Donnerstag, 4. August 2011

Das Märchen von den exzellenten Piraten

Es war einmal vor langer Zeit eine kleine Südseeinsel, auf der war ein Schatz vergraben. Und eines Tages kam ein Piratenschiff angesegelt, um diesen Schatz zu finden. Leider wußten weder die Piraten noch der Piratenkapitän, wo genau auf der Insel der Schatz denn vergraben war. Aber die Piraten waren guter Dinge und rüsteten sich mit Hacken aus und mit Schaufeln, und sie waren bereit, zur Not wochenlang die ganze Insel umzugraben, bis sie den Schatz gefunden hätten. Früher hätte ihr Kapitän sie so auf die Insel gehen lassen und sie hätten losgegraben, bis sie den Schatz gefunden hätten. Und wenn sie ihn gefunden hätten, dann hätte jeder ihn bewundert und jeder hätte in kleines Stückchen davon abbekommen und alle hätten sich gefreut.
Aber ihr neuer Piratenkapitän war sehr klug und er dachte bei sich: "Die meisten meiner Piraten graben Löcher und werden keinen Schatz finden. Also ist ihre Arbeit unnütz und wertlos, und nur die Arbeit derjenigen Piraten, die den Schatz finden werden, ist wertvoll. Und trotzdem soll ich allen Piraten aus dem Bordvorrat Rum und Schiffszwieback geben, damit sie kräftig zum graben sind? Viel besser wären die Vorräte doch eingesetzt, wenn ich den größeren Teil des Proviants den Piraten gebe, die den Schatz ausgraben werden! Dann sind die kräftiger und können den Schatz schneller ausgraben und ich verschwende nichts von den wichtigen Vorräten." Und weil der Piratenkapitän so klug war, gefiel ihm seine Idee sehr gut und er wollte seine Vorräte an die Piraten verteilen, die den Schatz finden würden. Da erst merkte er, daß er keine Ahnung hatte, welche unter all den Piraten auf dem Schiff den Schatz denn finden würden, und die anderen Piraten wussten es auch nicht. Aber weil er so klug war, hatte er eine weitere Idee. Er würde einen Wettbewerb machen, in dem alle Piraten, die mitgraben wollten, erklären müßten, warum sie die besten Schatzausgräber seinen und am nächsten Tag den Schatz finden würden. So würde er erfahren, welches die exzellenten Piraten waren, und denen würde er am nächsten Tag die meisten Vorräte zu essen und zu trinken mitgeben!
Die Piraten waren nicht so klug wie der Piratenkapitän und fanden die Idee nicht gut. Sie dachen bei sich, daß es dumm sei, ihre Zeit mit dem Schreiben von Erklärungen zu verbringen, anstatt gleich loszugehen und nach dem Schatz zu suchen. Aber sie sagten das nicht laut. Denn sie dachen, wenn sie dem Kapitän sagen würden, daß sie seine Idee dumm fänden, dann würde der nur sagen, daß sie Angst hätten, weil sie wüßten, daß sie nicht exzellent seien und den Wettbewerb verlieren würden. Und andere Piraten würden vielleicht sagen: "Genau, die sind nicht exzellent. Sollen sie nicht mitmachen, dann können wir den Rum und den Schiffszwieback nur unter uns aufteilen, und das ist nur besser für uns."
Also verbrachten die Piraten die Nacht und den nächsten Morgen damit, lange Anträge zu schreiben, in denen sie erklärten, warum gerade sie die besten Schatzgräber seinen und den Schatz finden würden. Und weil alle wußten, daß sie keine sicheren Gründe angeben können, weshalb gerade sie den Schatz ausgraben würden, dachten sie sich Erklärungen aus. Sie schrieben Dinge wie, daß gerade sie die besten Spaten zum graben hätten, oder daß sie ganz sicher seien, daß der Schatz vielleicht bei den drei Palmen vergraben läge.
Am nächsten Tag sammelte der Kapitän alle diese Anträge ein, und er zählte die Löcher, die jeder einzelne Pirat vorher schon woanders gegraben hatte, und so wußte der kluge Kapitän, welches die exzellenten Schatzgräber waren. Denen gab er viel Rum und Zwieback, und den anderen gab er nur wenig, und dann ließ er sie auf die Insel zum Schatzsuchen.
Die Piraten, die nur wenig Proviant hatten, waren sehr schwach und hatten nicht viel Kraft und dachten sich: "Wenn ich jetzt meine ganze Kraft benutze, um hier nur ein einziges tiefes Loch zu graben, dann finde ich den Schatz bestimmt nicht. Und wenn keiner den Schatz findet, dann müssen wir morgen wieder Anträge schreiben, und der Kapitän wird wieder die Löcher zählen, und dann habe ich nur ein Loch. Und dann bekomme ich morgen noch weniger Proviant oder ich darf gar nicht mehr mit zum Schatzsuchen." Also begannen die Schwachen, mehrere flache Löcher zu graben, da, wo der Sand ganz locker war, und sie konnten so keinen Schatz finden.
Die mit dem vielen Proviant dachten sich aber auch, daß der Tag schon bald vorbei wäre und sie in der verbleibenden Zeit nicht viele tiefe Löcher graben könnten. Und morgen hätten die anderen mit ihren flachen Löchern viel mehr Grabungen vorzuweisen als sie mit ihren wenigen tiefen Löchern. Dann würden sie am nächsten Tag weniger zu essen und zu trinken bekommen, und das wollten sie nicht. Also gruben auch die Piraten, die viel Proviant mitbekommen hatten, lieber mehrere flache Löcher. Und so ging der Tag vorbei, und keiner fand den Schatz, und am Abend kamen alle traurig auf das Schiff zurück.
Der kluge Piratenkapitän aber war sehr zufrieden mit sich. Denn er konnte nicht sehen, wie flach die Löcher waren. Und so dachte er bei sich, daß seine Piraten ja viel mehr Löcher gegraben hätten als sonst, und daß seine Methode gut funktionierte und er das Beste aus dem Proviant machen würde. Und so mußten die Piraten für den nächsten Tag wieder Anträge schreiben, warum sie die besten Schatzgräber seien. Und wieder schrieben sie lange und sie verwiesen auf all die Löcher der anderen, obwohl sie wußten, daß diese nur sehr flach waren, und erklärten, daß die anderen nichts gefunden hätten und der Schatz daher ganz bestimmt da sein müsse, wo sie selber suchten. Und wieder las der Kapitän die Anträge und zählte die Löcher und wußte so, welches die exzellenten Piraten unter seiner Mannschaft waren.
Und am nächsten Mittag kamen sie wieder mit dem verteilten Proviant auf die Insel, und an diesem Tag machten sie noch mehr noch flachere Mulden in den Sand, und wieder fand niemand den Schatz. Doch der kluge Kapitän war sehr zufrieden und er dachte, bei so vielen Löchern hätte er bald die besten Schatzgräber der Welt! So lag das Piratenschiff lange, lange vor der Insel, und die flachen Löcher wurden mehr und mehr, und niemand fand den Schatz. Und nach einer Weile dachten die Piraten auch nicht mehr an den Schatz, sondern nur noch daran, wie sie am nächsten Tag möglichst viel Rum und Schiffszwieback bekommen könnten. Nur noch manchmal in der Nacht, wenn sie eine Pause im Schreiben ihrer Anträge machten, da träumten sie noch davon, einen funkelnden Goldschatz zu finden...

Und viele, viele Jahre später, auf der anderen Seite der Erde, kamen Politiker auf dieselbe Idee und sagten: "Warum machen wir es in der Forschungspolitik nicht so wie der kluge Piratenkapitän?" Und so wurde die Exzellenzinitiative erfunden. Und bald ging es den Forschern in diesem Land genauso wie den Piraten in der Südsee. Die Hälfte ihrer Zeit verbrachten sie damit, Anträge zu schreiben, in denen sie erklärten, weshalb sie die besten unter den Forschern seinen. Und die restliche Zeit verbrachten sie damit, möglichst viele flache Publikationen zu schreiben, damit sie beim nächsten Antrag genug Material hätten, auf das sie verwiesen könnten. Nur vom Schatz, den zu finden sie einst ausgezogen waren, von dem träumten sie nur noch manchmal, nachts, nach dem Schreiben ihrer Anträge.


Nachtrag 7.10.2012:
Siehe diesen tollen Kommentar aus der Zeit, nach dem der Beschluss der Universität Hamburg, sich grundsätzlich nicht mehr an Umfragen zu beteiligen, die geeignet sind, deutsche und internationale Universitäten gegeneinander auszuspielen, "wohl vor allem ein Eingeständnis von Schwäche" ist.

Kommentare:

  1. Hmm, bedeutet das, ich kann so einen Förderungstopf absahnen, wenn ich nur verspreche, mittels 20 Studenten innerhalb von 2 Jahren ein Perpetuum Mobile zu erfinden, das weder Öl noch sonstige Ressourcen verbraucht und nebenbei sogar noch wertvolle Mineralien produziert?

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  2. Uhhhh... Ich fürchte, mit Forschungsprojekten, die abseits des Mainstreams liegen, hat man schon mal grundsätzlich gaaanz schlechte Erfolgsaussichten - selbst dann, wenn es nicht so etwas Extravagantes wie ein Perpetuum Mobile geht. Erfahrung mit Forschungsanträgen zum Perpetuum Mobile hat aber bestimmt der Herr Prof. Dr.-Ing. Konstantin Meyl schon gesammelt:
    http://www.k-meyl.de/go/50_Aufsaetze/Neutrino-Power-Vortrag.pdf
    Keine Idee ist so blöde, als daß sie nicht schon jemand ernst gemeint hätte! ;)

    Ansonsten: Wenn man Förderung für etwas beantragt, das sowieso alle schon immer machen, dann ist es auch egal, ob dabei am Ende etwas herauskommt. Allerdings ist der Markt da natürlich schon ziemlich dicht...

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  3. Schöne Parabel ... solcherlei "Motivation" greift aber mit leicht anderen Vorzeichen auch in der "freien Wirtschaft", wenn das mittlere Management vom Seminar zurück ist.

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  4. @Anonym:

    Das glaube ich gerne! Solche "Optimierungsmethoden" für die Wissenschaft sind sicherlich aus der Wirtschaft importiert: Erfolge meßbar machen, Ziele festsetzten und gezielt in starke Gebiete investieren. Nur leider funktioniert das beim Forschen noch schlechter als beim Geld verdienen. Denn schon vor geraumer Zeit von Einstein auf den Punkt gebracht: "Wenn wir wüssten, was wir tun, würden wir es nicht Forschung nennen, oder?"

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  5. uäh ich höre mir gerade während ich das hier lese den Livestream einer Präsidialveranstaltung zur Exzellenzinitiative II des KIT an..

    so true..

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  6. @TakeFive:
    Na, nach dem Livestream sollte ja jetzt alles klar sein mit Exzellenz, Kompetenz, Innovation, Synergien,...!
    :)

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