Mittwoch, 15. Dezember 2010

Lieber Andreas Müller!

Eigentlich ist für sowas ja Kommentarfunktion im Blog gedacht, aber nun muß ich eben durch einen eigenen Blogbeitrag auf Ihren Text Langweilig antworten. Ich will dies auch ausführlich und sachlich tun, und vieleicht können Sie ja auch, zumindest einmal und kurz, auf das übliche Geschreie und Zuspitzen verzichten? Ein Versuch...

Gehen wir der Reihe nach vor. Zunächst zu mir und meinem Blog. Eigentlich eher nebensächlich, aber mir doch ein Bedürfnis:
Sie werfen diesem Blog vor, es sei "einigermaßen konfus". Und tatsächlich bin ich mir darüber klar, daß seine thematische Vielfalt das Lesen erschwert. Dennoch habe ich mich bewußt dafür entschieden, alle Themen, zu denen ich mich äußern möchte, in einem Blog zusammenzufassen. Denn bei den meisten mehr oder weniger monothematischen Blogs habe ich den Eindruck, daß sie nur von einer Gruppe Gleichdenkender und deren erbitterten Gegenern gelesen werden, und Kontakt mit anderen Sichtweisen und Themen kaum stattfindet. Auf eine solche "geschlossene Gesellschaft" möchte ich nach Möglichkeit verzichten, auch wenn darunter die Lesbarkeit und die Zugriffsraten leiden sollten. Und sollte jemand partout nur ein einem Thema interessiert sein, so gibt es ja immer noch die Sortierung nach Rubriken.
Den zweiten Vorwurf, ich weigere mich, Stellung zu beziehen, finde ich ziemlich unpassend, denn ich habe den starken Eindruck, daß Sie sich nicht die Mühe gemacht haben, einige meiner eher trockenen Texte unter der Rubrik "Atheismus" oder "Religion" zu lesen. Allerdings muß ich zugeben, daß ich mich scheue, ein "Etikett" an meine Meinung zu kleben. Ich bin selber Atheist, dieses Wort scheint mir am besten zu passen, allerdings mit der unter Atheisten weit verbreiteten Wissenschaftsgläubigkeit und der meiner Auffassung nach überzogenen philosophischen Selbstsicherheit sehr unzufrieden. Darüber hinaus bin ich ganz ausgesprochener "Relativist". Allerdings heißt das nicht, daß ich mich grundsätzlich scheue, Urteile zu sprechen. Ich bin mir allerdings bewußt, daß es für keines meiner persönlichen Urteile, seien es ethische, politische oder gar wissenschaftliche, eine letzte und sichere Begründung gibt. Die Verantwortung, etwas zu tun oder nicht zu tun, bleibt bei mir alleine. Insofern bin ich selber auch "Fundamentalist", als daß meine Handlungen meiner persönlichen Überzeugungen entspringen, aber wiederum kein Fundamentalist, weil ich meine Überzeugungen keinesfalls als in irgendeiner Weise privilegiert empfinde.

Nun aber zum eigentlichen Thema. Aus ihrer Position zur Ethik werde ich nicht so recht schlau. Einerseits scheinen Sie einem "eliminatorischen Physikalismus" nahe zu stehen? Auf der anderen Seite wollen Sie Ethik mit wissenschaftlichen Methoden objektivieren?
Das Problem liegt meiner Meinung nach darin, daß ethische Sätze, darunter will ich hier Sätze der Form "Man soll..." bzw "Man soll nicht..." verstehen, nicht aus wissenschaftlichen Sätzen gefolgert werden können. Das verhindert schon die logische Form dieser Sätze (einen naturwissenschaftlichen Satz kann man beispielsweise in prädikatenlogischer Form ausdrücken, einen ethischen Satz nicht, oder?). Und auf diesen grundlegenden Punkt wird, so scheint mir, nirgends in Ihren Texten eingegangen? Auf jeden Fall wird dieser Punkt in dem von Ihnen als Referenztext angegeben link Eine Landschaft der Moral schlicht ignoriert.
Solange aber nicht gezeigt ist, wie ein ethischer Satz aus einem Naturwissenschaftlichen folgen kann, ist jede Ethik mit einem eliminatorischen Physikalismus unvereinbar. Ethik bleibt dann ein von den Naturwissenschaften völlig unabhängiges Gebiet. Will man dann diese strikte Form des Physikalismus beibehalten, muß man sich dazu durchringen, die Existenz von Ethik grundsätzlich zu bestreiten. Was mir aber schlüssig erscheint, denn auch für den freien Willen bleibt im eliminatorischen Physikalismus kein Platz mehr.
Sie scheinen diesen Weg aber nicht zu gehen, oder? Leider verstehe ich Ihre Position zum angegeben Zitat des Herrn Schmidt-Salomon nicht, indem er von einem nicht begründbaren Axiom der Ethik spricht. Sicherlich ist dieses Axiom kein Naturwissenschaftliches, und daher nicht mit einem Physikalismus in Einklang zu bringen. Und die Akzeptanz dieses Axioms ist, völlig unabhängig von jeder Haltung zur Naturwissenschaft, natürlich jedem freigestellt. Es leuchtet mir daher nicht ein, worin nun der Fortschritt oder Vorteil der von Ihnen unterstützten ethischen Theorie liegt?

Es würde mich wundern und freuen, würden Sie die Mühe einer sachlichen und klärenden Erwiderung auf sich nehmen!

Mit freundlichen Grüßen,

Thomas Steinschneider

Kommentare:

  1. Hallo Thomas,

    das ist ein Missverständnis. Ich bin gerade gegen den eliminatorischen Physikalismus (im Gegensatz zum rein reduktionistischen), da es durchaus Sinn ergibt, auf anderen Ebenen über natürliche Phänomene zu sprechen. Ebenso können mehrere Wissenschaften etwas zur Ethik beitragen, z.B. Soziologie, Psychologie, Ökonomie, etc.

    Der ethische Realismus würde insofern etwas bringen, weil er einem die nötige Zuversicht in wenigstens die Bewertungsgrundlage von Handlungen gibt - ähnlich wie ein mathematisches Axiom. Ziemand bezweifelt doch, dass 1 + 1 = 2 ist. Es ist ebenso sinnlos, zu bezweifeln, dass Menschen an ihrem Wohlbefinden interessiert sind. Man hat den Maßstab des menschlichen Wohlbefindens als universelle Richtlinie - im Gegensatz zu Willkür und radikalem Relativismus. So ähnlich wie Menschenrechte (die m.E. für die meisten Situationen daraus folgen).

    Ich finde, du solltest vielleicht unterscheiden zwischen "Begründung" und "Letztbegründung". Auch wenn es keine Letztbegründung gäbe, könnte es immer noch gute Gründe geben.

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  2. Hallo!

    Vielen Dank für diese Richtigstellung! Jetzt bin ich schon fast bereit, dieses Thema für mich zu den Akten zu legen... ;-) Denn wenn wir uns schon einig sind, daß Ethik nicht in der Naturwissenschaft wurzelt, und daß es keine Letztbegründung gibt (und ich unterscheide sehr genau zwischen Begründung und Letztbegründung), dann ist das ja schon mal eine Menge.

    Allerdings möchte ich doch etwas mehr Sorgfalt beim Vergleich mit mathematischen Axiomen anmahnen. Zwar zweifelt niemand daran, daß 1+1=2 ist (oder, um wirklich mal genau zu sein, daß ein Gegenstand und noch ein Gegenstand zwei Gegenstände ergeben), aber dies ist kein mathematisches Axiom, sondern bereits eine Folgerung auf höherer Ebene. Und dies allein beendet dann auch schon die Analogie zum ethischen Axiom. Denn während man das unbestrittene 1+1=2 aus einem mathematischen Axiomensystem folgern kann, kann man die (scheinbar! Selten, aber es gibt echten und letalen Altruismus. Aber das führt jetzt zu weit...) unbestrittene Tatsache, daß ein jeder Mensch an seinem eigenen Wohlergehen interessiert ist, nicht aus einem ethischen Axiomensystem ableiten. Auch taugt diese (scheinbar) offentsichtliche Tatsache des Interesses am eigenen Wohlergehen nicht selber als offensichtlich vernünftiges Axiom. Denn um von dieser Beobachtungstatsache zum Schutz des Wohlergehens Aller zu kommen, muß man offensichtlich noch etwas weiteres hinzu fügen, um nicht in den anarchistischen Egoismus zu verfallen.
    Also endet man doch bei einem ethischen Axiom, daß nicht nur auf beobachtbaren Größen zurückgreift. Aber das muß es ja auch nicht. Nur funktioniert jetzt dann doch wieder die Analogie zu mathematischen Axiomen. Denn die kann man akzeptieren oder nicht, ganz nach philosophischen Geschmack oder dem, was man für das Ziel und die Aufgabe der Mathematik hält. Und dies ist keine bloß hypothetische Folgerung. Es gibt in der Tat eine Reihe unterschiedlicher Axiomensysteme der Mathematik mit ihren Anhängern, und einige unterscheiden sich in der Tat auch in den aus ihnen ableitbaren mathematischen Theoremen. Und so ist es offensichtlich auch in der Ethik. Man kann das Axiom vom größten Wohlbefinden Aller akzeptieren, muß man aber nicht. Und ganz offensichtlich tun dies auch ziemlich viele Menschen nicht. Und zu welchen ethischen Konsequenzen man gelangt, hängt dann von den Axiomen ab, die man akzeptiert.
    Und damit scheint sich für mich die ganze Diskussion um eine "wissenschaftliche Ethik" für mich in heiße Luft aufzulösen...

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  3. Es ist alles Definitionssache, ich schreibe mal ein FAQ oder sowas zum Thema.

    Allerdings könntest du zumindest zustimmen, dass die Wissenschaft dazu dient, uns über ethisch relevante Fakten zu informieren (z.B. ist der Patient schon tot? Wie ist er zu retten, etc.).

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  4. Oh ja, die ethische Relevanz der Wissenschaften will ich in keinesfalls abstreiten!

    (Man könnte sogar meinen, daß die Wissenschaften laufend neue ethische Probleme produzieren. War man früher halt tot, wenn man nicht mehr zuckte, so hat man es heute mit Koma, Hirntod, Organentnahme, Einwilligungen, Samenspenden, Geräteabschaltungen und was nicht allem zu tun. ;-)

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  5. also ne etwas fetzigere diskussion hatte ich hier ja schon erwartet! ;)

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  6. Zum Abschluß sei noch erwähnt, daß es die erwähnten FAQs inzwischen gibt:
    http://feuerbringer.com/2010/12/25/ethischer-realismus-das-faq/#more-6712
    (..und daß sich darin zeigt, daß die Kritik gar nicht verstanden wurde. Denn auf die eigentlich springenden Punkte der Kritik wird nicht eingegangen, sondern nur Larifari drumrumgeredet.)

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