Samstag, 22. Mai 2010

Sex ist schlimmer als Faschismus!

Grundsätzlich hasse ich ja Nazivergleiche wie die Pest. Heute bauen wir uns aber trotzdem mal selber einen. Die Ausgangssituation ist auch ein bißchen anders, denn ich will eigentlich gar kein heutiges Ereignis mit Vorkommnissen im Dritten Reich vergleichen, sondern umgekehrt. Und außerdem geht es mir auch nicht um die Gemeinsamkeiten, sondern um die Unterschiede im Vergleich. Also mal los.
Der Ausgangspunkt ist die Diskussion um die Rolle der katholischen Kirche im Nationalsozialismus, die sich hier mit einem anonymen Kommentator ergeben hat. Und da waren wir uns einig, und ich glaube, dies ist so offensichtlich, daß es keinerlei weitere Ausführungen bedarf, daß die Lehre der katholischen Kirche mit den Prinzipien des deutschen Nationalsozialismus prinzipiell unvereinbar ist. Außerdem waren wir uns einig, daß die Kirche nicht zum aktiven Widerstand gegen die NS-Diktatur aufgerufen hat, um sich und ihre Mitglieder vor den in einem solchen Fall zu erwartenden Folgen, etwa Verhaftungen, Mord, oder Konfiskation, zu schützen.

Machen wir jetzt erst mal einen kleinen Sprung, hin zur Sexualmoral der katholischen Kirche. Die hat ja eine eher restriktive Tradition, von Mose ("Du sollst nicht die Ehe brechen.", Exodus 20,14) über die Bergpredigt ("Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.", vergl. Mt. 5,27-30) bis zu Paulus ("Darum sage ich: Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen.", Gal. 5,16). Angesichts einer solchen Tradition der Angst vor einer freizügigen Sexualität ist es auch nicht verwunderlich, wenn die Kirche es heute immer noch so hält:
"Indem die Kirche die Menschen zur Beobachtung des von ihr in beständiger Lehre ausgelegten natürlichen Sittengesetzes anhält, lehrt sie nun, dass «jeder eheliche Akt» von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muss."
Und, weiter der Logik folgend, wenn Sex nur zum Babies machen, dann auch keine Kondome:
"Ebenso ist jede Handlung verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluss an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, sei es als Ziel, sei es als Mittel zum Ziel."

Damit haben wir schon mal nachvollzogen, daß die Benutzung von Kondomen nicht mit der katholischen Lehre vereinbar ist, und zwar, weil freizügige Sexualität etwas sehr Schlimmes ist. Für unseren Nazivergleich brauchen wir jetzt nur noch den Gegenpart, und natürlich etliche Millionen Tote. Aber das ist ja kein Problem, da nehmen wir doch einfach AIDS! Es ist wohl gar nicht nötig, das Elend hier auszumalen. Als hoffentlich allgemein in ihrer Seriösität und Kompetenz anerkannte Quelle nehmen wir mal UNAIDS, das Programm der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von AIDS. Mithilfe der detailierten Analysen von UNAIDS kann man sich z.B. anhand nackter Zahlen ein Bild von der dramatischen Situation im Afrika südlich der Sahara machen. Und wir zitieren mal aus dem Positionspapier von UNAIDS aus dem Jahr 2009 zum Thema Kondome:
"Condoms are an integral and essential part of comprehensive prevention and care programmes, and their promotion must be accelerated."
"The male latex condom is the single, most efficient, available technology to reduce the sexual transmission of HIV and other sexually transmitted infections."
"Increased access to antiretroviral treatment creates the need and the opportunity for accelerated condom promotion."

Und damit haben wir jetzt alles für unseren schönen Vergleich. Denn natürlich bleibt die katholische Kirche nach wie vor bei ihrer Linie. So sagte der Papst 2009 in einem Interview auf dem Weg nach Afrika, er werde nicht über wirtschaftliche Angelegenheiten sprechen, da ihm dazu die Kompetenz fehle. Im Bereich Seuchenbekämpfung scheint er sich dann aber schon als kompetent zu betrachten, wenn er sagt:
"Ich würde sagen, daß man das Aidsproblem nicht nur mit Geld lösen kann, das zwar auch notwendig ist. Aber wenn die Seele nicht beteiligt ist, wenn die Afrikaner nicht mithelfen (indem sie eigene Verantwortung übernehmen), kann man es mit der Verteilung von Präservativen nicht bewältigen. Im Gegenteil, sie vergrößern das Problem. Die Lösung kann nur in einem zweifachen Bemühen gefunden werden: erstens in einer Humanisierung der Sexualität, das heißt in einer spirituellen und menschlichen Erneuerung, die eine neue Verhaltensweise im gegenseitigen Umgang mit sich bringt; und zweitens in einer wahren Freundschaft auch und vor allem zu den Leidenden, in einer Verfügbarkeit, auch mit Opfern und persönlichem Verzicht an der Seite der Leidenden zu sein."

Während also die Kirche im Dritten Reich ihren Schäfchen unchristliche Verhaltensweisen nachgesehen hat, um Leben zu schützen, so will sie den Afrikanern unchristlicher Verhaltensweisen nicht nachsehen, egal wie viele Menschen dadurch zu Tode kommen sollten. Natürlich wäre es absurd anzunehmen, es sei für die Kirche nun mal schlimmer, wenn weiße Priester draufgehen, als wenn der Neger im Busch dran glauben muß. Also bleibt nur eine mögliche Schlußfolgerung: Sex ist schlimmer als Faschismus!

Kommentare:

  1. "Und da waren wir uns einig, und ich glaube, dies ist so offensichtlich, daß es keinerlei weitere Ausführungen bedarf, daß die Lehre der katholischen Kirche mit den Prinzipien des deutschen Nationalsozialismus prinzipiell unvereinbar ist."

    Das hat der Vatikan vor, während und auch nach dem Krieg aber ganz anders gesehen. Der Vatikan war der erste "Staat", der Nazi-Deutschland anerkannte. Die Hilfe des Vatikan nach dem 2. WK für Nazi-Schergen sollte hinlänglich bekannt sein. Bis zum Ende Francos hielt der Vatikan ihm die Stange. Von Portugal bis Kroatien gab es katholisch-faschistische Regimes.

    Übrigens: Hitler war Katholik - und er wurde nie exkommuniziert. Goebbels war auch Katholik - und wurde exkommuniziert: Weil er eine geschiedene Evangelin heiratete. Soviel zur ethisch-moralischen "Tiefe" der katholischen Kirche und Lehre.

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  2. Ergänzung:

    EUtopia von Robert Menasse
    http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/345316/index.do

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