Freitag, 24. Oktober 2014

Menschen und ihre seltsamen Hobbies...

Dieses Spiel mit den Satellitenbildern, das ich hier vor einiger Zeit begonnen habe, macht mir ja eine gewisse Freude, und ich habe immer mal wieder versucht, die Methoden zu verfeinern. Neulich habe ich ein unverdächtiges Satellitenbild mit umfangreichen Angaben als Test analysiert. Das ist zwar für nichts weiter gut und reine Spielerei, aber die Ergebnisse sind so beeindruckend schön, daß ich es doch mal zur Unterhaltung hier vorzeigen will.
Es geht um dieses Bild aus einer Serie von Aufnahmen von der syrisch-türkischen Grenze bei Kobanê:

Das Bild gab's bei SpOn, eigentlich stammt es aber aus einem Lagebericht der Vereinten Nationen. Und die machen, anders als ai oder der NATO, sorgfältige Angaben zum Bild. Es soll am 6. September 2014 in der Nähe von Kobanê vom Satelliten Worldview 2 aufgenommen worden sein. Die Auflösung soll 50 cm betragen und das Bild in einer UTM 37N Kartenprojektion im Koordinatensystem WGS 1984 dargestellt sein [1]. Das kleine Spiel hier besteht nun in der Lebenszeit vernichtenden Aufgabe, alle diese Angaben unabhängig zu bestätigen.

Zunächst müssen wir den Aufnahmeort bei Google Earth finden. Das ist nicht besonders schwer, denn diese zwei großen Kreise im Bild stellen eine gute Landmarke dar. Man muß nur Kobanê als Ziel bei Google Earth eingeben, dann sieht man sie schon kurz hinter der Grenze auf türkischer Seite.

Jetzt versuchen wir mit derselben Methode wie hier schon mal benutzt, ob man eine Bildverzerrung durch die Aufnahmeperspektive des Satelliten findet. Dazu können wir "Kontrollpunkte" im Bild suchen, d.h. Punkte, die sich im Satellitenbild und auf Google Earth klar identifizieren lassen. Die Google Earth-Aufnahmen sind von 2012 und seitdem hat sich in der Aufnahmegegend eine Menge getan. Daher findet man nicht ganz so viele Punkte, wie man aufgrund der vielen schönen Strukturen im Satellitenbild hoffen würde. Für 10 Kontrollpunkte hat es aber dennoch gereicht. Wir messen die Abstände zwischen allen Kontrollpunkten im Satellitenbild (in Pixeln) und auf der Erdoberfläche (in Metern, mit Google Earth) aus. Zudem bestimmen wir den Winkel zwischen der Verbindungslinie zweier Kontrollpunkte und der Nordrichtung (diesen Winkel nennen wir "Azimut" und messen ihn von Norden (0 Grad) entlang des Horizonts über Osten (90 Grad), Süden (180 Grad), Westen (270 Grad) zurück nach Norden). Teilen wir die Länge der Verbindungslinien am Boden durch die im Bild, dann bekommen wir den Abbildungsmaßstab (in Metern pro Pixel). Diese für die einzelnen Verbindungslinien bestimmten Maßstäbe tragen wir gegen den Azimut der Verbindungslinie (im Bereich von 0 bis 180 Grad) auf. Das sieht dann so aus:
Die Punkte streuen etwas aufgrund der Messungenauigkeit, es gibt aber keine systematische Variation des Maßstabs mit dem Orientierungswinkel der Linie im Bild. D.h., der Abbildungsmaßstab ist entlang aller Richtungen im Bild derselbe. Die rote Linie zeigt ein einfaches Modell für die perspektivische Verzerrung, angepasst an die Meßpunkte. Sie findet auch keine Variation und der mittlere Maßstab ist 0.495 Meter pro Pixel. Das passt gut mit der für das Bild angegebenen "Auflösung" von 50 cm zusammen.
Den selben Maßstab entlang aller Richtungen im Bild erhält man in der Aufnahme dann, wenn sie senkrecht von oben gemacht wurde. Das wurde sie aber offensichtlich nicht: Wenn man sich das Satellitenbild genau ansieht, dann erkennt man etwa die nach Norden weisende Seite des Gebäudes. Die Aufnahme muß also aus leicht nördlicher Richtung, etwas von der Seite aufgenommen worden sein. Daher muß also tatsächlich eine Korrektur der Perspektive, etwa in Form einer Kartenprojektion, für das Bild durchgeführt worden sein.

Ob jetzt tatsächlich die UTM 37N-Projektion, ist eigentlich nicht so spannend, wir wollen diesen Punkt aber trotzdem noch ein bisschen weiter verfolgen. Dazu versuchen wir, die Satellitenaufnahme mit einer Karte der Region (in der UMT 37N) zu überlagern. Denn gelingt dies, dann ist das ein sehr guter Test für die Genauigkeit, mit der die Koordinaten der Kontrollpunkte aus Google Earth abgelesen werden können. Diese Überlagerung machen wir aber nicht mehr per Hand, sondern benutzen eine Geoinformationssoftware, die es leicht macht. In diesem Fall die freie Software QGIS. Wir lesen die Koordinaten der Kontrollpunkte bei Google Earth ab und benutzen den Georeferenzer von QGIS, um die Kontrollpunkte in der Satellitenaufnahme zu markieren und uns die Transformation zwischen Bild und Google-Earth-Koordinaten bestimmen zu lassen. Dann können wir und die Satellitenaufnahme in der Karte darstellen lassen und als Koordinatensystem der Karte WGS 1984 UTM 37N verwenden. Um zu überprüfen, ob die Überlagerung gelungen ist, können wir uns das Straßennetz der Region in die Karte laden. Die Geoinformationen dazu bekommt man leicht und umsonst vom OpenStreetMap-Projekt, z.B. via GeoFabrik. Hier ist eine erstellte Übersichtskarte mit dem eingebetteten Satellitenbild. Die roten Linien sind die Straßen, die blaue Linie ist eine Bahnlinie, die den Grenzverlauf zwischen Syrien und der Türkei markiert:


Hier noch eine Detailabbildung. Man sieht, daß der Straßenverlauf nach OpenStreetView und der im Satellitenbild perfekt übereinstimmen:


Die Georeferenzierung des Satellitenbildes ist also sehr schön gelungen. Die Google Earth-Koordinaten sind also problemlos zur Bildanalyse verwendbar. Zudem ist das Bild in dieser Kartendarstellung, in der WGS 1984 UTM 37N-Projektion, (fast gar) nicht verzerrt. Es gibt also keinen Hinweis, daß die angegebene Kartenprojektion für das Satellitenbild nicht stimmt.

So, und nun, da wir wissen, daß das Bild tatsächlich verzerrungsfrei und korrekt ausgerichtet ist, können wir uns an die spannendere Frage nach dem Ursprungssatelliten machen.
Dazu können wir den Mast am rechten Bildrand, etwas oberhalb der Bildmitte, verwenden. Da sehen wir einen schönen, deutlichen Schatten, der in Richtung Nordwest weist. Alle anderen Schatten im Bild scheinen ganz gut mit der Richtung dieses Schattens übereinzustimmen, daher können wir erst einmal annehmen, daß Bodenunebenheiten beim Schattenwurf keine große Rolle spielen. Da der Schatten dieses Mastes am besten zu Vermessen ist, beschränken wir uns aber (soviel Faulheit muß dann doch sein) auf diesen einen. Im unverzerrten Bild können wir seine Richtung direkt bestimmen: als Azimut bekommt man etwa 335.3 Grad. Die Sonne muß genau gegenüber dem Schatten stehen, damit bekommen wir einen Azimut für die Sonne zum Zeitpunkt der Aufnahme von (335.3 - 180.0) Grad, also 155.3 Grad. Jetzt können wir etwa Horizons benutzen, um uns auszurechnen, um wieviel Uhr am 6. September die Sonne denn bei einem Azimutwinkel von 155.3 Grad stand. Das war um 11:33 (UTC+3). Damit haben wir nun die Aufnahmezeit des Satellitenbildes abgeschätzt. Horizons sagt uns aber nicht nur, wann die Sonne bei 155.3 Grad stand, sondern auch, wie hoch sie dabei über dem Horizont stand, nämlich 57.3 Grad. Nun können wir nicht nur die Orientierung des Schattens abmessen, sondern auch seine Länge. Kennen wir die Länge des Schattens und die Höhe der Sonne, dann kennen wir die tatsächliche Höhe des Masts.
Nun sehen wir nicht nur den Schatten des Masts, sondern auch eine Seite des Masts selber im Bild. Wenn wir die Richtung dieser Projektion des Masts abmessen, dann wissen wir, genau wie beim Schatten, die Richtung, aus dem der Satellit diese Aufnahme gemacht hat. Die Projektion des Masts weist etwa in Richtung 182.7 Grad. Damit stand der Satellit auf der gegenüberliegenden Seite, bei einem Azimut von etwa 2.7 Grad. Wir können auch hier die Länge der Projektion des Mastes abmessen. Kennen wir die projizierte Länge und seine tatsächliche Höhe, dann kennen wir auch die Höhe des Satelliten über dem Horizont zum Zeitpunkt der Aufnahme: 61.8 Grad. Hier noch mal ein Zoombild, um die Messungen zu veranschaulichen:


Wir haben also als Ergebnis der Abschätzungen eine Aufnahmezeit von 11:33 aus einer Blickrichtung von 2.7 Grad (Azimut) und 61.8 Grad (Höhe über dem Horizont). Nun können wir die Satellitendatenbank von Heavens-Above benutzten und nachsehen, ob wir für diese Zeit und diese Blickrichtung einen Treffer für den behaupteten Aufnahmesatelliten, Worldview 2, bekommen. Und tatsächlich, dieser Satellit überflog um diese Zeit herum den Himmel über dem Aufnahmeort. Hier ist die Heavens-Above-Graphik mit dem Pfad des Satelliten über dem Erdboden im Verhältnis zum Aufnahmeort des Satellitenbildes:


Um noch etwas genauer zu sehen, lassen wir uns von Heavens-Above auch noch eine Himmelskarte darstellen mit der Bahn von Worldview 2 am 6. September über den Himmel am Ort des Bildes. Hier ist konventionell Norden oben und Westen rechts. Das Zenit ist in der Mitte, der Horizont ist der Randkreis. In diese Karte tragen wir unsere abgeschätzte Position des Satelliten zum Aufnahmezeitpunkt als roten Kreis mit ein. Das sieht so aus:


Worldview 2 flog am 6. September fast genau durch die geschätzte Aufnahmeposition am Himmel. Und das um 11:36, mit einer Zeitdifferenz von gerade einmal 3 Minuten zu unserem Ergebnis von 11:33!
Diese gute Übereinstimmung ist doch wirklich schön! Worldview 2 kann als Quelle der Satellitenaufnahme bestätigt werden und Zusammenspiel von Kartenmaterial, Google Earth und Satellitendatenbank funktioniert hervorragend. Somit kann man Angaben zu Satellitenaufnahmen durchaus selbst unabhängig überprüfen. Und das Schönste ist, daß es dazu nicht einmal besonderen Aufwands bedarf. Alle verwendeten Programme und Datenbanken sind frei zugänglich!

(Und diese Ergebnisse geben vorherigen Betrachtung hier im Blog noch ein bisschen mehr Gewicht.)

[1] All die Zahlen-Buchstabenkürzel sind nicht weiter wichtig. Der Punkt ist, daß man eine im Raum gekrümmte Oberfläche wie wie Erdoberfläche nicht einfach auf eine flache Karte legen kann. Zum Übertragen der Erdoberfläche braucht es daher immer eine Abbildungsvorschrift, wie ein Punkt auf der Oberfläche in eine Karte übertragen wird, die "Kartenprojektion". Dazu gibt es viele Möglichkeiten, die standardisiert sind. Eine ist die "Universelle Transversale Mercatorprojektion", UMT. Diese Projektion gibt es für verschiedene Zonen der Erde optimiert, und diese Zonen werden durch eine Zahlen-Buchstaben-Kombination angegeben. Eine dieser Zonen ist eben "37N". Zusätzlich zur Projektion braucht es für die Karte noch ein Referenzkoordinatensystem, daß die Oberfläche der nicht perfekt kugelförmigen Erde annähert. Ein Standardreferenzsystem ist das "World Geodetic System 1984", WGS 1984. Daher kommt die kryptisch wirkende Angabe "WGS 1984 UTM 37N". Ist aber im Detail für den Text nicht wirklich wichtig…

Dienstag, 14. Oktober 2014

Donnerstag, 2. Oktober 2014

DWüdW WISSEN ¡!

Stolz präsentiert DWüdW heute seinen Lesern eine neue DWüdW-Rubrik:

DWüdW WISSEN ¡!

Der DWüdW-Infotainment-Kanal! Bei DWüdW WISSEN ¡! beantwortet DWüdW ab sofort spannende Wissensfragen aus allen Bereichen des Lebens in unterhaltsamen und leicht verdaulichen Wissenshäppchen, die Sie staunen lassen werden! Und das auch noch in einem revolutionären neuen Format: Der Klickstrecke! Und zwar der ersten Klickstrecke, die sich mit nur einem Klick vollständig öffnet und einfach vor sich hin gelesen werden kann! Der Klickfinger klickstreckenaffiner Leser wird sich für diese Onlinemedienrevolution bedanken!
Die erste Frage bei DWüdW WISSEN ¡! lautet heute:

Wie kommt eigentlich das Salz ins Meer?

1) Bis ins 16. Jahrhundert hinein waren die Ozeane der Welt praktisch salzfrei!
Es war der große portugiesische Seefahrer Vasco da Gama, der als erster bemerkte, wie viel besser auf langen Handels- und Eroberungsreisen gefangene Fische schmecken würden und wieviel weniger teures, Laderaum blockierendes Kochsalz man mit auf Reisen nehmen müsste, wenn die Ozeane salzig wären. So begann zunächst Portugal, später alle seefahrenden Nationen, die Ozeane zu salzen!

2) Zum salzen der Ozeane wurde das damals weit verbreitete "Meersalz" verwendet!
Hiervon zeugt die noch heute gebräuchliche Bezeichnung "Meer" für große, salzhaltige Wassermassen!

3) Ein Ende fand die Salzung der Meere erst im Zuge der Französischen Revolution!
Aufgrund der vielen, durch die Enthauptungen ihrer adligen Arbeitgeber vor dem finanziellen Ruin stehenden französischen Köche verfiel der Preis für aus Köchen gewonnenes Kochsalz - insbesondere gegenüber dem teuren, nur in Schickmicki-Feinkostläden erhältlichen Meersalz, welches weiterhin aus den sehr viel weniger ergiebigen Meerschweinchen und Meerkatzen gewonnen werden musste! Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts kam die Nachsalzung der Meere völlig zum erliegen und der Salzgehalt blieb bei ca. 1g/kg Meerwasser.

4) Werbeunterbrechung!
Sie müssen gar nicht entnervt weiterklicken - einfach weiterlesen!!

Werbung
Meersalz - das Salz der Erde!
Bestellen Sie Meersalz einfach und diskret im Internet!
www.meersalzversand24.de


"Seitdem ich Meersalz bei www.meersalzversand24.de
bestelle, spare ich bis zu 24% IT-Kosten und habe mehr
Zeit, um meine Lieblingsserien im Netz anzuschauen."
Torsten T. aus T., Selbständiger 



5) Die Meere werden nicht immer salzig sein!
Jeder Speisefisch lagert im Schnitt 0,6 g Meersalz in seinem Organismus ein! Durch Fang und Verzehr der Fische wird dieses Salz dem Meer unwiederbringlich entzogen. Experten schätzen, daß die Ozeane im Jahre 2173 wieder vollkommen salzfrei sein werden!


Werbung
Immobilien auf dem Obersalzberg!
Romantische Immobilien mit historischem Flair!
Jetzt suchen bei:
www.obersalzbergimmobilien24.de

Samstag, 13. September 2014

Reinraumspiele

Nach all den drögen Posts hier wird es mal wieder Zeit für einen kleinen Themenwechsel. Ich mein', es ist ja nicht so, daß ich nicht wüßte, was die DWüdW-Leser wirklich wollen: Sex. Spontanen, hemmungslosen, leidenschaftlichen Sex! (Zwischen Menschen.) Und das ist ja auch kein Problem, schließlich gehört dieses Thema seit jeher zu den Kernkompetenzen und zu den Herzens- und anderweitigen Organangelegenheiten dieses Blogs. Und ein kleiner Blick zurück auf die heißen Tage dieses Sommers genügt, um die Leserinnen und Leser mitzunehmen in eine erotische Traumwelt jenseits aller Tabus, aller Konventionen und AfD-Deutschmutterphantasien.
(Hinweis: Der nachfolgende Text enthält sexuell explizites Andeutungsmaterial und ist für Minderjährige ohne Interneterfahrung nicht geeignet. [Aber die lesen das hier ja sowieso eher nicht. Hinweis: Hinweis vor dem Veröffentlichen entfernen!])

Es war an einem der besonders heißen Tage im Juli, einem Tag, an dem ich auswärts zu tun hatte. Mein Gastgeber wollte mir eine Freude bereiten, vielleicht auch sich selbst, und mir das Reinraumlabor seiner Arbeitsgruppe zeigen. Nach dem Mittagessen und dem Kaffee traten wir zusammen aus der flirrenden Hitze in das Summen der Klimaanlage, und die eben noch schweißverklebten Härchen an den Armen richteten sich im kalten Luftzug vor zartem Schauder auf. Wir traten in den kleinen Vorraum des Labors, der als Umkleideraum und zugleich Luftschleuse zum dahinter liegenden, fensterlosen optoelektronischen Labor diente. Wir zogen uns Plastikhäubchen über die Köpfe und Überzieher über die Schuhe und Schutzmasken vor den Mund. Dann nahmen wir zwei der für die Eintretenden bereitgehaltenen langen Labormäntel aus speziellem, flusenfreien Stoff von den Haken. Wir schlüpften in sie hinein um die uns erwartenden Geräte und Proben vor dem Schmutz und den Absonderungen unser menschlichen Körper und Kleidung zu bewahren. Mein Gastgeber wartete bereits an der Tür zu den Laborräumen, als ich noch einige persönliche Gegenstände in den weiten Taschen meines Mantels verstaute. Da stießen meine Fingerspitzen in der Tasche auf einen fremden, einen weichen Gegenstand. Mit neugieriger Unschuld zog ich ihn aus der Manteltasche hervor. Ich hielt ein kleines, dünnes, blassrosanes Stoffknäul in der Hand. Vorsichtig zupfte ich es auseinander. Ich entfaltete einen verspielten, am Rande dezent mit Spitze verzierten Damenschlüpfer.

Ein Blick in sein Gesicht ließ keinen Zweifel daran, daß mein Gastgeber über meinen Fund mindestens ebenso erstaunt war wie ich. Einige Sekunden starrten wir beide auf das Höschen in meiner Hand und hingen unseren Gedanken zu Ursprung und Implikationen meines unerwarteten Fundes nach. Dann nahm er den Slip an sich, ließ ihn wortlos in der Tasche seines eigenen Mantels verschwinden und wir traten ohne weitere Worte unsere Laborbesichtigung an.
Nur reißt bei einem jungen, unschuldigen Mann wie mir eine einmal von Damenunterwäsche angestoßene Gedankenkette nicht wieder so schnell ab. Von den technischen Ausführungen meines Gastgebers drang nicht viel zu mir durch. Stattdessen musterte ich die in ihren Mänteln und mit ihren Masken fast zur Unkenntlichkeit vermummten, im kalten Halogenlicht zwischen spiegelreinen Edelstahl- und Kunststoffoberflächen wirkenden Laborkräfte und versuchte mir vorzustellen, wie ein Damenhöschen in die Tasche eines Labormantels gelangt. Vielleicht war es am späten Abend, als das letzte im Labor verbliebene Paar die sich unter den unförmigen Mänteln aufstauenden Hormone nicht länger kontrollieren konnten? Ich mußte mir vorstellen, wie sie sich, eben noch über die Stereomikroskope gebeugt, auf einmal, nach einem kurzen, brennenden Blick die Kleider herunterrissen und übereinander herfielen wie die Tiere! Wie Schweiß und kaum unterdrückte Schreie anbrachen gegen die kalte Sterilität der Laborwände, zwischen denen diese Körper gefangen waren. Wie das Stoßen des Fleisches, das schiere, primitive Verlangen nach dem Körper, nach den Geschlechtsorganen des Nächsten die Ratio, das Streben von Wissenschaft und Technologie nach der Macht des menschlichen Verstandes über die Natur, in Sekunden hinwegfegte und ad absurdum führte. Ich mußte mir vorstellen, wie vor Kurzem genau hier für zwei Menschen plötzlich nichts mehr zählte - nicht die erzwungene Sauberkeit, nicht die unabdingbare Disziplin, nicht der hell erleuchtete Ort der Forschung -,  nichts als das Berühren von Haut, das sich Aneinanderpressen, das Ineinanderdringen ihrer Körper...
Ja, es war wirklich an einem heißen Tag im Juli.

Branchentypisch gab es nicht sehr viele weibliche Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe. Wenn man mal die kurz vor der Pensionierung stehende Sekretärin mit nicht unbedingt zu der Höschengröße passenden Figur ausschließt, blieben eigentlich nur zwei Frauen übrig. Bei meinem Abschied sah ich ihnen intensiv in die Augen, in der irrigen Hoffnung, irgendwo einen kurzen Funken erhaschen zu können, durch den sie sich verrät. Ich wünschte mir, sie würde mir aus meinen Augen lesen, was ich weiß. Und mich dadurch in ihren intimen Moment der Liebe mit einschließen. Das waren natürlich blödsinnige Gedanken.

Zwei Tage später schrieb mir mein Gastgeber eine email, in der er mir mitteilte, er wisse nun, wem das Höschen gehöre.
Seiner Tochter.
Er habe die Labormäntel zum Waschen mit zu sich nach hause genommen. Kurz vorher hätte seine Frau eine Ladung Familienwäsche gewaschen und dabei muß sie eine Unterhose seiner Tochter in der Trommel vergessen haben. Mit der nächsten Wäsche muß diese Unterhose dann irgendwie ihren Weg in die Tasche eines der Labormäntel gefunden haben.
Ich finde ja, diese Erklärung klingt irgendwie arg konstruiert. Lieber glaube ich auch weiter an das geheime, ungezähmte, wilde Leben der Optoingenieure...

Dienstag, 9. September 2014

Fracking gegen Putin!

Ja, das Thema Ukraine kommt hier oft zur Sprache. Aber es ist ein kompliziertes Thema, das macht es so interessant und erlaubt es, immer wieder neue, spannende Aspekte zu finden. So zum Beispiel, was Bürgerkrieg, Fracking und Die Grünen miteinander zu tun haben. Dahinter steckt eine längere und ziemlich vernachlässigte europäisch-ukrainische Geschichte, bei der es gar nicht so einfach ist, den Anfang zu finden. Man erinnert sich viellicht noch daran, daß der Internationale Währungsfond im letzten Mai der Regierung in Kiew gedroht hat, die Kredite zu kürzen - bzw. "neu zu kalibrieren" - wenn diese nicht die von Rebellen kontrollierten Gebiete der Ostukraine wieder unter ihre Kontrolle bringt [1]. Was genau an diesen Gebieten so interessant ist, wurde meist mit dem diffusen Verweis auf deren "wirtschaftliche Stärke" abgehandelt. Dabei können die Interessen viel klarer formuliert werden: Im Osten der Ukraine, zwischen Donzek und Charkow, liegt ein Schiefergasfeld, das Jusowskoje-Feld. Im Januar 2013 schloß die Regierung Janukowitsch am Rande des Weltwirtschaftforums in Davos ein Förderabkommen mit dem niederländisch-britischen Konzern Royal Dutch Shell. Und dieser Vertrag ist kein Pappenstiel: Royal Dutch Shell verpflichtet sich, bis zu 10 Milliarden US-Dollar in die Erschließung des Gasfeldes zu investieren. Im Gegenzug gehört dem Konzern auf 50 Jahre die Hälfte des geförderten Gases [2]. Dieses Abkommen ist eines von zwei großen Gasprojekten, die unter Janukowitsch mit westlichen Konzernen abgeschlossen wurde. Das zweite ist ein Vertag ähnlicher Größenordnung mit dem US-amerikanisch-brasilianischen Konzern Chevron, der in die Erschließung des Olesskaja-Schiefergasfeldes im Westen der Ukraine, bei Lviv, investiert. Dieses zweite Abkommen wurde im November 2013, kurz vor dem Ausbruch der Maidan-Proteste, in Kiew unterzeichnet [3].
Ein Bild aus guten Zeiten: Der ukrainische Energieminister
Eduard Stavitsky, Präsident Janukowitsch, der nieder-
ländliche Ministerpräsident Mark Rutte und der Royal
Dutch Shell CEO Peter Voser im Januar 2013 in Davos.
Diese Verträge haben für alle Beteiligten eine erhebliche politische Dimension. Für die Ukraine könnte sich das Verhältnis zu Russland drastisch ändern. Sollten sich die optimistischen Schätzungen der förderbaren Gasmenge bestätigen, dann könnten diese beiden Felder in einigen Jahren den ukrainischen Bedarf an Erdgas decken, das Land könnte sich mittelfristig von russischen Gasimporten unabhängig machen [4]. Und die Abhängigkeit vom russischen Erdgas ist noch immer der russische Fuß in der ukrainischen Tür. Das Drehen am Gashahn ist, zumindest bisher, das größte Druckmittel Russlands auf die Ukraine.
Es ist also irreführet, Janukowitsch als "pro-russischen" Politiker zu charakterisieren. Noch kurz bevor er das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aussetzte, schloß er große und strategisch gegen Russland ausgerichtete Verträge mit westlichen Konzernen. Janukowitsch schien sich eher beiden Seiten zuzuwenden und mal der EU und den USA, mal Russland entgegenzukommen. Diese Politik für ein Land zwischen zwei großen Machtpolen ist weder pro-europäisch noch pro-russsich - sie ist allenfalls pro-ukrainisch.
Für die westlichen Erdölkonzerne geht es ebenfalls nicht nur einfach so um Gas und Gewinne. Das ukrainische Schiefergas kann nicht konventionell gefördert werden. Chevron und Shell werden im großen Stil Fracking anwenden. Und damit sind diese Projekte auch eine Art Türöffner für die im Westen umstrittene Technik des Frackings. Wenn man erst einmal darauf verweisen kann, diese Technik in der Ukraine um großen Maßstab, hoffentlich ohne allzu große Schäden und zum Wohle des Volkes einzusetzen, so sollte dies den Widerstand auch in den USA und der EU zu unterlaufen helfen.

Nun wurde die Situation aber mit den Maidan-Protesten unübersichtlich. Russland hatte die Gasverträge mit westlichen Unternehmen hinnehmen müssen und damit die Möglichkeit, über die kommenden Jahre seinen wichtigsten Einfluß auf die Ukraine einzubüßen. Es waren aber der Westen und die EU, denen diese Perspektive nicht ausreichte. Die Maidanproteste schienen eine Möglichkeit, Schluß zu machen mit Schlingerkurs der Ukraine und sie sofort und ganz dem Einflussbereich der westlichen Bündnisse zuzuschlagen. Sie unterstütze die Protestbewegungen gegen die Regierung Janukowitsch, die letztlich in deren Sturz und einer neuen, pro-westlichen Regierung in Kiew mündeten. Nur unterschätze man den Widerstand gegen diese Entwicklung in großen Teilen des Landes. Die Krim viel schnell und kampflos an Russland, und im Osten und Südosten übernahmen Bürgerwehren die Kontrolle über das Land. Damit verlor die Regierung in Kiew auch die Kontrolle über das Gasfeld Jusowskoje bei Donezk, in das sich Royal Dutch Shell mit 10 Milliarden Dollar eingekauft hatte. Ja, und da stellte der Internationale Währungsfond klar, den Kreditrahmen für die Ukraine nach unten zu korrigieren, sollte die Regierung in Kiew nicht schnell wieder die Kontrolle über die Region zurückgewinnen.
Und es kam wie es kam, eine schnelle militärische Offensive scheiterte, die Ukraine steuerte direkt in einen Bürgerkrieg. Und eine russische Unterstützung der Rebellen in der Ostukraine ergibt sich geradezu zwangsläufig und nutzt den schweren strategischen Fehler von EU und USA aus. Hätte die Ukraine die Gasfelder entwickelt, so hätte Russland der Verlust an Machtmitteln auf die gesamte Ukraine gedroht. Durch den voreiligen Druck des Westens auf die Ukraine ist ein neuer Konflikt aufgerissen, der, selbst nach einer Beendigung der Gewalt, noch lange nicht begraben werden wird. Dieser neue, "eingefrorene Konflikt" wird Russlands neuer Fuß in der Tür. Russland musste nie auf eine territoriale Abspaltung der Ukraine hinarbeiten, wie von westlichen Medien immer wieder unterstellt. Mit dem vertieften Graben zwischen westlich und russisch orientierten Ukrainern wird sich der langfristige Einfluß Russlands auf die Ukraine verstärkt haben, auch ohne russisches Erdgas.

Und da steht nun Europa. Da steht eine Europäische Union, die einerseits die Regierung in Kiew mit ihrem bewaffneten Kampf gegen den russischen Einfluß in der Ukraine unterstützt. Und das mit der Rechtfertigung, die Regierung Janukowitsch hätte mit ihrem Aussetzen der Assoziation mit der EU gegen den demokratischen Willen des ukrainischen Volkes gehandelt. Und die gleichzeitig auf die Erfüllung der profitablen Verträge der Regierung Janukowitsch mit westlichen Konzernen besteht [5]. Diese Argumentation hat heute übrigens der Grünen-Abgeordnete und europapolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen, Manuel Sarrazin, in einem ausgesprochen propagandistischen Interview mit der Zeit hervorgebracht:
"Der Westen, die EU und Kiew können nie so zynisch handeln wie der Kreml. […] 
Es geht um die legitimen Interessen der ukrainischen Bevölkerung, die sich für eine Annäherung an die EU entschieden hat."
Das sagt ein Abgeordneter der Grünen, einer Partei, die in ihrem Auftritt, wie auch ihr Abgeordneter Manuel Sarrazin auf seiner Website [6], gegen den Einfluß multinationaler Konzerne Stimmung macht und ein striktes Verbot von Fracking zur Förderung von Schiefergas fordert [7].
"Der Westen, die EU und Kiew können nie so zynisch handeln wie der Kreml." - Man könnte die Grünen ja für einen komplett bigotten, heuchlerischen und verkommenen Haufen halten. Aber ich glaube, es ist noch schlimmer. Ich fürchte, die sind so dumm, die glauben wirklich an das, was sie da sagen. Daran, daß sie den demokratischen Interessen der ukrainischen Bevölkerung dienen, und nicht den Gasförderinteressen multinationaler Konzerne.
"Fracking gegen Putin!" - Ein schöner neuer Slogan für die Umwelt- und Friedenspartei Die Grünen!

Sonntag, 7. September 2014

Freunde von Freunden

Bei SpOn gab's heute einen Artikel zu russischen "Ultranationalisten", in diesem Fall einer Bande rechter Monarchisten, denen Putin "zu weich" sei und die pro-russische Separatisten in der Ukraine militärisch unterstützen. Und das soll an dieser Stelle mal nicht allein so stehen bleiben. Denn auf den ersten Blick klingt es vielleicht, zumindest in sich, vernünftig und nachvollziehbar, wenn die Opposition rechts von Putin die Rebellen in der Ostukraine unterstützt. Aber so vernünftig nachvollziehbar ist die Welt nicht. Nicht mal in sich. Machen wir eine kleine Reise durch die Kloake der menschlichen Gesellschaft.

Wappen des Bataillon Asow.
Anfangen können wir bei russischen Nazis. Etwa der Nazi-Band "Wotan- Jugend". Trotz des deutschen Namens ist diese Band russisch, und sie ist nicht nur so ein bisschen nazistisch, sie ist so gewaltafin und nationalsozialistisch, wie es nur geht. Auf ihrem Webauftritt oder ihrem Profil beim russischen sozialen Netzwerk und Facebook-Analogon VKontakte.com feiert Wotanjugend gerne mal die Waffen-SS oder erweist dem Massenmörder Anders Breivik ihre Reverenz (Vorsicht, das Stöbern auf deren Seiten erfordert eine wirklich gute Kontrolle über den Brechreflex!).
Diese russischen Nazibande hat auch Freunde in der Ukraine - allerdings nicht, wie man naiv vermuten würde, in den Reihen der pro-russischen Separatisten. Wotanjugend sind Fan und Unterstützer des ukrainischen "Bataillon Asow". Das Bataillon Asow ist eine extrem rechte ukrainische Miliz, die gegen die ostukrainischen Bürgerwehren kämpft. Wotanjugend gedenkt z.B. den Gefallenen des Bataillons Asow auf ihrer Seite, was das Bataillon Asow gerne auf ihrem VK-Profil wiedergibt. So sollen die Kämpfer des Bataillons ihren Kameraden in Erinnerung bleiben:
Screeshot vom VK-Profil des Bataillon Asow.

Das Bataillon Asow revanchiert sich auch gerne mit ein paar Bildern für Wotanjugend, auch wenn deren Hitlergruß noch arg verschämt daher kommt:
Screenshot vom VK-Profil von Wotanjugend.
Die Unterstützung russischer Nazis für das Bataillon Asow beschränkt sich nicht nur auf den Tausch von Bildern und Propaganda auf sozialen Netzwerken. Am 14. August organisierte Wotanjugend ein Benefizkonzert von Nazibands für das Bataillon Asow in Kiew. Wotanjugend hält eine Zusammenfassung des Konzerts bereit, laut eigener Angabe kamen alle Einnahmen aus dem Konzert und dem Souvenirverkauf dem Bataillon zugute. Und das Bataillon Asow bedankte ich auf seinem VK-Profil mit einer umfangreichen Bilderserie vom Konzert. Die Zusammenarbeit von russischen Nazisbands und ukrainischen Nazimilizen scheint gut zu funktionieren.
Auf dem Nazikonzert für das Bataillon Asow (VK-Profil von Wotanjugend).

Nun ist das Bataillon Asow aber nicht irgendeine verbotene terroristische Vereinigung, wie man das vielleicht denken oder zumindest doch hoffen würde. Das Bataillon ist völlig legal, untersteht offiziell dem ukrainischen Innenministerium und wird von ihm in Kampf gegen Rebellen eingesetzt. Und innerhalb der Ukraine wird aus der Zusammenarbeit des Innenministeriums mit dem Bataillon Asow kein Hehl gemacht.
Der Herr, der hier vorne links vor den Flaggen des Bataillons hermarschiert, ist der ukrainische Innenminister Arsen Awakow. Der Herr vorne rechts ist der Präsident des ukrainischen Parlaments, Olexandr Turtschynow.
Diese zwei Bilder stammen von einer Pressemitteilung des ukrainischen Innenministeriums vom 21. August anlässlich einer Feier zur Ehrung der im "Anti-Terror-Einsatz" getöteten oder verletzen Mitarbeiter des Innenministeriums. Das Bataillon Asow ist in der Mitteilung ausdrücklich mit eingeschlossen. Es sind die freundlich vermummten Herren im Hintergrund. Die Repräsentanten der ukrainischen Demokratie wie Herr Turtschynow im oberen Bild  sind die anerkannten Partner der deutschen Außenpolitik und schütteln nicht nur Mitgliedern von Nazimilizen die Hand:
Die deutsche Politik unterstützt politisch und materiell eine Regierung, die sich ihrerseits im Kampf gegen ukrainische Bürger auf eine Nazimiliz stützt. Eine Miliz, die ihre Unterstützung, propagandistisch und in Form von Spenden, auch von russischen Nationalsozialisten erhält. Ja, die Welt ist schon kompliziert. Und eklig. Aber dieses deutsche Spielen in der Jauchegrube ist nicht nur eklig. Man kann sich dabei auch eine Menge ekelhafter Sachen einfangen, die man danach nicht wieder so schnell los wird...

Montag, 1. September 2014

Die Invasion aus dem All (2)

Also die erste Abbildung aus der NATO-Präsentation lässt mir ja keine Ruhe. Vor allem wegen ihrer merkwürdigen Perspektive aus dem Norden. Daher versuche ich mich mal an einem genaueren Blick auf diese eine Abbildung, die russische Konvois in der Ukraine am 21. August zeigen soll. Das wird ein bisschen technisch, aber vielleicht interessiert es ja wen. Und ich schreibe das mal so aus der hohlen Hand. Kritik und Anregungen sind ausdrücklich erwünscht.
Zunächst einmal lässt sich die Abbildung recht schnell bei Google Earth finden. Hier ist die NATO-Aufnahme, so gedreht, daß Norden oben und Westen links ist:
Dieses Bild zeigt die Gegend am nordwestlichen Rand des Dorfes Sukhodilsk in der Ukraine, um 48o22' Nord, 39o43' Ost:
Was auffällt, ist die starke Stauchung der NATO-Aufnahme in Nord-Süd-Richtung. Dies ist eine Folge der Perspektive: Die Aufnahme wurde schräg von oben aus nördlicher Richtung gemacht. Daher scheinen Strecken in Nord-Süd-Richtung gegenüber der Ost-West-Richtung verkürzt. (Man stelle sich einfach ein Kreuz mit gleich langen Balken auf einem Blatt Papier vor. Sieht man senkrecht darauf, sehen beide Balken gleich lang aus. Dreht man das Blatt entlang einer der Balken, dann ändert sich die Länge des Balkens entlang der Drehachse nicht, die senkrecht dazu wird aber perspektivisch verkürzt. Und zwar mit dem Kosinus des Kippwinkels zur Senkrechten.) Wenn wir die perspektivische Verkürzung der Nord-Süd- relativ zur Ost-West-Richtung im NATO-Bild messen können, dann können wir daraus den Aufnahmewinkel über dem Horizont ermitteln.

Um die perspektivische Verzerrung zu ermitteln, müssen wir möglichst viele eindeutige Punkte in der NATO-Abbildung und bei Google Earth identifizieren. Dann legen wir ein Liniennetz über die Abbildung, das diese Punkte miteinander verbindet. Auf die Schnelle waren "möglichst viele" bei mir sechs. Aber das reicht schon für eine akzeptable Schätzung. Hier ist das Netz in die NATO-Aufnahme eingetragen:
Als leicht zu identifizierende Fixpunkte dienen Häuserecken, Straßenkreuzungen und markante Gewässergrenzen. Jetzt messen wir die Längen aller 15 Strecken in beliebigen Bildkoordinaten (ich habe mal die Länge der Nord-Süd-Kante des Bildes auf "1" gesetzt, aber das spielt keine Rolle). Dann messen wir die Länge aller Strecken mit den Google-Earth-Tools entlang der Erdoberfläche, sowie ihren Winkel zur Ost-West-Richtung (ich hoffe, Google Earth macht das zuverlässig…).
Ohne perspektivische Verzerrung sollten die Verhältnisse aller Längen in Bildkoordinaten und am Erdboden die gleichen sein. Kommt es durch die schräge Ansicht zu einer Verzerrung der Nord-Süd-Richtung, dann sollte das Verhältnis von Bildlänge zu Länge am Erdboden mit steigendem Winkel der Strecke bezüglich der Ost-West-Richtung abnehmen. Und das tut es auch deutlich. Hier sind die Längenverhältnisse aller 15 Strecken aus dem obigen Bild gegen ihre Winkel zur Ost-West-Richtung aufgetragen:
Man erkennt deutlich, wie das Verhältnis (hier "Bildskala" genannt) von Bildkoordinaten zur wahren Länge (hier in km) abnimmt, je steiler eine Strecke zur Ost-West-Richtung steht. Nun müssen wir nur noch nachsehen, wie sehr die Länge der Strecke im Bild in N-S-Richtung gegenüber der O-W-Richtung gestreckt werden muß, damit diese Verkürzung verschwindet. Dieser Streckfaktor ist dann Eins geteilt durch den Kosinus zum Quadrat des Blickwinkels relativ zur Zenitrichtung. Für diesen Winkel findet sich der Wert von 56.6o. So sehen zum Vergleich die Verhältnisse der mit 56.6 Grad zum Zenit "entzerrten"Streckenlängen zur den wirklichen Längen aus (rote Punkte):
Also steht der Beobachter ziemlich niedrig über über dem Horizont, nämlich nur 33.4 Grad in nördlicher Richtung. (Die Pixelskala der Abbildung bekommt man daraus noch als Nebenprodukt: 1.843 Meter pro Pixel.)

Nachdem wir den Blickwinkel kennen, können wir auch die Aufnahmezeit viel genauer bestimmen als im letzten Post hier. Denn da wir die perspektivische Verkürzung der N-S-Richtung gegenüber der O-W-Richtung kennen, müssen wir die Richtung des Schattenwurfs nicht mehr nur über den Daumen peilen, sondern können ihn gut messen. Dazu müssen wir annehmen, daß die Fläche unter dem Schatten in der Horizontalen liegt. Da alle Schattenrichtungen über das gesamte Bild ganz gut übereinstimmen, scheint mir diese Annahme vertretbar. Zur Messung der Schattenrichtung nehmen wir, wieder auf die Schnelle, den großen Masten einer Überlandleitung in der Box oben rechts. Ohne Verzerrung ist das Verhältnis der Schattenrichtung in Nord- und Westrichtung 0.233. Mit der vorher ermittelten perspektivischen Verkürzung der N-S-Richtung um cos(56.6o) ergibt sich das wahre Verhältnis zu 0.423. Damit ergibt sich ein Schattenwinkel von 22.9 Grad nördlich von West. Die Sonne stand zum Aufnahmezeitpunkt also 22.9 Grad südlich von Ost. Ein Blick in den Sonnenverlauf vom 21. August zeigt, daß die Sonne um 9:01 Ortszeit aus dieser Richtung schien, bei einem Winkel von 34.6 Grad über dem Horizont.

Damit haben wir aus dem kleinen Bild eine Menge Informationen herausgekitzelt: Es wurde aus Richtung Nord aus einer Höhe von 33.4 Grad über dem Horizont aufgenommen, und wenn das angegebene Aufnahmedatum 21. August stimmt, dann wurde die Beobachtung um 9:01 Ortszeit (UTC+3) gemacht.

Damit gilt also umso mehr, was schon im letzten Post gefolgert wurde (siehe ggf. dort): Diese von der NATO präsentierte Aufnahme stammt mit Sicherheit nicht wie behauptet von DigitalGlobe.

[Ergänzung 2.9.: Vielleicht sollte ich hier noch etwas mehr zur Erläuterung anfügen, da ich diese Frage zweimal gestellt bekommen habe.
Das Problem für dieses Bild ist nicht nur, daß die Aufnahmezeit nicht mit einem der DigitalGlobe-Satelliten in Verbindung gebracht werden kann. Dieses Problem könnte man, wenn man unbedingt wollte, durch falsche Bahnberechnungen wegzudiskutieren versuchen. Bei der dritten von der NATO präsentierten Aufnahme wäre eine solche Argumentation im Prinzip möglich, nicht aber bei der ersten, in diesem Post diskutieren Aufnahme. Denn das größere Problem ist hier die Nord-Perspektive.
Die fraglichen Satelliten bewegen sich auf Umlaufbahnen, die sehr steil zum Erdäquator stehen. Dies muß man nicht einfach nur der Datenbank glauben, es hat einen einleuchtenden Grund. Soll ein Erderkundungssatellit (nahezu) die ganze Erdoberfläche beobachten können, dann kommt nur eine solche Umlaufbahn in Frage. Denn nur bei einer Umlaufbahn, die (im Extremfall) 90 Grad zum Äquator steht, zieht der Satellit im Laufe der Zeit über jeden Punkt der Erdoberfläche hinweg. Ein solcher Satellit bewegt sich aber damit zwangsläufig mit nur geringen Abweichungen in Nord-Süd-Richtung über den Himmel. Wenn ein solcher Satellit nun eine Region nicht direkt überfliegt und dabei mehr oder weniger senkrecht auf die hinabblickt, dann verfehlt er sie immer in östlicher oder westlicher Richtung, aber nie in nördlicher. Da die diskutierte Aufnahme eindeutig aus Norden aufgenommen ist, kommen zivile Erdbeobachtungsatelliten auch bei noch so großzügiger Fehlerbetrachtung nicht als Quelle des Bildes in Frage.]

Daraus folgt natürlich nichts mit Bezug auf die Interpretation der Aufnahme. Nur macht die NATO von sich aus nur sehr, sehr spärliche Angaben zu den von ihnen präsentierten Beweisbildern für eine russische Militärintervention in der Ukraine. Und von diesen spärlichen Angaben sind zumindest manche eindeutig falsch. Da sollte man sich schon selber fragen, wieviel Vertrauen man den Verlautbarungen der NATO insgesamt entgegen bringen will.


Nachtrag 4.9.:
An manchen Tagen will man ja alles lieber machen als das, was man eigentlich tun müßte… Also habe ich heute eine kleine Animation gemacht, die die Analyse des Bildes etwas anschaulicher macht.
Im ersten Schritt zeigt die Animation, wie durch kippen des Blickwinkels nach Norden sich die Verzerrung der Linien in Nord-Süd-Richtung gegenüber der Ost-West-Richtung ändert. Die rote Raute im Bild soll dies illustrieren. Die blaue Linie könnte etwa der Strommast aus dem unten gezeigten Ausschnitt sein.
Wenn die Verzerrung richtig ermittelt ist, kann der Schattenverlauf für den Aufnahmetag aus dieser Perspektive simuliert werden. Die rote Linie gibt den beobachteten Schattenverlauf wieder. Um ca. 9:20 stimmen Länge und Richtung des simulierten Schattens mit dem beobachteten Schatten überein.


Diese Zeit ist etwas später als die zuvor angegebene, aber ich habe versucht, nicht nur Richtung, sondern auch Länge des Schattens richtig zu treffen. Die Abweichung von ca. 20 min in der Aufnahmezeit entspricht einer Winkelungenauigkeit von um die drei Grad und gibt ein Gefühl für die Unsicherheiten in der simplen Abschätzung hier. Allerdings weist die problemlose Übereinstimmung von Richtung und Länge des Schattens darauf hin, daß die Satellitenaufnahme wirklich vom 21.8. stammen kann. In Frage kämen bei der Unsicherheit hier auch einige Tage um den 21.8., herum, sowie die letzte Aprilwoche (die Sonne hat im späten Frühjahr einen analogen Verlauf zum späten Sommer). Das Jahr der Aufnahme kann aber nicht ermittelt werden.