Mittwoch, 28. Juli 2010

Diskussionen abwürgen und klug dabei aussehen

Tja, wem geht es nicht mitunter so: da ist man zu einer großartigen, die Welt verändernden Erkenntnis gekommen, und keiner hört hin. Nun sollte man annehmen, daß eine gewisse Werbung und Überzeugungsarbeit schon in meinem eigenen Verantwortungsbereich liegt, wenn ich meine Erkenntnis verbreiten will. Spätestens nach der Schule sollte ich gemerkt haben, daß es im Leben nicht reicht, einfach nur "Machen wir es doch so-und-so." zu sagen, um Beifall zu bekommen, ganz egal wie gut die Idee auch sein mag. Und erst recht gilt das, wenn es mir gelungen ist zu erklären wie das Universum tatsächlich aufgebaut ist, wie Astrologie funktionieren kann, wie sich vom Denken aufs Sein oder vom Sein aufs Sollen schließen lässt, und dergleichen Dinge mehr. Alle diese Dinge, wie sie drastisch der gängigen Meinung widersprechen, würden geistige Umwälzungen kopernikanischen Ausmaßes nach sich ziehen. Da muß ich wohl mit einer gehörigen Portion Skepsis rechnen und auch mal was bieten. In der Wissenschaft ist das wohl auch der Normalfall. Auf Vorträgen und Postern auf Konferenzen und in Fachpublikationen stellt man seine Arbeit knapp, präzise und sachlich dar und versucht, seine Mitmenschen zu überzeugen. Und wenn man an die schiere Menge von Publikationen denkt, die jedes Jahr erscheint, dann versteht man auch, warum sich gewisse Standards eingebürgert haben, die das Lesen erleichtern sollen:
Ein abstract, der ganz knapp die Ziele, Methoden und Ergebnisse der Arbeit zusammenfasst. Eine kurze Einleitung, die die Arbeit in den Zusammenhang einordnet, sowie eine Zusammenfassung, die die Ergebnisse nochmal auf den Punkt bringt. Und natürlich ein sachlicher Stil in einem gut strukturieren Text. Alles das hilft sehr, Menschen, um deren Aufmerksamkeit viele Autoren buhlen, einen schnellen Überblick zu geben und ihnen zu erlauben, die Relevanz der Arbeit einzuschätzen und gegebenenfalls ihr Interesse zu wecken.
Soweit, so gut. Und dann gibt es da die Menschen, die dieses Prinzip ignorieren oder gar in sein Gegenteil zu verkehren. Diese Menschen findet man in vielen obskuren Bereichen, von der Astrologie über die junk-scientists bis zur etablierten Religion und dem "gläubigen Atheismus". Allen diesen Menschen scheint gemeinsam zu sein, daß es ihnen nicht um sachliche Überzeugungsarbeit geht, sondern um die schnelle und schiere Verbreitung ihres Glaubens, sei es aus eigener Überzeugung, sei es aus wirtschaftlichem Interesse. Und allzu kritisches Nachfragen muß man dann oft genug mangels Argumenten abblocken. Und da kommt dann der Verweis auf die Literatur, die auch dem kritischsten Kritiker alle offenen Fragen beantworten würde. Eine solche Vorgehensweise kann ja nicht verwerflich sein, schließlich ist sie auch in der Wissenschaft notwendigerweise gang und gäbe. Nur muß hier natürlich sichergestellt sein, daß die Quelle, auf die verwiesen wird, unattraktiv genug ist, um den Kritiker ein für alle mal los zu sein. Wenn das Studium der Referenz nur zu langwierig und offensichtlich nutzlos ist, dann wird der Kritiker schon aufgeben. Man kann alle weitere Kritik an seiner Ansicht mit dem Verweis der Unwissenheit und dem Unwillen der Kritiker abtun, und sich selbst bei Bedarf auch noch als das ignoriere, unverstandene Genie inszenieren. Und bei den Leichtgläubigen macht es auch noch einen guten, intelligenten Eindruck, wenn man auf viel umfangreichere Darstellungen verweisen kann, auf die man gerade mangels Zeit und Vorkenntnisse nicht eingehen kann. Beispiele!

In einfachen Fällen reicht oft schon der Verweis auf ein Buch. Die meisten Menschen sind eh' zu faul, in die Bibliothek zu gehen, oder zu geizig, Geld für etwas auszugeben, von dem sie sowieso nichts halten. Noch besser natürlich, wenn es schwer zu bekommen ist. Leichte Fälle ist man so unauffällig los. Das ist mir mit Fragen zur Rolle von Gottesbeweisen in der katholischen Kirche so gegangen. Der Pfaffe verwies mich auf ein theologisches Buch, das ich mir durchaus mit Mühe besorgt habe. Ich habe es durchgelesen, meine Antwort hatte ich immer noch nicht, aber die Lust auf weitere Diskussionen ist mir darüber auch vergangen. Ein weiteres Beispiel durch die Gegenseite findet sich auch. Da gibt es Ausschnitte und Zusammenfassungen eines Buches, die man allesamt für banal und unsinnig hält. Aber Kritik ist dennoch nicht erlaubt, denn man hat das ganze Buch ja nicht gelesen. Und was steht noch drin in dem Buch, das so viel besser ist als das Bekannte? Verrate ich nicht, mußt du schon selber lesen! Puh...

Das Buch muß, wenn man es geschickt wählt, auch gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Ich erinne mich an eine Astrologin, die erklärte, die von ihr angewandten Prinzipien der Vorhersage der Zukunft seien in der Principia Mathematica von Whitehead und Russell dargestellt. (Zu dumm, ich finde die betreffende Seite nicht mehr wieder!) Eine gute Wahl! Das aus drei dicken Bänden bestehende Buch ist sündhaft teuer und nur in ausgewählten Bibliotheken zu finden (Es gibt eine sehr empfehlenswerte Taschenbuchausgabe des Vorworts und der Einführung bei Suhrkamp. Aber man muß bestimmt das gesammte Werk lesen, um die Vorhersage der Zukunft daraus zu verstehen.). Und falls es doch mal jemand bis zum Buch schafft, wird er eh rein gar nichts verstehen. Und sollte jemand doch was davon verstehen, so ist er sowieso nicht blöd genug, um als Kunde einer Astrologin in Frage zu kommen.

Wer doch lieber auf eigene geistige Ergüsse verweisen will, der bekommt schnell einen guten Text hin, wenn er ein paar einfache Regeln beachtet:
1) Behaupte nie, du würdest für Fachleute schreiben. Das ist immer der Notausgang bei fachlicher Kritik an der Darstellung.
2) Fasse dich niemals kurz. Allein die Masse an Material hält schon so manchen Kritiker davon ab, sich näher mit deinem Werk zu beschäftigen.
3) Erkläre Banalitäten lang und breit, und huddle über die kritischen Stellen umso schneller drüber. Vermittelt den Eindruck tiefgehender Kompetenz, und daß du so intelligent bist, daß du die schwierigen Passagen eigentlich trivial findest.
4) Wechsle das Argumenationsniveau so oft wie möglich. Erkläre mal auf Kindergartenniveau, dann wieder reihe beeindruckende Fachworte aneinander. Den Laien beeindruckt es, den Fachmann entnervt es.
5) Mische reichlich Unwichtiges (gerne Privates, Anekdoten,...) in den Text mit ein. Das entnervt Kritiker und amüsiert Gläubige. Außerdem erscheint man so viel menschlicher als die Wissenschaftler mit ihren staubtrockenen Darstellungen.
6) Vermeide eine klare Struktur. Springe hin und her. Das macht es Kritikern nahezu unmöglich, die Gedankengänge nachzuvollziehen oder die Fehler in der Argumentation aufzuspüren. Sicherlich werden sie aufgeben, bevor sie sich die Mühe machen, den Wirrwarr zu ordnen und die Fehler offenzulegen.
7) Wenn dir die Argumente ausgehen sollten, werde einfach emotional. Niemand wagt es zu widersprechen, wenn du nur selbstsicher und laut genug behauptest, nur ein Blödmann würde deine Argumentation nicht verstehen.

Als ein Beispiel für die Befolgung einiger dieser Regeln mögen Videos aus der pseudowissenschaftlichen Ecke dienen. Hier hat mal wieder jemand die Weltformel gefunden. Verraten tut er sie aber nur in diesem mehr als achtstündigen Videomaterial! Ich war echt guten Willens, aber nach zehn Minuten banalen Geschwätzes habe ich dann doch entnervt aufgegeben...

Und wenn man wirklich auf absolute Nummer sicher gehen will, dann bleibt immer noch das Geld. Die Wahrheit gibt's nur im kostenpflichtigen Download. Oder im Wochenendseminar, für 400 Euro. Gut, das wirkt dann nicht mehr so klug, aber immerhin kommt bestimmt kein nerviger Kritiker dazu, der es zu genau wissen will...!
Ach, arme, unverstandene Geister...!

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