Freitag, 5. Februar 2010

Sex haben und nicht mal erstaunt darüber sein

Nach und nach kommt immer mehr über Fälle von Kindesmissbrauch durch Mitarbeiter der katholischen Kirche in Deutschland ans Licht. Und was fällt der Kirche nun dazu ein? Genau: Die anderen sind ja auch nicht besser.
So hatte Bischof Müller aus Regensburg in einem Interview gesagt:
"Wenn ein einzelner Staatsbürger, der in der Kirche als Priester dient, ein Kind sexuell missbraucht hat, werden gleich der ganze Priesterstand und die Kirche insgesamt verdächtigt. Es ist doch eigentlich Standard des Rechtsstaates, dass jeder nur für seine eigene Tat Verantwortung zu übernehmen hat und nicht auch derjenige, der in derselben Straße wohnt, zur selben Familie oder Firma gehört. Wenn sich ein Sportlehrer, Arzt, Richter oder Verwandter an einem Kind vergangen hat, kann man unmöglich alle Sportlehrer, Ärzte, Richter oder Verwandten unter Generalverdacht stellen."
Wohl war. Und der Jesuit Eberhard von Gemmingen meinte heute in einem Interview in Bezug auf einem ihm bekannten Päderasten:
"Der hat gesündigt, wenn ich das so sagen darf."
Ja, darf er. Und was noch?
"Aber leider laufen in Deutschland noch viele andere Sünder rum, auf die niemand mit dem Finger zeigt."
Nun ist der Verweis auf die Fehler und Vergehen anderer schon die hilfloseste und billigste Verteidigung, die man nur hervorbringen kann. Aber im Falle der katholischen Kirche bekommt diese Strategie einen besonders abstoßenden Geschmack. Denn was sagt die Kirche denn über sich selbst? Was ist denn so die Aufgabe der Kirche? "In dieser Welt geht es nicht nur gerecht zu. Immer wieder stoßen wir auf materielle und seelische Not, im persönlichen Umfeld ebenso wie in der globalen Perspektive. Dazu beizutragen, diese Not zu lindern und Ungerechtigkeiten zu beseitigen, ist Aufgabe des Christen und der Kirche." Wohl gesprochen. Und warum äußert sich die Kirche zu gesellschaftlichen Problemen? "Es geschieht aber auch in der Erfüllung ihres eigenen Auftrags, wie er ihr vom Evangelium her - im Gebot der Nächstenliebe und im Eintreten für Gerechtigkeit - aufgegeben ist." Nächstenliebe und Gerechtigkeit. Nicht schlecht. Mein Sportlehrer hat sich nie in diesem Auftrag an mich gewandt. Aber wie ist das jetzt mit den Priestern? Was hat es denn mit der Berufung zum Priester auf sich?
"Eine besondere Form, seine Berufung als Ganzhingabe an Gott zu leben, finden wir in den Berufungen zu Priester, Diakon, Ordenschrist."
Eine besondere Form - und was gehört da dazu? "Ein Zeichen einer Ordensberufung könnte sein, wenn mich der Verzicht auf Ehe, auf sexuelle Beziehung und eigene Kinder zwar schmerzt, in mir aber doch eine liebende und tragfähige Freundschaft zu Jesus Christus wächst, die mich dazu drängt, Jesus diesen Verzicht zu schenken, um Ihm ganz anzugehören." Keine Ehe, keinen Sex, aber Jesus. Schön und gut, wenn man's mag. Aber die Latte für sich selber so hoch zu hängen, um dann auf andere Verbrecher zu zeigen, wenn nicht einfach nur "Mitarbeiter", sondern "Berufene" gegen elementare ethische Regeln verstoßen - das ist schon erbärmlich. Aber immerhin weiß der Jesuit auch, warum manche über die schlechten Nachrichten aus der Kirche gar nicht erstaunt sind: "Es sind etliche nicht erstaunt, weil sie von der Kirche immer schon schlecht gedacht haben." Und vieleicht hatten sie damit auch schon immer recht.

Kommentare:

  1. "Aber leider laufen in Deutschland noch viele andere Sünder rum, auf die niemand mit dem Finger zeigt." --OK, als Beichtvater fällt der aus.

    "Aber die Latte für sich selber so hoch zu hängen, um dann auf andere Verbrecher zu zeigen, wenn [...] "Berufene" gegen elementare ethische Regeln verstoßen - das ist schon erbärmlich."
    --Wie meinen? Ist das ein erklärbares Enthymem oder einfach Quatsch? Gemeint ist, daß jeder die Neigung zu Missetaten hat. Das wird Konkupiszenz in der kath. Theologie genannt. Insbesondere macht die Priesterweihe aus kath. Sicht also nicht tugendhafter. Warum soll nun in Deinen Augen die Latte für Vergewaltigungen bei Priestern höher liegen als bei anderen? Ist Vergewaltigen für mich etwa weniger verboten als für Priester???

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  2. Nein, Vergewaltigen ist für jeden gleichermaßen verboten. Es geht mir nicht um die Verantwortung des Täters, vor den Opfern, der Gesellschaft und dem Gesetz, sondern um die moralische Verantwortung seines Arbeitgebers.
    Gemeint ist, daß eine Institution, die sich der Beseitigung von Ungerechtigkeit besonders verpflichtet fühlt sich nicht so leicht aus der Verantwortung ziehen kann wie ein Autohersteller oder Fußballverein es könnte. Wenn die Kirche mit ihren Pfaffen nicht nur über einen Arbeitsvertrag verbunden sein will, sondern über eine "Berufung", und sich in das Sexualleben ihrer Mitarbeiter einmischt, dann muß sie auch bereit sein, eine Mitverantwortung für Entgleisungen der Mitarbeiter tragen. Aber damit scheint sie nichts zu viel zu tun haben zu wollen...

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  3. Also, da ich ja in letzter Zeit eher nur noch Überschriften lese... und eh über deine Antwort auf meine Antwort hier gelandet bin...
    Ich nehme an, ich hab einen neuen Fan? ;) Du auch. Wie nennt man das? Fannin? Finnin, ich wusste gar nicht, dass ich aus Finnland bin, ich dachte immer, ich bin Norwegerin. Finnland hat viel zu viele Mücken...
    Abgesehen dazu stimme ich dir zu, auch ohne den Beitrag ganz gelesen zu haben. Ich weiß schon, was da drin steht... Und es strengt mich immer so an, mir diese Eselskacke anzutun. Echt jetzt mal... Das war früher mal, heute sehe ich das etwas klarer.
    LG Chumana

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  4. @thomas
    OK, wenn die kirche sagt, sexuelle übergriffe sind adiaphora, dann ist die sache für dich geritzt und deine mißbilligung verschwindet. Das ist doch die Konsequenz.

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  5. @Anonym: Ja (und nein).
    Ja in dem Sinne, daß in diesem Fall der Kirche als Institution nicht mehr Vorwürfe zu machen wären, als sie ein Moslem einem Christen fürs Essen von Schweinefleisch machen könnte. In einem solchen Fall wäre es eine rein strafrechtliche Angelegenheit.
    (Nein in dem Sinne, daß die christliche Ethik einen solchen Fall wohl kaum möglich machen würde, zumindest nicht, ohne inkonsistent zu werden und sich somit selbst in Frage zu stellen.)

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