Donnerstag, 30. Dezember 2010

Mit Pornos die Psi-Kraft wecken

Zum Jahresende wird's dann doch noch mal unheimlich! Denn D. J. Bem, ein Psychologe an der Cornell University, hat eine Vorabversion eines Fachartikels bereitgestellt, in der es um nichts Geringeres als den experimentellen Nachweis von Psi-Kräften geht! Der vielversprechende Titel: "Die Zukunft fühlen: Experimentelle Beweise für anormale rückwirkende Einflüsse auf Kognition und Affekt" (Feeling the Future: Experimental Evidence for Anormalous Retroactive Influences on Cognition and Affect). Und in diesem Artikel werden neun psychologische Experimente und ihre Ergebnisse vorgestellt, die es in der Tat in sich haben! Denn es wird Anspruch auf den Nachweis erhoben, das zukünftige Ereignisse, deren Eintreten nicht determiniert ist, das Denken und Handeln beeinflussen können. So soll es Menschen möglich sein, den Ort des Auftauches von Pornobildern (oder Darstellungen von "Paaren, die in nicht gewalttätigen und einvernehmlichen, aber expliziten sexuellen Handlungen involviert sind", wie es der Wissenschaftler formuliert) am Computerbildschirm zu kennen, noch bevor ein Zufallsgenerator diesen Ort festgelegt hat. Oder man soll sich besser an Worte erinnern, die man in der Zukunft lernen wird, selbst wenn man gar nicht weiß, daß man sie lernen wird und ein Zufallsgenerator die zu lernenden Worte noch gar nicht bestimmt hat. Die Forschungsergebnisse sind natürlich spektakulär, so daß ich mal vergessen will, daß ich weder Psychologe noch Statistiker bin, um doch mal einen tieferen Blick in den Artikel zu werfen!

Natürlich sind die anormalen Einflüsse der Zukunft auf gegenwärtige Entscheidungen sehr klein. Wären sie es nicht, man würde sie ja im Alltag bemerken. Die geringe Stärke dieser Effekte zwingt einen allerdings dazu, statistische Rechnungen durchzuführen, um zu entscheiden, ob der beobachtete Effekt bloßer Zufall ist, oder echte "Psi-Kräfte" am Werk sind. Am einfachsten zeigt sich dies am ersten Experiment des Artikels. Dort sollen Probanden vorhersagen, in welchem von zwei Feldern auf dem Bildschirm ein Bild auftauchen wird. Nach der Wahl des Probanden wählt ein Zufallsgenerator das Feld aus, auf dem das Bild dann gezeigt wird. Wäre nur der Zufall am Werk, man sollte im Mittel 50% richtige Vorhersagen erwarten. Wenn es aber um Pornobilder geht, lag die Trefferquote bei 53,1%, also leicht über der erwarteten Trefferrate durch Zufall. Ist das nun ein Beweis für eine rätselhafte Vorhersage der Zukunft? Um das zu entscheiden, braucht man die Statistik. Denn wenn man nur wenige Versuche durchführt, wird es nicht unwahrscheinlich sein, vom theoretischen Mittelwert abzuweichen, auch wenn nur purer Zufall im Spiel ist. Wenn man etwa eine Münze nur zwanzig mal wirft, wird es nicht besonders verdächtig erscheinen, wenn man 12 mal "Kopf" und nur 8 mal "Zahl" geworfen hat. Wenn man aber zwei Million mal die Münze wirft, und man 1,2 Mio. mal "Kopf" und nur 800 000 mal "Zahl" bekommen hat, dann würde vieleicht doch der Verdach aufkommen, daß die Münze leicht manipuliert wurde. Und so muß man auch im Artikel entscheiden, was noch normaler Zufall ist, und was schon ein echter Effekt. Und dazu werden vom Autor des Artikels auch eine ganze Reihe statistischer Testmethoden herangezogen, deren Ergebnisse fast durchgängig lauten, daß die Wahrscheinlichkeiten für ein rein zufälliges Zustandekommen der Versuchsergebnisse bei so um die 1% für die einzelnen Experimente liegen. Für ein Experiment mag das noch nicht so beeindruckend sein, aber bei neun Experimenten? Das ist dann schon bemerkenswert, und man möchte die Ergebnisse gerne mal genauer ansehen! Aber da beginnen dann die Probleme.

Denn im Artikel werden die tatsächlichen Versuchsergebnisse fast gar nicht präsentiert, und es ist kaum möglich, die angegebenen Wahrscheinlichkeitswerte für das zufällige Zustandekommen der Ergebnisse nachzurechnen. Das einzige, was für manche Versuche möglich ist, ist das überprüfen der "Binomialtests", die der Autor durchgeführt hat. Und da begegnen einem kleine Merkwürdigkeiten...

Fangen wir mit Experiment 1, dem mit den Pornobildern, an. In der Versuchsbeschreibung steht, daß einmal 40 Testpersonen je zwölf Rateversuche mit Pornobildern, als negativ empfundenen Bildern und neutral wirkenden Bildern ausgeführt haben. Weitere 60 Testpersonen haben je 18 Versuche mit Pornobildern und nichterotischen, aber positiv belegten Bildern vorgenommen. Also sollten insgesamt 40 mal 12 plus 60 mal 18, d.h. 1560 Versuche mit erotischen Bildern durchgeführt worden sein. Von allen Versuchen mit erotischen Bildern sollen in 53,1% richtige Vorhersagen gemacht worden sein. Das wären also 828 oder 829 Treffer, genau läßt sich das bei der Rundung auf eine Nachkommastelle nicht sagen. Dieses Ergebnis hat der Autor einem Binomialtest gegen die Hypothese, daß das Versuchsergebnis nur Zufall ist, getestet. Dabei gibt er einen z-Wert von 2,30 und eine Wahrscheinlichkeit p dafür, daß man 828 (oder 829?) Treffer oder mehr bei 1560 Rateversuchen hat, von 1.1% an.
Rechnen wir nach. Den z-Wert erhält man, indem man den gemessenen Wert (hier: 828 oder 829) auf eine Normalverteilung mit Mittelwert 0 und Standardabweichung 1 umrechnet. Die Umrechnung sollte im vorliegenden Fall sehr einfach sein, denn die Meßergebnisse sollten, wenn nur der Zufall im Spiel ist, einer Binomialverteilung mit p = 0,5 folgen. Bei n Versuchen (hier ist n = 1560) ist der Erwartungswert dann n/p und die Varianz ist die Quadratwurzel aus np(1-p). Um zum z-Wert zu gelangen, muß vom Wert der Erwarungswert abgezogen werden, und durch die Varianz geteilt werden. Mit den angegeben Zahlen (p = 0,5, n = 1560) kommt man damit auf einen z-Wert von 2,43 (für 828 Treffer) oder 2,48 (für 829 Treffer), aber nicht auf 2,30, wie im Artikel genannt. Keine Ahnung, was hier falsch ist.
Die Wahrscheinlichkeit p läßt sich direkt aus der kumulativen Binomialverteilung bestimmen. Für 828 Treffer wäre die 0,81%, für 0,70%, aber nicht 1,1% wie im Artikel. Allerdings erhält man die angegeben 1,1%, wenn man den z-Wert von 2,30 nimmt, und eine Normalverteilung annimmt. Offensichtlich sind alle Wahrscheinlichkeiten im Artikel nicht aus der Binomialverteilung direkt, sondern über den z-Wert aus einer Normalverteilung berechnet worden. Das ist vieleicht nicht sehr elegant, verursacht aber nur einen kleinen Fehler.

Woher nun die Abweichungen zwischen dem obigen Nachrechnen und dem Artikel kommen, weiß ich leider nicht (Kommentare erwünscht!). Aber es gibt noch einige wenige weitere Fälle im Artikel, bei denen man den Binomialtest nachrechnen kann. Und da sind die gefundenen Abweichungen nur sehr klein, dafür aber umso merkwürdiger.
Nehmen wir erst mal Tabelle 2. In der zweiten Spalte sind da die Ergebnisse für Experiment 2 angegeben. Unter insgesamt 5400 Versuchen waren 2790 Treffer, d.h. die Trefferrate lag bei 51,7% (richtig). Der z-Wert dazu wird mit 2,44 angegeben. Rechnet man selber nach, so findet man 2,45. Das ist noch nicht sehr dramatisch, und den Wert für p von 0.7% ergibt sich aus der Normalverteilung sowohl für 2,44 als auch für 2,45. Vieleicht nur ein kleiner Rundungsfehler.
Gehen wir zur Tabelle 3. Hier finden sich 963 Treffer für 1800 Versuche, also eine Rate von 53,5% (richtig). Der angegebene z-Wert liegt bei 2,95. Wenn man nachrechnet, findet man aber 2,97. Das ist schon merkwürdiger. Der Wert von p von 0.2% muß dann auch mit z = 2,95 ausgerechnet worden sein, denn mit z = 2,97 würde man einen Wert von p=0.1% erhalten.
Noch merkwürdiger wird es, wenn wir in Tabelle 6 des Artikels gehen und dort die Zahlen des Binomialtests nachrechnen. Hier finden sich bei insgesamt 2304 Versuchen 1105 Treffer, also eine Rate von 48,0%, und nicht 47,9% wie im Artikel. Als z-Wert wird -1.94 angegeben, und p ist mit diesem z-Wert ausgerechnet worden. Wenn man nachrechnet findet man dagegen ein z von -1.96.

Fazit:
Die Wahrscheinlichkeiten p sind nicht aus den Versuchsergebnissen direkt ausgerechnet worden, sondern aus den z-Werten. Die z-Werte passen nicht zu den angegebenen Versuchsergebnissen. Die Abweichungen sind sehr klein, an der letzten angegebenen Stelle, aber nicht nur eine, sondern auch zwei Ziffern daneben, was gegen einen simplen Rundungsfehler spricht.

Woher diese Abweichungen kommen, weiß ich natürlich nicht. Aber wir können ja ein kleines Gedankenspiel machen. Angenommen, ich habe n Versuche durchgeführt. Nehmen wir weiter an, ich interessiere mich gar nicht so sehr für die tatsächliche Anzahl von Treffern, die erreicht wurde, sondern ich will lieber einen bestimmten z-Wert haben, der ein Versuchsergebnis durch puren Zufall unwahrscheinlich macht. Dann suche ich mir einen z-Wert aus, den ich gerne hätte. Mit dem berechne ich dann die Wahrscheinlichkeit p. Nur muß ich jetzt noch die richtige Anzahl von Treffern finden, die ich experimentell bestimmt haben müßte. Also rechne ich mit n und dem z-Wert zurück auf die Zahl der Treffer. Nur muß die Zahl der Treffer natürlich eine ganze Zahl sein, also runde ich mein Ergebnis durch Rückrechnen auf die nächste ganze Zahl. Würde ich so vorgehen, käme ich für Tabelle 6 mit meinem z von -1.94 auf 1105,44 Treffer, also 1105, wie angegeben. Für Tabelle 3 gibt das mit festem z = 2,95 dann 962,58, also 963 Treffer, wie angegeben. Und für Tabelle 2, mit z = 2,44, bekomme ich 2789,65 Treffer, zu Runden auf 2790, wie angegeben. So hätte ich dann exakt die Trefferzahlen, z-Werte und Wahrscheinlichkeiten p, die in den Tabellen der Arbeit angegeben sind.
Die winzigen Abweichungen zwischen den nachgerechneten z-Werten und den im Artikel angegeben z-Werten lassen sich also problemlos verstehen, wenn man annimmt, daß die Schlußfolgerungen der Arbeit nicht aus den Versuchsergebnissen bestimmt wurden, sondern die Versuchsergebnisse aus den Schlußfolgerungen.
Und wieder einmal bin ich froh, mein Blog anonym zu betreiben... ;-) Aber vieleicht mache ich ja auch einen Fehler. Auf jeden Fall traue ich dem spektakulären Nachweis von Psi-Kräften erst mal kein winzig kleines bisschen! Und ob sich das in Zukunft noch ändern wird, dieses Wissen muß wohl noch in meinem Unterbewußten versteckt sein.

Montag, 27. Dezember 2010

Hegel-Preis für Mißachtung der Logik 2010

Ein Jahr geht seinem Ende entgegen, und wieder einmal prasseln all die unumgänglichen Rückblicke und Würdigungen auf einen nieder. Und es werden die Nobelpreise und Ig-nobel-Preise verliehen, das Wort und das Unwort des Jahres ausgezeichnet, doch eine kritische Würdigung vermisst man schmerzlich: Den Preis für die herausragendste Mißachtung der Logik des Jahres. Und diese Lücke wird dieses Blog nun schließen und den erstmals den Hegelpreis für die Mißachtung der Logik vergeben! Unsinnige Schlußfolgerungen aus dämlichen Prämissen zu ziehen ist ja so alltäglich, daß es einem nicht mehr weiter auffällt. Ja, ganze Berufgruppen leben gut davon. Umso mehr sollte man die wenigen hellen Geister schätzen, die sich erst gar nicht lange um die landläufigen Regeln logischen Schließens, um Unterschiede zwischen Korrelation und Kausalität, oder einfach nur um die Bedeutung von Begriffen scheren, sondern gleich kreativ und ungehemmt zu genehmen neuen Erkenntnissen voranschreiten. Nicht ganz klar, was gemeint ist? Dann Schluss mit der Theorie, schreiten wir gleich zu den Nominierungen für 2010 voran, dann wird auch klar, worum es geht!
Und hier sind sie! Eine Jury aus ausgewählten Autoren dieses Blogs hat einstimmig die folgenden Personen aus preiswürdige Nominierungen ausgewäht. Nachnominierungen sind auf formlosen, begründetem Antrag hin möglich. Die Kandidaten in chronologischer Reihenfolge:


Kandidat A: Kardinal Christoph Schönborn, Wien, Berufsgläubischer

Die erste Nominierung geht vedient an einen Experten fürs Kinderficken aus dem katholischen Klerus. Auf kat.net vom 5. März 2010 wird der Kardinal zitiert mit:
"Wenn der Zölibat Schuld [an sexuellem Mißbrauch] hätte, dann dürfte es in den Familien keinen Missbrauch geben."
Genau. Vermutlich muß man erst Jahre des Theologiestudiums bewältigen, um diesen Schluß einleuchtend zu finden. Hat man die Schlußweise aber erst einmal verinnerlicht, dann leuchtet einem einiges weitere ein: Wenn Alkoholkonsum Schuld an Verkehrsunfällen hätte, dann dürften nüchterne Menschen keine Unfälle haben. Schade, daß es ausgerechnet die Protestantin Käßmann sein mußte, die diesen Folgerung bis zur letzten Konsequenz trieb!

Kandidat B: Anton Stucki, Treuenbrietzen, Klärwerksbereiber
Herr Stucki beschallt in seiner Kläranlage Bakterien mit Musik von Mozart, um sie zu besserer Wasseraufbereitung zu animieren. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 2. Juni 2010 erklärt er die Logik hinter diesem originellen Vorgehen mit den Worten:
"Seine [d.h. Mozarts] Musik wirkt auf Menschen jeglichen Alters und jeglicher kultureller Herkunft. Warum also nicht auch auf Mikroben? Mikroben sind doch Wesen wie wir."
Genau. Zumindest wie die meisten von uns. Und Menschen jeglichen Alters und jeglicher kultureller Herkunft finden Klärbecken eklig. Die Frage, warum Mikroben sich trotzdem darin wohl fühlen, harrt als das "Stucki-Paradoxon" weiter ihrer Beantwortung durch einen kompetenten Klärwerksbetreiber!
Nicht tiefsinnig, aber schön, und so ebenfalls verdient nominiert.

Kandidat C: Dirk Niebel, Berlin, Entwicklungshilfeminister
2010 war ja ein Fußballjahr, da muß also auch ein Kommentar zum Fußball her. Und den hat Herr Niebel geliefert, auch wenn ich mir nicht sicher bin, wie ernst das gemeint war. Zwar ist die FDP ja die kompetente Spaßpartei (Steuersenkungen für Hotelübernachtungen, spätrömische Dekandenz beim Hartz IV,...), aber bei Politikern weiß man ja nie...
In einem Interview mit der Leipziger Volkszeitung vom 16. Juni, also nach erst einem Spiel der deutschen Mannschaft bei der WM, begründete er den Weltmeistertitel für Deutschland wiefolgt:
"Deutschland wird deshalb Weltmeister, weil Deutschland immer nur dann Weltmeister geworden ist, wenn die FDP in einer Bundesregierung gewesen ist."
Mit induktiver Logik in die bunte Welt der Kausalität! Die Tatsache, daß ich immer nur dann Sex hatte, wenn die CDU oder SPD den Kanzler stellten, sollte ich endlich mal in meine Wahlentscheidungen einfließen lassen! Danke, FDP! Dafür gibt's eine Nominierung auf dem Startplatz C.

Und schließlich:

Kandidat D: Roland Düringer, Wien, Komiker
Gleich noch eine Nominierung geht nach Österreich! Die Frage "Gibt es für Sie Gott?" beantwortete er im Kurier vom 21. Oktober vollendet mit: "Ja, natürlich. In dem Sinn, dass man das Wort Gott durchstreicht und dafür das Wort Leben hinschreibt: Mir hat noch keiner erklären können, was das Leben ist. Das ist das große Mysterium, weswegen die Wissenschaftler in der Schweiz Teilchen im Kreis schicken. Dabei haben die Indianer eh schon alles gewusst." Mal abgesehen davon, daß die Weißkittel zur Beantwortung der Frage, was das Leben ist, statt Teilchen im Kreis zu schicken, einfach mal bei Winnetou nachfragen sollten - ich selber bin auch überzeugt, daß es Gott gibt, sofern man "Gott" durch "Wackeldackel" ersetzt! Und Spinat schmeckt viel besser, wenn man ihn vor dem Servieren durch ein Steak ersetzt! Soviel einleuchtende Argumentation muß mit einer Nominierung belohnt werden!

Und jetzt ist der Leser gefragt, denn hier geht es ganz basisdemokratisch zu! Einfach in der Kopfzeile des Blogs abstimmen, wer der erste Träger des Hegelpreises für die Mißachtung der Logik werden soll!
Am 1. Februar wird der Gewinner verkündet und im Rahmen einer Feierstunde auf diesem Blog nicht über seinen Erfolg informiert!

Guten Rutsch!


Donnerstag, 23. Dezember 2010

Mal wieder eine Runde glauben

Die Behauptung, Atheismus sei auch eine Form von Glaube (oder zumindest was für diese Behauptung gehalten wird) würde ja durch Wiederholung auch nicht besser werden. So kann man es zumindest hören bzw. lesen. Aber ich bin nunmal nicht lernfähig, und so widme ich mich noch einmal aufs Neue diesem Thema, mal wieder von einer anderen Seite. Denn kaum eine Ablehnung, der nicht entgegen gehalten wird, wie es besser ginge. Und im Fall des Glaubens ist das typischerweise die Wissenschaft, zumindest die empirischen Wissenschaften, oder noch weiter eingeengt, die Naturwissenschaften. Also gehen wir mal der Frage nach, was denn eine empirische Wissenschaft zu einer solchen macht. Laaaangweilig! Denn natürlich herrscht herrliche Eintracht darin, daß es die Überprüfbarkeit einer Theorie an der Erfahrung, und insbesondere ihre Widerlegbarkeit durch Erfahrung ist, die eine Theorie zu der einer empirischen Wissenschaft macht. Gehen wir hier aber trotzdem noch ein bisschen weiter ins Detail.

Die Forderung nach Widerlegbarkeit, d.h. Falsifizierbarkeit, stellt genau betrachtet zwei Anforderungen an eine Aussage. Erst einmal muß eine Aussage eine logische Form haben, die eine Widerlegung erlaubt. Die schöne Beispielaussage Alle Junggesellen sind ledig ist nicht widerlegbar, und das aufgrund ihrer logischen Form. Ihre Richtigkeit wird durch die Bedeutung ihrer Bestandteile sichergestellt, und man mag eine solche Aussage analytisch nennen. (Das auch dieser Punkt so seine Schwierigkeiten mit sich bringt sei heute mal ignoriert.) Wenn die logische Form einer Aussage eine Widerlegung erlaubt, heißt das aber noch nicht, daß sie auch durch Erfahrung, d.h. Beobachtung der Welt, widerlegt werden kann. Die Aussage Gott will, daß jeder, der Sex mit einer Menstruierenden hat, umgebracht wird (Lev 20, 18) erlaubt zwar logisch eine Widerlegung, nicht aber eine Widerlegung durch Beobachtungen der Welt. Daher die Verschärfung, neben der logischen Widerlegbarkeit eine empirische Widerlegbarkeit zu fordern.
Somit hat man nun eine wunderbar geordnete Welt. Einmal hat an die analytischen Aussagen, die man für bestenfalls langweilig halten kann. Dann gibt es da die logisch, aber nicht empirisch widerlegbaren Aussagen, die sind schlecht. Und dann hat man die empirisch widerlegbaren Aussagen, die sind gut und wissenschaftlich. Nur, gehen wir bei den empirisch widerlegbaren Aussagen noch ein bisschen weiter ins Detail.

Wann ist denn eine Aussage empirisch widerlegbar? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, wenn man es mal genau nimmt. Draußen regnet es kann man ja noch offensichtlich empirisch überprüfen. Und wie ist es dann mit Morgen wird es hier regnen? Bis morgen kann man ja noch warten, und dann prüfen. Und wie ist es mit In genau 100 Jahren wird es hier regenen? Oder mit In genau 2 Mio. Jahren wird es hier regnen? Betrachtet man all diese Sätze als im gleichen Maße widerlegbar? Vermutlich nicht, aber wo legt man dann die Grenze?
Aber werden wir etwas prinzipieller. Die Frage, wann man eine Aussage als empirisch widerlegbar anerkennt, führt offenbar auf die Frage, welche Methoden man zur Überprüfung einer Aussage zulässt. Und 2 Mio. Jahre warten oder Eingeweideschau wird man nicht zulassen, sondern nur Methoden, die "wissenschaftlich" sind. Damit ist die Frage nach dem, was eine (empirische) Wissenschaft ist, nichts anderes als die Frage nach den Methoden, die zugelassen werden. Und die können sich dramatisch ändern.

Zunächst mal können sie sich innerhalb einer wissenschaftlichen Disziplin mit der Zeit ändern. Ein Paradebeispiel ist sicherlich die Einführung des Teleskops in die Astronomie. Ein guter Teil des Widerstands, den Galilei zu spüren bekam, rührte daher, daß seine Zeitgenossen ein Fernrohr nicht als Instrument der Wissensgewinnung über den Himmel zulassen wollten. Diese Ablehnung hatte metaphysische Gründe. Die Sphären des Himmels waren grundsätzlich anderer Natur als die Erde, und nur weil ein Fernrohr bei der Beobachtung irdischer Objekte gut funktioniert, heißt das noch nicht, daß es auch zur Beobachtung himmlischer Objekte brauchbar ist. Und heute hat sich diese Einstellung komplett umgekehrt. Heute nimmt man an, daß die selben Naturgesetze, die auf der Erde herrschen, unverändert bis in die fernste Region des Universums anwendbar sind. Auch dies ist letztlich eine metaphysische Annahme. Sie ist zwar logisch falsifizierbar, nicht aber empirisch, und somit selbst nicht (natur-)wissenschaftlich.
Und auch von Fach zu Fach sind die Methoden unterschiedlich. Auch hier kann man ein neueres Beispiel aus der Astronomie heranziehen. Man sucht etwa nach Objekten im äußerem Sonnensystem, indem man nach Bedeckungen von Sternen durch solche Objekte sucht. Eine solche Messung wäre dann prinzipiell einmalig und nicht wiederholbar. Sicherlich wäre Wissensgewinn durch einmalige, nicht wiederholbare und nicht von anderen überprüfbare Messungen für die Physik ein Albtraum. Astronomen scheinen da in ihrer Not flexibler zu sein. Ein weiteres schönes Beispiel ist die Evolutionstheorie, bei der man die Anforderungen verglichen zur Physik deutlich herunterzuschrauben bereit ist (Die am besten angepassten Lebewesen überleben. Und am besten angepasst sind die Lebewesen, die überlebt haben. Solche Strukturen läßt man der Evolutionstheorie auch als Physiker - zu recht - durchgehen. Bei der Psychoanalytik tendieren Physiker wohl dazu, methodisch pingeliger zu sein.)

Also wieder zurück zur eigentlichen Frage, was (empirische) Wissenschaft denn von anderen Gedankengebäuden unterscheidet. Letztlich sind dies also die zugelassenen Methoden. Und die unterscheiden sich von Fachdisziplin zu Fachdisziplin und sind einem zeitlichen Wandel unterworfen. In die Zulassung von Methoden fließen zudem metaphysische Überlegungen wesentlich mit ein (worunter hier empirisch nicht widerlegbare Überlegungen verstanden sein).
Und die Behauptung, wissenschaftliche Erkenntnisse seien ihrem Wesen nach anderen, insbesondere religiösen, Interpretationen der Welt überlegen, reduziert sich somit letztendlich auf die Behauptung, bestimmte empirisch nicht widerlegbare Annahmen seinen anderen empirisch nicht widerlegbaren Annahmen vorzuziehen. Und das mag ja auch so sein. Bloß - einen prinzipiellen Unterschied kann ich hier leider nicht sehen.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Lieber Andreas Müller!

Eigentlich ist für sowas ja Kommentarfunktion im Blog gedacht, aber nun muß ich eben durch einen eigenen Blogbeitrag auf Ihren Text Langweilig antworten. Ich will dies auch ausführlich und sachlich tun, und vieleicht können Sie ja auch, zumindest einmal und kurz, auf das übliche Geschreie und Zuspitzen verzichten? Ein Versuch...

Gehen wir der Reihe nach vor. Zunächst zu mir und meinem Blog. Eigentlich eher nebensächlich, aber mir doch ein Bedürfnis:
Sie werfen diesem Blog vor, es sei "einigermaßen konfus". Und tatsächlich bin ich mir darüber klar, daß seine thematische Vielfalt das Lesen erschwert. Dennoch habe ich mich bewußt dafür entschieden, alle Themen, zu denen ich mich äußern möchte, in einem Blog zusammenzufassen. Denn bei den meisten mehr oder weniger monothematischen Blogs habe ich den Eindruck, daß sie nur von einer Gruppe Gleichdenkender und deren erbitterten Gegenern gelesen werden, und Kontakt mit anderen Sichtweisen und Themen kaum stattfindet. Auf eine solche "geschlossene Gesellschaft" möchte ich nach Möglichkeit verzichten, auch wenn darunter die Lesbarkeit und die Zugriffsraten leiden sollten. Und sollte jemand partout nur ein einem Thema interessiert sein, so gibt es ja immer noch die Sortierung nach Rubriken.
Den zweiten Vorwurf, ich weigere mich, Stellung zu beziehen, finde ich ziemlich unpassend, denn ich habe den starken Eindruck, daß Sie sich nicht die Mühe gemacht haben, einige meiner eher trockenen Texte unter der Rubrik "Atheismus" oder "Religion" zu lesen. Allerdings muß ich zugeben, daß ich mich scheue, ein "Etikett" an meine Meinung zu kleben. Ich bin selber Atheist, dieses Wort scheint mir am besten zu passen, allerdings mit der unter Atheisten weit verbreiteten Wissenschaftsgläubigkeit und der meiner Auffassung nach überzogenen philosophischen Selbstsicherheit sehr unzufrieden. Darüber hinaus bin ich ganz ausgesprochener "Relativist". Allerdings heißt das nicht, daß ich mich grundsätzlich scheue, Urteile zu sprechen. Ich bin mir allerdings bewußt, daß es für keines meiner persönlichen Urteile, seien es ethische, politische oder gar wissenschaftliche, eine letzte und sichere Begründung gibt. Die Verantwortung, etwas zu tun oder nicht zu tun, bleibt bei mir alleine. Insofern bin ich selber auch "Fundamentalist", als daß meine Handlungen meiner persönlichen Überzeugungen entspringen, aber wiederum kein Fundamentalist, weil ich meine Überzeugungen keinesfalls als in irgendeiner Weise privilegiert empfinde.

Nun aber zum eigentlichen Thema. Aus ihrer Position zur Ethik werde ich nicht so recht schlau. Einerseits scheinen Sie einem "eliminatorischen Physikalismus" nahe zu stehen? Auf der anderen Seite wollen Sie Ethik mit wissenschaftlichen Methoden objektivieren?
Das Problem liegt meiner Meinung nach darin, daß ethische Sätze, darunter will ich hier Sätze der Form "Man soll..." bzw "Man soll nicht..." verstehen, nicht aus wissenschaftlichen Sätzen gefolgert werden können. Das verhindert schon die logische Form dieser Sätze (einen naturwissenschaftlichen Satz kann man beispielsweise in prädikatenlogischer Form ausdrücken, einen ethischen Satz nicht, oder?). Und auf diesen grundlegenden Punkt wird, so scheint mir, nirgends in Ihren Texten eingegangen? Auf jeden Fall wird dieser Punkt in dem von Ihnen als Referenztext angegeben link Eine Landschaft der Moral schlicht ignoriert.
Solange aber nicht gezeigt ist, wie ein ethischer Satz aus einem Naturwissenschaftlichen folgen kann, ist jede Ethik mit einem eliminatorischen Physikalismus unvereinbar. Ethik bleibt dann ein von den Naturwissenschaften völlig unabhängiges Gebiet. Will man dann diese strikte Form des Physikalismus beibehalten, muß man sich dazu durchringen, die Existenz von Ethik grundsätzlich zu bestreiten. Was mir aber schlüssig erscheint, denn auch für den freien Willen bleibt im eliminatorischen Physikalismus kein Platz mehr.
Sie scheinen diesen Weg aber nicht zu gehen, oder? Leider verstehe ich Ihre Position zum angegeben Zitat des Herrn Schmidt-Salomon nicht, indem er von einem nicht begründbaren Axiom der Ethik spricht. Sicherlich ist dieses Axiom kein Naturwissenschaftliches, und daher nicht mit einem Physikalismus in Einklang zu bringen. Und die Akzeptanz dieses Axioms ist, völlig unabhängig von jeder Haltung zur Naturwissenschaft, natürlich jedem freigestellt. Es leuchtet mir daher nicht ein, worin nun der Fortschritt oder Vorteil der von Ihnen unterstützten ethischen Theorie liegt?

Es würde mich wundern und freuen, würden Sie die Mühe einer sachlichen und klärenden Erwiderung auf sich nehmen!

Mit freundlichen Grüßen,

Thomas Steinschneider

Dienstag, 14. Dezember 2010

Relativ ignorant - aber ehrlich!

Fast hätte ich ja gemeint, die Giordano-Bruno-Stiftung und der Arbeitskreis Evolutionsbiologie würden leidenschaftlich den Utilitarismus predigen. Schließlich propagiert das von ihnen betriebene Internetportal Evo-Magazin wieder und wieder und wieder das aktuelle Buch von Sam Harris. Aber dann habe ich gesehen, daß sich im Impressum beide Betrieber gleich wieder vom Inhalt der Beiträge im Evo-Magazin distanzieren. Also scheint die "objektive Ethik" eine persönliche Leidenschaft des "Leitenden Redakteurs" Andreas Müller zu sein. Und die ist ganz interessant. Denn hier zeigt sich etwas, das man von religiösen Menschen gut kennt, das aufgeklärte Humanisten in den eigenen Reihen aber gerne und konsequent ignorieren, da es nicht gut in das Selbstbild passt: Man ist von dem überzeugt, wovon man überzeugt sein möchte. Und besonders der letzte Teil der Rezension von Harris' Buch spricht da eine deutlichere Sprache, als es dem Autor womöglich bewußt ist. So findet sich nach einem ungezielten Rundumschlag gegen "feministische Thesen" (mit solch kleineren Ungenauigkeiten wie die Beschwerde, der deutsche Staat würde Geld für "Ökofeminismus" ausgeben, obwohl die gemeinte Professorin ihren Unsinn an der Universität Innsbruck lehrt) und gegen einen ethischen"Relativismus", sowie nach Widerstand gegen die Einsicht, es könne eine kulturabhängige Erkenntnistheorie geben, ein richtig spannender Schluß. Denn es scheint auch dem Autor nicht verborgen geblieben zu sein, daß es einige logische Einwände gegen seine Lieblingsweltsicht gibt. Und was tut der autodidaktische Fundamentalist in einer solchen Situation? Genau - die Logik ist natürlich Unsinn!
Ein Satz wie er frisch von einer Kreationistenwebsite kommen könnte! Und während sich der Autor weiter nicht von "logischen Spielchen" verunsichern läßt, möchte ich ihm für diese herrliche Selbstdarstellung danken!

Auf ewig am Rande des Sonnensystems

Heute ist es passiert! Trommelwirbel... Uuuuund: Raumsonde Voyager 1 hat nach 17,4 Milliarden Kilometern Reise den Rand des Sonnensystems erreicht! Unfassbar! Aber so berichten es heute einmütig die Zeit, die Welt, der Stern, die Frankfurter Rundschau, und viele mehr. Da wird das schon stimmen. Bravo.
Nur... Den Rand des Sonnensystems erreichte Voyager 1 auch schon im November 2003? So berichteten es damals zumindest der Stern (5.11.2003), der Spiegel (6.11.2003), die Süddeutsche (6.11.2003) und die FAZ (6.11.2003).
Und dann erreichte Voyager 1 den Rand des Sonnensystems noch mal im Mai 2005, nachzulesen in Der Standard (25.5.2005), dem Stern (27.5.2005) oder der Welt (29.5.2005).
Aber im Weltraum sind sicherlich die merkwürdigsten Dinge möglich. Und auch ich habe selbst jetzt auf gewisse Weise ein dejà-vu. Aber was soll's:

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Worüber man halt so redet... und wieviel

Immer und immer wieder aufs Neue drängt sich einem der Eindruck auf: über viele Dinge und Personen wird einfach viel zu viel berichtet, diskutiert und spekuliert. Man denke nur an den Fall Kachelmann. Ein Vergewaltigungsvorwurf gegen einen Wettermoderator - man sollte meinen, das reicht gerade mal für eine Kurzmeldung unter "Vermischtes". Und doch scheint dieses Thema in den Medien nahezu allgegenwärtig. Und vor einer Weile war es Sarrazin, dessen Thesen, entweder blödsinnig oder altbekannt, viel zu viel, viel zu oft diskutiert wurden, als sie das objektiv zu verdienen schienen. Nun aber sind solche Einschätzungen, worüber zuviel geredet und berichtet wird, leider eine recht subjektive Angelegenheit, und manch einer wird womöglich zu einer anderen persönlichen Einschätzung kommen. Wie schön wäre es da, wenn man ein sachliches, objektives und klar quantifiziertes Maß dafür hätte, ob ein Thema oder eine Person zu viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommt oder nicht! Und ein solch unbestechliches Maß wollen wir uns jetzt bauen.

Alles, was wir tun müssen, ist beispielsweise die Verwendungshäufigkeit eines Begriffes gegen seine Wichtigkeit aufzutragen. Dann könnten wir überprüfen, in welchem Rahmen sich die normalen Begriffe typischerweise so bewegen. Und man könnte feststellen, welche Begriffe rausfallen, sei es, weil in Bezug auf ihre Wichtigkeit zu viel oder zu wenig über sie geredet wird.
Woher man die Verwendungshäufigkeit eines Begriffes bekommt, ist ja noch ziemlich klar. Man könnte z.B. nachzählen, wie oft der entsprechende Begriff in Zeitungen vorkommt. Das wird allerdings etwas mühsam. Also machen wir es uns hier mal einfach und nehmen einfach mal die Zahl der Treffer bei einer Google-Suche als Maß für die Verwendungshäufigkeit. Um Verwirrungen zu vermeiden, suchen wir dabei nur auf deutschsprachigen Seiten und setzen den Suchbegriff in Anführungszeichen.
Wie aber objektiv die Wichtigkeit eines Begriffs messen? Machen wir es uns auch hier einfach. Nehmen wir mal an, daß ein Begriff (beziehungsweise der Gegenstand, für den der Begriff steht) Wikipedia-Artikel in umso mehr Sprachen hat, je größer seine Bedeutung für die Menschheit ist. Also können wir die Anzahl der Sprachen, in denen es Wikipedia-Artikel zu einem Begriff gibt, als leicht zu bestimmendes Maß für die Wichtigkeit des Begriffs nehmen.
Jetzt wird der ein oder andere sicherlich einwenden wollen, daß dies zwei wirklich sehr grobe und primitive Kriterien für die Verwendungshäufigkeit und die Bedeutung eines Wortes seinen. Und das mag ja sein, aber sehen wir erst mal, ob es diese Kriterien nicht doch schon tun! Wenn es gute Maße sind, dann sollte man eine Korrelation zwischen ihnen erwarten. Denn je wichtiger ein Begriff, desto mehr sollte auch über ihn geredet werden, desto größer sollte also eine Verwendungshäufigkeit sein. Nehmen wir also mal eine Reihe von willkürlich ausgewählten Worten aus der Alltagssprache, von oft verwendeten Worten wie "Haus" oder "Liebe" bis zu eher selten verwendeten wie "Senfgurken" oder "Hachse". Für alle diese Worte bestimmen wir die Verwendungshäufigkeit und die Wichtigkeit. Wenn wir dann beide Zahlen für jedes Wort gegeneinander auftragen, sollte man keine zufällige Verteilung erwarten, sondern einen Zusammenhang zwischen beiden Größen. Und da aus irgendeinem seltsamen Grund solche Dinge wie Worthäufigkeiten etc. gerne Potenzgesetzen gehorchen, tragen wir die Werte in ein doppelt-logarithmisches Diagramm ein, wo wir dann eine Gerade erwarten sollten. Und tatsächlich:
Die Werte für die einzelnen Worte reihen sich grob entlang einer Geraden auf. Die Streuung mag zwar recht groß sein, aber man erkennt deutlich, in welchem Bereich des Häufigkeits-Wichtigkeits-Diagramms man typische Begriffe erwarten kann. Nennen wir diesen Bereich der Einfachheit halber mal die "Hauptreihe". Unsere primitiven Kriterien scheinen also durchaus zu funktionieren. Bevor wir jetzt aber vergleichen können, wo denn die nervigen Begriffe wie "Kachelmann" oder "Sarrazin" in diesem Diagramm zu finden sind, müssen wir noch ein wenig verweilen und uns die Struktur in dem Diagramm noch etwas genauer ansehen.

Es ist ja keinesfalls selbsverständlich, daß alle Begriffe auf derselben "Hauptreihe" liegen. Nehmen wir beispielsweise mal Begriffe aus dem naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Solche Begriffe mögen mitunter eine sehr große Bedeutung haben, obwohl man sie doch eher selten verwendet. Die Worte "Lithium" oder "Molybdän" zum Beispiel benutzt man bestimmt nicht nennenswert häufiger als das Wort "Senfgurke", obwohl die Ersteren in ihrer wirtschaftlichen und technologischen Bedeutung die Senfgurken ganz erheblich übersteigen. Also sollten wir mal eine Reihe von Fachbegriffen aus den Bereichen Physik, Chemie, Astronomie und Geologie nehmen und sehen, wo diese Worte in dem Diagramm liegen. Wenn wir sie in Rot dazu eintragen, sieht das so aus:
Diese Begriffe liegen in der Tat auf einer eigenen Reihe und bei gleicher Bedeutung des Begriffes bei einer geringeren Verwendungshäufigkeit. Nennen wir diesen Bereich mal kurz den "Wissenschaftszweig". Bei einer weiteren gründlichen Untersuchung sollte man bestimmt noch mehr Strukturen finden können. Man denke z.B. mal an die Begriffe aus dem Bereich Sexualität und Erotik. Sicherlich sollten die viel häufiger verwendet werden, als ihre objektive Bedeutung rechtfertigen kann, und sich daher weiter oben in dem Diagramm gruppieren. Wir können aber das Diagramm schon mal in zwei Bereiche einteilen:Was hier auffällt ist noch, daß die Hauptreihe und der Wissenschaftszweig bei großen Bedeutungen, im schraffierten Bereich, zusammen zu laufen scheinen. Hier kommt es allerdings zu einer Art "Sättigung": Auch die Worte mit der höchsten Bedeutung kommen nur auf um die einhundert Sprachen in der Wikipedia. Zwar behauptet die, in ca. 260 Sprachen zu existieren, man findet aber kaum Worte mit Einträgen in mehr als einhundert Sprachen. Hier endet also unsere Skala der Bedeutung, und alle Kurven müssen hier zusammen laufen. Im schraffierten Sättigungsbereich können wir daher keine zuverlässigen Aussagen mehr über die Wichtigkeit von Begriffen machen.
Somit kommen wir zusammengefaßt auf das folgende Übersichtsdiagramm:Begriffe, die in dieser Darstellung oberhalb der Grenze der Hauptreihe liegen, sind überbewertet in dem Sinne, daß mehr über sie berichtet und gesprochen wird, als ihre tatsächliche Bedeutung rechtfertigen würde. Für Begriffe unterhalb der Hauptreihe gilt das Entgegengesetzte.
Nun müssen wir noch sicherstellen, daß auch die typischen Prominenten, die einem nicht sonderlich überpräsent vorkommen, mit der Hauptreihe zusammen fallen, und nicht etwa eine eigene Region im Diagramm bevölkern. Nehmen wir also einige deutsche Prominente mit unterschiedlichen Bekanntheitsgraden und (ohne jemandem persönlich nahetreten zu wollen) unterschiedlichen Bedeutungen. Nehmen wir mal Benedikt XVI, Die Ärzte, Rammstein, Herbert Grönemeyer, Stefan Raab, Herbert Feuerstein, Marie Gruber und Sebastian Koch, und tragen wir sie in Blau ins Übersichtsdiagramm ein:Über den gesamten untersuchten Bereich der Wortbedeutungen fallen alle genau in die Grenzen der Hauptreihe.
Nun endlich können wir mal einige gefühlte Plagen des öffentlichen Lebens hernehmen und sie in das Diagramm eintragen! Nehmen wir also mal Kachelmann, Sarrazin und Franz Josef Wagner, und tragen wir sie in Rot dazu: Und damit haben wir es tatsächlich und endlich offiziell und unumstößlich! Franz Josef Wagner liegt leicht über der Hauptreihe und ist damit gerade eben überpräsent in der öffentlichen Diskussion. Kachelmann und Sarrazin dagegen liegen deutlich über der Hauptreihe. Ihre Namen werden mehrfach häufiger verwendet, als ihre Bedeutungen es rechtfertigen würden!
Was also soll man noch mehr sagen? Ich sollte vieleicht noch die ganze Liste mit Worten nachreichen, die ich zur Bestimmung der Hauptreihe und des Wissenschaftszweiges verwendet habe. Und ansonsten eher mal schweigen...

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Das rechte Lied zur rechten Zeit

Nachdem ich nun für Wochen verhindert war, wird es langsam Zeit, all die wichtigen Betrachtungen zur Lage der Welt wegzubloggen, die sich so angesammelt haben. Und das ist zunächst einmal eine musikalische Angelegenheit. Denn schon vor einer Weile hörte ich als Musikberieselung im Einkaufszentrum den Titel Where the wild roses grow von Kylie Minogue und Nick Cave. Und so sanft und romatisch dieses Lied auch daher kommen mag, ich habe so meine Zweifel, ob es eine gute Untermalung zum Einkaufen darstellt. Denn wenn man auf den Text achtet merkt man, daß es in dem Lied um eine Frau geht, die von einem Liebhaber mit einem Stein erschlagen und in einen Fluß gelegt wird. In Frankreich, also einem Land, in dem die Bevölkerung außer ihrer Muttersprache rein gar nichts zu verstehen in der Lage ist, habe ich sogar einmal in einem Supermarkt das Lied Fire Water Burn von der Bloodhound Gang als Einkaufsuntermalung gehört. Und da gibt es klar vernehmbar die Zeilen
We don't need no water let the motherfucker burn
Burn motherfucker, burn
Und ob man etwa auch die in etwa äquivalenten aber verständlichen Zeilen "Brenne, Votze, brenne" in einem Supermarkt spielen würde? Und kürzlich dann wurde ich vom Privatradio vollends verblüfft. Auf einer Autofahrt hörte ich doch wirklich Hasta Siempre Comandante Che Guevara von Nathalie Cardone - ein ordentliches Revolutionslied auf Cherie FM, einem Sender, der zur NRJ-Gruppe gehört! Anscheinend geht also inzwischen alles! Da bin ich schon gespannt, ob man noch eines Tages hört, wie die Aufzüge im KaDeWe mit der Internationalen berieselt werden, oder, gerade jetzt zur Weihnachtszeit, mit Frohes Fest von den Fantastischen Vier. Wundern würde es mich ja nicht mehr...

Mittwoch, 10. November 2010

Heftpflaster zum Lutschen

Leider komme ich z.Z. ja nicht dazu, hier eifrig zu posten. Das wird sich hoffentlich bald wieder ändern. Zwischenzeitlich aber will ich dann doch kurz auf den dieswöchigen Schwarzbucheintrag des Herrn Wischmeyer zum Thema "Naturheilkunde" verweisen. Wer könnte es besser auf den Punkt bringen als er...? :-)

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Die Politik des Staubkorns

Am sechsten Januar dieses Jahres wurde ein interessanter Himmelskörper in unserem Sonnensystem entdeckt. Das Objekt befindet sich im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter und bekam die wenig romantische aber systematische Kometenbezeichnung P/2010 A2. Diese Klassifikation als Komet verdankt das Objekt seinem diffusen Aussehen - es scheint eine Staubwolke hinter sich her zu ziehen. Zwar kennt man inzwischen einige wenige Kometen im Asteroidengürtel (Beispiel), und doch war man bei dem neu entdeckten Objekt mißtrauisch. Handelt es sich wirklich um einen echten Kometen, d.h. einen Körper, auf dem Eis verdampft und kontinuierlich Staub aufwirbelt, oder ist die Staubwolke das Ergebnis eines Zusammenstoßes zwischen zwei eisfreien Asteroiden? Diese Frage läßt sich beantworten, wenn man die räumliche Verteilung des Staubes untersucht. Das Problem nun ist, daß man P/2010 A2 von der Erde aus einem sehr ungünstigen Blickwinkel sieht. Die Erde steht in etwa in der Bahnebene des Problemkörpers, und man sieht die Verteilung des Staubes quasi "von der Kante aus", und nicht "von oben", wie es nötig wäre, um zu unterscheiden, ob die Wolke die eines Kometen ist oder aber aus Trümmern eines Zusammenstoßes besteht. Man benötigt einen anderen Blickwinkel, weit weg von der Erde. Und den bot die europäische Raumsonde "Rosetta", die auf dem Weg zu Komet Churyumov-Gerasimenko ist und mit ihrer Bordkamera "Osiris" einen völlig anderen Blick auf P/2010 A2 hat als der Beobachter auf der Erde. Und nur dank dieser Beobachtungen kann endgültig entschieden werden, daß es sich tatsächlich um eine Trümmerwolke handelt. Man kann sogar den Zeitpunkt des Zusammenstoßes von P/2010 A2 mit einem kleineren zweiten Asteroiden gut einschränken: die Kollision muß sich um den 10. Februar 2009 herum ereignet haben.
Dies ist ein hübsches Stück Astronomie und ein schönes Beispiel für die Kombination von bodengebundenen Beobachtungen und Beobachtungen mit einer Raumsonde im erdfernen Weltraum. Verständlich also, daß dieses Ergebnis es heute in diverse Medien geschafft hat, z.B. in den Spiegel und die Frankfurter Rundschau. Und hier wird es dann richtig ärgerlich. Denn dort heißt es dann nur: "Die US-Raumfahrtbehörde NASA gibt bekannt...", und dazu gibt es Bilder vom Hubble Space Telescope und Zitate von einem in den USA tätigen Wissenschaftler. Dabei sollte man festhalten:
- Es gibt heute zwei Fachpublikationen im europäischen Fachjournal Nature.
Eine stammt von einem überwiegend europäischen Autorenteam, das den Beweis für den Kollisionsursprung der Wolke liefert. Die andere stammt von einem überwiegend US-amerikanischen Team, das Beobachtungen der Wolke mit dem Hubble Space Telescope analysiert.

- Das Hubble Space Telescope ist, unglaublich aber wahr, ein Gemeinschaftsprojekt der USA und der europäischen Weltraumagentur ESA.

- Die Schlüsselbeobachtungen wurden von der europäischen Raumsonde Rosetta gemacht und in Europa analysiert.

- Es gibt eine Presseerklärung von der NASA, und eine vom deutschen Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, an dem die Kamera "Osiris" an Bord von Rosetta betreut wird.
Und trotz alle dieser intensiven und letztlich entscheidenden Beteidigung europäischer, auch deutscher Forscher taucht in der deutschen Presse als einzige und alleinige Quelle die amerikanische Seite auf. Entweder, die europäische Wissenschaft muß noch eine Menge über Öffentlichkeitsarbeit lernen. Oder deutsche Journalisten müssen ihren Horizont so extrem erweitern, daß sie sich vorstellen können, daß auch europäische Wissenschaft ab und an mal ein bemerkenswertes Ergebnis vorweisen kann.

Kotz.


Nachtrag 15.10.: Zumindest im Artikel auf Spiegel.de taucht jetzt auch der europäische Beitrag auf.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Meinungsfreiheit und Verstandfreiheit

Bisher dachte ich immer, das Gejammer über die angeblich beschnittene Meinungsfreiheit sei ein Phänomen irgendwelcher Spinner, die glauben belegen zu können, daß die Relativitätstheorie falsch sei, und die vom mit Denkverboten belegten Establishment einfach nicht anerkannt werden. Aber vieleicht zahlt es sich noch mal aus, daß ich dieses Blog ohne ausgiebiges Impressum betreibe, denn die Lage scheint viel ernster und das Problem inzwischen im Politischen angekommen. So hatte der Focus am 13.9. in seiner, die gibt wirklich, Rubrik "Philosophie" über den Mangel an großen Denkern in Deutschland geklagt. Beim Focus mutet das zwar an, als würde ein Blinder den Niedergang der Malerei beklagen, aber Schuld hat für ihn eindeutig die soziale "Bestrafung" ungenehmer Meinungen. Um am 2.10. dann stimmt Thea Dorn in der Zeit mit ein. Die traut sich sogar, den Namen Sarrazin zu erwähnen und sieht die Meinungsfreiheit noch nicht in Gefahr, solange der noch einen Verleger findet. Doch auch sie bejammert die "Political Correctness", die "Ecken und Kanten" bei öffentlichen Persönlichkeiten abstraft.
Aber vieleicht sollte man sich doch mal daran erinnern, daß die Meinungsfreiheit beinhaltet, daß ein jeder seine Meinung in Wort, Schrift und Bild verbreiten darf, und das darf ja selbst ein Sarrazin, nicht aber, daß die kundgetane Meinung öffentlich anerkannt, respektiert, ernstgenommen oder honoriert werden muß. Ja, vieleicht ist es mitunter ein Verust, wenn eine nicht respektierte Meinung einfach abgekanzelt wird. Aber darf man Schwachsinn nicht als das behandeln, was er ist? Und gerade das ist all das Geschwafel, das unter verstärkte Meinungsfreiheit gestellt werden soll: ein grob vereinfachendes, undifferenziertes, kurz, populistisches, Geschwätz. Wie soll man damit umgehen? Wie man mit den Kommentaren von Kindern und Idioten verfährt? Das ist zwar Schwachsinn, was Du gesagt hast, aber trotzdem danke, daß Du Dich eingebracht hast? Vieleicht könnte es nicht schaden, sich mal wieder daran zu erinnern, daß die Bildung einer Meinung auch etwas mit Bildung im intellektuellen Sinne zu tun hat. Und daß nicht jede blödsinnige Meinung unter Naturschutz gestellt gehört, nur weil ich so dämlich bin, sie nun mal zu vertreten. Und daß eine öffentliche Meinungsäußerung auch etwas mit Verantwortung zu tun hat, erst recht, wenn sie von einem Träger hoher politischer Ämter vorgenommen wird. Letztlich können all die Sarrazinen dieser Welt dankbar sein, daß die Gesellschaft so dumm ist, sie einfach abzukanzeln. Denn würde sich die Öffentlichkeit erstlich mit ihren Thesen auseinandersetzten, es bliebe nicht viel von dem Mist, den sie zwischen zwei Buchdeckel quetschen lassen. Und mit dem Märtyrertum der Meinungsfreiheit wäre dann auch nichts...

Samstag, 9. Oktober 2010

Moral vor Vernunft

Es ist mal wieder an der Zeit, gegen all die Atheisten, Aufklärer und Wissenschaftsverehrer mit ihrer Vernunftgläubigkeit zu stänkern. Denn was ist das Heilmittel gegen Religion, Ideologie, Aberglaube? Klar, die Vernunft und ihr Destillat, die (Natur-)Wissenschaft. So sollten wir natürlich alle Wissenschaft und Vernunft in ihrer geistigen Reinheit unterstützen! Was dabei außen vor bleibt ist die Frage, was denn eigentlich "Vernunft" ist, was eine Überzeugung, eine Handlung, eine Theorie "vernünftig" macht?
Vielfach gibt es ja keine Diskussion, was vernünftig ist. Es ist vernünftig zu glauben, daß eins plus eins zwei ergibt, daß morgen die Sonne wieder aufgehen wird, und daß nichts eine bestimmte Eigenschaft gleichzeitig haben und nicht haben kann. Und dies alles nicht für vernünftig zu halten wäre völlig unvernünftig. Aber so verführerisch es auch sein mag, die Vernunft, da sie eine scheinbar so offensichtliche Angelegenheit ist, als nicht weiter reduzierbaren Grundbegriff vorauszusetzen - wenn man nur ein wenig weiter überlegt, stellt man fest, daß dieser Begriff keineswegs trivial ist. Wäre er es, vermutlich wären gar keine Forderungen nach seiner Unterstützung notwendig.
Wie sehr das, was man für offensichtlich und vernünftig hält, der Wandlung unterworfen ist, sieht man leicht bei einem Blick in die Vergangenheit. Ganze philosophische Theorien, die zu ihrer Zeit völlig vernünftig erschienen, sind mit der Zeit in Verruf gekommen. Aber selbst in den ganz fundamentalen Begriffen des Denkens ist der Mensch schon auf gefährliche Untiefen gestoßen. Nehmen wir als Beispiel die Philosphie der Mathematik und die Logik. Eine "Menge" war hier bis zum Jahre 1903 schlicht eine "Zusammenfassung von Elementen unseres Denkens zu einem neuen Element unseres Denkens", oder sowas ähnliches. Diese einfache und einleuchtende Definition erschien vernünftig. Dann entdeckten Zermelo und Russell ein Problem, die "Russelsche Antinomie": Wenn man "Elemente unseres Denkens" so einfach zu neuen Elementen kombinieren kann, dann kann man wohl auch alle Mengen, die sich selbst nicht enthalten, zu einer neuen Menge zusammenfassen. Enthält die Menge aller Mengen, die sich selbst nicht enthalten, sich selbst? Angenommen, sie tut es nicht. Dann ist sie eine Menge, die sich selbst nicht enthält, und somit müsste sie sich selbst enthalten. Angenommen, die enthält sich. Wenn sie sich selbst nicht enthält, dann muß sie sich selbst enthalten. Offensichtlich ist also die scheinbar vernünftige Definition einer Menge widersprüchlich und muß verworfen werden. Zur Lösung dieses Problems gibt es verschiedene Vorschläge, die alle darauf hinaus laufen, die zulässigen Zusammenfassungen von "Elementen unseres Denkens" einzugrenzen. Auf diese Weise wird man zwar die Antinomie los, aber direkt einleuchtend sind die Alternativen dann nicht mehr. Die Vernunft auf direkt Einleuchtendes zu gründen ist also ein unsinniges Unterfangen.
Beim bisher Gesagten ging es um rein gedankliche Probleme . Aber auch wenn man die Welt um uns herum betrachtet, findet man Probleme mit dem, was "vernünftig" ist. Die moderne Physik ist da ein offensichtliches Beispiel. Kein Zweifel, hätte man die Quantentheorie oder Relativitätstheorie einem Wissenschaftler vor zwei- oder dreihundert Jahren gezeigt, er hätte sie für völlig unvernünftig gehalten. Von der mathematischen Formulierung hätte man ihn vieleicht noch überzeugen können. Aber zu behaupten, daß die Natur sich wirklich so merkwürdig verhalten sollte? Immanuel Kant hielt die dreidimensionale, euklidische Struktur der Raumes noch für eine offensichtliche Wahrheit, die man sich gar nicht anders denken könne ("Kritik der reinen Vernunft").
Bleibt noch die Trennung zwischen der rein "geistigen" Welt der Logik und der Welt der Erfahrung, in der es Aussagen wie die über die Struktur des Raumes gibt. Das die Annahme einer strikten Trennung zwischen beiden Bereichen eine Illusion ist, hat Quine 1951 bereits gezeigt ("Two Dogmas of Empiricism").

Die Vorstellung, es gäbe so etwas wie eine selbstständige, unabhängig von allem Andern existierende Vernunft, ist also unsinnig. Was immer man mit Vernunft meint, ist eng mit unserem Vorstellungsvermögen und unserer Erfahrung mit der Welt verwoben. Wenn man den Begriff der "Vernunft" schon nicht klar und universal definieren kann, dann bleibt als Ausweg noch der oft vorgeschlagene Pragmatismus. Vernünftig ist demnach, was gut funktioniert und weiter trägt. Allein, um zu entscheiden, was pragmatisch geboten ist, muß erst einmal ein Ziel vorgegeben sein, auf das hin die Tätigkeit ausgrichtet werden soll. Die Methoden der Naturwissenschaften sind nur insofern unter pragmatischen Gesichtspunkten vernünftig, als daß es darum geht, die Welt auf "mechanische" Weise zu verstehen oder die Natur nutzbar zu machen. Dieses Ziel folgt aber nicht aus der naturwissenachaftlichen Forschung selber.
Vor der Verunft steht also immer erst eine Zielauswahl, ein sollens-Satz. Rechnet man solche sollens-Sätze im weitesten Sinne zur Ehik, dann kommt vor der Vernunft die Ethik. Die Ethik sucht sich ihre Vernunft (Soviel noch zum Utilitarismus).
Religiöse Menschen haben nun, so scheint es mir, kein Problem damit, einzugestehen, daß ihre Vernunft aus ihren ethischen Grundsätzen folgt. Es bleibt nur die Frage, woher die leidenschaftlichen Vertreter der Vernunft die Überzeugung nehmen, daß gerade ihre Sichtweise auf die Welt die einzig wahre und "ideologiefreie" ist?

Freitag, 8. Oktober 2010

Geschichte deuten mit dem Pfaffen

Wären Dummschwätzen und Geschichtsklitterung olympische Disziplinen, das Treppchen wäre fest in der Hand von Christen jeder Geschmacksrichtung. Besonders deutlich wird das immer, wenn es um Themen wie Aufklärung, Menschenrechte und moderne Demokratie geht. Denn da dies alles Erfindungen des "christlichen Abendlandes" sind, werden sie allzu gerne als christliche Errungenschaften vereinnahmt. Dabei hadern die Christen durchaus mit "ihren" großen Leistungen. Denn kaum das jemand von den Errungenschaften der Aufklärung gebrauch macht, jammern sie einem auch schon was vom "postmodernen Relativismus" vor. Erst recht makaber wird es, wenn jemand wagt, das Christentum direkt anzugreifen. Dann hört man in letzter Zeit gerne Bemerkungen wie "Bei den Moslems würden die sich das nicht trauen. Da würde man die gleich erschlagen." Irgendwie meine ich da immer ein gewisses Bedauern herauszuhören, daß es heutzutage nicht mehr so leicht ist, einen guten alten Scheiterhaufen anzuzünden. Und heute hat wieder ein Berufsgläubischer seine bemerkenswerte Weltsicht verbreitet. Da blubbert Henning Dobers, seines Zeichens Pfaffe und "Coach der Wirtschaft", auf die Frage, ob man auch als nicht-Christ Mitglied einer christlichen Kirche sein könne:
"Diese Frage ist typisch westlich. Sie wird meist nur dort gestellt, wo im Laufe der Jahrhunderte die christliche Religion überhaupt erst eine Kultur der Freiheit des Denkens und Lebens ermöglicht hat."
Eine Äußerung, die man sich erst einmal auf der Großhirnrinde zergehen lassen muß! Denn nicht nur, daß das Christentum mal wieder eine "Kultur der Freiheit des Denkens ermöglicht hat", nein, wieder mal geht es auch um eine "typisch westliche" Freiheit. Dabei sollte man doch einmal fragen, woher eigentlich der "typisch westliche" Alleingültigkeitsanspruch einer Religion überhaupt kommt? In der Antike gab es denn "typisch" überhaupt nicht. Es handelt sich dabei um eine der wahren Errungenschaften des Christentums, oder, besser gesagt, der abrahamitischen Religionen, denn das Judentum und der Islam haben ihn auch. Am deutlichsten machen das die Religionen selber, denn wozu ist der von Dobers selbst zitierte Bibelvers „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, außer durch mich!“ (Joh. 14, 6) gut, wenn es selbstverständlich ist, daß eine Religion alleine den Anspruch auf die Wahrheit erhebt? Schon das mit den "Göttern neben mir haben" des mosaischen Gesetzes oder die Geschichte vom Goldenen Kalb zeigen, daß außerhalb des Christen-/Judentums deutlich flexibler mit Religionen und Anbetungen verfahren wurde. Die Linien, die man von babylonischen zu griechischen und römischen Gottheiten ziehen kann, zeigen die muntere Durchmischung von Religionen, mit der auch das Christentum Schluß zu machen versuchte. Statt also die vermeintlich christliche Errungenschaft des freien Denkens hervorzuheben, damit die Frage nach der Kirchenzugehörigkeit von nicht-Christen gestellt werden kann, sollte man viel eher betonen, daß das Christentum sich eigentlich viele Jahrhunderte lang nur bemüht hat, diese Frage überhaupt erst notwendig zu machen!

Montag, 4. Oktober 2010

Impressionen (III)

Schön ist es, daß man ausgerechnet an einer päpstlichen Universität, an der Theologie und Philosophie gelehrt wird, über "Chemische Evolution und frühes Leben" geredet hat...

Samstag, 2. Oktober 2010

Donnerstag, 30. September 2010

Beim Barte Jesu

Die Wege des Herrn, liebe Leser, sind bekanntlich unergründlich. Das gilt natürlich auch für die Wege, die der Herr für einen Ketzer bereithält. Und so will es eine rätselhafte Fügung Gottes, daß sich dieses kleine aber feine Blog aus der päpstlichen Universität Heiliger Thomas von Aquin in Rom melden kann. Das ist ausgerechnet die Universität jener Dominikaner, die sich als Inquisitoren einst eine besondere Kompetenz in der Verfolgung von Ketzern erarbeitet haben. Da soll also noch mal einer sagen, dem Christentum seinen in den letzten Jahrhunderten nicht ordentlich die Zähne gezogen worden! Aber lassen wir das, schließlich haben wir an einem so heiligen Orte wahrhaft wichtigere Angelegenheiten zu besprechen. Beginnen müssen wir mit: Hatte Jesus einen Bart? Jetzt wird bestimmt der ein oder andere gottlose Leser denken: Kann schon sein, aber wen interessiert dieser Mist schon? Aber darin zeigt sich mal wieder nichts anderes als das Unverständnis und die spirituelle Blindheit der Atheistenbrut für religiöse Probleme und schwerwiegende theologische Erörterungen! Denn gerade an die Frage nach den Bärten knüpfen sich dramatische Probleme der Menschwerdung Gottes.
Die Bedeutung dieser Frage sehen wir schon am Beispiel des Adam. War er bei seiner Erschaffung und auch beim Griff nach dem Apfel noch gänzlich frei von Gesichtsbehaarung, so wird er nach dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies bärtig gezeigt. Hier zeigt sich schon, der Bart ist das Symbol häßlicher, sterblicher Menschlichkeit, in die Adam durch seine Unfolgsamkeit gegenüber Gott geworfen wurde. Und bei Jesus wird das mit der häßlichen Bärtigkeit dann zum Problem. Denn zum einen ist Gott ja vollkommen, und wenn Gott zum Menschen wird, dann sollte ja wohl auch der Menschensohn wunderschön sein, und folglich glatt im Gesicht. Andererseits aber hat Gott ja, als er zum Menschen wurde, die ganze Last des Menschseins auf sich genommen. Damit sollte der Menschensohn eher häßlich und bärtig sein. Und so findet man in der Kunst des frühen Christentums Jesus sowohl mit als auch ohne Bart. Nun hat sich ja inzwischen die Darstellung Jesu mit Bart durchgesetzt und man findet nur noch bärtige Jesuse an Kreuzen und Wänden. Und dafür gibt es auch gute Gründe. Zwar hält sich das Neue Testament sehr bedeckt was das Aussehen Jesu angeht, aber es gibt ja noch andere Quellen. In der einzigen ausgiebigen Beschreibung von Jesu Erscheinungsbild in einem Brief von Publius Lentulus an den römischen Senat trägt Jesus zwar einen Bart. Aber nicht mal die Katholen, sonst richtig gut darin, sinn- und grundlos jeden Mist zu glauben, den man ihnen vorsetzt, halten diesen Brief für echt.
Aber man kann ja noch auf das Alte Testament zurückgreifen: Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, / wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, / sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, / dass wir Gefallen fanden an ihm. (Jesaja, 53, 2). Außerdem ist da ja das Schweißtuch der Veronika, auf dem man auch einen bärtigen Jesus sieht. Also muß man annehmen, daß Jesus einen Bart trug.
Nur - wenn der Bart ein Ausdruck der Menschlichkeit mit all seinem Leid ist, dann ist Jesus wohl ohne Bart auferstanden! Und auch dafür gibt es klare Hinweise in der Bibel. Heißt es doch da, etwa über die Jünger auf dem Weg nach Emmaus:
Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, sodass sie ihn nicht erkannten. (Lukas, 24, 14-16). Oder auch bei der Erscheinung des Auferstandenen am See: Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. (Johannes, 21, 4). Wie nun hätten Jesu Fans, die Jahre lang mit ihm unterwegs waren, die mit ihm übers Wasser gelaufen sind und Wasser in Wein verwandelt haben, ihren Guru nach nur wenigen Tagen nicht mehr wiedererkennen können? Eben! Jesus ist ohne Bart auferstanden! Jetzt versteht sich auch dieser Punkt in der Bibel. Bleibt nur eine einige Frage: Wo sind Jesu Barthaare geblieben? Eine Reliquie, die an die Heilige Vorhaut Jesu heranreicht? Zunächst wohl mal in seinem Grab. Und hier komme ich dann ins Spiel. Tagelang lief ich ruhelos und getrieben durch Rom, kletterte in Gewölbe, suchte in alten Bibliotheken nach Hinweisen und wühlte im Staub unter frühchristlichen Kirchen. Man kennt sowas ja aus den einschlägigen Geschichten von Indiana Jones über Dan Brown bis Harry Mulisch. Und dann fand ich sie: Die Ampulle mit einem Barthaar Jesu! Und damit sind wir wieder bei den unergründlichen Wegen des Herrn. Warum sollte ich Ungläubiger, der das, was er hier schreibt, für völligen Schwachsinn hält, ein solch heiliges Objekt finden? Offensichtlich ist es nicht für mich bestimmt, sondern ich kann allenfalls das Werkzeug Gottes sein, um diese Reliquie in die Hände desjenigen Gläubigen zu geben, für den sie bestimmt ist. Deshalb biete ich sie hier an. Wenn Du, lieber Leser, der wahre Gläubige bist, dann erfülle Gottes Plan und führe Jesu Barthaar dahin zurück, wo es hingehört, in den Schoß der katholischen Kirche! Melde Dich bei mir! Bei der Übergabe der Ampulle wird dann natürlich ein kleiner Obolus fällig, aber sowas solltest Du als Katholik ja schon kennen. Und wenn Du den nicht aufbringen kannst, dann bist Du wohl nicht der richtige Empfänger des Relikts Jesu des Erlösers. Aber wenn Dein Konto gut gefüllt ist - e-mail genügt!

Freitag, 17. September 2010

Bücher verbrennen jetzt richtig fanatisch!

Für eine ganze Weile kam es einem ja vor, als sei die schöne Tradition des Bücherverbrennens in Vergessenheit geraten. Die Nazis schienen die Letzten, die die Versuche der Inquisition fortsetzten, die eigene geistige Umnachtung mit den Schein brennender Bücher zu erhellen. Seitdem griffen aufgebrachte Menschen zu Flaggen, Bildern und Puppen, wollten sie durch Verbrennungen ihrer Beschränktheit öffentlich Ausdruck verleihen. Doch jetzt erlebt das Verbrennen von Büchern seinen zweiten Frühling! Christen zündeln am Koran, Moslems zündeln an der Bibel. Die wahre Gefahr geht aber wieder mal nicht von den Gläubigen aus, sondern von den Atheisten. Die verbrennen gleich Bibel und Koran, und das nicht einmal aus fanatischem Eifer heraus, wie man es für eine respektable Bücherverbrennung erwartet, sondern aus schierem Unverständnis über die Aufregungen, die dieses Thema in letzter Zeit auslöst. Und da dieses Blog ja inzwischen auch auf brutale Provokation setzt, wird es höchste Zeit, noch schnell auf diesen Zug aufzuspringen! Dazu muß hier natürlich etwas verbrannt werden, das Bibel und Koran noch weit in den Schatten stellt. Aber wenn schon das Verbrennen dieser Bücher, vor Jahrtausenden von Sandmenschen im Nahen Osten zusammen fabuliert und der beste Beweis, daß diese Region schon seit jeher ein recht schattiges Plätzchen im gleißenden Licht der Vernunft war, die Weltpolitik auf den Plan ruft - wie groß wird dann erst der Aufschrei sein, wenn ich ein die wirkliche Wahrheit enthaltendes Buch verbrenne? Wenn ich eine ehrenwerte Schrift den Flammen ausliefere, die allen Menschen in allen Lebenslagen zuverlässige Stütze und Hilfe ist? Wenn ich also ein Wörterbuch verbrenne? Diesen Schock lasse ich erst noch ein paar Sekunden sacken. Ja, ich verbrenne ein Wörterbuch! Aus reinem Fanatismus!
Jetzt wird der Leser sicherlich ein Video als Beweis erwarten. Aber wenn ich an die Unruhen denke, die allein die Ankündigung einer Koranverbrennung ausgelöst hat, und an die Gefahr, in die man sich begibt, wenn man ein Video vom Ertränken von Welpen in Netz stellt (selbst wenn man den Welpen vor ihrem Ableben noch die wunderbare Erfahrung von einigen Sekunden Schwerelosigkeit gönnt), dann schrecke ich doch davor zurück, einen Videobeweis einer so ungeheuerlichen Verbrennung wie der meinen zu veröffentlichen. Ein Foto wird schon völlig reichen, die Emotionen ordentlich aufzustacheln:Und jetzt, liebe Leser, lasst eurer Entrüstung und euren Emotionen freien Lauf! Gerne könnt ihr mein Profilfoto ausdrucken und verbrennen, um es mir angemessen heimzuzahlen! Und allen Staatenlenkern sei gesagt: Nein, ich werde mich von meinen provokanten Plänen niemals abbringen lassen! Ich nicht!

Montag, 13. September 2010

An Gott glauben und nicht Briefmarken sammeln

Ein beliebter Vorwurf der Gläubischen an die Gottlosen ist, daß Atheismus auch nur eine andere Art von Glauben sei. Und dieser Vorwurf ist so falsch leider auch wieder nicht. Die beliebteste und scheinbar sofort einleuchtende Erwiderung der Atheisten ist dann der Vergleich "Atheismus ist genauso ein Glaube, wie nicht-Briefmarkensammeln ein Hobby ist". Dabei wird aber ein kleiner Unterschied außer Acht gelassen. In der Tat ist nicht zu glauben, daß Gott existiert, genauso wenig ein Glaube wie nicht-Briefmarkensammeln ein Hobby ist. Aber zu glauben, daß Gott nicht existiert, ist sehr wohl ein Glaube. Und er ist gar nicht mit dem nicht-Briefmarkensammeln zu vergleichen, sondern eher mit der ungewöhnlichen Neigung, Briefmarken zu vernichten. Und das wäre ja wohl schon so eine Art Hobby. Nun mag so manch ein Atheist vorschnell einwenden, daß nicht zu glauben, daß Gott existiere, und zu glauben, daß Gott nicht existiere, dasselbe und gar logisch gleichwertig seien. Ist es aber nicht. Bisher habe ich dies nur salopp behauptet, aber es lohnt sich vieleicht, sich dieser Angelegenheit mal systematisch zu widmen. Dazu muß ich ein bisschen ausholen, dies wird also wieder einer jener langatmigen theoretischen Texte... Aber dennoch:

Beginnen wir mal mit dem einfacheren Satz Gott existiert bzw. Gott existiert nicht, um die Grundgegriffe klar zu machen. Dabei lernt man zwar noch nicht viel Neues, aber die Umstände helfen nachher, den etwas kompizierteren Satz Ich glaube, daß Gott existiert in all seien Varianten zu analysieren.

Den Satz Gott existiert kann man, wie (fast) alle Sätze, zerlegen in das, was man den "propositionalen Gehalt" und das "bejahende Moment" nennt. Der propositionale Gehalt ist schlicht "daß Gott existiert". Dies ist quasi die Aussage des Satzes. Das bejahende Moment ist schlicht die Behautung, daß der propositionale Gehalt der Fall ist. Also, knapp gesagt, wird der Satz Gott existiert zum formalen Satz Es ist der Fall, daß Gott existiert. Wenn man Sätze auf diese Weise formal in ein bejahendes Moment und einen propositionalen Gehalt zerlegt, dann fallen einem kleine aber entscheidende Unterschiede auf. Der propositionale Gehalt daß Gott existiert ist kein vollständiger Satz, und zwar nicht nur in grammatischer Hinsicht, sondern auch in logischer. Denn er hat im Gegensatz zu einem vollständigen (Aussage)satz keinen Wahrheitswert. Daß Gott existiert ist weder wahr noch falsch, genauso wenig wie irgendein anderer propositionaler Gehalt, die umgangssprachlich alle eine daß-Form haben: daß es regnet, daß es Montag ist, etc. Einen Wahrheitswert kann man erst einem Satz zuordnen, der z.B. entsteht, wenn man ein bejahendes Moment hinzufügt, etwa Es ist der Fall, daß Gott existiert oder Es ist der Fall, daß es regnet. Und dieses Fehlen eines Wahrheitswertes von propositionalen Gehalten wird an einem anderen wichtigen Punkt deutlich: sie können ähnlich wie ein "Gegenstand" in Sätzen verwendet werden, indem ihnen eine Eigenschaft zugeordnet wird: Es ist unangenehm, daß es regnet, oder Es ist schön, daß Gott existiert. Dies sind dann wieder vollständige Sätze, die formal in ein bejahendes Moment und einen propositionalen Gehalt aufgespalten werden können. So muß es dann formal heißen Es ist der Fall, daß es unangenehm ist, daß es regnet, oder Es ist der Fall, daß es schön ist, daß Gott existiert. Diese Eigenschaft eines propositionalen Gehalts, selber "Gegenstand" eines Satzes zu sein, wird nachher wichtig werden. Erst aber noch ein wenig Vorarbeit zur Verneinung.

Wie lautet die Verneinung von Es ist der Fall, daß Gott existiert? Zwei Möglichkeiten könnte man sich denken: Es ist nicht der Fall, daß Gott existiert und Es ist der Fall, daß Gott nicht existiert. D.h., man könnte entweder das bejahende Moment oder den propositionalen Gehalt verneinen. Würde man das bejahende Moment verneinen, dann würde man aber keinen Aussagesatz mehr haben, denn der kommt ja gerade durch das bejahnede Moment zustande. Da aber auch eine Verneinung eines Aussagesatzes wieder ein Aussagesatz sein soll, muß der propositionale Gehalt verneint werden. Es muß also richtig verneint heißen: Es ist der Fall, daß Gott nicht existiert.

So, noch eine Bemerkung zur Nomenklatur, dann können wir uns dem komplizierteren Satz Ich glaube, daß Gott existiert zuwenden. Den propositionalen Gehalt eines Satzes nennen wir im Folgenden der Einfachheit halber einen "Sachverhalt".
Die Zuordnung einer Eigenschaft nennen wir ein "Prädikat". Ein Prädikat wäre also Beispielsweise "rot sein" oder "glauben". Prädikate können unterschiedlich viele Argmente haben. Das Prädikat "rot sein" akzeptiert nur ein Argument, z.B. Blut: "Blut ist rot". "glauben" akzeptiert zwei Argumente, nämlich denjenigen, der etwas glaubt, und das, woran er glaubt. Also beispielsweise "ich" und "Gott": "Ich glaube an Gott".
Jetzt können wir also kurz und klar sagen, daß Sachverhalte Argumente von Prädikaten sein können. Das ist es, was mit dem Es ist unangenehm, daß es regnet veranschaulicht war. Alle Argumente von Prädikaten, die keine Sachverhalte sind, seinen kurz "Gegenstände" genannt.

Jetzt also endlich zum Ich glaube, daß Gott existiert. Hier haben wir den Fall, daß ein Sachverhalt (daß Gott existiert) das Argument eines Prädikats (glauben) ist. Das andere Argument des Prädikats glauben ist der Gegenstand ich.
Wenn wir den Satz Ich glaube, daß Gott existiert in seinen Sachverhalt und sein bejahendes Moment aufspalten, sehen wir sofort, wie er richtig verneint wird, nämlich indem sein Sachverhalt verneint wird: Es ist der Fall, daß ich glaube, daß Gott existiert wird verneint zu Es ist der Fall, daß ich nicht glaube, daß Gott existiert. Und das ist alles. Daß Gott existiert wird dabei nicht verneint, denn es ist ja selber das Argument eines Prädikats, nämlich des glauben. Und wenn ich dieses Argument verändere, dann bekomme ich einen anderen Satz, und nicht nur die Verneinung des Satzes. Man mag sich vor Augen führen, was passiert, wenn das Argument in einem Satz, den des zu Verneinen gilt, kein Sachverhalt, sondern ein Gegenstand wäre. Also etwa Es ist der Fall, daß Blut rot ist, was verneint zu Es ist der Fall, daß Blut nicht rot ist. Aber an dem Argument "Blut" im Prädikat "rot sein" darf ich nichts ändern. Mit diesem Satz kann ich nur etwas über Blut aussagen, aber über nichts anderes. Warum sollte dies anders sein, wenn das Argument ein Sachverhalt ist? Ich kann nur etwas über den Sachverhalt daß Gott existiert aussagen, aber nichts über irgendeinen anderen Sachverhalt, auch nicht über seine Verneinung daß Gott nicht existiert. Denn damit würde ich zu einem anderen Satz mit einem anderen Argument im Prädikat übergehen, also über etwas anderes reden.

Vieleicht ist dieses Argument zu abstrakt, zu grundsätzlich? Vieleicht sind Sachverhalte doch etwas anderes als Gegenstände, wenn es um die Verneinung geht? Gut, sehen wir uns noch mal im Detail und konkret an, ob Ich glaube nicht, daß Gott existiert und Ich glaube, daß Gott nicht existiert äquivalent sind. Wenn sie es wären, dann müsste man die beiden Sätze in jeder logischen Verbindung mit anderen Sätzen gegeneinander vertauschen dürfen, ohne daß sich an der Aussage und dem Wahrheitswert der logischen Verbindung irgend etwas ändern würde. Nehmen wir erst mal ein weniger abstraktes Beispiel als den Glauben an Gott. Nehmen wir stattdessen mal den Satz Ich sehe nicht, daß es regnet und entsprechend Ich sehe, daß es nicht regnet.
Ohne Zweifel können beide Sätze gleichzeitig wahr sein, und daher kann auch ihre logische Verbindung mit "und" wahr sein. Nehmen wir als dritten Satz mal Ich sehe nicht, daß es nicht regnet hinzu. Nun kann dieser Satz nicht gleichzeitig mit dem Satz Ich sehe, daß es nicht regnet wahr sein, denn sie widersprechen sich ja gegenseitig. Aber wie ist es mit der Verbindung mit dem Satz Ich sehe nicht, daß es regnet? Hier ist es doch möglich, daß beide Sätze gleichzeitig wahr sind, etwa dadurch, daß ich gar nichts sehe. Also kann ich Ich sehe nicht, daß es regnet durch "und" mit dem Satz Ich sehe nicht, daß es nicht regnet verbinden, und dadurch einen wahren zusammengesetzten Satz erhalten: Ich sehe nicht, daß es regnet und ich sehe nicht, daß es nicht regnet. Mit diesem zusammengesetzten Satz haben wir also einen Fall, in dem man den Satz Ich sehe nicht, daß es regnet nicht durch den Satz Ich sehe, daß es nicht regnet ersetzen kann, ohne sinnlos zu werden.

Und mit den Sätzen Ich glaube nicht, daß Gott existiert und Ich glaube, daß Gott nicht existiert ist es natürlich genauso. Ich glaube nicht, daß Gott existiert und Ich glaube nicht, daß Gott nicht existiert können durchaus gleichzeitig wahr sein. Man könnte z.B. annehmen, daß ich als Kind eines Naturvolkes noch nie etwas vom Gott, von dem hier die Rede ist, gehört habe, und ich daher gar keinen Glauben in dieser Hinsicht haben kann. Oder selbst, wenn ich mit dem Begriff "Gott" vertraut bin, so muß ich deshalb noch keinen Glauben oder Unglauben haben. Schließlich kann ich beim Werfen einer Münze durchaus sagen, daß ich nicht glaube, daß das Ergebnis "Kopf" sein wird, und daß ich nicht glaube, daß das Ergebnis nicht "Kopf" sein wird. Hier halte ich schlicht beides für völlig gleich möglich.
Also ist Ich glaube nicht, daß es Gott gibt und ich glaube nicht, daß es Gott nicht gibt ein durchaus sinnvoller und möglicherweise sogar wahrer Satz. Ersetze ich den ersten Teil dieses zusammengesetzten Satzes aber durch Ich glaube, daß es Gott nicht gibt, dann bekomme ich einen sinnlosen und unmöglich wahren Satz. Also können die beiden fraglichen Sätze in der Tat unmöglich logisch äquivalent sein.

So, nach langer Rede sollte damit sowohl theoretisch als auch praktisch hinreichend erklärt sein, daß Ich glaube nicht, daß es Gott gibt und Ich glaube, daß es Gott nicht gibt zwei verschiedene Sätze sind, bei dem die Aussage des zweiten über die des ersten hinaus geht. Und der erste Satz ist in der Tat eine vernünftige Ablehnung des Gottesglaubens. Der zweite Satz bringt selber wieder einen Glauben zum Ausdruck, und handelt sich damit zu Recht den Vorwurf ein, "auch nur eine Art Religion zu sein".

Sonntag, 12. September 2010

Ein Fakt bleibt ein Fakt

Nichts als die Wahrheit ist:

- Wenn die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland so bleibt, wie sie jetzt ist, dann leben in 300 Jahren nur noch 2 Mio. Menschen in Deutschland.

- Die Polen haben zuerst mobil gemacht.

- Es waren ja gar nicht alle Nazis, die Vernichtungslager gebaut haben, sondern nur manche von ihnen.

- Wenn sich eine Frau an alle Rechtsvorschriften des Islam hält, dann droht ihr auch keine Steinigung.

- Maximilian Kolbe hat sich im KZ freiwillig töten lassen.

- Wenn die Weltbevölkerungsentwicklung so bleibt, wie sie ist, dann leben in 1000 Jahren
197 700 000 000 000 000 Menschen auf der Erde.

- Selbst wenn die Geschwister Scholl nicht enthauptet worden wären, irgendwann wären sie trotzdem gestorben!

- Daraus, daß eine Aussage populistisch, menschenverachtend und schlecht begründet ist, folgt noch nicht, daß sie auch falsch ist.

- Unter den faschistischen Diktatoren des 20. Jahrhunderts waren Vegetarier, verglichen mit der Gesamtbevölkerung, statistisch gesehen überrepräsentiert.

- Es wurde ja niemand gezwungen, am 11. September 2001 ins World Trade Center zu gehen.

- Hätten die Zwangsarbeiter sich nicht durch Gewalt gefügig machen lassen, die Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches wäre schon früh zusammengebrochen.

- Im laizistischen Frankreich werden jedes Jahr viel mehr Fälle von Kindesmissbrauch bekannt, als im katholischen Vatikanstaat.


..und was wahr ist, das muß man ja wohl auch so sagen dürfen!

Dienstag, 7. September 2010

Jetzt besorge ich es Euch richtig!

Ich will ERFOLG! Ich will AUFMERKSAMKEIT! JETZT! Sarrazin hat sie. Broder hat sie. Da kann ich sie auch haben! Nicht, daß mir Geld, Verkaufszahlen und Talkshowbesuche etwas bedeuten würden, nein! Ich bin allein Höherem verpflichtet, der Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist! Aber die Wahrheit sagt nun mal nur, wer Erfolg hat und in Talkshows sitzt. Also Schluß mit dem belanglosen Geschwätz auf diesen Seiten, jetzt werden die ganz, ganz heißen Eisen von wirklicher Brisanz angepackt! Themen, die erregen werden, von denen die Zukunft der Welt, wenn nicht gar die unseres Landes abhängen! Hier also meine neuen Thesen:
Arbeitslose sind doof! Ausländer sind doof! Moslems sind doof! Juden sind doof! Linke sind doof! Frauen sind doof!
Na los, ihr Gutmenschen, steinigt mich für die unbequemen Wahrheiten, die ich ausspreche! Na los, schweigende Mehrheit, feiert mich, wo ich es endlich mal offen ausspreche, was schon immer die Wahrheit war! Die Klickzahlen auf dieser Seite müssten ja jetzt explodieren! Und wenn ich mich geschickt anstelle und mich nicht von der Komplexität der Realität verwirren lasse, dann sollte ich so zu einem der ganz großen Denker dieses Landes aufsteigen können, geradezu in Broder'sche Sphären vorstoßen! Dann kann auch ich mich endlich als Publizist, als Journalist, ja gar als Philosoph bezeichnen! Ein Held bin ich ja sowieso, gehöre ich doch jetzt schon zu den ganz wenigen in diesem Land, die den Mumm haben, unbequeme Wahrheiten offen auszusprechen und sich der Meinungsdiktatur entgegen zu stellen, welche die Deutschland seit den Sechzigern regierende pazifistische, maoistische Talibankommune errichtet hat! Die Denkmale für RAF-Terroristen und Ehrenmörder baut, während mutige, hart an der Wahrheit (unbequeme!) arbeitende, querdenkende Publizisten wie ich jederzeit damit rechnen müssen, ins politische Umerziehungslager "Renate Künast" deportiert zu werden! Wo mit härtester Zwangsarbeit im Frauenladen und mit dem Studium der politische Pamphlete der unkritisierbaren Führer der letzten Jahrzehnte, Merkel, Schröder, Kohl, versucht werden wird, meinen Willen zu brechen. Wo die Chefideologen auch mir die in diesem Land zur absoluten Wahrheit erhobenen Dogmen einbläuen werden, Joschka Fischer den bedingungslosen Pazifismus, Guido Westerwelle die Verwerflichkeit des Leistungsgedankens, Roland Koch die Toleranz gegenüber anderen Kulturen. Aber den Kaiser von China mögen die Linken vieleicht weichgekocht haben, einen Bock mit meinen Eiern werden sie nicht zum Gärtner machen! Ich bin bereit, für die wirkliche Wahrheit (unbequem!!) in den Tod zu gehen! Zumindest, solange ich in Ruhe am Schreibtisch in meiner renovierten Altbauwohnung sitzen bleiben kann. Und wenn es sein muß, werde ich die "Post von Wagner" so lange als Flugblatt verbreiten, daß selbst die Geschwister Scholl kopflos dastehen! Oh, was bin ich doch provokant! Doch das tut ja der Demokratie gut! Sind es doch die Provokateure (querdenkend, unbequem!) wie ich einer bin, die den demokratischen Diskurs gegen den Meinungsterror verteidigen, den all die Heerscharen von Falafel fressenden und Bionade saufenden Ex-Politologiestudenten in diesem Land errichtet haben! Oh, wo wäre dieses Land ohne mich!

Puh, das war doch für den Anfang schon mal gar nicht so schlecht, oder? Und keine Sorge, bald gibt es mehr davon! Jetzt muß ich erst mal eine neue Linie Koks wegsaugen, den BMW zum wachsen bringen, und sehen, ob ich mit der neuen Penispumpe nicht noch einen halben Zentimeter mehr rausholen kann, bevor das aus den Bild-Kleinanzeigen bestellte "tabulose Ukrainenluder" hier vorbeikommt. Aber danach stehe ich wieder voll zur Verteidigung der Werte unseres aufgeklärten Abendlandes bereit!

Montag, 6. September 2010

Sachen gibt's, die gibt's gar nicht!

Vor einiger Zeit habe ich schon mal erläutert, warum ich nicht glaube, daß es einen prinzipiellen Unterschied zwischen religiösen Erkenntnissen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gibt. Jetzt möchte ich noch hinzufügen, warum ich die Behauptung, Gott würde existieren, für genau im gleichen Maße sinnlos halte, wie die Behauptung, er würde nicht existieren.
Tatsächlich ist der Satz Gott existiert so unsinnig wie der Satz Pumuckl existiert. Das diese Sätze gemeinhin nicht als unsinnig empfunden werden, liegt nur daran, daß der Mensch, falls nötig, im Geiste etwas hinzufügt, was im Satz nicht explizit enthalten ist, von dem er aber weiß, das es eigentlich so gemeint ist. Wenn man diesen Zusatz aber mal ausdrücklich erwähnt, dann sieht man, daß es im Falle der Existenzbehauptung Gottes im Gegensatz zum Pumuckl-Satz oder den meisten Existenzaussagen des Lebens, keineswegs klar ist, wie es eigentlich gemeint ist. Aber mal der Reihe nach.

Das ein Satz wie Pumuckl existiert problematisch ist, das ist nicht gerade eine neue Erkenntnis. Besonders deutlich werden die Schwierigkeiten, wenn man den Satz verneint: Pumuckl existiert nicht. Denn offensichtlich existiert Pumuckl doch auf eine gewisse Art und Weise, denn von etwas, das nicht existiert, könnte ich nichts sagen. Und von Pumuckl kann ich etwas sagen, und sei es auch nur, daß er nicht existiert. Oder machen wir es noch deutlicher. Der kleine Nachbarssohn glaubt, daß Pumuckl existiert, obwohl Pumuckl gar nicht existiert. Das heißt also: Es gibt etwas, das es nicht gibt, und an das der Nachbarssohn glaubt. Das ist wohl offensichtlich Unsinn. Vorschläge, wie man aus diesem Problem gleichzeitig existierender und nicht existierender Objekte hinaus kommt, gibt es einige. Kurz gefaßt entkommt man diesem Gewirr am schnellsten, indem man annimmt, daß Existenz nicht pauschal behauptet werden kann, sondern nur mit Bezug auf eine Referenzmenge, innerhalb der etwas existieren soll. Für das Pumuckl-Beispiel bedeutet das, der Satz müsste korrekt lauten: Es existiert unter den literarischen Figuren etwas, von dem der Nachbarssohn glaubt, es existiere auch unter den materiellen Objekten, daß aber nicht unter den materiellen Objekten existiert. Damit ist der Widerspruch verschwunden, und man trägt auch der Intuition Rechnung, daß Pumuckl schon auf gewisse Weise existiert, denn schließlich kann man ja problemlos über ihn sprechen, weiß wie es aussieht, und kennt seine Vorlieben und Abneigungen.
Nehmen wir diese Lösung ernst, dann müssen wir genau genommen statt Pumuckl existiert sagen, Pumuckl existiert innerhalb dieser oder jener Referenzmenge. Pumuckl existiert unter den literarischen Figuren ist dann wahr, Pumuckl existiert unter den materiellen Objekten ist dann falsch. Wem dies ungewohnt erscheint, der möge an die Mathematik denken. Den Satz Es gibt nichts, das mit sich selbst multipliziert Zwei ergibt findet man dort nicht. Wohl aber Es gibt keine rationale Zahl, die mit sich selbst multipliziert Zwei ergibt. Wo Genauigkeit ernst genommen wird, findet sich auch die Angabe der Referenzmenge (z.B. die Menge der rationalen Zahlen), innerhalb der eine Existenz oder auch nicht-Existenz behauptet wird.
Diese Angabe der Referenzmenge ist aber gerade das, was im Alltag nicht mit erwähnt wird, denn intuitiv weiß man schon, auf welche Referenzmenge man sich bezieht. Wenn ich behaupte, Pumuckl existiere nicht, dann ist allen klar, daß ich die materiellen Objekte als Referenzmenge meine. Wie ist das aber nun bei Gott?

Wenn jemand behauptet, Gott existiert, oder auch Gott existiert nicht, auf welche Referenzmenge bezieht sich diese Aussage? Zweifellos lassen sich leicht Referenzmengen finden, bei denen diese Sätze mal wahr, mal falsch werden, ohne das irgendwer damit Probleme hätte. Denn das Gott unter den literarischen Figuren existiert, das werden Gläubige nicht abstreiten wollen, taucht der Begriff Gott doch sehr oft in Büchern auf. Und auch der härteste Atheist wird die Wahrheit dieser Existenzbehauptung Gottes nicht bestreiten. Umgekehrt würde kein auch nur annähernd vernünftiger Gläubiger die Wahrheit des Satzes Gott existiert nicht bestreiten, wenn als Referenzmenge die Menge aller raum-zeitlich lokalisierten Objekten angenommen wird. Denn Gläubige behaupten ja nicht, Gott sei zu der und der Zeit an der und der Stelle des Raumes. Gott ist ewig und allgegenwärtig, und kann daher nicht lokalisiert werden wie ein gewöhnlicher Gegenstand. Ja, er alleine hat ja Raum und Zeit erst geschaffen, und muß daher außerhalb dieser Begriffe stehen. Aber, welches ist dann der Referenzbereich, auf den sich die Behauptungen der Existenz Gottes durch Gläubige oder die Behauptung der Nichtexistenz Gottes der Atheisten beziehen?
Es müßte ein Bereich sein, der unabhängig von den raum-zeitlichen Objekten ist, und auch unabhängig von allem, was sich der Mensch denken kann. Welches Kriterium könnte eine solche Menge, innerhalb der Gott dann "wirklich" existieren soll, auszeichenen? Offenbar gibt es keines. Das kommt wohl nicht überraschend, stellte doch schon Thomas von Aquin fest, daß wir Menschen Gott nicht als das erkennen können, was er ist, sondern nur darüber einschränken, was er nicht ist. Aber hilft das weiter? Können wir eine Menge, innerhalb der Gott existieren soll, durch Verneinungen anderer Mengen konstruieren? Auch damit kommt man nicht weiter. Denn die Menge aller Objekte, die nicht raum-zeitlich lokalisiert sind, enthält Gott genauso gut wie Pumuckl und hilft uns nicht weiter. Und die Menge aller Dinge, die nicht im menschlichen Verstand existieren? Die enthält Gott mit Sicherheit nicht, denn Gott existiert, egal ob noch irgendwo anders, auf jeden Fall im menschlichen Verstand. Also kommen wir auch so zu keiner Menge, auf der die Existenzbehauptung Gottes nicht banal wahr oder falsch wäre. Und ohne eine solche Menge ist die Behauptung, Gott existiere, genauso sinnlos, wie die Behauptung, er existiere nicht. Und wer einen der Sätze Gott existiert oder Gott existiert nicht trotz allem noch für wahr hält, der könnte genauso gut eine Äußerung wie Milch der müde hoch für wahr halten. Der einzige Unterschied ist, daß Gott existiert einen grammatisch gültigen Satz darstellt, das andere nicht. Inhaltlich sind sie aber beide bloß sinnlose Aneinanderreihungen von Worten.