Freitag, 17. Februar 2012

Papstferner als Atheisten

Wenn ich hier schon so lange nichts mehr in der Rubrik "Atheismus" geschrieben habe, dann deshalb, weil ich Diskussionen zu diesem Thema eigentlich schon aufgegeben hatte. Denn Atheisten fallen in genau zwei Gruppen. Mit den einen verstehe ich mich ganz schnell und es besteht gar kein Diskussionsbedarf. Mit den anderen kann ich einfach nicht reden, eine Diskussion mit ihnen ist für mich am Ende nicht weniger frustrierend als eine mit religiösen Eiferern (Um Mißverständnissen vorzubeugen, ich stehe atheistischen Positionen sehr nahe. Eigentlich ist es nur die zweite der genannten Gruppen, die mich vom klaren Bekenntnis, Atheist zu sein, abhält). Einen letzten Diskussionsversuch hatte ich noch mal gestartet, nachdem Muriel von der überschaubaren Relevanz dankenswerterweise trotz persönlicher Ablehnung meiner Positionen einem Gastbeitrag Raum gegeben hat. In diesem Fall war die Diskussion, bevor sie dann wie immer niedergetrollt wurde, eigentlich ganz interessant. Jetzt möchte ich hier noch ein abschließendes Fazit aus meinen Diskussionsbemühungen ziehen. Denn wenn ich mich schon nicht unterhalten kann, dann möchte ich doch wenigstens verstehen, weshalb nicht.

Der Unterschied zwischen den Atheisten der ersten und der zweiten genannten Gruppe scheint mir nicht durch Einteilungen wie die in starken und schwachen Atheismus bedingt zu sein. Sondern er liegt darin, daß die zweite Gruppe sich nicht damit zufriedengeben kann, nur der Meinung zu sein, Religionen seinen Unsinn. Sie will unbedingt wissen, daß sie es tatsächlich, unbestreitbar und objektiv sind. In diesem Drang nach einer Gewissheit kann man schon die erste Parallele in den Denkmustern der Gläubigen und der Atheisten der zweiten Gruppe erkennen. Um nun Gewissheit über die grundsätzliche Unsinnigkeit von Religionen zu haben, benötigen die Atheisten der zweiten Gruppe ein grundsätzliches Kriterium, nach dem Religionen von anderen, von der zweiten Gruppe für sinnvoll gehaltenen Weltanschauungen oder -Interpretationen unterschieden sind. Man braucht ein Abgrenzungskriterium für Religionen. Gewissermaßen hat man das alte Abgrenzungsproblem der Wissenschaften von der anderen Seite her. Daher habe ich die Atheisten der zweiten Gruppe bisher auch ausnahmslos als ausgesprochen eifrige Verfechter der Naturwissenschaften als bessere Alternative zur Religion erlebt. Denn mit dem Abgrenzen der Religionen (weltliche, ideologische Entsprechungen seien hier mit eingeschlossen) bleibt die Naturwissenschaft auf der anderen, "sinnvollen" Seite der weltanschaulichen Denkweisen.
Den Unterschied zwischen Religionen und den Wissenschaften nun meinen die Atheisten der zweiten Gruppe in der Behauptung, Wissenschaften seien im Gegensatz zu Religionen frei von unüberprüfbaren Annahmen, ausgemacht zu haben. Stellt man diese Annahme infrage und behauptet, auch Naturwissenschaften enthielten notwendig nicht überprüfbare Grundannahmen, dann reagieren die Atheisten der ersten Gruppe irgendwo zwischen "Ja, klar" und "Na und?". Für die Atheisten der zweiten Gruppe dagegen stellt diese Behauptung eine echte und ernsthafte Provokation dar (Beispiele findet der Interessierte, wie für alles in diesem Text, im erwähnten Gastbeitrag und der zugehörigen Diskussion).
Versucht man nun, die provokative Behauptung mit einem Beispiel zu untermauern, so stößt man auf erhebliche Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen. Das ist prinzipiell wohl auch nicht verwunderlich, denn aus irgendeinem Grund leuchtet einem eine Argumentation, deren Schlußfolgerung einem sympathisch ist, viel leichter ein, als eine, deren Schlußfolgerung man verabscheut. Im letzteren Fall braucht es einen gewissen, nicht leicht aufzubringenden Willen, sich in die Denkweise der unbeliebten Argumentation einzufinden. Was man dann aber bei den Atheisten der zweiten Gruppe beobachtet, ist das schnelle Erschöpfen dieses Willens, und irgendwann (vielleicht ermutigt durch eine Gruppe, die dies akzeptiert) bemerkt man erstaunliche Anstrengungen, um den anderen gar nicht mehr verstehen zu müssen. Am Ende wird nicht mehr darauf reagiert, was der andere gesagt hat, sondern nur noch darauf, was man möchte, daß der andere gesagt hat.
Nun ist es eine Sache, meinen Text so abzubügeln. Leider zeigen sich Anzeichen solcher Ignoranz aber nicht nur am Umgang mit dem von mir in der Diskussion gegebenen Beispiel. Die Frage nach einer Abgrenzung der Naturwissenschaften von Unsinnigem wie Religionen ist eine im zwanzigsten Jahrhundert ausgiebig und fachlich gründlich geführte Diskussion. Manche meiner Argumente hätten altbekannte Gegenargumente provozieren können. Das völlige Ausbleiben dieser Standardgegenargumente scheint zu bestätigen, daß Atheisten der zweiten Gruppe sich ihrer Ansicht von der ausnahmslosen Überprüfbarkeit naturwissenschaftlicher Annahmen so sicher sind - oder so sicher sein wollen -, daß sie es von sich aus nicht für nötig befinden, sie einer lange existierenden und entwickelten Kritik zu stellen. Wer sich nun auch bei dieser Grundeinstellung des Ignorierens und Nicht-verstehen-wollens an die Diskussionsweise von religiösen Eiferern erinnert fühlt, der wird vom folgenden Zitat aus der Diskussion beeindruckt sein. Zu meiner Position, in den Naturwissenschaften gäbe es nicht überprüfbare Annahmen, schrieb ein Diskussionsteilnehmer:
"Ich verwahre mich vehement gegen die These, meine Position sei nahe an der von Thomas. Ich könnte nicht mit Sicherheit sagen, ob die epistemologische Position des Papstes unter Umständen näher an meiner wäre als seine."
Zwar denke ich, dies ist nicht so ganz wörtlich gemeint gewesen. Dennoch zeigt dieser entnervte Ausdruck in einer von mir nicht für möglich gehaltenen und gewiss auch nicht so verstandenen Ehrlichkeit, wo sich Atheisten der zweiten Gruppe eher sehen, als in der geistigen Nähe von Menschen, die die restlose Überprüfbarkeit naturwissenschaftlicher Gedankengebäude infrage stellen.
Was der reichlich unbeholfene Satz, der Atheismus sei auch nur eine Form der Religion, sagen will, ist womöglich nur, die entscheidende Grenze verlaufe gar nicht zwischen Anhängern und Gegnern von Religionen. Sondern sie sei eher da zu suchen, wo es um die Bereitschaft geht, die eigene Weltsicht, was immer sie sei, für sich selbst einer kritischen Überprüfung zu stellen. Und deshalb bezeichne ich mich auch nicht gerne als Atheisten. Ich will einfach nicht mit den falschen Leuten in eine Schublade geworfen werden.

Nachtrag: Zu diesem Thema gibt es noch eine Antwort von Muriel. Gewissermaßen die Antwort auf die Analyse der Diskussion zum Gastbeitrag aufgrund der Diskussion zu einem Beitrag. Nur für den Fall, daß es tatsächlich irgendwo noch jemanden gibt, den das Thema interessiert...

Kommentare:

  1. Es ist ganz wörtlich gemeint. Ich habe das ganz bewusst und nach gründlichem Nachdenken so geschrieben, und ich stehe auch weiterhin dazu.
    Und niemand in dieser Diskussion war der Meinung, Wissenschaft sei objektiv besser als Religion. Kein einziger Beitrag hat das behauptet. Jeder, der überhaupt etwas dazu geschrieben hat, hat dir in diesem Punkt deiner Argumentation zugestimmt. Ohne Ausnahme. Jeder.

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  2. "Es ist ganz wörtlich gemeint. Ich habe das ganz bewusst und nach gründlichem Nachdenken so geschrieben, und ich stehe auch weiterhin dazu."
    Wow.

    "Und niemand in dieser Diskussion war der Meinung, Wissenschaft sei objektiv besser als Religion."
    Ich schrieb hier nicht von "objektiv besser", sondern von "objektiv Unsinn", und solche feinen Unterschiede hätte ich schon gerne beachtet. Stimmt Du mir auch zu, daß Religion nur subjektiv Unsinn ist?

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  3. @Thomas: Tendenziell schon.
    Wenn wir es genauer wissen wollen, kommt es wohl drauf an, was du unter Unsinn verstehst.
    Zum Beispiel kann Religion eine total gute Sache für manche Leute sein. Für den Papst zum Beispiel ist sie vielleicht enorm nützlich. Insofern kann man es aus seiner Sicht für sinnvoll halten, dass er religiös ist. Andererseits enthält jede mir bekannte Religion innere Widersprüche, was man wohl als objektiv unsinnig bezeichnen könnte, ohne den Begriff zu überdehnen.
    Das ist hier genau wie bei "besser". Wenn man eine Definition hat, bleibt nur noch eine objektiv beantwortbare Tatsachenfrage.
    Natürlich bräuchten wir außerdem noch eine gemeinsame klare Definition von "Religion".

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  4. "Tendenziell schon."

    Ich denke, das meinte ein anderer Kommentator, als er feststellte, daß unsere Positionen eigentlich doch gar nicht so weit auseinander liegen würden. Warum dann nur diese leidenschaftliche, "vehemente" Distanzierung?


    "Wenn wir es genauer wissen wollen, kommt es wohl drauf an, was du unter Unsinn verstehst."

    Nicht unbedingt. Nach dem, was ich unter Unsinn verstehe, ist Religion Unsinn. Aber ich kann eben keine klare Definition angeben, wann etwas Unsinn zu sein hat. Das macht es für mich ja gerade subjektiv. Kannst Du ein Kriterium angeben, wann etwas unsinnig ist? Die innere Widersprüchlichkeit?


    "Natürlich bräuchten wir außerdem noch eine gemeinsame klare Definition von "Religion"."

    Ich denke nicht. Denn ich bestreite ja gerade, daß es ein prinzipielles Kriterium gibt, nach dem sich Religionen von anderen Gedankengebäuden unterscheiden. Insofern könnten wir uns natürlich eine Definition bauen, aber die würde letztlich ja auch nur einfangen, was wir so schon in der natürlichen Sprache als Religion verstehen. Da besteht nur die Gefahr, uns am Ende nur noch um unsere künstliche Definition zu streiten.

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  5. "Warum dann nur diese leidenschaftliche, "vehemente" Distanzierung?"
    Warum wundert sie dich?
    Natürlich sind wir uns nicht in allen Punkten uneinig. Das ändert doch nichts daran, dass wir in anderen sehr, sehr weit voneinander entfernt sind.

    "Kannst Du ein Kriterium angeben, wann etwas unsinnig ist? Die innere Widersprüchlichkeit?"
    Klar, jeder kann das. Wie es bei Worten eben ist: Sie bedeuten für mich das, was ich gerade damit meine. Das macht Kommunikation ja so schwierig. Natürlich kannst du niemand anderem vorschreiben, was er unter Unsinn zu verstehen hat. Da sind wir wieder beim trivialen Teil deiner Position, dem keiner widerspricht.

    "Denn ich bestreite ja gerade, daß es ein prinzipielles Kriterium gibt, nach dem sich Religionen von anderen Gedankengebäuden unterscheiden."
    Ja... Ich denke, es war schon ganz gut, dass wir die Diskussion in der Sache eingestellt haben.
    Bleiben wir dabei.
    Ich habe mich zu diesem Kommentar auch nur verleiten lassen, weil mich so erstaunte, dass du in deinem eigenen Blog nun ausgerechnet den Teil deiner Meinung verteidigst, den überhaupt niemand angegriffen hat.

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  6. "Ich habe mich zu diesem Kommentar auch nur verleiten lassen, weil mich so erstaunte, dass du in deinem eigenen Blog nun ausgerechnet den Teil deiner Meinung verteidigst, den überhaupt niemand angegriffen hat."

    Da haben wir schon wieder das Mißverständnis. In meinem eigenen Blog verteidige ich keine Meinung, die ich im Gastbeitrag vertreten habe. Ich versuche stattdessen zu verstehen, warum wir uns nicht verständigen können. Ob meine Analyse da gut ist oder nicht sei dahingestellt. *Das* wir uns nicht verständigen können, das haben wir hier auf jeden Fall noch mal kurz und eindrucksvoll demonstriert.

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  7. (Teil 1) Doch noch mal kurz zu Muriel, oder wenn er es nicht liest, dann für wen auch immer.
    Auf meine Frage, ob er ein Kriterium für "unsinnig" angeben könnte, antwortete er mit "Klar, jeder kann das". Diese Antwort hilft mir nun kein bisschen, denn wenn ich das glauben würde, dann hätte ich diese Frage gar nicht erst gestellt. Wenn ich es nicht glaube, dann hilft mir seine Bestätigung, daß es jeder könne, auch nicht weiter.
    Nun, ich kann es nicht, und damit kann es schon mal nicht jeder. Ich kann nicht einmal mit Sicherheit in jedem Einzelfall sagen, ob etwas sinnvoll ist oder nicht. Dazu stand ich schon zu oft in verschiedensten Zusammenhängen von dieser Frage. Manchmal habe ich es nur gedacht, manchmal laut gesagt, aber ich habe ganz offen und ehrlich schon gedacht: Ich weiß nicht, ob ich das, was du da gerade sagst/zeigst/erklärst für sinnvoll halte oder nicht.
    Ganz sicher kann ich kein allgemein gültiges Kriterium angeben, wann ich etwas für sinnvoll halte und wann nicht. Sicherlich kann ich Tendenzen nennen, nach denen sich mein Urteil richtet. Aber kein sicheres Kriterium der Art "sinnvoll genau dann, wenn...".
    Und völlig ausgeschlossen finde ich es, ein Kriterium anzugeben, nachdem ich etwas nicht nur für sinnvoll *halte*, sondern es sinnvoll *ist*, so daß niemand es in Zweifel ziehen könnte.
    Das ich und warum ich Überprüfbarkeit für ein untaugliches Kriterium halte, habe ich schon ausführlich andernorts erklärt. Doch auch die angesprochene innere Widerspruchsfreiheit finde ich als absolutes Kriterium für "sinnvoll" unbrauchbar. Selbst in den Naturwissenschaften wie der Physik. Physiker haben in der Praxis kein Problem damit, mal die klassische Physik, mal die Quantenmechanik zur Erklärung heranzuziehen, je nach den speziellen Bedürfnissen. Dabei sind diese in ihrer Konzeption und in ihren Aussagen in bestimmten Situationen widersprüchlich (wären sie es nicht, bräuchte man keine zwei Theorien). Als Rechtfertigung dient allein die Feststellung, daß diese Herangehensweise in der Praxis genügt. Widersprüchlichkeit scheint in der Physik tatsächlich eine geringere Rolle zu spielen, als das idealisierte Selbstbild der Physiker annimmt.

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  8. (Teil 2) Natürlich bin ich mir im Klaren, daß hier keine innere Widersprüchlichkeit einer Theorie vorliegt, wie es vermutlich gemeint ist. Warum dies aber einen großen Unterschied machen sollte, ist mir nicht ganz klar. Doch ich zweifle auch nicht daran, daß Physiker auch eine einzelne Theorie trotz innerer Widersprüche verwenden würden, solange sie nur in bestimmten Fragen gute Antworten geben könnte. Tatsächlich kenne ich keine ganze verwendete Theorie dieser Art, es wäre spannend, mal danach zu suchen. Ich kenne aber einzelne Situationen, in denen sich Physiker nicht an innerer Widersprüchlichkeit stören, solange es eben "praktisch" ist. Zum Beispiel die Folgende:
    Nehmen wir an, wir hätten drei Punkte im Raum, A, B und C. Diese mögen die beiden folgenden Bedingungen erfüllen:
    - Der paarweise Abstand sei jeweils gleich
    - Der Winkel zwischen A und B, gemessen von C, sei Null Grad
    Diese beiden Bedingungen sind unvereinbar. Es ist unmöglich, sie gleichzeitig zu erfüllen. Die Annahme von drei Punkten, die genau diese Bedingungen erfüllen, ist also in sich widersprüchlich. Dennoch macht man diese Annahmen, wenn man in der Astronomie die absoluten Helligkeiten von Objekten des Sonnensystems bestimmt (Die drei Punkte entsprechen dann Erde, Sonne und fraglichem Objekt).
    Nicht einmal in der Wissenschaft würde ich der Widerspruchsfreiheit mehr als tendenzielle Bedeutung zusprechen. Im Zweifel gewinnt der Pragmatismus.
    Drastischer wird es noch in anderen Bereichen des Lebens, etwa der Ethik. Dieses Beispiel stammt von Sartre, um unter dem Eindruck des 2. Weltkriegs die Nutzlosigkeit des kategorischen Imperativs zu demonstrieren, aber es ist auch hier nützlich:
    Wenn ich in einem Land lebe, das von Faschisten besetzt wurde und eine schwer kranke Mutter habe, soll ich dann losziehen um die Faschisten zu bekämpfen, oder zuhause bleiben und meine Mutter pflegen?
    Beide Handlungen widersprechen sich, aber ganz ehrlich, ich finde beide sinnvoll.
    Also - Widersprüchlichkeit ist sicher nicht gleich Sinnlos.

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  9. Gibs auf, Thomas. Denen bist du nicht gewachsen.
    ;)

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  10. @Anonym:
    Ich weiß ja. Ich kann es aber einfach nicht lassen! :)

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  11. Bei Religiösen genaus differenzieren wie bei Atheisten, bitte!

    Hallo Thomas, Du Schreibst:

    "...die entscheidende Grenze verlaufe gar nicht zwischen Anhängern und Gegnern von Religionen. Sondern sie sei eher da zu suchen, wo es um die Bereitschaft geht, die eigene Weltsicht, was immer sie sei, für sich selbst einer kritischen Überprüfung zu stellen. Und deshalb bezeichne ich mich auch nicht gerne als Atheisten. Ich will einfach nicht mit den falschen Leuten in eine Schublade geworfen werden."

    Ich würde da aber nicht die Grenze zwischen Religion und Atheismus sehen, sondern die Unterscheidung zwischen Aufgeklärtheit und Fundamentalismus. Und diese Unterscheidung kann man bei Atheisten genauso treffen wie bei religiösen Menschen. Fundamentalisten auf beiden Seiten sind nicht bereit, ihre Positionen zu hinterfragen.

    Mir geht es als (akademisch ausgebildetem, naturwissenschaftlich interessiertem) Christen nämlich genau wie Dir: Es ist mir teilweise ebenfalls peinlich, mit Menschen in eine Schublade geworfen zu werden... nur ist das bei mir eben die Schublade der Religiösen, die angeblich ihre Positionen nicht in Frage stellen würden. Aber es sind nicht alle Religiösen so ignorant, wie es hier behauptet wird.

    An theologischen Fakultäten ist der erkenntnistheoretische Diskurs der letzten hundert Jahre doch nicht spurlos vorbei gegangen. Dort wird auf hohem Niveau darüber diskutiert, wie und ob man heute noch von "Gott" sprechen kann, nachdem uns der Konstruktivismus gezeigt hat, dass es objektive Wahrheit nicht gibt.

    Das Problem ist bei den Religiösen, ebenso wie bei den Atheisten, die große Gruppe der Ignoranten, die eine seit Feuerbach nicht mehr aktualisierte Position einnehmen und allen neueren Erkenntnissen im besten Fall ignorant, im schlimmsten Fall feindselig gegenüber treten.

    Bitte, liebe reflektierende Atheisten der "ersten Gruppe", macht es Euch nicht zu leicht! Auch unter uns Religiösen gibt es Menschen, die in der Lage sind, ihre Position weiter zu entwickeln.

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  12. Wissenschaft ist das Bewusstsein, dass Erkenntnisse dem ständigen Falsifizierungstest unterworfen werden müssen und ihn eventuell nicht bestehen.
    Die ist eine klare Abgrenzung zur Religion.

    Die andere klare Abgrenzung ist die wissenschaftliche und philosophische Erkenntnis, dass alles Leben und Wirken einem aus sich selbst entstehenden und selbst regelnden Prozess entstanden ist und sich sich verändert.
    Feedback rules !

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    1. Das klingt ja gut, aber wieviel steckt da genau genommen hinter?
      Meinetwegen kann man Wissenschaft durch das Bewusstsein abgrenzen, mit dem etwas getan wird. Aber das ist dann doch schon ein recht schwammiges Kriterium?
      Und was den zweiten Punkt angeht, eine wissenschaftliche Erkenntnis zur Abgrenzung der Wissenschaft zu benutzen, das führt doch im Kreis. Und als philosophische Erkenntnis ist das aus-sich-selbst-entstehen keineswegs unumstritten. Und überhaupt, handelt es sich dabei eigentlich um eine Erkenntnis? Es scheint mir vielmehr so, daß das aus-sich-selbst-entstehen (völlig zu Recht) eine philosophische Veraussetzung der Wissenschaft ist, die sich dann selbst bestätigt, aber keine wirklich unabhängige Erkenntnis. Göttliches Wirken scheidet als wissenschafliche Erklärung von vornherein aus, also findet die Wissenschaft folglich nur Erklärungen ohne göttliches Wirken. Und wo sie keine Erklärungen findet, da hat sie sie entweder noch nicht, oder die Fragestellung selbst sei halt einfach unsinnig, uninteressant oder unbeantwortbar.

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  13. Hi Thomas
    dahinter steckt soviel (anderes), dass es in Summe das genaue Gegenteil von Religion ist. Zuerstmal das Bewusstsein, dass alle Erkenntnisse natürlich menschlichen Ursprungs sind und somit der ständigen Kontrolle bedürfen. Dazu hat die Menschheit ein Erkenntnis-Gewinnungs und -Kontrollverfahren aufgebaut und es Wissenschaft genannt. Dies kann man nicht hoch genug schätzen.

    Feedback ist nicht nur eine philosophische Erkenntnis:
    Woher kommt das Leben? Es kann nur aus sich selbst heraus erstanden sein, denn ein Schöpfer wäre ja schon Leben.
    Wozu dient das Leben? Zu nichts, denn es gibt ja sonst nichts (siehe Frage 1).

    Nein, Feedback ist die einzige Möglichkeit, Prozesse des Lebens (biologische, soziale und wirtschaftliche) zu verstehen. Es ist ein tiefer Erkenntnisgewinn, wenn man die lebende Welt unter diesem Blickwinkel sieht und sich von der Sicht der "alles wird von Obenherab bestimmt" der Religion und ideologischer Politik löst.

    Darwin hat die Frage nach der Entstehung des Lebens beantwortet, deshalb ist er der größe Philosoph aller Zeiten.

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    1. Was den ersten und den dritten Absatz angeht, sind wir wohl einer Meinung.

      Der vierte Absatz scheint mir etwas zu optimistisch. Darwin hat die Frage nach der Entwicklung des Lebens beantwortet, aber nicht die nach seiner Entstehung. Der Übergang von unbelebten Stoffen zu Belebten ist wohl immer noch recht mysteriös. Ich persönlich bin aber zuversichtlich, daß auch diese Frage einmal eine solide naturwissenschaftliche Antwort bekommen wird.

      Der zweite Absatz zielt zu kurz. Was es genau heißen soll, daß Leben aus sich selbst entsteht, weiß ich nicht. Leben kann wohl eher aus unbelebter Materie entstehen. Und die Frage, woher diese kommt, mit aus sich selbst heraus zu beantworten, finde ich nicht so recht befriedigend.
      Der Schöpfer dagegen ist ja gerade als etwas von der Materie (oder von irgendwelchen anderen physischer Begriffen) oder dem materiellen Leben Unabhängiges erfunden worden. Insofern kann man ihn nicht als "schon Leben" in einen Zirkel wie oben einbauen.
      Das man mit einem solchen Schöpfer bloß eine Pseudoantwort bastelt, ist klar: Statt Ich kann mir nicht vorstellen, daß Materie aus sich selbst heraus entsteht sagt man, daß der Schöpfer sie gemacht hat. Die Eigenschaften, die der Schöpfer dazu haben müßte, kann man sich zwar genau so wenig vorstellen, aber da stört es den Gläubigen offenbar nicht mehr.

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  14. Darwin hat die Frage nach der Entstehung des Lebens beantwortet. Folgendes Scenario: Die Welt ist ohne Leben. Auch keine (heiligen) Geister, Götter, geistige Energien oder so etwas. Einfach nur Steine, Moleküle, Atome, manche heiß, mache kalt, manche zusammmengeklumpt, manche nicht. Kein Leben. Also die Situation, die genau das beschreibt, was als Grundbedingung so sein muss, um zwischen vorher (kein Leben) und hinterher (Leben) einen Unterscheid erkennen zu können.
    Jetzt kommt das, was Darwin beschreibt: Ein Zufall. Genau gesagt richtig viele Zufälle, die die Anordnung von richtig vielen Atomen und Molekülen über eine lange Zeit in vielen Planeten oder (Generationen von der Evolution unterliegenden) Universen permutieren. Darwin schrieb hier etwas bescheiden von einer kleinen Pfütze. Dann passiert in dem denkwürdigen Moment der Entstehung des Lebens der zweite Schritt: Unser aller Vorfahr besteht die ultimative Selektion, er lebt und die DNA teilt sich erfolgreich. An dieser Stelle ist eine Gedenkminute angebracht.

    Die philosophische Erkenntnis ist genau dieses 'aus sich selbst heraus'. Zufällige Veränderungen unterliegen dem ständigen Test und somit der Rückkopplung. Aus Nicht-Leben ensteht Leben. Aus einfachem Leben entsteht komplexes Leben. Ungeplante Veränderungen wirken geplant, da sich alles zufällig entstandene und in die Umwelt besser passende auch dauerhaft besser fortpflanzen kann.

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  15. geht mir genauso - auch ich rechne mich trotz eigentlicher nähe NICHT zu den atheisten, da mir deren "sendungsbewusstsein" genauso obskur und dümmlich vorkommt, wie das der religiösen - auch die atheistische flucht in die naturwissenschaften als vermeintlicher ersatz-ideologie halte ich für äußerst unkritisch.
    ich denke, als sog. "agnostiker" kann man ganz gut leben, vorausgesetzt man hält sich von ALLEN ideologien fern ...
    als sarkastische randbemerkung: ich begrüße sehr die erfindung des kreationismus, weil diese sache auch dem einfachsten gemüt plausibel ist, wohingegen der darwinismus oder gar evolutionstheorien viele menschen bis heute ganz offenbar überfordern (die evolutionstheorie ist halt weiter, als die biologisch reale hirnevolution des menschen - hihi)

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