Montag, 8. Februar 2016

Meine Wahrheit und deine Verschwörung

"Zur Ausrottung des Unkrautes der ketzerischen Verdrehtheit aus der Mitte des christlichen Volkes, des Unkrautes, das üppiger als gewohnt nachgewachsen ist und das der Feind des Menschen in dieser Zeit noch frecher nachsät, haben wir desto eifriger beschlossen, uns entsprechend der uns aufgetragenen Sorge zu bemühen, je verderblicher es wäre, wollten wir übersehen, dass dieses Unkraut sich zur Abtötung des katholischen Samens ausbreitet. Da wir aber wünschen, dass gegen die Handlanger solcher Schlechtigkeit die Söhne der Kirche und die Eiferer des rechten Glaubens sich erheben und uns zur Seite stehen, haben wir einige Anordnungen herausgegeben, die von euch als getreuen Verteidigern eben dieses Glaubens mit großer Sorgfalt zu beachten sind, Anordnungen, die im Folgenden der Reihe nach aufgeführt sind."
Papst Innozenz IV, Bull Ad Extirpanda (1252)
"Verschwörungstheorien - der Glaube, daß Ereignisse von Mächten im Verborgenen geheim manipuliert werden - haben eine lange Geschichte und sie existieren in allen modernen Gesellschaften. Jedoch nimmt ihre Bedeutung gegenwärtig zu, insbesondere in Europa. […] 
Nur ein internationales und interdisziplinäres Gemeinschaftsunternehmen wird zu einem umfassenden Verständnis der Geschichte, Politik, Soziologie, Rhetorik und Psychologie von Verschwörungstheorien führen, wie es gebraucht wird um deren für demokratische Werte oft schädlichen Effekte zu begegnen. Das Ziel dieser COST Action ist daher, eine vergleichende Analyse von Verschwörungstheorien anzubieten und Empfehlungen und Strategien für Akteure zu entwickeln, die mit ihnen konfrontiert werden."
Memorandum of Understanding for the implementation
of the COST Action "Comparative Analysis of Conspiracy Theories" (2015)

Ja, ich weiß, eigentlich kann man die beiden Zitate oben unmöglich in eine Reihe stellen. Schon historisch handelt es sich dabei um zwei völlig verschiedene Zusammenhänge. Im ersten geht es um die Kirche und deren Kampf gegen Irrlehren, die sie für falsch und gefährlich hielt. Im zweiten geht es um Wissenschaft und ihren Kampf gegen Irrlehren, die - nun ja - falsch und gefährlich sind. So weit, so klar. Trotzdem gucken wir uns die COST Action 15101, "Comparative Analysis of Conspiracy Theories", noch etwas genauer an.

COST ist ein von europäischen und benachbarten Staaten unterhaltenes Finanzierungsprogramm für internationale wissenschaftliche Forschung. Und im Oktober letzten Jahres wurde ein neues Programm, eine Action, bewilligt, eben jene "Vergleichende Analyse von Verschwörungstheorien". Und da diese COST Actions sehr transparent organisiert sind, kann man sich z.B. das zugehörige Memorandum of Understanding (MoU) ansehen, in dem das beginnende Forschungsprogramm zu Verschwörungstheorien dargelegt wird. Und da fällt gleich die schon beängstigend flüchtige Definition des Forschungsgegenstands selbst auf. Eine Verschwörungstheorie sei "the belief that events are secretly manipulated behind the scenes by powerful forces".

Eine Verschwörungstheorie wäre also demnach, wenn Mitglieder einer Exilregierung eine PR-Agentur beauftragen, vor den Vereinten Nationen eine erfundene Gräuelgeschichte vorzutragen um die Weltöffentlichkeit zur Unterstützung eines Krieg zu gewinnen [1]. Oder wenn Diplomaten und Mitglieder der US-Regierung behaupten, libysche Soldaten würden, mit Viagra ausgestattet, Massenvergewaltigungen begehen. Und sie damit das Eingreifen der NATO in den libyschen Bürgerkrieg rechtfertigen. Und sich nach dem Krieg herausstellt, daß es diese Massenvergewaltigungen nie gegeben hat [2]. Oder oder oder.
Kurzum, mächtige Kreise manipulieren die Welt tatsächlich im Geheimen, das ist so klar wie etwas nur sein kann.

Nun wird man vielleicht hoffen, die an der Untersuchung von "Verschwörungstheorien" beteiligten Wissenschaftler würden schon sorgsam Unsinn und sensible politische Positionen trennen.
Tun sie nicht.
Die COST Action "Comparative Analysis of Conspiracy Theories" bezieht aktuelle politische Konflikte explizit mit ein. So werden im MoU etwa drei Akteure benannt, die Verschwörungstheorien verbreiteten: Orban, Erdogan und Putin. Und bei aller Antipathie für die drei - bisher war die Auseinandersetzung mit politischen Gegnern Aufgabe der Politik, nicht die der akademischen Forschung. Und die Behauptungen der Gegner waren andere politische Positionen oder, wenn man sie entwerten wollte, Propaganda. Aber sie waren keine "Verschwörungstheorien". Nur würde sich der Auftrag, Wissenschaftler entwickelten Strategien zur Abwehr anderer politische Positionen oder Propaganda nicht so recht überzeugend anhören verglichen mit dem Auftrag, Strategien zur Abwehr von Verschwörungstheorien zu entwickeln.

Zumindest mir bereitet es Unbehagen, wenn Wissenschaftler es als ihre Aufgabe ansehen, in einem Konflikt politische Positionen zu untermauern oder zu unterminieren. Oder, wie es im MoU noch heißt, dem Vertrauensverlust in Institutionen und Medien entgegen zu wirken. Oder wenn sie Unternehmen Strategien und Ressourcen zur Verfügung stellen wollen, um mit ungerechtfertigten Angriffen von Verschwörungstheoretikern fertig zu werden (MoU, Absatz 2.1.1).

Vielleicht ist dieses Unbehagen aber auch nur eine Folge dessen, daß ich selbst schon zu einem Verschwörungstheoretiker geworden bin. Das könnte so gekommen sein:
Im MoU sprechen sie, um die Bedeutung ihrer Arbeit zu belegen, von einem Problem der Europäischen Union, dem "conspiracy-minded Russian nationalism stoking the crisis in Ukraine".
Nun glaube ich persönlich nicht, daß das Massaker auf dem Maidan das Werk von Scharfschützen der von der ukrainischen Regierung kontrollierten Polizei war, sondern daß vielmehr ukrainische Faschisten dahinter steckten. Und daß europäische Regierungen und die USA der Massenmord in Kiew letztlich egal war, da er dem gewünschten Regierungswechsel in der Ukraine dienlich war. Dies hielt ich bislang für eine diskutable Interpretation der Ereignisse [3]. Und wenn ich mich zudem noch daran erinnere, daß Viktor Janukowitsch ein demokratisch gewählter Präsident war, der von den USA, der EU und Deutschland als solcher anerkannt worden war, dann erscheint mir die Einschätzung, der mit Rückhalt vor allem im Osten der Ukraine demokratisch gewählte Präsident sei mithilfe von Faschisten und mit stillschweigendem Einverständnis der EU und der USA gestürzt worden, nicht unplausibel. Daraus folgt ein gewisses Grundverständnis für einen eher nach Russland ausgerichteten Widerstand im Osten der Ukraine. Nur ist das jetzt womöglich schon "conspiracy-minded"? Und so sehe ich mich mit einer politischen Einschätzung, die ich für vielleicht nicht mehrheitsfähig, aber doch zumindest für diskutabel hielt, in die Nähe von Leuten gestellt, die glauben, Echsenwesen würden uns alle mit Chemtrails gedankenkontrollieren.

Ich sehe in diesem Forschungsprogramm also durchaus eine potentielle Gefahr und teile damit wohl die Einschätzung, die Volker schon vor einiger Zeit gemacht hat.
Natürlich bleibt abzuwarten, was die "Comparative Analysis of Conspiracy Theories" an Ergebnissen hervor bringen wird. Erst daran wird sich zeigen, ob die Wissenschaft sich tatsächlich weniger um die Suche nach der Wahrheit kümmert als vielmehr um die Verteidigung dessen, was sie für die Wahrheit hält. Oder was die Geldgeber aus Politik und Wirtschaft wollen, daß es für die Wahrheit gehalten werde. Es gibt aber auf jeden Fall Grund, die Aktivitäten der COST Action 15101 im Blick zu behalten. Im Interesse dieser gern herangezogenen demokratischen Werte.

Freitag, 5. Februar 2016

Vom Suchen und Finden Gottes


"Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft mach atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott."
Werner Heisenberg, Quantenphysiker und Nobelpreisträger für Physik 1932

"Wenn wir aufrichtig sind - und Wissenschaftler haben es zu sein - dann müssen wir zugeben, daß Religion nur ein Gewirr aus falschen Annahmen ist ohne jede Stützung durch die Realität. Die Vorstellung von Gott selbst ist ein Produkt der menschlichen Phantasie. […] Wenn Religion immer noch gelehrt wird, dann keinesfalls weil uns ihre Konzepte noch immer überzeugen würden, sondern einfach weil manche von uns die niederen Klassen gerne ruhig halten möchten. Ruhige Menschen sind viel einfacher zu regieren als Lärmende, Unzufriedene. Und sie sind auch viel leichter auszubeuten."
Paul Dirac, Quantenphysiker und Nobelpreisträger für Physik 1933

Und wenn man daraus etwas lernt, dann, daß man der wissenschaftlichen Expertise bei der Beurteilung von Religion auch nicht mehr Bedeutung beimessen muß als einer halbwegs gesunden Portion Menschenverstand.
Das nur, falls mal wieder irgendwo, in der Zeit oder so, irgendein Wissenschaftler mit imposanter Professur für HastDuNichtGesehen seine abgrundtiefsinnige Meinung zu Gott raushauen darf...

Mittwoch, 3. Februar 2016

The science of things that aren't so

Betrachten wir mal ein interessantes menschliches Phänomen. Ein Phänomen, das in allen Bereichen des Lebens existiert und das Irving Langmuir mit Blick auf die Naturwissenschaften trefflich mit The science of things that aren't so umschrieb. Er meinte damit wissenschaftliche Forschungen, die sich mit nicht-existenten Effekten oder Entitäten befassen - und dies nicht auf der Meta-Ebene, sondern ganz unmittelbar. Dabei geht es nicht um einzelne irrgeleitete Arbeiten oder Forscher sondern um ganze Forschungszweige, die sich über Jahre oder Jahrzehnte entwickeln, anerkannt in der wissenschaftlichen Gemeinde, durchgeführt von anerkannten, teils bedeutenden Wissenschaftlern mit anerkannten Methoden und mitunter hundertfach publiziert in anerkannten Fachjournalen - und die sich doch nur mit Beobachtungen und Phänomenen beschäftigen, die allein in den Köpfen der Wissenschaftler existieren. Solche Entwicklungen sind gar nicht so selten wie man vielleicht vermuten sollte. Allein ein kurze Wikipedia-Suche liefert ein Dutzend Beispiele alleine in den Naturwissenschaften in nicht einmal 150 Jahren. Nur wird nur halt nach dem Zusammenbruch einer solchen Phantomforschung nicht mehr so gerne über sie gesprochen...

Das allgemein bekannteste Beispiel sind wohl die "Marskanäle", lineare Strukturen auf der Oberfläche des Mars, die der sehr respektable Astronom Giovanni Schiaparelli 1877 entdeckt zu haben glaubte. Zunächst gab es zwar Zweifel über die Realität dieser "Kanäle", doch nach und nach bestätigten immer mehr Astronomen in der Welt nach eigenen Beobachtungen ihre Existenz und eine ganze Forschungsgeschichte begann. Es wurden Arbeiten über ihre Natur, ihren Ursprung und ihre Veränderlichkeit veröffentlicht. Der bedeutende Astronom Percival Lowell beanspruchte 1905 gar, diese Kanäle fotografiert zu haben [1] und seine Kollegen bestätigten Lowells Analyse der Bilder [2]. Zwar erlosch der Zweifel an der Existenz dieser Kanäle nie komplett, 1907 etwa veröffentliche der Astronom Simon Newcomb im Astrophysical Journal eine umfangreiche Untersuchung der Mars-Beobachtungen und schloß, daß er "cannot but feel that the proof of its objective reality is incomplete until the observers of the system [of canals] investigate the processes of visual inference in their own eyes" [3]. Doch Lowell antwortete sofort mit einem anderen Artikel [4], der mit "Selber doof!" ganz gut zusammengefasst ist. So blieb die Existenz der Marskanäle bis in die 1930er Jahre Teil des wissenschaftlichen Mainstreams. Erst sechzig Jahre nach ihrer vermeintlichen Entdeckung setzte sich nach und nach die Erkenntnis durch, daß es sich dabei nur um Illusion, optische Täuschung, unbewusste Mustererkennung des Gehirns handelte. Die letzte Marskarte, die diese nicht existierenden Kanäle noch zeigte, wurde im Jahr 1962 angefertigt [5], zur Vorbereitung des ersten Vorbeiflugs einer Raumsonde am roten Planeten.
Karte des Mars (Veröffentlicht 1927 von der British Astronomical Association)
Ein zweites schönes Beispiel ist die vermeintliche Entdeckung der "N-Strahlen" durch den französischen Physiker Blondlot im Jahre 1901. Dieser glaube, wie Jahre zuvor Wilhelm Conrad Röntgen mit seinen X-Strahlen (im Deutschen heißen sie heute "Röntgenstrahlen", in anderen Sprachen noch immer "X-rays"), ebenfalls eine neue Strahlungsart entdeckt zu haben, eben die "N-Strahlen". Französische Physiker studierten und analysierten diese neue Strahlung und publizierten ihre Ergebnisse in Fachjournalen. Bis sich die französische Physikergemeinde 1904, nicht ohne Mühe und Raffinesse, davon überzeugen ließ, daß diese N-Strahlen gar nicht existierten und alle Effekte, die sie auf diese Strahlen zurückführten, nichts als Einbildung und Autosuggestion waren (Der kurze Wikipedia-Artikel zum Thema gibt eine lesenswerte Übersicht).

Diese science of things that aren't so nun könnte Anstoß zu zwei Gedankengängen sein:
Wenn es offenbar möglich ist, über viele Jahre wissenschaftliche Forschung an nicht existenten Phänomenen durchzuführen, dann könnte man zu der These gelangen, daß "die Welt so zu beschreiben, wie sie ist" keine notwendige Voraussetzung für Wissenschaftlichkeit ist. Aber diese These wäre der Gottseibeiuns aller Freunde der Wissenschaft. Deshalb wollen wir diesen Gedanken lieber nicht weiter verfolgen.
Weiter könnte man sich aber auch fragen, in welchen relevanten Bereichen - wenn selbst die Objektivität so hoch wertende Naturwissenschaft mitunter nur die Realität in den Köpfen untersucht - solche Verirrungen noch auftreten. Reden wir z.B. mal vom Journalismus…

Man muß nun wahrlich kein "Lügenpresse" grölender Pegidist sein um ein beunruhigendes Maß an Versagen der Medien zu sehen. Beginnend mit der Berichterstattung zur Krise und folgendem Bürgerkrieg in der Ukraine über Griechenland, GWL-Streiks und Syrienkrieg wurde eine ungeheure Einseitigkeit und Voreingenommenheit deutlich. Gerne wird dies mit gezielter politischer Propaganda erklärt und ich finde diese Erklärung für einzelne Akteure durchaus plausibel. Ich glaube aber nicht, daß dies dem Phänomen insgesamt gerecht wird. Denn damit erklärt sich weder der offenkundige Realitätsverlust in weiten Teilen der Medien noch den Rückhalt, den dieser innerhalb der Medien erfährt.
Mit Realitätsverlust meine ich Fälle wie die Heute-Nachrichten, die ukrainische Milizen mit Hakenkreuzen und SS-Runen an den Helmen zeigen und im Kommentar dazu dazu von "Freiwilligenbataillonen aus nahezu jedem politischem Spektrum" zu sprechen [6]. Oder von Berichten zu einer russischen Pressekonferenz, in denen Satellitenbilder aus der Konferenz präsentiert werden mit der Behauptung in der Bildunterschrift, Russland hätte die Aufnahmedaten der Bilder verschwiegen. Und das, obwohl die Aufnahmedaten groß und deutlich im Bild selbst drinstehen [7]. Und man könnte den Bogen noch viel weiter spannen. Jeder konnte in Youtube-Videos sehen, daß das Gewerkschaftshaus von Odessa von einem Mob mit Molotowcocktails gezielt in Brand gesetzt wurde, während Menschen sich darin befanden. In der Tagesschau hieß es nur, das Gebäude sei "in Brand geraten" [8].
Kurzum, zwischen dem, was man sieht und dem, was dazu erzählt wird, klafft ein unübersehbarer Abgrund. Es scheint einfach keinen Abgleich des Erzählten mit dem Sichtbaren mehr zu geben. Und dies ist nicht allein Propaganda. Propaganda als bewusste, gezielte Manipulation wäre besser, weniger offensichtlich.
Dazu passt, daß die in einem solchen Fall aufbrandende Kritik an den Medien innerhalb der Medien gar nicht ernst genommen wird. Von Josef Jaffes Zeit-Texten bis zu Extra-3-Satiren wird eine grundsätzliche Kritik an den Medien abgewertet oder lächerlich gemacht. Selbst Journalisten, die, wie Übermedien, "Medien besser kritisieren" wollen, scheinen damit zu meinen, nur ja keinen zu weiten Blickwinkel zu entwickeln. All diese Journalisten sind keine gezielten Propagandisten. Man könnte eher annehmen, sie glaubten wirklich, was sie sagen? Man könnte einmal annehmen, der Journalismus ist in der selben Situation wie die Naturwissenschaft mitunter auch. So wie die science of things that aren't so nach allen Regeln der Kunst Forschung zu einer Welt produziert, die nur im Kopf existiert, so produziert ein journalism of things that aren't so nach allen Regen der Kunst Journalismus aus einer Welt, die nur im Kopf existiert? Nicht in betrügerischer Absicht, sondern weil sich das Denken von der  Realität gelöst hat?

Wie sollte so etwas möglich sein? Sowohl in der Wissenschaft als auch im Journalismus wäre die Vorraussetzung, von einer Position oder scheinbaren Tatsache absolut überzeugt zu sein. Seien es Astronomen, die die Existenz der von ihnen untersuchten Marskanäle für jenseits aller Zweifel halten oder Journalisten, die die russische Aggressivität und Boshaftigkeit für eine völlig unbestreitbare Offensichtlichkeit halten. Solche Überzeugungen können sich womöglich in Gruppen ausbilden, der Mensch neigt schließlich grundsätzlich dazu, sich einer Meinung anzuschließen, die eine Gruppe um ihn herum teilt, selbst dann, wenn diese seiner eigenen Wahrnehmung widerspricht [9]. Wird eine Meinung von einer anerkannten Autorität innerhalb einer Gruppe entschieden vertreten, dann wird es ebenfalls attraktiv, sich dieser Meinung anzuschließen, erst recht, wenn diese Autorität Einfluß auf die eigene Karriere hat. Ein Einzelner wird die Position, der Leiter seiner Forschungsgruppe und alle übrigen Mitglieder würden statt N-Strahlen nur Hirngespinste sehen, nicht lange durchhalten...

Diese feste Überzeugung von der eigenen Position erlaubt es dann auch, eigene Fehler besser zu verkraften. Beispielsweise haben deutsche Medien wieder und wieder Bilder von vermeintlichen russischen Panzern im Osten der Ukraine präsentiert [10,11,12]. Man sollte meinen, daß das Verschieben von Panzern in ein anderes Land, etwa weil man den Begleittext des Bildes aus der Agentur nicht aufmerksam gelesen hat, einen Fehler darstellt, der einem Journalisten die Schamröte in Gesicht treibt und zu einer aufrichtige Entschuldigung und mehr Aufmerksamkeit in dieser Hinsicht führt. Hält man hingegen die Anwesenheit russischer Panzer in der Ostukraine für eine Wahrheit jenseits aller Diskussionswürdigkeit, so spielen falsche Bilder keine besonders große Rolle. Sind eher eine Bagatelle, so als würde man die Sonne versehentlich mit einem Bild des Mondes illustrieren. Jeder weiß doch im Grunde, daß dies eine offensichtlich harmlose Verwechslung war und kein hinterhältiger Manipulationsversuch der "Lügenpresse"? Auf diese Weise erklärt sich, was Außenstehende als Skrupellosigkeit und Kaltschnäuzigkeit in den Medien wahrnehmen.

Die Zeit nun verfestigt einen einmal erzielten Konsens eher als daß sie ihn gefährdet. Menschen, die schon Jahre oder Jahrzehnte lang eine Meinung vertreten und Arbeit in sie investiert haben, werden sich eher schwerer als leichter tun, diese Meinung wieder aufzugeben. Manch einer tut es, und ich halte dies für ein Zeichen außergewöhnlicher charakterlicher Stärke. Viele beharren lieber auf ihrem einmal eingenommenen Standpunkt, und wenn sie sich dafür unempfänglich machen müssen gegenüber Fakten und Argumenten.

Ebenfalls eher stabilisierend ist in einem solchen Fall das Auftreten einer oppositionellen Gruppe. Wird die Überzeugung von außen angegriffen, dann nimmt die Tendenz zur Selbstkritik innerhalb einer Gruppe eher ab. Stattdessen wird der eigene Standpunkt gegenüber einer anderen Gruppe verteidigt, indem diese abgewertet wird oder ihr üble Absichten unterstellt werden. So mag es in der nationalistischen Stimmung des frühen 20. Jahrhunderts in Frankreich nicht vorstellbar gewesen sein, daß die Nichtreproduzierbarkeit der französischen Forschung zu den N-Strahlen durch deutsche Wissenschaftler bedeutet, daß man selbst falsch läge. Die Deutschen mussten einfach nur schlechte Experimentatoren sein oder den französischen Kollegen eine große Entdeckung neiden. Es brauchte einen amerikanischen Physiker als neutralen Gutachter, um den Fehler zu finden. Und wenn Menschen heute den Journalismus grundsätzlich kritisieren, dann kann dies nicht daran liegen, daß der Journalismus tatsächlich am Abgleich mit der Welt versagt. Viel eher haben diese Menschen, Amateure die sie nun mal sind, keine Ahnung. Oder sind selber ideologisch verblendet. "Journalismus besser kritisieren" bedeutet dann nurmehr, einzelne Beobachtungen der Marskanäle für nicht so besonders gelungen zu halten. Die Existenz der Marskanäle an sich in Frage zu stellen bleibt tabu. Ein Ausscheren aus der Gruppe ist Verrat.

Wo wir schon ins große Plaudern von den Marskanälen bis zum Krieg in der Ukraine gekommen sind, sollten wir zum Schluß noch einen Blick auf das werfen, was gerne unter das Thema "Verschwörungstheorien" eingeordnet wird. Diesen Begriff verbannen wir hier aber gleich wieder, und zwar aus zwei Gründen:
Zum einen ist er längst zu einem politischen Kampfbegriff zur Diffamierung anderer Meinungen verkommen. Zum "Verschwörungstheoretiker" kann man werden, wenn man die Mondlandung bezweifelt. Oder wenn man das in Westeuropa gepflegte Narrativ von den politischen Vorgängen in der Ukraine seit Ende 2013 in Zweifel zieht. So sieht es zumindest eine Forschungsgruppe an der Universität Tübingen. Damit ist dieser Begriff schlicht unbrauchbar für eine sachliche Diskussion.
Zum Zweiten funktioniert das, was man gemeinhin mit "Verschwörungstheorie" assoziiert, das Fakten- und vernunftresistente Festhalten an einer Position, in alle Richtungen. Flatter hatte einmal den schönen Begriff "Hoftheoretiker" vorgeschlagen um Menschen zu bezeichnen, die gegen alle Vernunft und Evidenz an der offiziellen (und das heißt automatisch den Mächtigen genehmen) Version einer Geschichte festhalten, so wie der "Verschwörungstheoretiker" gegen alle Vernunft und Evidenz an einer alternativen Version festhält. Es ist also mitunter gar nicht so klar, welche Version einer Geschichte denn die nun Verschwörungstheorie ist. Sprechen wir also behelfsmäßig lieber von der "etablierten Position" und der "nicht etablierten Position".

Treffen Vertreter beider Positionen in einer Diskussion, etwa in einem Forum, aufeinander, dann zeigen sich oft genau die Phänomene, die wie schon bei der science of things that aren't so und dem journalism of things that aren't so gesehen haben:

Beide Seiten sehen sich als Gruppen, die ihre eigene Grundannahme für unbedingt wahr halten. Dies sieht man daran, daß Vertreter derjenigen Gruppe, die argumentativ in die Enge getrieben wird, mit nacktem Unverständnis reagieren. Hier greift etwa der folgende Gedankengang:
"Ich kann keinen offensichtlichen Fehler in deiner Argumentation finden. Aber ich weiß, daß da ein Fehler sein muß, denn die Schlussfolgerung deiner Argumentation widerspricht ja meinem Standpunkt, und ich weiß ja, daß mein Standpunkt richtig ist. Also verstehe ich dich nicht. Und da ich nicht dumm bin, verstehe ich dich nicht, weil du dich nicht klar ausdrücken kannst."
In diesem Stadium versackt eine Diskussion dann für gewöhnlich indem sich die Teilnehmer im Kreis drehen und die schwächere Seite immer wieder erklärt, der andere rede dummes Zeug und solle mal klarstellen, wie sie was meint.
Doch auch bei der argumentativ stärkeren Seite in einer solchen Auseinandersetzung kann sich zeigen, daß der eigene Standpunkt als unumstößlich wahr betrachtet wird, nämlich an der Leichtfertigkeit, mit der über Fehler und Unschlüssigkeit in Argumentationen hinweg gegangen wird, sofern diese den eigenen Standpunkt untermauert. Als Beispiel soll hier der Fall genügen, daß jemand ein mathematisches Modell präsentiert, mit dem gezeigt werden soll, daß eine nicht etablierte Position falsch sein muß. In einem solchen Fall zeigen die Verfechter der etablierten Position erstaunlich wenig Interesse daran, ob dieses Modell schlicht falsch ist oder nicht - und dies selbst dann, wenn sie sich gegenüber der nicht etablierten Position auch ohne dieses Modell in einer argumentativ vorteilhaften Position befinden [13]. Der Gedankengang hier ist:
"Es spielt im Grunde keine Rolle, ob das Modell jetzt stimmt oder nicht. Denn letztlich weiß ich ja, daß die Schlussfolgerungen des Modells richtig sind, selbst wenn das Modell selbst falsch sein sollte. Denn die Schlussfolgerungen decken sich mit meiner Position, von der ich weiß, daß sie richtig ist."
Dies ist der gleiche gedankliche Mechanismus, der es Journalisten erlaubt, immer und immer wieder falsche Bilder von russischen Panzern in der Ukraine zu präsentieren.

Letztlich ist alles egal, denn ich weiß sowieso, daß ich recht habe. Und letztlich glauben wir das alle für uns selbst (der Autor dieses Textes und dessen Leser natürlich ausgenommen!).
Gefährlich wird es nur, wenn die gesellschaftlichen Kontrollmechanismen versagen, die dafür sorgen sollen, daß niemand sich mit seinem Rechthaben dauerhaft von der Realität abkoppeln kann...

Freitag, 29. Januar 2016

Junk Science für die Wissenschaft

Das Phänomen Junk Science ist immer wieder aufs Neue faszinierend! Ich meine damit eine Arbeit oder ganze Theorie, die den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu erwecken versucht und was ihr von Weitem betrachtet auch oft gelingt. Bei näherer Betrachtung aber stellen sich diese Werke dann als intellektuell enorm verflachten, auf willkürlich ausgewählten Daten oder Gedanken basierenden und logisch unvollständigen Müll heraus. Junk Science versucht Wissenschaft zu imitieren ohne dabei mit Inhalt gefüllt zu sein und oft, um ein ihrem Urheber genehmes Weltbild zu bestätigen. Ein Bilderbuchbeispiel für dieses Phänomen gab es hier im Blog schon mal zum Thema "Ursprung des Lebens", aber Junk Science gibt es zuhauf und überall. Im Umfeld der Physik tummeln sich "Freie Energie" oder Alternativen zur Relativitätstheorie, die Pharmazie hat mit der Homöopathie einen ebenso treuen wie trashigen Pickel am Hintern und die Philosophie darf sich über den "Objektivismus" à la Ayn Rand freuen. Junk Science ist im besten Fall peinlich, im schlimmsten Fall gefährlich. Das jemand aber Junk Science dazu benutzen könnte, wissenschaftliches Denken in der Öffentlichkeit zu fördern, auf diese Idee wäre ich bis heute niemals gekommen!

Heute aber fand ich bei SpOn einen Artikel zur "Verschwörungstheorie-Formel". Dabei geht es um ein mathematisches Modell, mit dessen Hilfe es möglich sei, Vorhersagen darüber zu machen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Verschwörungstheorie innerhalb einer gewissen Zeitspanne von einem der Eingeweihten ausgeplaudert wird. Das Fazit ist: nicht lange. Daraus soll folgen, daß gängige Verschwörungstheorien wie die Mondverschwörung, die Impfverschwörung, das unterschlagene Krebsmedikament und die Klimawandellüge gar nicht stimmen können - denn sie hätten längst verraten worden sein müssen.
Aus Neugierde habe ich mir mal die komplette, peer-reviewte Originalarbeit angesehen mit dem Titel "On the viability of conspiratorial beliefs". Der Autor dieser Arbeit erhebt tatsächlich den Anspruch, damit einen Beitrag gegen wissenschaftsfeindliches Denken zu leisten! Und wenn man die Arbeit liest, dann kann man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts dieses pseudowissenschaftlichen Mülls! Eigentlich alles an diesem Werk ist idiotisch und/oder falsch. Steigen wir mit den Annahmen ein.

Die Arbeit geht von einer bestimmten Anzahl N von Verschwörern aus. Sobald einer dieser Eingeweihten seine Informationen öffentlich macht, gelte die Verschwörung als enttarnt. Allein das ist schon mal eine ausgesprochen realitätsfremde Annahme. Als Gustl Mollath über Schwarzgeldgeschäfte der Hyopvereinsbank berichtete, galt diese Angelegenheit nicht als aufgeklärt sondern er landete erst mal eine ganze Weile in der Psychiatrie. Und wie sieht's eigentlich mit der Aufklärung des NSU-Komplexes aus, da haben doch viele schon so einiges Beunruhigendes erzählt? Aber weiter.
Die präsentierte Arbeit geht weiter davon aus, daß die Wahrscheinlichkeit, daß einer der Eingeweihten die Verschwörung enthüllt, mit einer Poisson-Verteilung modelliert werden kann. Diese Verteilung beschreibt die Wahrscheinlichkeit, mit der eine bestimmte Anzahl von diskreten Ereignissen innerhalb eines bestimmten Zeitintervalls eintreten. Hier ist das Zeitintervall ein Jahr und das Ereignis ist "Die Person offenbart die Verschwörung". Damit aber ein Prozess durch eine Poisson-Verteilung dargestellt werden kann, müssen eine Reihe von Voraussetzungen gegeben sein. Zwei sind hier von besonderem Interesse.

Erstens müssen die Ereignisse unabhängig voneinander sein, d.h. das Eintreten oder nicht-Eintreten eines Ereignisses hat keinerlei Einfluß darauf, ob ein weiteres Ereignis eintritt oder nicht. Ein Beispiel dafür wären vielleicht Schäden an der DNS durch radioaktive Strahlung. Für das Erzeugen einer Schädigung an einer Stelle der DNS ist es egal ob vorher schon eine andere Stelle geschädigt wurde. Im Falle des Redens über Verschwörungstheorien gilt diese Annahme aber ganz klar nicht. Es macht für eine eingeweihte Person einen großen Unterschied, ob schon jemand anders die Verschwörung offenbart hat oder nicht. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Es kann jemanden ermuntern, weitere Aussagen zu machen. Es kann jemanden ermuntern, weitere Details oder gar eine andere Verschwörung aufzudecken. Und wenn jemand wie Chelsea Manning nach dem Sprechen für den Rest ihres Lebens in ein Betonloch geworfen wird, dann gerade weil man weiß, das die Wahrscheinlichkeit für weitere Enthüllungen eben nicht unabhängig von anderen Enthüllungen und eben deren Bestrafung ist.

Zweitens setzt eine Poisson-Verteilung voraus, daß sich die mittlere Rate, mit der die Ereignisse eintreten, konstant ist. Sie muß in jedem Zeitintervall gleich groß sein. Im Falle der DNS-Schäden heißt das, daß die Intensität der radioaktiven Strahlung nicht variieren darf. Und wenn es um die Bereitschaft geht, eine Verschwörung offen zu legen, dann wird sich eben diese Bereitschaft im Laufe der Zeit erheblich ändern. Denn diese wird von einer Menge Faktoren abhängen: Ziehen sich die Auswirkungen meiner Verschwörung noch hin oder ist sie bereits abgeschlossen? Profitiere ich noch von ihr oder nicht? Muß ich bei der Enthüllung noch mit Konsequenzen rechnen oder ist die Sache auf die ein oder andere Weise verjährt? Naht mein Tod und habe ich nichts mehr zu verlieren, will ich dann vielleicht noch mein Gewissen erleichtern? Oder sind meine Mitverschwörer schon tot? Vieles mag hier eine Rolle spielen, nur konstant ist die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Eingeweihter eine Verschwörung enthüllt, sicher nicht.

Damit sind zwei grundsätzliche Voraussetzung für die Anwendung der Poisson-Verteilung schon nicht erfüllt und die ganze Arbeit verliert ihre ganz grundsätzliche Rechtfertigung. Die Annahme der Poisson-Verteilung wird vom Autor übrigens mit einem Satz gerechtfertigt:
"The assumption of Poisson statistics used in this work is justified for discrete events, from cars arriving at a traffic light to radiation induced DNA damage and should hold for exposure of conspiracy events."
Boah. Oder auch nicht.
Aber der Unsinn geht noch weiter. Viel weiter.

Zunächst einmal weiter in der Vorgehensweise. Die Wahrscheinlichkeit, das innerhalb eines Jahres niemand etwas von der Verschwörung verrät, ist in der Poisson-Verteilung gegeben durch
Der Exponent ist hier ein Parameter der Verteilung, die mittlere Rate von Ereignissen in einem Zeitintervall. Die Wahrscheinlichkeit, daß innerhalb von t Jahren niemand etwas verrät, ist dann
Die Wahrscheinlichkeit, daß jemand innerhalb von t Jahren die Verschwörung verrät, nennen wir sie L(t), ist dann einfach
Das ist Gleichung (1) in der besagten Arbeit. Ich schreibe das alles so ausführlich weil es gleich noch wichtig wird.

Der Parameter der Poisson-Verteilung ergibt sich bei N Eingeweihten, von denen jeder eine Wahrscheinlich p hat, die Verschwörung innerhalb eines Intervalls von einem Jahr zu verraten, zu
Das ist die Gleichung (2). Soweit, so gut, bzw. so schlecht. Nun will der Autor der Studie aber berücksichtigen, daß die Anzahl der Eingeweihten N sich mit der Zeit ändern kann. Insbesondere betrachtet er die Fälle natürlichen Ablebens und gezielter Beseitigung von Mitwissern. Und hier wird es einfach nur noch falsch. Denn er nimmt eine Zeitabhängigkeit von N an und setzt dieses N(t) einfach in die Gleichung für L(t) ein. Mit der Abkürzung
lautet Gleichung (3) in Artikel dann
Und das völliger Schwachsinn. Da hätten Autor und Gutachter aber auch drauf kommen können. Hier, so sieht die Abbildung 1 des Artikels aus:
Die blaue Kurve zeigt die Wahrscheinlichkeit, daß mindestens ein Eingeweihter nach einer gegebenen Anzahl von Jahren einmal die Verschwörung verraten hat, vorausgesetzt die Anzahl N der Eingeweihten bleibt konstant. Die rote gepunktete Kurve gibt Verlauf wieder unter der Annahme einer natürlichen Sterberate unter den Eingeweihten und die orange gestrichelte Kurve gilt für ein beschleunigtes exponentielles Ableben der Eingeweihten. Fällt was auf?
Na gut, ein Hinweis: Wenn die Wahrscheinlichkeit, bei 4 Würfen mit einer Münze mindestens 1 mal "Zahl" zu werfen bei, sagen wir mal, 94% liegt, kann dann die Wahrscheinlichkeit, bei 8 Würfen mindestens 1 mal "Zahl" zu werfen kleiner als 94% sein?
Für den Verrat einer Verschwörung heißt das, wenn die Wahrscheinlichkeit, daß die Verschwörung nach 30 Jahren verraten worden ist bei 40% liegt, kann dann die Wahrscheinlichkeit, daß sie nach 50 Jahren verraten worden ist, bei nur noch 10% liegen? Selbst wenn ich nach 30 Jahren alle Mitwissenden erschießen wurde und die Wahrscheinlichkeit des Verrats ab da bei 0 läge, so könnte die Wahrscheinlichkeit nicht mehr unter den bis dahin erreichten Wert abnehmen. Eine kumulative Wahrscheinlichkeit ist immer monoton steigend. In der Abbildung aber fallen sie wieder ab. Hier ist also was richtig falsch.

Der Fehler liegt darin, daß man, wenn der Verteilungsparameter sich mit der Zeit ändert, man für die Wahrscheinlichkeit zur Zeit t nicht einfach das t-fache dieses Parameters nehmen kann. Man muß die Beiträge der einzelnen Intervalle explizit aufsummieren. Es sollte daher heißen:
Korrigiert sähe die Abb. 1 des Artikels damit so aus:
Die gepunkteten Kurven sind die aus der Originalarbeit, die durchgezogenen die Korrigierten. Für die blaue Kurve war die Anzahl der Mitwisser als konstant angenommen, daher gibt es da keine Unterschiede. Für die Fälle mit aussterbenden Mitwissern stabilisiert sich die Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung irgendwann. Wenn sie nach 50 Jahren von keinem Mitwisser verraten wurde, dann wird sie nach 60 Jahren auch nicht mehr verraten, weil alle Mitwisser schon tot sind. Die "Versagenswahrscheinlichkeit" der Verschwörung ändert sich nicht mehr.
Alle Ergebnisse der Arbeit, bei der die Anzahl der Eingeweihten nicht als konstant angenommen ist, sind jenseits dieser Abbildung übrigens auch falsch.

Noch ein kleines bisschen weiter mit heiterem Blödsinn. Der Autor will die Kurven für die "Failure probability"mit der Zeit für andere Verschwörungstheorien, eben der Mond-, Klima-, Impf- und Krebsheilmittelverschwörungen, bestimmen um diese Theorien damit zu widerlegen. Dazu muß er erst einmal eine Abschätzung für den Parameter p finden. Zu diesem Zweck nimmt er drei aufgedeckte Verschwörungen, schätzt (irgendwie) die Zahl N der Eingeweihten und die Zeit t bis zu ihrer Aufdeckung. Nun kennt er N und t, aber um p bestimmen zu können muß auch noch L(t) bekannt sein. Also die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns der Verschwörung zum Zeitpunkt ihres Scheiterns. Dieser Wert ist natürlich nicht bekannt und kann im Prinzip völlig beliebig sein. Also nimmt er einfach mal L(t) = 0.5 an. Das liegt ja so schön in der Mitte. Und wenn ich die Wahrscheinlichkeit nicht kenne, daß die Erde morgen von einem Asteroiden zerstört wird, dann nehme ich einfach mal 0.5 an, das liegt so schön in der Mitte zwischen 0 und 1…
Aber im Ernst, dieser Wert entbehrt jeder Rechtfertigung. Nicht nur ist ein aus drei "Experimenten" ermittelter Wert an sich schon sehr unsicher. Hier kommt auch noch ein Auswahleffekt hinzu. Schließlich weiß niemand, wieviele Verschwörungen es überhaupt gibt. Wenn man nur die Gescheiterten kennt, dann könnten gerade diese die statistischen Ausreißer sein und gar keine Rückschlüsse auf den Erfolg von Verschwörungen im Allgemeinen zulassen… Und wenn also der Wert von L(t) beliebig ist, dann wird damit auch der Wert von p beliebig, und damit alles.
Aber gut, er nimmt diesen Wert, gekommt irgendwelche Werte für p, rechnet mit denen weiter, manchmal sogar richtig, und kommt so auf schöne Zahlen für die erwartbare Lebensdauer von Verschwörungen. Falsche Aussagen im Verlauf des Textes wie etwa
"p also includes the odds of an accidental intrinsic exposure"
spielen schon keine Rolle mehr.

Nein, dieser Anti-Verschwörungs-Artikel ist wirklich bemerkenswert schlecht! Er ist voller unhaltbarer Annahmen, bedeutungsloser weil ganz beliebiger Abschätzungen und simplen Rechenfehlern. Aber er kommt zu dem gewünschten und vernünftig klingenden Ergebnis, daß Verschwörungstheorien mit vielen Mitwissern schnell auffliegen müssten und daher nicht stimmen können. Dieser Artikel ist Junk Science der übelsten Art. Denn mit einem so unseriösem Artikel gegen Impfskeptizismus und Mondverschwörung ankämpfen zu wollen, das gleicht in seiner Wirkung einem erfundenen toten Flüchtling vor dem Lageso: Menschen, die schon immer überzeugt waren, Wissenschaft sei nur eine Lügengeschichte zur Manipulation der Öffentlichkeit, unehrlich, unsachlich und nur auf den eigenen Vorteil bedacht, die haben jetzt eine referierte Publikation, auf die sie mit vollem Recht als Beleg ihrer Meinung verweisen können. Na schönen Dank auch!


Nachtrag (4.2.):

Zum besseren Verständnis noch eine Anmerkung, weshalb kumulative Wahrscheinlichkeiten immer monoton steigend sein müssen und weshalb dies auch beim Aussterben von Mitwissern der Fall sein muß.

Nehmen wir erst einen Fall, der nichts mit der hier diskutierten Arbeit von Herrn Grimes zu tun hat. Das Prinzip gilt aber überall und in diesem etwas übersichtlicheren Fall ist das Verständnis vielleicht leichter.
Nehmen wir den Fall einer Gauß'schen Normalverteilung. Diese Verteilung hat die recht bekannte Form einer "Glockenkurve" und bestimmt die Wahrscheinlichkeit dafür, einen bestimmten Wert zu erhalten. Hier ist die Glockenkurve und ihre kumulative Wahrscheinlichkeit (oder genau genommen heißt es "kumulative Verteilungsfunktion"):
In ihrer "klassischen", d.h. bekannteren Form der blauen Kurve - die man die "Wahrscheinlichkeitsdichte" nennt - nehmen die Wahrscheinlichkeiten von links nach rechts erst zu und dann wieder ab. Oder anders ausgedrückt, je weiter von Null entfährt, desto unwahrscheinlicher wird ein Wert hier.
Die zugehörige rote Kurve, die kumulative Wahrscheinlichkeit, gibt nicht die Wahrscheinlichkeiten für einen Wert x an, sondern dafür, einen Wert zu erhalten, der kleiner oder gleich x ist. Es ist also die Wahrscheinlichkeit dafür, einen Wert bis x zu erhalten. Beide Größen muß man streng unterscheiden. Allerdings hängen sie auch eng zusammen - die eine Kurve geht aus der anderen Kurve hervor. Ich habe ihnen hier daher verschiedene aber ähnliche Symbole gegeben, p und P.
Und die kumulative Kurve kann nur steigen, ihr Wert an einem Punkt x ist durch die Fläche unter der blauen Kurve bis zum Punkt x gegeben. Wenn p(x) mit x ansteigt, steigt auch P(x) an, und zwar um so stärker, je steiler der der Anstieg von p(x) ist. Nimmt p(x) ab einem bestimmten Wert von x wieder ab (also hier ab x = 0), dann fällt P(x) nicht ab, sondern steigt einfach nur langsamer. Denn die Fläche unter der blauen Kurve p(x) bis zum Punkt x wächst ja auch noch weiter an, obwohl die Werte von p(x) wieder sinken. Erst wenn p(x) Werte von Null annimmt, dann wächst die Fläche unter der blauen Kurve nicht weiter an. Sie  nimmt aber auch nicht ab. Sie bleibt dann einfach konstant. Und damit wird dann die rote Kurve P(x) konstant. Somit kann die kumulative Wahrscheinlichkeit P(x) nur anwachsen oder konstant bleiben, aber niemals abnehmen. Das ein Verhalten von P(x) nennt man eben "monoton steigend".

Nun zu Grimes' Arbeit. Hier ist das Wahrscheinlichkeitsmodell ein anderes, daher stellt sich die Sache etwas anders dar. Das Prinzip bleibt aber das Gleiche.
Grimes legt als Wahrscheinlichkeitsverteilung für das Ausplaudern einer Verschwörung eine Poisson-Verteilung an. Diese Wahl halte ich für sehr schlecht, weil es keinen Grund gibt anzunehmen, daß diese Annahme die Realität halbwegs gut beschreibt - weder liefern theoretische Überlegungen noch der Vergleich mit irgendwelchen Daten Argumente für diese Annahme. Aber das ist letztlich ein Problem des Realitätsbezugs des Models, eine anderes ist die interne Konsistenz des Models wenn man annimmt, daß es überhaupt realistisch ist…
Nehmen wir also auch eine Poisson-Verteilung an. Diese Verteilung erlaubt es, die Wahrscheinlichkeiten für das Auftreten einer bestimmten Anzahl von Ereignissen innerhalb eines bestimmten Zeitintervalls auszurechnen. Im Prinzip können dabei jede beliebige Anzahl von Ereignissen auftreten, 0, 1, 2, 100, 123487652, … Es macht daher keinen Sinn, davon zu reden, daß in Grimes Modell jemand "als erstes" redet. Dieses Modell ist zwingend auf eine festes Zeitintervall festgelegt, nehmen wir mal 1 Jahr an, und es kann nur die Wahrscheinlichkeiten angeben, daß 1, 2, 3,.., Personen innerhalb dieses Intervalls reden. Dies ist aber kein Problem, alles was Grimes in seiner Arbeit wissen will, ist die Wahrscheinlichkeit dafür, daß mindestens eine Person spricht. In dem Fall nämlich betrachtet er die Verschwörung als enthüllt. Es können also durchaus auch 2 oder 3 oder n Personen in einem Jahr reden, das ist egal solange in den vorangegangenen Jahren noch niemand geredet hat. Und eine Reihenfolge innerhalb dieses Jahres, in dem mindestens eine Person geredet hat, gibt es nicht.

Nehmen wir nun erst einmal den Fall einer konstanten Anzahl von Verschwörern an. Dann ist die Wahrscheinlichkeit dafür, daß mindestens eine Person innerhalb eines Jahres redet, für alle Jahre die Gleiche. Jetzt muß man, will man die Wahrscheinlichkeit dafür ausrechnen, daß nach einer bestimmten Anzahl von Jahren mindestens eine Person geredet hat, jedes Jahr als eigenes Zufallsexperiment betrachten und dann die (identischen) Wahrscheinlichkeiten des Ausplauderns für jedes einzelne Jahr richtig zur Gesamtwahrscheinlichkeit nach x Jahren kombinieren. Diese Kurve der Gesamtwahrscheinlichkeiten nach x Jahren zusammengenommen ist gerade die kumulative Wahrscheinlichkeit. Die Kombination der konstanten jährlichen Wahrscheinlichkeiten zur kumulativen Wahrscheinlichkeit hat Grimes in seiner Arbeit noch richtig hinbekommen. Hier mal eine Beispielrechnung, wie das aussehen könnte:
Ich habe mal keine durchgezogenen Linien gezeichnet sondern einen Punkt für jedes Jahr um deutlicher zu machen, daß es hier um eine Folge von einzelnen Intervallen geht. Hier ist die langfristige mittlere Rate von redenden Personen pro Jahr mit 0.1 angenommen. Die Wahrscheinlichkeit pro Jahr ist, da hier keine Leute sterben sollen, also immer die selbe (die blauen Punkte für das Jahr 1, das Jahr 2, ...). Die kumulative Kurve steigt nun mit der Zeit immer weiter an und nähert sich für sehr viele Jahre immer weiter dem Wert 1 an (die roten Punkte für nach Ablauf von einem Jahr, nach Ablauf von zwei Jahren, …).

Jetzt machen wir dieselbe Rechnung noch einmal, lassen aber die mittlere Rate pro Jahr von Jahr zu Jahr absinken. Dann sieht das z.B. so aus:
Jetzt passiert was selbe wie zuvor für die Normalverteilung diskutiert. Wenn die Wahrscheinlichkeit pro Jahr immer weiter sinkt, dann wird der Beitrag eines jeden weiteren Jahres zur kumulativen Kurve immer kleiner. Sie sinkt aber nicht wieder, sondern wenn die Wahrscheinlichkeit pro Jahr gegen Null sinkt, dann bleibt die kumulative Kurve bei einem konstanten Wert. Zumindest dann, wenn man die Wahrscheinlichkeiten pro Jahr richtig zur kumulativen Wahrscheinlichkeit kombiniert. Genau das hat Grimes aber nicht gemacht. Und der Fehler in der Kombination führte dazu, daß seine kumulative Wahrscheinlichkeit wieder absank. Und dieses Absinken ist eine Unmöglichkeit (dazu bräuchte es negative Wahrscheinlichkeiten pro einzelnem Jahr, und negative Wahrscheinlichkeiten gibt es nicht). Daher hätte ihm und jedem Gutachter sofort auffallen müssen, daß da irgendwo ein ernster Fehler ist.

Zum Schluß noch ein anschauliches Beispiel: Wenn ich Lose kaufe, dann ist die kumulative Wahrscheinlichkeit die Wahrscheinlichkeit dafür, daß ich mit n Losen einen Gewinn erhalte, und die ergibt sich aus der Einzelwahrscheinlichkeit für ein Los und der Zahl der Lose. Je mehr Lose ich kaufe, desto größer muß meine Chance auf einen Gewinn werden. Die kumulative Wahrscheinlichkeit kann also nur wachsen - mehr Lose, größere Gewinnchance. Würde sie sinken, würde das bedeuten, daß ich durch den Erwerb zusätzlicher Lose meine Chance, überhaupt einen Gewinn zu erhalten, wieder senken würde! Eine offensichtlich unsinnige Situation...

Montag, 25. Januar 2016

Christentum für Neuabendländer

In diesen politisch bewegten Zeiten finden sich in Deutschland immer mehr Menschen zusammen, die erstmals mit dem christlichen Abendland, seinen Werten, seiner Religion und Kultur in Berührung kommen. Oftmals kommt es dabei aus Ahnungslosigkeit und Unkenntnis zu bedauerlichen Mißverständnissen und Schwierigkeiten, ein gesellschaftlich angemessenes Verhalten an den Tag zu legen. Ein Weg, unangenehmen Situationen vorzubeugen und das Zusammenleben in Deutschland zu erleichtern, besteht im Erstellen von Flyern und kleinen Informationsbroschüren, die über die hiesige Kultur und ihre Gepflogenheiten aufklären. Da möchte DWüdW, stets im Dienste für den Frieden und die Freundschaft zwischen allen Völkern und Nationen (außer Frankreich), einen bescheidenen Beitrag leisten und eine kleine und handliche Übersicht über den christlichen Glauben bereitstellen. Für manch einen Neuabendländer mag diese kompakte Einführung nützlich sein, und vielleicht kann auch der ein oder andere Flüchtling davon profitieren…

Christliche Kultur kompakt


1. Geschichte
Die Geschichte des Christentums ist nicht weiter kompliziert und schnell erzählt. Es begann vor langer Zeit mit einer kleinen Weltuntergangssekte für Ziegenhirten in einem nahöstlichen toten Winkel des römischen Reichs. Kein gebildeter und zivilisierter Mensch dieser Zeit, als solcher ohnehin eher in Alexandria, Athen oder Rom zu hause, hätte diesen Unsinn auch nur für eine Sekunde ernst genommen. Es mag heute schwer vorstellbar sein, aber in der antiken Welt hatte das junge Christentum in etwa ein Standing wie es heute eine UFO-Sekte aus Erfurt hätte. Allerdings hatte die neue Religion einen entscheidenden Pluspunkt: Pflegten andere Religionen Stärke und Macht zu bevorzugen und sich um Herrscher und Helden zu sorgen, lehrte das Christentum dagegen all die Verlierer, Habenichtse und Vergessenen der Welt, dass dem Schöpfer des Universums gerade an ihnen besonders viel läge. Und da aus irgendeinem komischen, noch von keinem eminenten Denker bisher analysierten Grund die Verlierer, Habenichtse und Vergessenen überall und immerfort den größten Teil einer Gesellschaft ausmachen, fand die christliche Lehre den idealen Nährboden für ihre Ausbreitung.
Als dann im frühen 4. Jahrhundert ein junger, aufstrebender Usurpator namens Konstantin unter Einbeziehung der militärischen Option nach der Macht im ganzen römischen Reich griff, da fragte er sich, wie er seine Soldaten zu robusten Maßnahmen zur Stabilisierung der Sicherheitslage gegen einen zahlenmäßig überlegenes Heer ordentlich motivieren könnte. Er entschied sich für ein christliches Symbol als brandneues Feldzeichen, faselte irgendwas von einer Vision, und tatsächlich kam er mit der Nummer durch. Er gewann, eher wegen eines strategischen Patzers seines Gegners als mit göttlicher Hilfe, die Schlacht an der Milvischen Brücke, die Welt wurde die seine, und der Aufstieg des Christentums von einer drolligen Weltuntergangssekte hin zu einer die Menschheitsgeschichte prägenden Macht war nicht mehr aufzuhalten.

2. Lehre
Die Einzelheiten der christlichen Lehre sind, wie bei Weltuntergangs- und UFO-Sekten ja nicht unüblich, etwas verworren und mitunter bizarr. Das macht aber weiter nichts, die meisten Christen kennen die Details auch nicht, von Verstehen gar nicht erst zu reden. Im Wesentlichen zeichnet sich das Christentum durch eine tief verwurzelte Friedfertigkeit und Menschenliebe aus, so lehrt die Heilige Schrift z.B.
"Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen"
Mt 5, 44
"Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin."
Mt 5, 39

Man muss sich den Christen also in etwa so friedfertig und harmlos vorstellen wie einen Buddhisten im Coffee-Shop. Nun mag man sich schon fragen, wie eine Religion mit einer so rückgratlosen Weicheier-Agenda jemals zur erfolgreichsten Religion der Welt hat aufsteigen können? Dies liegt an einer bemerkenswert hohen Adaptionsfähigkeit des christlichen Denkens. Dienten die Christen zur Zeit, als sie über keinerlei politische Macht verfügten, unter Lobpreisungen des Herrn noch bereitwillig als Löwenfutter, erklärte Papst Gregor I, im 6. Jahrhundert in einer soliden Machtposition, dass man Ungläubige ruhig solange foltern könne, bis sie die Wahrheit der christlichen Friedensbotschaft endlich erkennen. Bei der Eroberung der Amerikas tauften die Pfaffen die Einheimischen erst bevor die Konquistadoren sie dann erschlugen. So erretteten sie deren unsterblichen Seelen und es kam zu dem positiven Nebeneffekt, dass die so Erretteten ihrer irdischen Reichtümer nicht länger bedurften, so dass man diese getrost an sich nehmen konnte.
Dem modernen Betrachter mag es schwer vorstellbar sein, dass die Christen diese menschenverachtende Heuchelei wirklich geglaubt haben. Man sollte aber bedenken, dass heutige Christen auch ernsthaft glauben, ihre Armeen bombardierten andere Länder der Welt nur, um die Menschen dort von Tyrannei und Elend zu erretten. Und dass der Zugriff auf die dortigen Öl- und Gasvorräte höchstens ein Nebeneffekt sei zur bescheidenen Gegenfinanzierung der geleisteten Wohltaten.

3. Haltung zu Flüchtlingen
Die Bibel ist voll von zentralen Figuren mit Migrationserfahrungen. Abraham ist als Armutsflüchtling nach Ägypten gegangen, der menschgewordene Gott ist in seiner Daseinsform als Baby-Jesus vor einer politisch motivierten Säuberungswelle mit seiner Mutter und deren Ehemann ins Ausland geflohen und die Urchristen sind andauert vor religiöser Verfolgung abgehauen. Da ist es nur konsequent, daß die Bibel von Anfang bis Ende eine durchgehend positive Haltung gegenüber Flüchtlingen einnimmt, z.B.:
"Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott."
3. Mose, 19, 34

Ja, da lässt das Wort Gottes des Allmächtigen zur Abwechslung mal wenig Spielraum für Interpretationen. Er verzichtet auf jede Art von Einschränkungen wie "sofern sich die Fremden integrieren", "bis eine Obergrenze erreicht ist" oder "sofern die Fremden den örtlichen Fussballverein in die Champions League schiessen". Es ist daher kaum denkbar, dass ein christliche Politiker auf die Idee käme, durch irgendwelche einschränkenden Forderungen den Willen Gottes infrage zu stellen.

Ebenfalls eher unchristlich ist die Idee der Kollektivschuld und Kollektivstrafe. Die christliche Kultur betont sehr die individuelle Verantwortung und ggf. Schuld, was sich zum Beispiel in Abrahams Konversation mit Gott anlässlich der angedachten Zerstörung von Sodom und Gomorrah zeigt:
"Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten? Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde. Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun. Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde. Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten. Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten. Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim."
1. Mose 18, 24-33

Zugegeben, das mag jetzt etwas umständlich und langatmig formuliert worden sein, aber unter literarischen Gesichtspunkten ist das Wort Gottes nun mal noch ausbaufähig. Auf jeden Fall fand Gott dann nur einen Gerechten, den aber ließ er zumindest aus der Stadt führen bevor er ihr mit gezielten Luftschlägen ein verdientes Ende bereitete. Man sieht also, es wäre im christlichen Wertesystem schwer vorstellbar, eine ganze Gruppe von Menschen, sagen wir man "Nordafrikaner", pauschal zu verurteilen und eine Einzelfallprüfung zu verweigern, selbst wenn es nur zehn Gerechte unter ihnen geben sollte.

4. Praxis des Zusammenlebens
In der Praxis mag es unter Umständen zu einigen Widersprüchen im Verhalten der Christen und der christlichen Kultur als solche kommen. So kann es durchaus passieren, dass Menschen die christlichen Werte preisen und verteidigen und mit "christlichen Werten" den Weihnachtsbaum und den Osterhasen meinen und sonst nichts. Hier aber sollte man einfach den christlichen Hang zu Heuchelei und Lüge für sich arbeiten lassen. Auch wenn man sich dabei ein bisschen blöd vorkommen mag, stellen Sie einfach am Jahresende einen abgehackten Tannenbaum in ihre Wohnung, stopfen sie die Hammelkeule vor dem Braten kleingehackt in des Hammels eigenen Darm zurück und betonen Sie, daß Sie Frauen respektieren, sofern diese in der Gemeinde schweigen und alte Männer in komischen Klamotten vor einer Abtreibung oder Scheidung um Erlaubnis fragen. Schon werden sie keine Probleme mehr mit den Verteidigern des christlichen Abendlandes haben!

Und nun viel Spaß im christlichen Abendland!

Sonntag, 17. Januar 2016

Gangsta-Style tiefgefroren

Das Hemd, das der mexikanische Drogenbaron "El Chapo" Guzmán in einem Interview vor seiner Verhaftung trug, ist, so hört man, zu einem Verkaufsschlager geworden. Und hier und da wird sich über die Käufer dieses Hemdes lustig gemacht. Dabei verstehe ich nichts mehr als die Männer, die dieses Hemd haben wollen! Jeder, der schon einmal seinen Abend damit verbracht hat, Zucchinischeiben zu braten, dann eine halbe Stunde Diskussion durchgestanden hat, welches Kind zum Abendessen aus der roten und welches aus der blauen Tasse trinken darf und, wenn die Kleinen endlich im Bett sind, umfangreichen Ausführungen der Dame an seiner Seite zum Zustand des Gemüses beim Mittagessen in der Kita lauschen durfte - ein jeder mit dieser Erfahrung versteht Männer, die das Hemd eines Drogenbosses tragen wollen. Oder die Neue aus der Buchhaltung vögeln. Oder sonst was tun für die flüchtige Illusion, noch am Leben zu sein. Diese armen Idioten haben mein absolutes Verständnis! Ist bei mir ja auch nicht anders. Nur habe ich das Glück, keine teuren Seidenhemden oder so einen Quatsch zu brauchen. Mein Katalysator der Illusion ist einfach, billig und sozial verträglich: Tiefkühlpizza!

Was gab es zu essen, wenn die Eltern früher mal verreist waren? Tiefkühlpizza! Was gab es damals, nach dem Auszug in die erste eigene Wohnung, zu essen? Tiefkühlpizza! Tiefkühlpizza, besonders die ganz billige, ist der Geschmack der Freiheit! Wild und ungebunden und voller Hoffnung! Und so schiebe ich mir heute, in einem ruhigen Moment, eine Tiefkühlpizza in den Ofen. Und kurz darauf nehme ich dann ein Stück Tiefkühlpizza in den Mund, schließe die Augen und spüre kurz das Gefühl, den Geschmack von früher. Als man jung war und frei und glaube, noch ein Leben zu leben zu haben! Bis dann von nebenan das Krakeele wieder losgeht, wer jetzt den Spielzuegbagger fahren darf und die Liebste eine Diskussion eröffnen will, ob die Einladungskarten zum Kindergeburtstag nicht doch besser auf farbiges Papier gedruckt werden sollten.
Machen wir uns nichts vor. Noch schaltet man vielleicht ab und an bei Böhmermann rein. Aber der Tatort ist auch schon ganz ok. Und im Anschluß an ein, zwei Jahrzehnte Tatort folgt gleich das Musikantenstadel. Nach dem Musikantenstadl versucht sich ein mäßig begnadeter Kirchenorganist noch ein Mal an Von guten Mächten wunderbar geborgen, und das war's dann.
Nein, setzt mir als Symbol der Hoffnung auf ein ewiges Leben kein Kreuz auf mein Grab! Legt mir Tiefkühlpizzen darauf!

Mittwoch, 13. Januar 2016

Das Böse unter uns

Im Jahr 2015 sind laut Bundesinnenministerium 1 091 894 neu eingetroffene Menschen in Deutschland als Asylsuchende registriert worden.

Die Stadt Köln hat 1 039 488 Einwohner (Stand 30.6.2014).

2015 ist also ziemlich genau die Bevölkerung einer Stadt wie Köln als Schutzsuchende in Deutschland eingetroffen. Passen diese Menschen zu uns? Sind das nicht womöglich überwiegend Kriminelle, die unser Wertesystem nicht begreifen oder teilen wollen?

Mal gucken.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik des Jahres 2014 für das Stadtgebiet von Köln listet 4 Morde, 21 Fälle von Totschlag, 199 Fälle von Vergewaltigung oder schwerer sexueller Nötigung und 147 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern auf. Außerdem 1 774 Raubdelikte, 3 406 Fälle schwerer oder gefährlicher Körperverletzung und 22 210 Betrugsfälle.

Im Jahr 2013 waren es 10 mal Mord, 25 mal Totschlag, 198 mal Vergewaltigung oder schwere sexuelle Nötigung, 163 mal Kindesmissbrauch, sowie 1 851 mal Raub, 3 488 mal schwere Körperverletzung und 23 413 mal Betrug.

Für 2012 sind es 10 Morde, 32 Totschläge, 286 Vergewaltigungen, 170 mal Kindesmissbrauch, 1 853 Fälle von Raub, 3 518 schwere Körperverletzungen und 25 344 Betrugsfälle.

Man könnte noch etwas weiter zurück gehen in der Zeit, tut sich aber nicht viel. Die Geschlechtsverteilung unter den Tatverdächtigen ist übrigens auch sehr stabil, es sind immer 74% Männer.

Und damit haben wir doch so eine Vorstellung, wann diese Asylantenflut kriminell ist: Bringen alle 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge zusammen im Jahr nicht wesentlich mehr als so 30 bis 40 Menschen um, Vergewaltigen sie nicht mehr als 200 mal und mißbrauchen sie nicht wesentlich mehr als 150 Kinder, rauben sie nur 1 800 und betrügen sie nur 25 000 mal - und sind dann noch Dreiviertel der Täter Männer - dann passen sie zu uns! Denn dann sind sie im Ganzen weder Heilige noch Monster, sondern ganz normale Menschen wie die, die schon hier sind. Und das Neu-Köln ist nicht krimineller als das alte Köln, das wir haben seit die Südländer kamen es uns an den Rhein bauten.

Das nur mal so als Erinnerung, wenn einmal mehr irgendwo zu sehen oder zu lesen ist, welches Verbrechen aktuell wieder von "als Flüchtling in Deutschland registrierten" Personen begangen worden sei…


PS:
1) Nein, ich will damit die kein Verbrechen verharmlosen, ich halte auch jede der genannten schweren Straftaten für eine zuviel.
2) Ja, ich weiß, daß in Großstädten die Verbrechensraten höher sind als im Mittel der Bevölkerung und daher ein Vergleich mit den bundesweiten Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik angemessener wäre. Dabei geht aber die Anschaulichkeit etwas verloren. Wer will, dann einen Abschlag nehmen, die wesentliche Botschaft ändert sich dadurch nicht.

Freitag, 8. Januar 2016

Erster Eindruck 16

Auf dem Bürgersteig stehe ich mir die Beine in den Bauch beim Warten. Bus kommt, Bus fährt weg. Ein Taxi hupt. Noch ein Bus kommt. Alles langweilig… Ein alter Mann tritt aus dem Hauseingang neben mir. Vorgebeugt, in der einen Hand einen schwarzen Gehstock, mit der anderen eine Einkaufstasche mit Rollen hinter sich her ziehend, schafft er es mühsam durch die Haustüre. Auf der Strasse fällt sein Blick auf ein Stück Müll direkt vor seiner Tür, eine dieser kleinen, weißen, dreieckigen Papiertaschen, in die das Dönerbrot gesteckt wird. Missmutig versucht er, das Papierstück mit dem gummierten Ende seines Stocks wegzuschieben. Doch die eingetrocknete Knoblauchsauce pappt es fest an die schmuddeligen Platten des Bürgersteigs und erst nach etlichen Versuchen gelingt es ihm, das Papier zu lösen und wenigstens einige Zentimeter weit zu bewegen. Er beginnt, halblaut vor sich hin zu fluchen. "Dreck! Alles Dreck hier! Dreck!" Unbeholfen stochert er weiter mit seinem Stock nach dem störenden Objekt um es von seiner Tür fortzukriegen. Dann wird ihm bewusst, daß ich ihn beobachte. Zustimmungsheischend blickt er zu mir rüber als er meint: "Immer nur Dreck hier! Alles voll Dreck! Immer mehr Dreck!" Was soll man da sagen? Also sage ich mit fester Stimme: "Ein Mann wird an der Stärke seiner Feinde gemessen!"
Er blickt mich regungslos an, nur ein Zucken in den Augenwinkeln verrät  eine gewisse Irritation. Dann stochert er wortlos und entschlossen weiter nach dem Stück Papier, bis es ihm nach Minuten endlich gelingt, es über die Einfassung eines Strassenbaums zu bugsieren, wo es zwischen Zigarettenkippen und Hundekot seine vorläufige Ruhestätte findet. Der alte Mann nimmt sich wieder die Rolltasche und entschwindet ganz langsam die Strasse entlang.
Was soll man da sagen?
Ein jedes Ding an seinem Ort / Erspart viel Müh' und böses Wort.

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Süßer die Glocken nie klingen

Es ist Weihnachten, das Fest der Liebe, und ich finde, da ist es an der Zeit, hier mal ein paar Dinge klarzustellen.

Erstens:
Niemand von Euch hat mich gebeten, hier irgendeine Zeile zu schreiben, und ich habe niemanden hier gebeten, eine Zeile davon zu lesen! Ich kann jeden Tag aufhören, irgendwas hier zu fabrizieren und Ihr könnt jeden Tag damit aufhören, hier reinzugucken. Eine bessere Basis für eine Beziehung kann es überhaupt nicht geben! Also ersparen wir uns einfach dieses ganze elende, verfickte, scheinheilige Danke für Euer Interesse - Danke für die Texte -Scheiße!

Zweitens:
Weihnachten ist Scheiße, und zwar so richtig, da braucht man gar nicht erst rumzusülzen! Was soll denn das Beste an Weihnachten sein? Zeit mit seinen Liebsten zu verbringen? Wer wirklich Wert darauf legt, Zeit mit jemandem zu verbringen, der wird das ganze Jahr Gelegenheit dazu finden (Ganz sicher, ich hatte schon mal eine Fernbeziehung!). Ist ein Anlass wie Weihnachten dazu nötig, jemanden zu sehen, dann ist doch ganz klar, daß man im Grunde wirklich Besseres zu tun hat!

Drittens:
Hat Jesus vielleicht gesagt, daß wir zu seinem Geburtstag einen Tannenbaum abhacken, in die Bude schleppen und mit bunten Kugeln behängen sollen? Weihnachten ist das Überstülpen christlicher Ideen über einen Heidenkult, und den christlichen Ideen wird jetzt der Götzenkult des Konsums übergestülpt. Da brauchen sich die Pfaffen nicht beklagen und die Kirchensteuerchristen nicht rausreden. Vom Bescheuerten über Bescheuertes zum Bescheuertem, was soll's? Nein! Ich hab überhaupt nichts gegen bescheuerte Bräuche, gar nichts! Aber können die nicht wenigstens Spass machen? Könnte man die dunkelste Jahreszeit nicht feiern, indem man sich drei Tage lang volltrunken und nackt mit seinen Freunden und Bekannten in der Wohnung einschließt? Das könnte wenigstens unterhaltsam werden! Stattdessen latscht man erst durch überfüllte Fußgängerzonen und sitzt dann vor ein paar verkackten Kerzen, lauscht schleimiger Drecksmusik und das Spannendste sind die Gebrauchsanleitungen für den neuen Fotoapparat! Boah, nee!

So. Musste ja auch mal gesagt sein. Also dann, frohes Fest!