Sonntag, 28. Februar 2010

Eine Lanze für den Agnostiker


Agnostiker scheinen als die Unentschlossenen zu gelten, als Menschen, die keinen klaren Standpunkt beziehen können oder wollen. Sie werden als übertrieben korrekt empfunden, oder sie wollen offenbar niemandem wehtun. Das macht sie für die Gläubigen zu einer belanglosen Randgruppe und für Atheisten zu stillschweigenden Gehilfen religiöser Umtriebe.

Deshalb möchte ich eine Lanze für den Agnostizismus brechen, und zeigen, daß agnostische Positionen nichts mit Prinzienschwäche oder Verzagtheit zu tun haben. Letztlich bevorzuge ich es trotz des damit verbundenen schlechten Rufes selber, als Agnostiker bezeichnet zu werden.
Die Abgrenzung zwischen Agnostizismus und Atheismus ist wohl nicht so ganz einfach. Folgen wir hier mal der Wikipedia und nehmen den Agnostiker als einen Menschen, für den die Frage nach der Existenz Gottes nicht entscheidbar ist, wohingegen ein Atheist diese Frage eindeutig negativ geantwortet, oder sie gleich für sinnlos hält. Und schon hier ist es wichtig, eine sorgfältige Unterscheidung zu treffen: Die Frage nach der Existenz Gottes ist ganz verschieden von der Frage nach dem Wahrheitsgehalt irgendeiner Religion. Die Religionen, die hier eine Rolle spielen, das Christentum, das Judentum, der Islam, glauben allesamt an eine göttliche Offenbarung, und daß diese Offenbarung in einem Buch erfaßt ist. Und dem Agnostizismus geht es nicht darum, daß es unentscheidbar sei, ob dieses oder jenes Buch die göttliche Offenbarung enthält. Sicherlich, streng genug gesehen kann man diese Frage nicht entscheiden. Aber genauso wenig könnte man ausschließen, daß "Alice im Wunderland" oder "Matrix" eine göttliche Offenbarung enthält. Und auf einen so naiven, grundsätzlichen Zweifel wird sich der Agnostiker nicht festlegen lassen wollen. Insofern ist der Agnostizismus sehr wohl mit der entschiedenen Ablehnung aller Religionen, seien es Katholizismus, Protestantismus, Judentum, oder was auch immer, vereinbar. Und im Folgenden geht es nicht um den Gott des Volkes Israel, oder den Gott des Christentums, sondern um einen grundsätzlicheren, abstakteren Gottesbegriff. Gott als "höchstes denkbares Wesen" oder als "der Erste Grund" mögen Beispiele für solche Gottesbegriffe sein. Hier sei unter Gott der Träger eines Willens gemeint. Dies um die Personalität Gottes sicherzustellen, und sicherlich werden nahezu alle Gläubigen zustimmen, daß Gott über einen Willen verfügt. Und Gott soll die Macht zur Erschaffung der Welt haben. "Welt" umfasse dabei alles außer Gott selbst: Raum, Zeit, Materie,... Dies gefällt mir als Anforderung an Gott besser als Allmacht oder Allwissenheit, da solche Begriffe sich sehr leicht in Widersprüchlichkeiten verwickeln.
Schwieriger noch als die Frage, was man unter "Gott" verstehen will, ist die Frage, was man denn mit "existiert" meint. Ich bin versucht, da "carnapistisch" heranzugehen und zu behaupten, das existiert, wofür es innerhalb einer Sprache einen Ausdruck gibt. Oder, etwas allgemeiner, was existiert hängt von dem zugrundegelegten Bezugsbereich ab. So existieren Einhörner innerhalb der Mythologie, wenn auch nicht innerhalb der physischen Welt. Nun wird niemand bestreiten, daß es Gott gibt als einen Ausdruck innerhalb der Theologie. Das ist aber kaum das, womit sich Gläubige zufriedengeben werden. Gott muß noch auf eine andere Weise existieren, wenn seine Existenz behauptet wird. Man kommt in den Religionen also nicht umhin, verschiedene Bezugsbereiche zu unterscheiden, innerhalb deren etwas existieren kann. Erst mal ist da die physische Welt, die "Außenwelt". Man muß sie als existierend annehmen. Denn wenn es heißt, daß Gott die Welt erschaffen hat, er dem Volke Israel das Gelobte Land versprochen hat, und daß Jesu Grab leer war, dann muß es eine Welt geben, die geschaffen wurde, ein Volk Israel und ein Gelobtes Land und ein Grab geben. Außerdem muß es die Welt des menschlichen Geistes geben. Jeder kann da seine eigene geistige Welt erleben, und wenn es heißt, daß Gott Jakob im Traum erschien, dann muß auch Jakob eine geistige Welt gehabt haben. Und nun existieren Zebras in der physischen Welt und in der menschlichen Vorstellungswelt, Einhörner nur in der menschlichen Vorstellungswelt, und Gott? Gott soll nicht nur in der menschlichen Vorstellung existieren, aber sicherlich auch nicht als Bestandteil der physischen Welt, so wie ein Tisch, ein Zebra oder ein Stern existieren. Also braucht man als gläubiger Mensch noch eine dritte Domäne der Existenz, in der man Gott ansiedeln kann, wenn man von der Existenz Gottes spricht. Und in diese Domäne kann man gleich auch all das übrige religiöse oder esoterische Inventar einsortieren, die Engel, die Seelen der Verstorbenen, und was man sonst noch so möchte.
Sind wir nun erst mal pingelig: wie könnte man beweisen, daß es eine solche Domäne nicht gibt? Da sie von der physischen Welt unabhängig ist und allenfalls punktuell und unvorhersehbar mit ihr interagiert (durch Wunder, z.B.), versagen die empirischen Methoden der Überprüfung. Man kann die Existenz Gottes nicht so ausschließen, wie man ausschließen könnte, daß der Mond aus Käse bestünde. Die andere Möglichkeit, die Existenz einer solchen "Realitätsebene" zu widerlegen, wäre, ihr logische Widersprüchlichkeit nachzuweisen. Also etwa zu zeigen, daß die Annahme der Existenz Gottes in sich widersprüchlich ist, so wie die "Menge aller Mengen, die sich selber nicht enthalten" in sich widersprüchlich ist. Doch das scheint ei Gott nicht der Fall zu sein. Also kann man nicht zu dem sicheren Schluß gelangen, daß Gott nicht existiert.
Gut, diese Überlegung ist sehr, nun ja, prinzipiell, und ich würde eine agnostische Position auch nicht mit ihr rechtfertigen. Und die atheistische Kritik am Gottesbegriff hört hier ja nicht auf. So möchte man sicher gerne entgegenhalten, daß selbst wenn man die "dritte Existenzebene" und damit Gott nicht ausschließen kann, sie doch zumindest vollkommen überflüssig sei. Denn die Annahme Gottes hat keinerlei Erklärungskraft. Die Welt ist, wie sie ist, weil Gott sie so will. Und wäre sie anders, als sie ist, dann hätte Gott sie anders gewollt. Eine solche Argumentation erklärt absolut alles, und eben daher im Grunde gar nichts. Der Wert einer Hypothese liegt gar nicht so sehr in dem, was die Hypothese erlaubt, sondern darin, was sie ausschließt. Und die Hypothese der Existenz Gottes schließt gar nichts aus. Und man könnte, wie im Falle Gottes, die Existenz vieler "neutraler", d.h. durch ihre Existenz nichts ausschließender Entitäten postulieren. Und auch wenn man nicht logisch oder empirisch gezwungen ist, ihre Existenz zu verwerfen, so ist man es aus pragmatischen Gründen. Sie sind schlicht bedeutungslos. Der verbleibende Zweck des Begriffs Gott ist lediglich, Diskussionen abzubrechen, indem man einen nicht mehr weiter hinterfragbaren Willen einführt.
Sehen wir uns aber nun die Alternativen zum Gottesglauben an. Stellen wir uns die romantische Situation vor, des Nachts in den Sternenhimmel zu blicken, und die Frage zu stellen, warum die Welt da ist, und warum sie so ist wie sie ist. Damit sei nicht nach den physikalischen Gesetzmäßigkeiten gefragt, die Sterne zum Leuchten bringen oder zur Entstehung der Erde geführt haben, sondern nach dem Grund, wehalb es überhaupt ein Universum mit Raum und Zeit und Materie da ist, oder weshalb es die Gesetzmäßigkeiten gibt, die zur Entstehung der Erde geführt haben. Eine solche Frage erst einmal aufzuwerfen erscheint mir völlig legitim. Immerhin scheint der menschliche Geist sehr darauf eingerichtet zu sein, in der Außenwelt nach Struktur, Ordnung und Regelmäßigkeit zu suchen. Letztlich ist selbst die Überzeugung, daß es sowas wie Naturgesetze gibt, Ausdruck dieses Verlangens nach Ordnung und Kausalität. Es gibt nun drei Möglichkeiten, auf eine solche Frage zu reagieren. Ersten kann man bequem entgegenhalten, daß alles so dem Willen Gottes folgt. Diese Erklärung haben wir aber schon als unbefriedigend zurückgewiesen. Zweitens könnte man entgegenhalten, daß alles Zufall sei, so wie es ist, vollkommen grundlos. Schließlich besteht keinerlei logische Notwedigkeit, das Kausalitätsprinzip auf das Universum als ganzes zu übertragen. Eine solche Argumentation eignet sich schließlich auch gut gegen den kosmologischen Gottesbeweis. Und doch ist diese Antwort zweifellos genauso unbefriedigend wie das Gottesargument. Sicherlich, es könnte natürlich alles Zufall sein. Genauso gut könnte es aber auch alles Gottes Wille sein. Als drittes bleibt noch, diese Frage für grundsätzlich nicht beantwortbar zu halten. Ich schließe mich da der letzten Sichtweise an. Denn was außerhalb von Kategorien wie Raum, Zeit oder Kausalität liegt, übersteigt nun einmal sowohl das menschliche Vorstellungsvermögen als auch jede Erfahrung. Ist es nun aber sinnlos, sich mit einer Frage zu beschäftigen, die prinzipiell nicht beantwortbar ist? Bevor nun pragmatische Menschen gegen vermeintliche Mystik anlaufen und vorschnell mit "ja" antworten: eine positive Antwort akzeptiere ich nur, wenn sie mit einer Diskussion daher kommt, wie sich dies in Hinblick auf die Frage "Ist jede unendliche Teilmenge der reellen Zahlen entweder abzählbar oder zu den reellen Zahlen gleichmächtig?" verhält.
Nun ist die Frage nach der Existenz Gottes umformuliert zur Frage nach der Ursache und dem Sinn des Universums. Gott ist dabei eine mögliche Antwort auf diese unentscheidbare Frage, und dabei so unbefriedigend wie alternative Antworten auch. Aber dennoch ist die Beschäftigung mit dieser Frage nicht sinnlos. Man kann womöglich eine Analogie zur Beschäftigung mit der Kontinuumshypothse ziehen. Eine Auseinandersetzung damit kann zu interessanten Überlegungen führen, trotz der Unmöglichkeit einer definitiven Antwort. Aber letztlich geht es dabei nicht darum, wie man die Frage für sich selber beantwortet, sondern daß man sie als das akzeptiert, was sie ist, nämlich eben unentscheidbar. Und da ist mir der Agnostizismus dann lieber als ein Atheismus, der sich vorschnell auf eine Antwort festlegt oder die Frage gleich komplett verwirft.

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