Samstag, 27. August 2011

Die Zeit zum Verzweifeln

Hier mal ein kleines Ratespiel: Woher stammen die folgenden Sätze?
"Ihr Name ["Astroiden"] – astēr ("Stern") mit der Endung eides ("ähnlich") – umschreibt, dass sie wie Sterne erscheinen, weil sie so klein wirken."

"[Meteoroide] können auf unterschiedlichen Wegen entstehen: Entweder löst sie die Gravitation von Planeten aus einem Asteroidengürtel oder der Sonnenwind schlägt sie aus Kometenkernen heraus."

"Das Leuchten der Meteore entsteht durch die Aufladung der Luftteilchen, wenn der Meteoroid durch die Atmosphäre rast."
Na? Aus einem Aufsatz aus der 6. Klasse vielleicht? Nein. Auch nicht aus dem Spiegel Online, ich will ja den Eindruck vermeiden, mich nur auf ihn eingeschossen zu haben. Sie stammen aus einer Infobox aus der Zeit, Rubrik Wissen. Und bei solch absurden Feststellungen weiß ich ganz ehrlich nicht so recht, was die Autorin mir sagen wollte, und somit auch nicht, wo man mit der Kritik anfangen soll. Gut, mit den klein wie Sterne wirkenden Asteroiden meinte sie vielleicht, daß sie in Teleskopen (meist) punktförmig erscheinen, wie dies (meist) auch Sterne tun. Was das Entstehen von Meteoroiden, also sehr kleinen Asteroiden, durch Herauslösen aus Asteroidengürteln angeht, tappe ich völlig im Dunkeln. Ist ein kleiner Asteroid kein kleiner Asteroid, solange er in einem Asteroidengürtel ist? Und das Herausschlagen von Meteoroiden aus Kometenkernen durch Sonnenwind? Boah! Sonnenwind besteht hautsächlich aus einzelnen Elektronen und Protonen, also Elementarteilchen, sowie ein paar schwereren Ionen. Wie solch kleine Partikel Gesteinsbrocken herausschlagen sollten, bleibt in der Phantasie der Autorin verborgen. Und die Luftteilchen werden beim Meteor aufgeladen? Mit kosmischer Energie, oder was? Bestimmt war ja gemeint, daß Meteore leuchten, weil der mit sehr hoher Geschwindigkeit in die Erdatmosphäre eintretende Körper die Luft ionisiert. Bei der Rekombination der Ionen mit den freigewordenen Elektronen wird Licht ausgesandt.
Und damit nun zum ganzen idiotischen Artikel, in dem die Infobox eingebettet war.

Die Zeit berichtet von neuen Forschungsergebnissen bezüglich des Staubs, den die japanische Raumsonde Hayabusa 2010 vom Asteroiden Itokawa zur Erde gebracht hat. Itokawa "ist ein Asteroid in fast 290 Milliionen Kilometern Entfernung zur Erde", behauptet die Zeit. Und das ist völliger Blödsinn - haben doch die Körper des Sonnensystems (Erde, Planeten, Asteroiden und was nicht noch alles) die Eigenschaft, sich ständig um die Sonne zu bewegen. Ihre Abstände untereinander ändern sich dabei notwendigerweise ständig. Und für Itokawa heißt das, das er manchmal ziemlich nahe an der Erde sein kann, z.B. gerade einmal 1,9 Mio. km im Juni 2004. Manchmal ist er auch ziemlich weit weg, z.B. 378 Mio. km im Mai 2005. Und z.Z. ist er gerade 341 Mio. km weit weg. Das alles macht es aber natürlich wahnsinnig schwierig, seinen Lesern in einer einfachen Zahl zu sagen, wie weit weg der Asteroid eigentlich ist...
Und was passierte nun mit den auf der Erde angekommenen Staubteilchen von Itokawa? "Im Labor scannten, mikroskopierten und analysierten die Astronomen nun fast ein Jahr lang die geborgenen Partikel", meint die Zeit. Und man mag es anzweifeln, ist das "scannen, mikroskopieren und analysieren" von Gesteinskrümeln doch so sehr Aufgabe von Astronomen wie Binddarmoperationen. Aber Mineralogen, Petrographen oder Geochemiker, die werden das wohl getan haben. Und die Ergebnisse sind spektakulär: "Itokawa enthält – wie die Meteoritengruppe der gewöhnlichen Chondriten auch – eingeschlossene Silikate." Ein absoluter Hammer! Gerade wenn man bedenkt, daß die sehr breite Palette an Silikaten das mit weitem Abstand häufigste gesteinsbildende Material bietet! Nicht nur die Meteoritengruppe der gewöhnlichen Chondriten, nein, auch fast alle anderen Meteoriten, und ebenso fast die ganze Erdkruste und Erdmantel bestehen aus Silikaten. Und bei anderen Gesteinsplaneten sieht's nicht anders aus. Wenn man jetzt nicht gerade erwartet hat, daß Itokawa ein fliegendes Korallenriff ist, dann sollte einen dieses Ergebnis nicht sonderlich überraschen. Interessant ist eher, welche Silikate es sind (und worin sie denn "eingeschlossen" sein sollen?). Aber das ist wohl auch alles ein bisschen viel. Warum nun machen sich die Wissenschaftler eigentlich die Mühe, solchen Asteroidenstaub zu untersuchen?
"Astronomen untersuchen die Himmelskörper, um herauszufinden, woraus unsere Erde entstanden ist. Dafür müssen sie im Weltraum nach Antworten suchen. Denn in die aufschlussreichen Tiefen der Erde gelangt man erst gar nicht: Die tiefste Bohrung reicht nur 12 Kilometer in das Erdinnere, was weniger als einem Fünfhundertstel des Erdradius entspricht."
Aha. Nix mit "aufschlussreichen Tiefen". Und gleich im nächsten Satz schreibt die Zeit selbst, daß das Unsinn ist. Denn egal ob Erdoberfläche, Kruste oder noch tiefer, das Problem ist immer die massive Veränderung, die die Erde in ihrer Geschichte durchgemacht hat. Nichts, nirgends, ist an der Erde noch so wie zur Zeit ihrer Entstehung. Bei kleineren Asteroiden ist das mitunter anders. Und da sie sich in ähnlichen Gegenden wie damals auch die Erde gebildet haben, lohnt es sich, sie mal genauer anzusehen. Aber vermutlich wurde die Zeit-Autorin einfach von dem tiefen inneren Bedürfnis getrieben, auch mal was von Bohrungen in die Erde zu schreiben?
Lassen wir's nun gut sein und blicken lieber zum Schluß noch in die Zukunft: "Die Nasa will 2016 die Raumsonde Osiris-Rex zum Asteroiden 1999 RQ36 schicken, der zu den kohlenstoffhaltigen Asteroiden zählt." Tja, dieser Asteroid ist im Englischen ein "C-type asteroid". Und das "C" steht tatsächlich für "carbonaceous". Und ja, das Wörterbuch bietet als eine Übersetzungsmöglichkeit "kohlenstoffhaltig" an. Aber man übersetzt es trotzdem nicht mit "kohlenstoffhaltig". Wenn überhaupt, dann müßte man es mit "kohliger Asteroid" übersetzen, denn der Meteoritentyp "carbonaceoous chondrite" heißt im Deutschen "Kohliger Chondrit". Eigentlich aber sollte man einfach bei "C-Asteroid" bleiben. Klingt zwar nicht so lässig professionell wie "kohlenstoffhaltiger Asteroid", ist dafür aber richtig. Und es vermeidet die irrige Annahme, diese Astroiden würden sich irgendwie durch ihren Kohlenstoffgehalt auszeichnen.

Ach ja, in der Infobox stand auch: "In einer sternklaren Nacht kann das menschliche Auge rund 5.500 Sterne erkennen." Stimmt auch nicht. Am ganzen Himmel gibt es etwa 5.500 Sterne, die man unter optimalen Bedingungen (finsterste Nacht) mit bloßem Auge erkennen könnte. In einer einzelnen Nacht kann man aber natürlich nur die Hälfte des ganzen Himmels auf einmal sehen, und somit können höchstens 2750 sichtbare Sterne am Himmel stehen. Wenn man alle Sterne zählt, die während einer ganzen Nacht gesehen werden können, dann kann die Zahl noch größer werden, da während der Nacht neue Sterne aufgehen können. Da aber ein Teil des Himmels um die Sonne im Tageslicht liegt, kann man nie alle 5.500 Sterne in nur einer Nacht sehen.

Aber ich wollte ja aufhören. Es stimmt schon, man sollte nicht immer auf dem Spiegel herumhacken. Andere sind auch nicht besser.


Nachtrag 28.8.:
Ich habe den letzten Absatz über die Anzahl der Sterne verbessert, dort ging die Zeit- und Ortsabhängigkeit der Anzahl sichtbarer Sterne durcheinander...

Dienstag, 23. August 2011

Higgs mit Schluckauf

Das notorische Higgs-Boson, seine Fans in den Wissenschaftsredaktionen nennen es auch gerne das "Gottesteilchen", ist eine wahrhaft mysteriöse Erscheinung. Wird dieses hypothetische Elementarteilchen doch immer wieder fast entdeckt.

Einschub (8. März 2012): Da die Jagd auf das Higgs-Boson bei Spiegel Online einfach nicht aufhören will, bietet DWüdW an dieser Stelle den aktuellen SpOn-Higgs-Index! Mit einem Blick bleibt man auf dem Laufenden, wie weit die Entdeckung des "Gottesteilchens" beim CERN noch entfernt ist:


(Einschub Ende)


So wußte Spiegel Online schon am 12. September 2000, daß die Forschung gaaaanz nah dran ist am Durchbruch:



Aber schon im November 2000 wurde die Suche dann aufgegeben.



Ja, die europäischen Forscher hatten die Jagd schon an die Amerikaner verloren!


Aber so eine richtige Jagd ist natürlich noch längst nicht zu Ende! Schon im Juni 2004 war Spiegel Online klar: Das Higgs-Boson ist offenbar schwerer als erwartet:




Da ist es verständlich, daß im April 2008 die Entdeckung wieder ganz nah war!




Und schon im September 2008 ging die Jagd wieder los!
(Zwischen 2000 und 2008 wurde am Forschungszentrum CERN der alte Teilchenbeschleuniger LEP durch den neueren LHC ersetzt)




Und schon im Juli 2010 zeigte es "erste Konturen" - nur ist das Higgs-Boson wohl leichter als erwartet:


Und so steht man schon im Juli 2011 aber wirklich mal gaaanz dicht vor dem Zieleinlauf!


Und dann heute? War wohl doch nix...


Wow, spannender geht es ja kaum! Ich bin schon ganz atemlos, so nah bin ich dank Spiegel dabei. Und ich freue mich schon darauf, 2063 im Altersheim zu lesen: Forscher sind jetzt aber wirklich sowas von unglaublich dicht vor der Entdeckung des Higgs-Bosons! Schließlich sollte man sich als alter Mann freuen, wenn man nochmal was in der Zeitung liest, das man noch aus seiner Jugend her kennt!

Nachtrag 13. Dezember 2011:

Hurra! Die Jagd geht weiter!




...und weiter...


Endlich wieder Neuigkeiten!


Am 4. Juli sind wir dann wirklich so gut wie sicher da!
 
 

Samstag, 20. August 2011

Best of Matussek

Es ist passiert! Nach Scorpions-Auftritten, Mauerfall und dem Ende von Linkspartei-Anzeigen in der Jungen Welt muß der verbliebene Kommunismus eine weitere, vielleicht seine letzte große Niederlage einstecken. Kim Jong-il wird weinen, denn die letzte, scheinbar unerschütterliche Bastion unter den kommunistischen Künsten ist von westlichen Imperialisten gestürmt worden: Die größte je gedichtete Verklärung eines schrumpligen Alleinherrschers richtet sich nunmehr nicht mehr an ihn, sondern an den Papst! Und wir Deutschen verdanken es niemand anderem als dem größten aller Papst-Groupies, Matthias "Weihrauchnase" Matussek, das sich die schleimigste, arschkriecherischste und rückgradloseste aller je in Deutschland publizierten Lobhudeleien nicht mehr an Blondis Herrchen richtet - sondern an seine Hochheiligkeit, dem Experten für Liebe und Wahrheit, dem Bewahrer der göttlichen Offenbarung und amtlichen Oberhaupt des homophobsten Schwulenvereins der Welt, Papst Benedikt dem Sechzehnten!
Matussek muß auf der letzten Spiegel-Betriebsfeier eine Menge kompromittierender Fotos geschossen haben, anders läßt es sich nicht erklären, daß Spiegel Online ihm erlaubt, sein sinn- und verstandfreies, sich nicht einmal um des Anstands willen mit einem Feigenblatt aus Seriosität bedeckendes Geseire zu verbreiten.
Und für alle, die schon beim Gedanken daran, gleich mehrere Spiegel Online-Artikel lesen zu müssen ([1], [2], [3],[4]) von Übelkeit befallen werden, gibt es hier die besten Sätze aus Matusseks Schleimspur direkt in den heiligen Stuhl von Gottes Stellvertreter hinein - und zwar im exklusiven Holy-Shit-Remix!
Zum auf der Netzhaut zergehen lassen:

"Man hat es diesem Tag nicht angesehen, morgens, dass er im Freudentaumel enden sollte. Plötzlich wird der Vorhang zur ersten Klasse beiseite geschoben, und da steht, klein und weiß und lächelnd, Benedetto. Er trägt ein Kreuz, seine Gesichtsfarbe ist gesund, seine Augen lachen. Ich hab mal der Queen die Hand gegeben. Aber der Papst! Das überstrahlt alles. Glänzende Augen, Lachen, durchaus Gesichter mit Spuren der Verzückung. Wie schön und geschichtsstolz der Katholizismus hier auftrumpft. Der Andrang ist gewaltig. Die Straßen sind gesäumt von Begeisterten, Männer und Frauen und Kinder, sie lieben ihren Papst hier, sie alle halten Benedetto-Fahnen in die Höhe. Er ist kein Pop-Papst. Er denkt. Der Papst beantwortet meine Fragen, ohne dass ich sie gestellt hätte. Er zitiert Platon. Genau so sieht sie wohl aus, die Avantgarde einer neuen Aufklärung. Unermüdlich in Madrids Hitze, bewundernswert gut in Form in seinem Papamobil. Zum Abschluss singt er mit ihnen das "Vater unser", immer noch stimmsicher, und erteilt ihnen den Segen. Immer wieder Beifall. Der Papst trifft den Ton. Seine Augen lachen. Und dann singen die Knaben wieder, und das fromme Brausen setzt wieder ein. Klöster wurden zur Wiege der Wissenschaften. Einst die Zentrale der berüchtigten Inquisition, heute Wissensort und Austausch freier Diskurse. So anstrengungslos und einfach und in atemlose Stille hinein entwickelt Professor Papst zwischen Altären seine Vision der Wissenschaften und des Glaubens und ihrer harmonischen gegenseitigen Durchdringung. Was folgt, sind geschliffen formulierte Kurzessays, ein Seminar über die Freiheit und die Wahrheit. Die Wahrheit des Glaubens braucht keinen Zwang. Der Papst, der Aufklärer, ist einer, der ihrer Kraft vertraut.
Seine Augen lachen.
Glänzende Augen, Lachen.
Gesichter mit Spuren der Verzückung.
So viel Freude, so viel Innigkeit in strahlendem Sonnenlicht.
Wo dem Kirchenoberhaupt jubelnde Nonnen und bunte Wissenschaftler huldigen.

Klingt verrückt, oder?"

Ja.
Und jetzt nicht mehr traurig sein, Kim Jong-il! Zwar hat der Papst die hübscheren Hütchen und die größeren Arschkriecher. Aber mit Sonnenbrille und in Bomberjacke machst immer noch Du die bessere Figur!



Nachtrag 19:30:
Ich hab' noch ein bisschen aus Matusseks 4. Teil hinzugefügt. Aber langsam wird's wirklich schwierig, diese stinkende Brühe aus Verzückung und Geschichtsklitterung noch mit Humor zu nehmen...

Nachtrag 21.8.:
Inzwischen gibt es den 5. Teil. Allerdings läßt Matussek nach - es gibt nur noch den Papst als geliebter Opa. Keine Geschichtsumdeutungen wie "Klöster als Wiege der Wissenschaft" oder dem Spanischen Bürgerkrieg als "rote Terrorjahre" mehr...

Donnerstag, 18. August 2011

Entenlebern pro Universum

Diese Welt hält schon so manche Absurdität für ihre Bewohner bereit. Beispielsweise dürfen uns Firmen ganz legal mit Unmengen von "Produktinformationen" belästigen, in denen sie jeden noch so großen Schwachsinn verbreiten können. Angefangen von pseudowissenschaftlich seriös ("Dieser Joghurt stärkt ihre Abwehrkräfte!") über Gaga (Dank ihrer Binde kann die hübsche junge Frau während ihrer Tage im weißen Höschen Fallschirm springen!) bis hin zu frei fantasiert (Ein Tropfen Spülmittel, und Schmutzkrusten explodieren und verschwinden in ein Paralleluniversum, wo sie vermutlich die sprechenden Plaque-Bakterien aus der Nachbarreklame treffen!) ist alles dabei. Und dieser Gedankenmüll wird uns überall hinterher geworfen, im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung, selbst beim Warten auf den Bus auf ist das Kaufvieh vor schreierischen Plakaten nicht sicher.

Wenn dann andererseits ein Blogger im vergleichsweise Kleinen über eine Firma und ihrer Produkte ganz sachlich und vernünftig schreibt und zu dem Schluß kommt, daß es sich bei den Produkten um puren Unsinn handelt, dann kann er wegen "unwahrer" und geschäftsschädigender Äußerungen verklagt werden. So geschieht es gerade mit einem italienischen Blogger, der Homöopathie im Allgemeinen und das homöopathische Produkt Oscillococcinum C200 der Firma Boiron im Speziellen kritisierte. Er hielt es beispielsweise für angebracht, seine Leser darauf aufmerksam zu machen, daß dieses "Medikament" gegen Grippe laut Produktinformationen hergestellt wird, in dem man Entenleber verdünnt. Und zwar soweit verdünnt, daß auf jedes Entenleberatom 100 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 Universen (!) kommen müssten*. Unmöglich? Betrug am Kunden? Offensichtlich. Unwahr ist diese Feststellung jedenfalls nicht. Geschäftsschädigend ist sie bestimmt (hoffentlich!), und zwar völlig zu recht. Und EsoWatch hat ganz recht: Dieser nun von Boiron verklagte Blogger verdient jede Unterstützung, die er kriegen kann. Denn letztlich geht es hier nicht nur um ein Blog oder auch nur um das persönliche Verhältnis zur Homöopathie, sondern ganz allgemein um das Verhältnis zur Wahrheit, das wir pflegen wollen: Sollen Firmen den potentiellen Kunden jeden Unsinn erzählen dürfen, der potentielle Kunde aber im Interesse des Geschäfts keine, nicht einmal sachliche und faktenbasierte Kritik äußern können? Wenn schon nicht kaufen, dann zumindest Klappe halten? Na dann, gute Nacht!


Nachtrag 21.8.:
Den italienischen Originalartikel gibt es inzwischen auch in einer deutschen Übersetzung.


* "C200" bedeutet auf 1 : 100^200 verdünnt, das ist 1 : 10^400. Bei ca. 10^77 Atomen im Universum (auf ein paar Größenordungen mehr oder weniger kommt es bei diesen Dimensionen auch nicht mehr an) benötigte man 10^323 Universen, um auf 1 Atom Entenleber 10^400 sonstige Atome bringen zu können.

Mittwoch, 17. August 2011

Da bleibt die Luft weg

Es gibt so manche Dinge, die mögen Journalisten einfach nicht. Chemie gehört auf jeden Fall dazu, und wenn in einer Geschichte eine Chemikalie eine Rolle spielt, dann kann der Leser immer wieder schöne neue "Entdeckungen" erwarten. Richtig toll wird es aber erst, wenn der Journalist keine Ahnung von Chemie hat, er eine Quelle aus einer anderen Sprache übersetzten muß, und die Übersetzung dann auch noch gekürzt wird! Dann bekommt man so schöne Artikel geliefert wie heute vom Spiegel Online. Denn in einem Beitrag zu einem mutmaßlich geplanten Attentat auf Papstkritiker beim Weltjugendtag in Madrid weiß der Spiegel:
"Ein aus Mexiko stammender Chemiestudent habe den Anschlag mit Stickgas und anderen Chemikalien verüben wollen."
Ein Anschlag mit Stickgas, das ist bestimmt wahrsinnig gefährlich! Klingt zumindest schon so. Bloß, WTF is "Stickgas" eigentlich? In der Oeconomischen Encyklopädie von 1773 ist "Stickgas" noch ein Synonym für "Stickstoff"... Aber heute? Im Artikel der spanischen El País, auf den der Spiegel als Quelle verweist, heißt es da noch "gases asfixiantes" - "erstickende Gase". Das ist wohl auch nicht sehr glücklich gewählt, wird doch im Text das Gift Sarin erwähnt, und das ist ein Nervengift und kein erstickendes Gas. Doch immerhin haben die Spanier keine neue Chemikalie "Stickgas" erfunden. Überhaupt sind sie ein bisschen genauer:
"Der Mann hat laut "El País" im Internet auch erklärt, dass er Schwefelsäure und andere explosive Substanzen herstellen könne."
Nun ist Schwefelsäure in etwa so explosiv wie frisch geschnittener Schnittlauch. Laut El País hat der Mann allerdings tatsächlich erklärt, daß er "Schwefelsäure und andere ätzende oder explosive Substanzen" ("ácido sulfúrico y otras sustancias corrosivas o explosivas") herstellen könne. Und wenn man einfach mal nicht die zwei Worte "ätzende oder" aus dem Satz streicht, dann klingt er gleich viel sinnvoller!

Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, daß der Spiegel sich endlich klarer ausdrückt und "Stickgas" gleich durch "Stickstoff" ersetzt!


PS: Das "Stickgas" gibt es jetzt auch bei der Süddeutschen und der Zeit...

Freitag, 12. August 2011

Das Wissen der Besten!

Der Harvard Business Manager meint uns heute mal von großen Zufallsentdeckungen der Menschheit berichten zu müssen - "ohne die unsere Welt heute weniger bunt, gesund und annehmlich wäre". Und das erste Beispiel? Zellulosenitrat! Und diese Zufallsentdeckung ist wichtig, denn Zellulosenitrat wurde "später auch als Komponente für Raketentreibstoff genutzt." Stimmt! Und zwar hauptsächlich in mit Katjuscha-Raketenwerfen abgefeuerten Boden-Boden-Raketen. Außerdem revolutionierte es im raucharmen Schießpulver das Schlachtfeld. Bunt, gesund und annehmlich, lieber Harvard Business Manager!


PS: Tatsächlich hätte man auch Verwendungen von Nitrozellulose jenseits von Raketentreibstoff finden können, die unsere Welt wirklich bunter und annehmlicher gemacht haben: das Zelluloid etwa.

Feuchtgebete

Nach dreieinhalb Jahren des Wartens ist es endlich soweit: Charlotte Roche veröffentlicht ihr zweites Werk! Schrieb sie in ihrem Erstling noch über ekligen Sex eines jungen Mädchens, so ist sie inzwischen "erwachsen geworden" (Die Zeit) und schreibt über ekligen Sex einer verheirateten Frau. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis endlich auch der dritte Teil dieses groß angelegten Romanzyklus des 21. Jahrhunderts herauskommt und uns von ekligem Sex im Altersheim berichtet (Seine Windeln machen mich geil. Ich genieße es, meine Nase darin zu vergraben und sein verschrumpeltes, riechendes Würstchen in den Mund zu nehmen...)
Wenn der dritte Teil aber mit einer Startauflage von einer halben Milliarde Exemplaren erscheinen wird, werde auch ich mir einen Teil vom großen Reibach abzweigen! Deshalb lasse ich mir schon mal vorsorglich, nach Feuchtgebiete und Schoßgebete, die Rechte an folgenden potentiellen Titeln für Roches dritten Roman sichern:

"Empfangsgeräte"
"Bohrgestänge"
"Sportgetriebe"

Und um auf Nummer sicher zu gehen, reserviere ich auch gleich noch

"Tofu-Würstchen"
"Schneckenschleim"
und
"Geänderte Verkehrsführung"

Mal sehen, ob ich nicht auch mit Literatur Geld verdienen kann!

Mittwoch, 10. August 2011

Eine Frage des Speicherplatzes

Es gibt so gewisse Sätze, deren dramatischen Klang kennt man aus Filmen, sie selbst zu hören hätte man aber niemals erwartet. Der Satz "Das Haus ist umstellt, kommen sie mit erhobenen Händen heraus!" ist etwa so ein Satz, oder auch bei Taxifahrern "Folgen sie diesem Wagen!". Nicht ganz so dramatisch, aber trotzdem in diese Richtung geht es, wenn man auf der Arbeit das Telefon abnimmt und von einer wohlbekannten weiblichen Stimme sehr ernst mit dem Satz begrüßt wird: "Setz' dich erst mal hin!" Sofort setzt ein gewisses Gefühl der Derealisation ein, und Gedanken wie: Haben wir im Lotto gespielt? Habe ich eigentlich, als ich heute Morgen ging, in der Küche das Gas abgedreht? Auf das richtige Problem komme ich aber irgendwie doch nicht:
"Ich komm' gerade vom Ultraschall. Es sind zwei!"
Das mit dem Derealisationserleben wird dadurch nicht unbedingt besser. Und bei einer 47-qm-Wohnung im 4. Stock eines Altbaus mit einer Treppenhausbreite von 60cm war schon der Gedanke an ein Kind ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Und nun zwei?
Inzwischen habe ich mich dann aber wieder beruhigt. Schließlich hält der Onlinehandel auch für dieses Problem eine einfache, platzsparende und kostengünstige Lösung bereit:


Von mir aus kann's dann losgehen!