Mittwoch, 6. Juni 2012

Forscher fordern tödliche Fallen für Neugeborene

Zweifellos gibt es eine große Vielfalt unter Schlagzeilen. Manche Artikeltitel berichten etwa ganz nüchtern, daß eigentlich alles so ist, wie es auch sein soll ("Frauenleiche auf Friedhof: Verdächtiger vor Richter"). Andere drehen völlig ab und machen aus einer Mücke einen Elefanten (oder aus einem Europäer einen Afrikaner: "Werden wir alle Afrikaner?"). Eine ganz besondere Art der Titelfindung scheint aber beim Focus Online sorgsam gepflegt zu werden - die Überschrift, die schon in den ersten drei Sätzen des folgenden Artikels als falsch widerlegt wird.
Zum ersten Mal aufgefallen ist es mir 29. Februar dieses Jahres, mit der beeindruckenden Schlagzeile:
Astronomen entdecken Leben in der Milchstraße
Völlig verzückt, Zeitzeuge eines der größten Momente der Wissenschafts-, ja der ganzen menschlichen Geistesgeschichte zu sein, wurde ich sofort bitterlich enttäuscht. Die Astronomen hatten, wie ich vom Focus sofort informiert wurde, keinerlei Leben entdeckt, sondern vielmehr eine Methode zum Nachweis von Leben auf fremden Planeten erfolgreich an der Erde selbst getestet. Und eine "Entdeckung" von Leben, das man schon immer kannte... Naja, eben schon ein bisschen enttäuschend.
Schon am 2. März dann aber der nächste Schock!
Legaler Kindsmord: Forscher fordern Tötung von Neugeborenen
(Nachtrag: Im Titel wurde das "fordern" inzwischen in ein "rechtfertigen" geändert) Was um alles in der Welt wollen diese perversen Weißkittel denn von armen, kleinen, süßen Babys? Die Menschheit vernichten? Wollen Naziärzte ihren Weg zur Selektionsrampe vorbereiten? Der Artikel klärte dann aber zur Beruhigung ganz schnell auf, daß niemand die Tötung von irgendwem fordert. Gefordert wurde lediglich die Straffreiheit von Tötungen unter gewissen Umständen. Und das ist ja irgendwie doch schon etwas anderes als den Tod zu fordern...
Und so geht's dann weiter. Am 13. März titelt man Gefahr aus der Ferne: 45-Meter-Asteroid rast direkt Richtung Erde. Nur damit man erfahren kann, daß der 45-Meter-Asteroid direkt an der Erde vorbei rast.
Am 24. April dann passiert's, Parkwächter entdecken tödliche Fallen auf Wanderweg (den Beitrag gibt's inzwischen wohl nicht mehr). Und die "tödlichen Fallen" hätten Wanderer laut Beitrag unter Umständen "ernsthaft verletzten" können. Am 5. Juni wurde es gruselig: Vampir-Überreste vor Bulgariens Schwarzmeerküste. Man erfährt aber gleich, daß keinerlei Vampir-Überreste vor Bulgariens Schwarzmeerküste (Bulgariens Schwarzmeerküste, ist das so was wie Sylts Nordseeküste?) gibt, sondern ganz menschliche Überreste, von denen abergläubische Zeitgenossen annahmen, sie könnten nach dem Tod zu Vampiren werden.
Eigentlich mag ich diese Art, Überschriften zu finden. Wenn man eine gewisse Enttäuschung des Lesers in Kauf nimmt, kann man wirklich ganz tolle Sachen schreiben! Wie wär's denn für die Zukunft mit "Tsunami verwüstet deutsche Nordseeküste". Das aber schon vor 8000 Jahren. Oder "Außerirdische Monster attackieren US-Kleinstadt". Allerdings nur im Film. Oder aber "Merkel nach Urlaub tot aufgefunden", "Merkel" ist aber der Spitzname eines Gummibaums in Bad Oeynhausen. Und wenn ich mir's recht überlege, Focus Online müsste die Meldungen nur auf einen Tag zusammenziehen, dann wäre auch die Enttäuschung der Leserschaft nicht zu groß. Denn die bekäme endlich mal einen wirklich unterhaltsamen Nachrichtentag geboten!

Kommentare:

  1. Über den legalen Kindsmord habe ich ja damals sogar auch geschrieben und eine durchaus kontroverse Diskussion ausgelöst.
    Muss aber zugeben, dass ich da vielleicht nicht ganz objektiv bin, weil schon lange die Ermordung aller noch nicht volljährigen Menschen zu meinen größten Lebensträumen gehört.

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    1. "Muss aber zugeben, dass ich da vielleicht nicht ganz objektiv bin, weil schon lange die Ermordung aller noch nicht volljährigen Menschen zu meinen größten Lebensträumen gehört."

      Das ist schon ok für mich. Bei mir fällt da nur das "noch nicht volljährigen" weg! ;)

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    2. Na gut, für eine Vollverglasung der Erde habe ich mich auch schon ausgesprochen. Das scheint mir derzeit aber völlig unrealistisch. Kinder hingegen sind nach meiner Erfahrung beinahe völlig wehrlos, zumindest bis sie zahnen.

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    3. Hmm... Also von meinem Erzfeind hätte ich mir insgeheim ja schon gewünscht, daß er sich härte Gegner sucht als zahnlose Kinder...!

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    4. Jeder bekommt den Erzfeind, den er verdient.

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  2. Ich habe da etwas anderes gelesen: "Forscher rechtfertigen Tötung Neugeborener" und nicht "Legaler Kindsmord: Forscher fordern Tötung von Neugeborenen". Und: "Gefordert wurde lediglich die Straffreiheit von Tötungen unter gewissen Umständen." stimmt auch nicht. Gefordert wurde, dass Eltern ihre Baby "prinzipiell" töten lassen dürfen, weil ein Baby ihrer Meinung nach noch keine Person ist und deshalb kein Unterschied zwischen Abtreibung und Tötung eines geborenen Kindes bestünde.

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    1. Stimmt, Focus Online hat den Titel inzwischen geändert, danke für den Hinweis! Ich habe zwar keinen Screenshot, wie der Titel vorher aussah, aber andere haben es auch gesehen!

      Das mit den gewissen Umständen stimmt schon. Die Autoren der besprochenen Arbeit fordern nicht, daß Eltern ihre Babys prinzipiell töten (lassen) dürfen. In ihrem Originaltext steht, sie "argue that what we call 'after birth abortion' (killing a newborn) should be permissible in all the cases where abortion is, including cases where the newborn is not disabled". Wann immer man also ein (gesundes oder krankes) Kind vor der Geburt töten (lassen) kann/darf, sollte man es auch nach der Geburt töten (lassen) können. Nur wenn man eine Abtreibung verbietet, sei ein Verbot der Kindstötung aus ihrer Sicht schlüssig - eben weil es keinen prinzipiellen moralischen Unterschied durch den Prozess der Geburt gäbe.

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  3. Noch so eine Mumpitz-Überschrift:
    Königliche Gene
    Fast jeder zweite Deutsche stammt von Tutanchamun ab

    Im zugehörigen Focus-Artikel erfahren wir dann, dass viele Deutsche mit vielen anderen Leuten vor zigtausenden Jahren in der Steinzeit gemeinsame Urahnen hatten.

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  4. Und ich dachte, wenn wir nur weit genug zurück gehen, dann stammen wir alle von einer einzigen Frau ab !

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