einmal mehr schlicht Unrecht. Den "jüngsten Flüchtlingsschub" verdankt "Merkel-Land" nicht dem russischen Bombardement; der jüngste Schub erreichte seinen Höhepunkt bereits vor dem Abwurf der ersten russischen Bombe auf Syrien.

Gucken wir nun noch einmal das größere Bild an und betrachten nicht nur syrische Flüchtlinge nach Europa, sondern alle Syrer, die Syrien verlassen haben. Umfangreiche Daten dazu findet man bei der Syria Regional Refugee Response der UNHCR. Und wer schon von den Flüchtlingszahlen im letzten Diagramm beunruhigt war, der sollte an dieser Stelle besser aus dem Text aussteigen. Hier sind die Zahlen aller außerhalb Syriens registrierter Flüchtlinge, in kumulativer Darstellung. Die Die Zahlen für Europa (die selben wie um obigen Diagramm, nur nicht pro Monat, sondern kumulativ) sind zum Vergleich eingetragen:
Nur ein Bruchteil der Menschen, die Syrien in den letzten vier Jahren verlassen haben, hat es bisher bis nach Europa geschafft. Hinter den ca. 600 000 Syrern in Europa stehen noch mehr als 4 Millionen weitere Syrer, in Jordanien, dem Libanon, dem Irak, der Türkei, in Ägypten und Sonstigen. Was machen die da so? Wären es christliche Leistungsträger, dann würden die wohl Start-ups für Handy-Klingeltöne gründen oder innovative neue Finanzprodukte erfinden und gemäß ihrem Beitrag zur menschlichen Zivilisation stinkreich werden. Tun sie aber nicht. Muß an deren Kultur liegen. Tatsächlich sind die mit der Aufgabe, nicht zu verhungern, bereits ziemlich ausgelastet.

Nach dem Strategical Overview 2016-2017 der UNHCR sind aktuell 2,702 Millionen geflohene Syrer auf Nahrungsmittelbeihilfen in Form von Bargeld, Gutscheinen oder Sachleistungen angewiesen. Im Sommer 2015 waren es noch 1,823 Millionen Menschen.
Und den Vereinten Nationen mangelt es an Geld, die Menschen auch nur halbwegs angemessen zu versorgen. Und das nicht plötzlich, eindringliche Warnungen vor einer Unterfinanzierungen und der daraus folgenden gewaltigen humanitären Katastrophe gab es immer wieder, in Berichten und Pressemitteilungen von UNHCR und Welternährungsprogramm (WFP). Eine kleine Auswahl:

Juli 2014:
"UNHCR warns of dramatic consequences if funding gaps for Syrian refugees continue"

Oktober 2014:
"Urgent funding shortfalls force WFP to cut operations in Syria and sub-regions"

März 2015:
"UNHCR chief warns that Syria crisis at dangerous tipping point, as humanitarian needs outpace funding"

Juni 2015:
"Funding shortage leaves Syrian refugees in danger of missing vital support"

Allein, es gab nicht genug Geld für die UNHCR, WFP und deren Partnerorganisationen. Und so nimmt die Katastrophe ihren vorhergesehenen Lauf. In Jordanien ist der Anteil von syrischen Flüchtlingshaushalten mit sicherer Lebensmittelversorgung laut UNHCR (Strategical Overview 2016-2017 und 3RPProgress Report 2015) von 53% im Jahr 2014 auf 14% im Jahr 2015 abgestürzt, in Jordanien von 25% auf 11%. Der Wert der UN-Lebensmittelgutscheine pro Kopf und Monat wurde je nach Gastland um 22% bis 43% gegenüber 2014 gekürzt. 14% (im Libanon) bis 20% (in Jordanien) der von den Kürzungen betroffenen Familien mit Schulkindern haben angegeben, ihre Kinder aus der Schule genommen zu haben um Geld zu sparen oder sie zum betteln oder arbeiten zu schicken. Kinderarbeit, Zwangsheiraten, Krankheiten, das ganze Horrorprogramm einer ums Überleben kämpfenden Menschengruppe spult sich unter den Geflohenen ab.

Die UNHCR hatte auch Zahlen genannt, wieviel Geld benötigt würde um die Katastrophe abzuwenden. Für die Lebensmittelversorgung waren es eine runde Milliarde US-$ (Stand Sommer 2015). Und das ist auch eine unvorstellbar große Summe. Eine Milliarde Dollar, das ist, Moment, ich rechne mal nach… Das ist 1,3% des geschätzten Privatvermögens von Bill Gates! Und 1,3% des Besitzes von Bill Gates, das ist eine so astronomisch große Zahl, da ist es kein Wunder, daß die Weltgemeinschaft das nicht aufbringen konnte. (Denn ich will ja nicht ernsthaft vorschlagen, Schwerreiche zur Finanzierung von Flüchtlingen heranzuziehen. Das wäre ja ein völlig falsches Signal an die Leistungsträger. Wenn man auf Millionengewinne auch nur 50% Steuern zahlen müßte, da dächten die sich doch, daß es dann auch nicht mehr die Anstrengung wert ist. Da könnte man sich ja auch gleich in ein Zelt irgendwo in Jordanien setzten und sich bequem mit UN-Lebensmittelgutscheinen versorgen lassen…)

Nein, nicht russische Bomben oder Klimawandel oder Broders angebliche arabische Geilheit aufs Leiden ist Schuld, wenn Menschen aus Syrien nach Europa kommen wollen. Wir sind Schuld. Denn wir beteiligen uns zwar eifrig am Bomben, die angerichteten Folgen ignorieren wir. Wir lassen Millionen von Menschen irgendwo in der Wüste im Stich. Menschen, die immer weniger zu Essen haben und übrigens auch keine brauchbare medizinische Versorgung oder Zugang zu Bildung oder irgendwelche Zukunftschancen in ihrer Region. Und diese Menschen werden sich in Bewegung setzten, in unsere Richtung. Was sollten sie auch sonst tun? Dasitzen und verhungern, damit der Deutsche sich nicht überfremdet fühlt? Wir lassen die Menschen da, wo sie sind, im Zweifel verrecken und wundern uns dann, wenn sie in immer weiter wachsender Zahl bei uns vor der Tür auftauchen.
Und diese Entwicklung wurde schon seit zwei Jahren angekündigt. Der gegenwärtige Zustand ist also weder überraschend noch ist er unabwendbar gewesen. Er kann also nur eines sein: politisch gewollt.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Relative geistige Armut

Es ist ein Ritual wenn ein Armutsbericht vorgestellt wird. Heute schreibt es Guido Kleinhubbert bei SpOn:
"Abgesehen davon, ist der alljährliche Blues-Song sowieso ein schiefes Lied. Für [den Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands] Schneider und seine Fans sind nämlich alle Menschen 'arm', die von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens leben müssten. Das ist zumindest heikel, denn selbst wenn in unserem Land nur millionen- und milliardenschwere Ferrari-Fahrer gemeldet wären, gäbe es hier Armut. Irgendwer fällt immer unter die Grenze."

Ja, so ist das. Da hat jemand Blitzgescheites nach einer Flasche Pinot Grigio doch tatsächlich das Konzept der "relativen Armut" verstanden! Gemessen werden in der Tat die Unterschiede im Wohlstand einer Gesellschaft, im Gegensatz zur absoluten Armut, die den Wohlstand gegen einen festen Standard misst.
Aber wo wir gerade dabei sind und ich das mit dieser Wirtschaft nie so recht verstanden habe, da könnte mir ein Wirtschaftsredakteur doch aushelfen. Würde es in Deutschland, würden dort nur noch Millionäre und Milliardäre leben, den Becher Joghurt immer noch für 79 Cent zu kaufen geben? Oder setzt der Genuss der Millionen der Millionäre nicht eher zwingend voraus, daß es genug andere gibt, die darauf angewiesen sind, für Achtfuffzig die Stunde die Regale aufzufüllen und den Boden zu wischen? Sind also Armut und Reichtum nicht ihrem Wesen nach - sofern man den Bereich des nackten Überlebens einmal verlassen hat - grundsätzlich relativ?
Ja, da muß sich jetzt wohl auch das Wirtschaftsjournalistenköpfchen gaaanz doll anstrengen! Aber Obacht, nicht, daß es vor lauter Anstrengung plötzlich "Plopp" macht und die ganze warme Luft aus dem Köpfchen entweicht! Dezent aromatisiert mit Pinot Grigio.

2015 schrieb sowas Sebastian Balzter für die FAZ:
"Denn die 60-Prozent-Grenze, eben die relative Definition von Armut, sorgt dafür, dass es immer Armut geben wird, solange es Unterschiede bei den Einkommen gibt. Verdoppeln sich in einer Gesellschaft alle Einkommen, verdoppelt sich nach dieser Interpretation nämlich automatisch auch die Armutsgrenze – und es gelten genauso viele Menschen als arm wie vorher, auch wenn sie plötzlich viel mehr Geld zur Verfügung haben."

Is ja'n Ding! Aber ich hab's ja begriffen. Wenn sich alle Einkommen verdoppeln, ändert sich an der relativen Armut nix. Aber wenn ich mir statt einmal nun zweimal Fleisch in der Woche leisten kann und wer anders sich statt einmal nun zweimal im Jahr Tauchurlaub auf den Seychellen, dann ist der Wohlstandsabstand zwischen uns beiden gewachsen. Das Prinzip der relativen Armut, ist klar.

2014 erklärte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände:
"Der relative Armutsbegriff, der u. a. im Armutsbericht der Bundesregierung verwendet wird, hat nichts mit Bedürftigkeit zu tun. Er sagt nur etwas über die relative Einkommensposition gegenüber anderen aus. Eine Verdopplung bzw. Halbierung aller Einkommen ändert nichts an der Verbreitung relativer Armut.
Der relative Armutsbegriff hat absurde Konsequenzen: Je mehr Reiche in ein Land einwandern, desto mehr steigt danach die Armut."

Die relative Armut, genau. Und genau, eine Verdopplung Öder Halbierung aller Einkommen ändert nichts an der relativen Armut, hatten wir doch schon mal erwähnt. Das war ja auch die Idee hinter dem Konzept der relativen Armut, nicht? Ham' wa jetzt aber wirklich kapiert!

2013 schreib Wolfram Weimer für das Handesblatt:
"Die krude Systematik des Armutsberichts bedeutet, dass Armut nie überwunden werden kann! Egal wie reich die Armen wirklich werden. Wächst nämlich der Wohlstand in Deutschland an oder wandern Tüchtige und Reiche nach Deutschland ein, so wird damit – nach der verqueren Logik solcher „Berichte” – statistisch mehr Armut geschaffen. Umgekehrt gilt: Wenn alle ärmer werden, dann sinkt die Armutsquote. Schon alleine aus diesem Grund sollte man auf diese Sorte von Armutsberichten ganz verzichten. Denn sie sind reine ideologische Vexierspiele."
Och nö! Bitte…

Und 2012 schreib Damar Schulze Heuling für den Cicero:
"Dieser Armutsbegriff, der auch von der Bundesregierung verwendet wird, misst somit nicht mehr die Deckung eines Bedarfs, sondern ein Verteilungsmuster. Insofern ist es irreführend, von einer Armutsdefinition zu sprechen. Die Verwendung dieses Verteilungsmaßes zur Bestimmung von Armut kann bizarre Konsequenzen haben. Wenn etwa die Mehrheit einer Bevölkerung hungert, dann wäre nach dem relativen Armutsbegriff trotzdem niemand arm. Ganz anders aber würde die Armutsstatistik den Millionär unter Milliardären beschreiben. Der fiele in die Gruppe der armen Schlucker!"
Jo. Wenn alle hungern, dann sind alle absolut arm aber nicht relativ. Und der Millionär unter Milliardären ist relativ arm, aber nicht absolut. Gott, wie erklärt man's ihnen bloß? Vielleicht so:
Angenommen, ich hätte eine gut laufende Zeitung und zahle jedem Ressortleiter eine 10%ige Gehaltserhöhung, Jahr für Jahr. Nur dem Ressortleiter Wirtschaft nicht, der kriegt nur eine 1%ige Erhöhung. Mal sehen, wie lange es dauert, bis der das voll Moppelkotze findet. Und wenn er sich dann beschwert, dann sage ich ihm: "Was beklagst Du Dich hier? Du kriegst doch auch immer mehr, gemessen an der Deckung deines Bedarfs hast du eine Menge Kohle und überhaupt, die Raumpfleger wären glücklich wenn sie soviel Geld hätten wir du!"
Und wenn er dann immer noch nicht Ruhe gibt, dann wäre es vielleicht besser, ihn gar nicht erst über die Einkommensentwicklung im Verlag in Kenntnis zu setzten. Diese Sorte Information ist nur ein "rein ideologisches Vexierspiel" und könnte ihn am Ende noch zu falschen Schlussfolgerungen verleiten!


Ergänzung (25.2.):

Ein paar Diagramme zur Erläuterung der Kommentare:



Sonntag, 14. Februar 2016

Play hard

Man ja jetzt nicht unbedingt soo wahnsinnig gerne einen Kindergeburtstag im Haus. Aber zwei Kindergeburtstage gleichzeitig? Also wurde die Party der Zwillinge ausgelagert in eine kleine Elterninitiativen-Kita in der Nähe mit einem sehr schönen Spielzimmer und einem kleinen Hof und mit allem, was die junge Zielgruppe für ein Fun-Event so braucht. Gut, diese kleine private Kita wird von diesen Bioreiswaffelmüttern betrieben. Frauen, die sich sorgen, ob die Fischstäbchen auch stressfrei in Form gestanzt wurden (also stressfrei für den Fisch, nicht für die Billiglöhner in der Fischfabrik). Ja, zugehörigen Väter sind wohl eigentlich auch involviert, scheinen sich aber darauf zu beschränken, den Windeleimer auszuleeren und ansonsten die Bioreiswaffelmütter einfach mal machen zu lassen. Aber im Prinzip sind die ja ganz nett.
Zuerst waren sie ein wenig skeptisch ob sie die Räumlichkeiten für eine Geburtstagsfeier vermieten könnten, und dann auch noch an einem Sonntagvormittag, oder ob das nicht womöglich Ärger gäbe. Aber schließlich haben sie dann doch mit der Einschränkung, nicht mehr als fünfzehn Kinder dazuhaben, zugestimmt, und das für einen wirklich fairen Kostenbeitrag für den Kita-Betrieb. Und fünfzehn Kinder sollten ja auch kein Problem sein: zwei eigene, jeder kann sechs Freunde einladen, alles im grünen Bereich. Allein, die Praxis ist komplizierter als die Theorie. Die einen brachten noch ihre Geschwisterchen mit weil die ja auch irgendwohin müssen, dann kamen noch irgendwelche Leute deren Kinder Freunde von Freunden sind (ich dachte, sowas kommt erst wenn die älter sind?), und schwups waren es schon zwanzig Kinder. Und zwanzig Kinder der Altersgruppe 3 bis 5 können, ist die Party erst einmal richtig in Fahrt gekommen, einen ganz beachtlichen Geräuschpegel hervorbringen. Einen wirklich ganz Beachtlichen! Und da kann ich die Nachbarn irgendwo ja auch ein bisschen verstehen. Wenn man montags bis freitags einen Kindergarten im Block hat und dann Sonntag Mittag der Lärm noch einmal zu neuen Höhepunkten anschwillt, da kann man schon mal etwas gereizt reagieren.
Es klopfte also die Staatsgewalt an der Tür. Zuerst hatte ich sie bei all dem Kindergekreische gar nicht gehört. Irgendwann aber fielen mir die winkenden Polizisten vor dem Fenster doch noch auf, also ging ich raus um sie in der Stille der nur mittelstark befahrenen Straße verstehen zu können. Die Exekutive war sehr nett, da kann man in diesem Fall wirklich nix sagen, und sie ließ auch keinen Zweifel daran, daß sie den Einsatz gegen einen Kindergeburtstag jetzt nicht unbedingt als eine Heldentat im Kampf für unsere freiheitlich-demokatische Grundordnung betrachtete. Trotzdem meinten die Beamten, daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn die Party dann langsam auch mal zu ihrem Ende kommen würde. Bei der feiernden Crowd zwischen Indoor-Schaukel und Kissenburg wurde diese Wendung mit einer gewissen Enttäuschung aufgenommen. Aber dennoch glaube ich, daß die Polizei den Zwillingen langfristig gesehen das schönste Geburtstagsgeschenk überhaupt gemacht hat:
"Meine erste Party, die von der Polizei beendet wurde, das war mein vierter Geburtstag!" Sowas kann man doch bis Mitte Zwanzig noch voller Stolz erzählen!