Sonntag, 26. Mai 2013

Pimp my Hohlphrase!

Das Rösler'sche Zitat beim letzten Mal und die Kommentare dazu haben mich ja inspiriert. Wie kann man denn in einfachen Schritten aus einer simplen analytischen Wahrheit, etwa "Wenn a, dann a"oder sowas, tolle und unbedingt richtige Statements aufbauen? Röslers Satz "Ob neue Technologien angenommen werden, hängt stark von der Akzeptanz ab." klingt zwar schon besser als "Ob neue Technologien angenommen werden, hängt davon ab, ob neue Technologien angenommen werden.". Aber so richtig prall ist der Satz nicht. Das muß doch noch besser gehen! Am besten, wir fangen ganz unten an, und gehen schrittweise und systematisch vor. Vielleicht finden wir ja ein Rezept wie wir den perfekten Text für eine Parteitagsrede, PR-Broschüre oder den Antrag für einen Sonderforschungsbereich "Interkulturelle Schafzucht in den urbanen Zentren Kaputtistans" zusammenbauen können!

Nehmen wir erst einmal einen simplen Satz her wie "Wenn a, dann a", "a weil a", "a ist a" und formen ihn nach und nach um, auf daß er komplizierter aussehe, seine Gültigkeit dabei aber nicht verliere. Bleiben wir bei Rösters Beispiel, das im Kern ja lautet:
Ob neue Technologien angenommen werden, hängt davon ab, ob neue Technologien angenommen werden.
Der erste Schritt liegt nun auf der Hand:
Synonymisierung. Um den Satz nicht ganz so dämlich aussehen zu lassen und dennoch sicher zu gehen, daß er wahr bleibt, ersetzt man doppelt auftretende Begriffe durch Synomyme (hier darf man natürlich grundsätzlich gerne auch von sprachlicher Unschärfe profitieren):
Ob neue Technologien angenommen werden, hängt davon ab, ob neue Technologien akzeptiert werden.
Der zweite Schritt ist auch klar:
Substantivierung. Profisprech braucht immer Substantivierungen! "akzeptieren", "entwickeln" - Verben sind was für grünteetrinkende Schlaffies! Echte Macher knallen Substantive, hart wie ein Stahlträger, in den Raum: "die Akzeptanz", "das Entwickeln". Das klingt nach kernigem Typen, der Fakten schafft und Worte in Stein meisselt! Also:
Ob neue Technologien angenommen werden werden, hängt von der Akzeptanz für neue Technologien ab.
Und hier fällt schon Röslers erster Fehler auf. Er hat das zweite "neue Technologien" in diesem Satz einfach wegfallen lassen. Dabei hätte man hier auch noch mal ein Synonym einbauen können, um den Satz weiter zu pimpen! Aber weiter mit dem nächsten Schritt:
Aufpolstern. Ganz klar, ein Satz profitiert ordentlich von Worten, die einfach nur den Eindruck erwecken, mehr zu sagen, als wirkloch gesagt wird. Ideal sind "ziemlich", "weitgehend", "ein Stück weit", aber auch "etwas" oder, wie bei unserem Beispiel noch recht zurückhaltend angewandt, "stark".
Ob neue Technologien angenommen werden, hängt stark von der Akzeptanz ab.
Damit haben wir Röslers Statement. Ein Anfang - doch wir wollen besser werden! Welche Möglichkeiten bleiben uns noch, einen Satz ohne Verlust seiner Wahrheit aufzubrezeln? Naja:

Einführen der doppelten Verneinung. Da eine doppelte Verneinung sich wieder aufhebt, können wir sie nach belieben einfügen, etwa aus "Wenn a, dann a" ein Wenn a, dann nicht nicht-a" machen. Das alleine mag ein bisschen bringen. Aber ert in Kombination mit der Synonynisierung entwickelt diese Technik ihr volles Potential! Denn für nicht-a finden wir vielleicht mehr und schönere Synonyme als für a alleine.

Verengung. Hier kommt ein kleines Paradoxon zum tragen: Obwohl Aussagen mit großem Geltungsbereich wissenschaftlich eigentlich wertvoller sind - "alle Planeten kreisen auf Ellipsenbahnen" anstelle von "die Erde und der Mars kreisen auf Ellipsenbahnen" - so wirken Aussagen mit eingeschränktem Geltungsbereich doch irgendwie intelligenter, "expertischer", weniger beliebig. Eingeschränkte Aussagen wirken durchdachter, individualisierter. Zum Glück können wir allgemeingültige Aussagen nach belieben einschränken, ohne das sie ihre Gültigkeit verlieren! Denn wenn alle Schwäne weiß sind, dann sind auch alle Schwäne in Deutschland weiß. Allerdings brechen wir mit diesem Schritt dann sie Symmetrie: Von allen Schwänen kann man auf die Schwäne in Deutschland schließen, von den Schwänen in Deutschland aber nicht auf alle Schwäne. Wir können nach einer Einengung unseren Satz also nicht mehr "rückabwickeln" und zur einfachen Trivialversion zurückkehren.

Personalisieren. Oftmals, insbesondere bei politischen Reden, schadet es nicht, einzelne gesellschaftliche Gruppen besonders hervorzuheben. Dies ist quasi eine Spezialversion der Verengung: Man schränke den Satz ein auf z.B. "die Menschen in diesem Land", "die Verbraucher", oder wen auch immer.

So, genug der Theorie. Nun wollen wir mal all die genannten Schritte benutzen, um uns eine eigene kleine Parteitagsrede zu basteln!

Setzten wir erst einmal die Schwerpunkte unserer Rede:
Um Lösungen zu finden, muß man Lösungen finden. Verantwortung zu tragen bedeutet, Verantwortung zu tragen. Wer erfolgreich ist, der ist erfolgreich.

Wer wollte da widersprechen? Und jetzt mal los:
Schritt 1: Doppelte Verneinungen einführen:
Um Lösungen zu finden, muß man nicht keine Lösungen finden. Verantwortung zu tragen bedeutet, Verantwortung zu tragen. Wer erfolgreich ist , der ist ist erfolgreich.

Schritt 2: Synomyme einführen:
Um Lösungen zu finden, muß man nicht Antworten schuldig bleiben. Verantwortung zu tragen bedeutet, den Anforderungen des Pflichtbewußtseins gerecht zu werden. Wer seine Ziele erreicht, dem gelingt sein politisches Vorhaben.

Schritt 3: Einengung/Personalisierung:
Um Lösungen auf die Probleme in diesem Land zu finden, dürfen wir nicht Antworten schuldig bleiben. Verantwortung zu tragen bedeutet, daß wir den Anforderungen des Pflichtbewußtseins gerecht werden. Wenn wir unsere Ziele erreichen, dann gelingt unser politisches Vorhaben.

Schritt 4: Substantivieren:
Um Lösungen auf die Probleme in diesem Land zu finden, dürfen wir nicht Antworten schuldig bleiben. Verantwortung zu tragen bedeutet, daß wir den Anforderungen des Pflichtbewußtseins gerecht werden. Das Erreichen unsere Ziele ist es, was das Gelingen unserer politischen Vorhaben ausmacht.

Schritt 5: Aufpolstern:
Um Lösungen auf die drängenden Probleme in diesem Land zu finden, dürfen gerade wir nicht Antworten schuldig bleiben. Verantwortung zu tragen bedeutet, daß wir den Anforderungen des Pflichtbewußtseins, seien es nun angenehmen oder unangenehme, gerecht werden. Das Erreichen unsere Ziele ist es, was das nachhaltige und substantielle Gelingen unserer politischen Vorhaben ausmacht.

Schritt 6: Polieren: Ein paar Konjunktionen einstreuseln, etwas Sprachpolitur drüber, und fertig ist die Laube:

Um Lösungen auf die drängenden Probleme in diesem Land zu finden, dürfen gerade wir nicht Antworten schuldig bleiben. Denn Verantwortung zu tragen, das bedeutet, das wir den Anforderungen, die das Pflichtbewußtsein an uns stellt, seinen es nun angenehme oder unangenehme, gerecht werden. Und nur das Erreichen unserer Ziele erlaubt das nachhaltige und substantielle Gelingen unserer politischen Vorhaben.

Na, das kommt doch so schon viel besser rüber als unser Ausgangstext! Wenn also gerade jetzt im Wahlkampf irgendwo eine Stelle als Redenschreiber frei ist - einfach per e-mail melden! Aber eines gleich vorweg: Dank Steinbrück weiß ich, was allein so ein kleiner Vortrag bei den Stadtwerken Bochum an Geld wert ist!

Kommentare:

  1. Großartig! Ich hab's gleich mal probiert, funktioniert auch nicht-politischen Themen: http://derblindehund.wordpress.com/2013/05/26/mit-rosler-gegen-kant/

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    1. Du meine Güte, ich habe ja gar nicht geahnt, daß man auf diese Weise analytische Urteile nicht nur politik- sondern auch noch partytauglich machen kann! Und die Formulierung "Dein Körper unterliegt keinesfalls der Ausdehungslosigkeit" muß ich unbedingt mal in der Praxis testen...!

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  2. Ich sehe das ganz anders. Wer für die Fragen unserer Zeit Antworten finden will, muss sich auf das Erzielen konkreter Ergebnisse konzentrieren. Bedeutet denn verantwortungsvolles Handeln - gerade angesichts der Katastrophen des letzten Jahrhunderts - nicht, sich seiner Pflichten konsequent zu stellen? Sind doch Entscheidungsträger besonders dann erfolgreich, wenn sie Fehlschläge beharrlich vermeiden - in einem gewissen Sinne natürlich.

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  3. Meine Güte, das macht mir ja richtig Angst. Dein System ist so einfach und genial, dass diese Art der Texterstellung das Potential hat, sich noch weiter auszubreiten!

    Du hättest das Geheimnis der politischen Texterstellung vielleicht nicht leaken sollen. Professionelle Worthülsenersteller zittern vermutlich auch schon.

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    1. Ja, kurzzeitig habe ich durchaus in Erwägung gezogen, zum Schutze der Menschheit zu behaupten, die Idee sei mir von König Salomo eingegeben worden und mich in ein Irrenhaus zurückzuziehen. Aber wer weiß, ob man Irrenärzten vertrauen kann? Die Veröffentlichung könnte es immerhin ermöglichen, voll automatisierte Abwehralgorithmen zu entwickeln, die durch Rückwärtsanalyse politische Texte auf ihre Kernaussagen zurückführen können...

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    2. Tolles Buch, gute Idee, muss ich mal wieder lesen!

      Wo kann man für ein Browserplugin spenden, das die Rückwärtsabwicklung automatisch vornimmt?

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    3. Genau auf dieser Seite findet sich ein Link dafür (ganz oben rechts):

      http://www.blablameter.de/index.php

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    4. Das BlaBlaMeter ist leider nicht sensibel was die logische Struktur von Texten angeht. Der kleine, sinnlose Testtext aus dem Post kommt gerade mal auf einen Bullshit-Index von 0.3 - und liegt damit an der Schwelle zu einem "hochwertigen journalistischen Text"!

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