Samstag, 24. Juli 2010

Globuli und Trinkwasser

Also nochmal zur Homöopathie. Ich weiß, es ist ziemlich unsexy, solche Dinge immer wieder zu verkopfen, anstatt sie einfach nur anzuwenden und sich dabei irgendwie sanft und Eins mit der Welt zu fühlen. Aber es muß nunmal sein. Nach dem geradezu widerlich vernunfttriefenden Vorstoß irgendwelcher Materialisten in der SPD, und dem Beifall der Betonköpfe der CDU, homöopathische Mittelchen nicht mehr von den Krankenkassen bezahlen zu lassen, und der sich daran anschließenden Propagandawelle der Schulmedizinhörigen, scheint dieses Thema ja in der diesjährigen Sommerpause gut zu gedeihen. Die taz fühlt sich gleich berufen, auf den verschwindend geringen Anteil der Kosten für Homöopathie an den Krankenkassenausgaben hinzuweisen, und zu beklagen, daß spießige Menschen trotzdem noch einen Wirksamkeitsnachweis verlangen. Und sie läßt auch noch eine Professorin weiter Nebel verbreiten. Denn Frau Professor Witt gibt zwar zu, daß sie keine Ahnung hat, wie Homöopathie wirken sollte, und daß der Placeboeffekt und das Einfühlungsvermögen des Homöopathen eine große Rolle spielen. Nur das Naheliegende sagt sie nicht, nämlich daß die mysteriösen Wundermittelchen nicht mehr helfen als das gute alte Pusten durch Mama.
Noch vor ganz kurzem hätte ich mich darüber noch mächtig aufregen können. Nun aber habe ich meinen Frieden mit der Homöopathie gemacht. Nicht, das meine Meinung über sie plötzlich besser geworden wäre, ganz sicher nicht. Aber das war auch nicht nötig, um sie harmonisch ins Weltbild einzubauen. Aber um das verständlich zu machen, muß ich erst ausführen, was genau mich denn früher so an der Homöopathie geärgert hatte. Und das waren zwei Dinge.
Erst einmal, es ist nichts falsch daran, Menschen Placebos zu verabreichen, wenn sie sich dadurch besser fühlen. Aber sie durch den Aufbau und die offizielle Absegnung einer phantastischen pseudowissenschaftlichen Esoteriklehre bewußt und dauerhaft in die Irre zu führen, das fand ich ein wirklich starkes Stück. Zwar kann man vieleicht vom jungen, im Umgang mit modernen Medien geübten Menschen erwarten, daß er sich selber über die Hintergründe der Homöopathie informiert. Aber wenn selbst eine Fraktionschefin und Ex-Verbraucherschutzministerin wie Frau Künast nicht weiß, was Homöopathie ist ( "Die pauschale Kritik an der Homöopathie verkennt, dass selbst die Schulmedizin in vielen Fällen auf die industrielle Nachahmung von Heilmitteln zurückgreift, die es in der Natur kostenlos gibt." - Ach. Und?), wie soll ich dann meine Oma, die glaubt, was ein Mann im weißen Kittel ihr sagt, von unsinnigen Ausgaben abbringen?
Und mit den Ausgaben sind wir schon beim zweiten ärgerlichen Punkt angelangt. Mag sein, daß die wirkstofffreien Mittelchen nur einen kleinen Anteil an den Gesamtausgaben der Krankenkassen haben. Aber betrachten wir mal den folgenden realen Fall: Da knickt man böse mit dem Fuß um und zerrt sich schmerzlichst die Bänder. Man ist nicht zuhause, und humpelt also in die nächste Apotheke, die man finden kann, und verlangt nach Bandagen zur Stützung des wehen Fußes und nach etwas Schmerzstillendem. Das bekommt man auch, aber dann stellt die Apothekerin (auch sie trägt einen seriösen weißen Kittel) noch einen Karton mit einem Fläschchen auf die Theke mit dem Hinweis, das solle man besser auch noch schlucken, denn das "absorbiere die Entzündung", und koste auch nur sieben Euro. Und wem als medizinischen Laien das "Absorbieren von Entzündungen" nach einer Bänderdehnung irgendwie merkwürdig vorkommt, der kann dann auf der Packung lesen, daß man ein homöopathisches Mittelchen erwerben solle. Und auf den Hinweis an die Verkaufende, man wolle kein Geld für Homöopathisches ausgeben, kommt nur ein abfällig ausgesprochenes "Ja, wenn sie meinen... Hilft aber gut!" Ja, wenn's gut hilft, dann sind sieben Euro wirklich ein akzeptabler Preis! Aber andererseits...
In einer Online-Apotheke kann man mal die Preise für diverse homöopathische Mittelchen nachsehen. Die 10g-Packungen Globuli kosten da etwa:
Arnica C12: 4,59 €
Aconitum D30: 5,48 €
Aconitum C1000: 30,88 €
Die Verpackungen tragen dabei noch den Hinweis "enthält Saccharose". Man könnte der Einfachheit halber auch schlicht sagen "ist Saccharose", also ganz ordinärer Zucker. Der wiederum kostet im Supermarkt an der Ecke (ist nicht der Billigste!) 1,50 € das Kilogramm. Und da kann man dann mal ausrechnen, um wieviel der Wert des Zuckers pro Kilogramm zunimmt, wenn man in zu homöopathischen Kügelchen verarbeitet! Nämlich um das 306-fache bis zum 2059-fachen! Am edlen Inhalt kann dieser Preisanstieg nicht liegen, schließlich ist das dünnste Mittelchen (C1000! Das ist 1000 Schritten jeweils hundertfach verdünnt!) das teuerste. Auch die wahnsinnig teuren Entwicklungs- und Zulassungskosten, die bei echten Medikamenten anfallen, erspart man sich bei der Herstellung von Globuli nach 200 Jahre altem Hokuspokus. Gut, es kommen noch Kosten fürs Schütteln (so macht man "Nichts" zu einem homöopathischen Mittel) und fürs hübsche Verpacken hinzu. Dennoch, ein beachtlicher Gewinn, der da unterm Strich bleibt! Wie im Drogenhandel, nur daß der Endverbraucher da für sein Geld zumindest etwas bekommt, das tatsächlich wirkt.
Es war diese Geldmacherei, verbunden mit dem Veräppeln der Verbraucher, die mich lange, über Jahre hinweg, so erbost über die Homöopathie machte. Aber dann sah ich bei der Lektüre der taz diese Flasche Bonaqa, und alles relativierte sich wieder!
Bonaqa ist ein Tafelwasser. Und Tafelwasser, das heißt nichts anderes als Leitungswasser, das man noch ein bißchen nachbearbeiten kann, wenn man will. Und so eine Flasche Bonaqa kostet in der Kantine 0,80 €, am Bahnhofskiosk vieleicht 1,20 €, lassen wir es mal im Schnitt 1,00 € sein, für einen halben Liter. Trinkwasser kostet bei den Wasserwerken als Privatkunde etwa 1,60 € für einen Kubikmeter, also für 1000 Liter. Das entspricht einem Wertzuwachs um das 1250-fache, nur durch das Abfüllen von Leitungswasser! Gut, das Wasser darf noch mal durch einen Filter laufen, und man mischt noch etwas Kochsalz dazu und bläst eventuell noch was Kohlensäure rein. Aber dafür bekommt man ja als Großabnehmer auch bestimmt einen besseren Preis pro Kubikmeter. Und dank Werbung und schöner Flasche kaufen sich die Menschen lieber für einen Euro eine Flasche mit dem Wasser, das sie am Hahn nebenan umsonst haben könnten. Und keine Aufklärer gehen dagegen vor wie in Falle der Homöopathie, dabei ist das Prinzip dasselbe. Beim Wasser wie bei der Homöopathie könnte jeder leicht rausfinden, was wirklich dahinter steckt. Es macht nur keiner. Und wenn man gegen seinen Willen darauf aufmerksam gemacht wird, reagiert man bloß mit einem "Ach, echt?". Aber damit ist diese Angelegenheit, sei's Wassser, seien's Globuli, wieder vergessen. Denn wenn's Unsinn wäre, würden's so viele Menschen kaufen und verkaufen? Ja, würde gar die Krankenkasse Kosten übernehmen?
Also, was soll der Ärger gerade über die Homöopathie? Menschen lassen sich offenbar nur zu bereitwillig in diversen Bereichen über den Tisch ziehen. Und sie zahlen gerne gutes Geld für ein warmes Gefühl. Und gedankt werden einem die Bemühungen, den mündigen Bürger vor sich selber zu schützen, sowieso nicht. Also sei's drum: Jeder bekommt am Ende das, was er verdient! Und sei's verzauberter Zucker für 2000 € das Kilo...

Kommentare:

  1. was nix kostet ist auch nix wert. wenn man also placebos verkaufen will muss schon mehr verlangen als das was sie wirklich wert sind.

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  2. Du hast das Prinzip der Homöopathie offenkundig nicht verstanden: Gleiches wird mit Gleichem bekämpft. Also muss das Mittelchen teuer sein damit es wirkt. Denn: Der Schmerz wird im gleichen Maß geringer, wie das Loch im Budget größer wird. Ist doch ganz einfach oder?

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  3. Was das Tafelwasser betrifft: Dazu gab's mal eine Sendung, in der sie tatsächlich Leitungswasser abgefüllt und mit etwas Werbung als Tafelwasser teuer verkauft haben. Hat super funktioniert.

    Aber Wasser in Flaschen hat großen Zusatznutzen:

    Körperliche Ertüchtigung - trag' mal 4 Kästen Bonaqua ins 4. OG.

    Man weiß, dass und wieviel mal getrunken hat.

    Man fühlt sich gut, wenn man die Pfandkisten zurück bringt und so die Natur schützt, weil man kein Wasser aus Plastikflaschen oder gar Aludosen trinkt.

    Man hat immer eine leicht aktivierbare Geldreserve (Pfand).

    Die Wasserrechnung fällt nicht so hoch aus ;-)

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  4. Ok ok... Ich seh's ja ein!
    Homöopathie muß teuer sein, damit sie wirkt! Hätte ich mir nur vorher ein paar gründlichere Gedanken zu diesem Thema gemacht...!
    :-)

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  5. Das war aber nicht zufällig die Coca Cola Company mit ihrem Bonaqua selber?? :-)

    "Was das Tafelwasser betrifft: Dazu gab's mal eine Sendung, in der sie tatsächlich Leitungswasser abgefüllt und mit etwas Werbung als Tafelwasser teuer verkauft haben. Hat super funktioniert."

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  6. Nein, nein, das war entweder Yogeshwar oder sogar noch der Pütz oder sowas in der Art. Es war echt nur um zu zeigen, dass man Leitungswasser mit ner kleinen, wischiwaschi Kampagne und nettem Etikett auf der Flasche prima und teuer an den Mann bringen konnte. Die Leute schmecken dann sogar den Unterschied zw. frisch aus dem Hahn und kurz davor abgefülltem Leitungswasser. Die Macht der Suggestion und Selbsttäuschung ist immens.

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  7. Gerade gefunden:

    Aus Leitungs- wird Tafelwasser mit Wasserspendern von Ionox

    Die Tafelwasseranlagen von Ionox VEREDELN (herv. v. m.) Leitungswasser zu Tafelwasser. Neben der Filterung des Leitungswassers übernehmen die Wasserspender auch die Kühlung und auf Wunsch die Anreicherung des Wassers mit Kohlensäure.

    http://www.presseanzeiger.de/meldungen/gesundheit-medizin/294246.php

    Übrigens in China heißt das Äquivalent zu Bonaqua Wahaha. Na die haben doch Humor oder?

    http://de.wikipedia.org/wiki/Tafelwasser

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