Dienstag, 18. März 2014

Sympathy for the devil

"…but what's puzzling you is the nature of my game…"

"Das Verständnis für die vermeintlichen Motive Moskaus ist beachtlich groß", findet Klaus-Dieter Frankenberger am 14. März in der FAZ, und er sieht den Antiamerikanismus als vermeintliches Motiv der  "Russlandversteher" in Deutschland. Auch Nico Fried wundert sich heute in der Süddeutschen darüber, wie nachsichtig die Deutschen gegenüber dem "offensichtlichen Fehlverhalten" Russlands sind. Er vermutet dahinter die Unsicherheit der Deutschen angesichts ihrer eigenen jüngeren Geschichte. Vulgo: deutsches Weicheiertum. Vielleicht sollte man aber einmal anders herum fragen: Weshalb reagieren die Herren Frankenberger und Fried und all die anderen aus den deutschen Meinungseliten mit solcher Empörung und solchem Unverständnis auf Russlands Durchsetzungsvermögen im Konflikt um die Krim? Offensichtlich falsch sind schließlich - Antiamerikanismus hin oder her - Drohnenkriege, Folter, anlasslose Überwachung des Privatesten, auch. Und niemand in Deutschland fordert Sanktionen, nicht einmal klitzekleine, symbolische.
Natürlich bietet sich das alte Schema des Kalten Krieges zur Erklärung an, in dem der linke Antiamerikanismus der Verteidigung der Freiheit gegen den russischen Bären im Wege steht. Aber es geht auch etwas moderner. Denn Putins Russland vermag zwei Dinge, die in Deutschland heute völlig undenkbar sind:

Erstens demonstriert Russland seine Fähigkeit, die eigenen Interessen gegen den Widerstand des Westens in seiner Form als EU und NATO durchzusetzen. Um dagegen das Ausmaß der politischen Hilflosigkeit Deutschlands zu erahnen, muß man dem nur einmal die Reaktion Deutschlands auf die massive Verletzung seiner Interessen durch die Überwachung durch die eigenen Verbündeten gegenüber stellen. Mitglieder der deutschen Regierung haben Wichtigeres zu tun (Innenminister Friedrich) oder sind nicht zuständig (Kanzlerin Merkel), erklären die Angelegenheit für beendet, bevor sie erst so richtig angefangen hat (Profalla). Und am Ende war alles nicht so schön, da müssen wir mal drüber reden, also, schwamm drüber und weiter so. Einen krasseren Gegensatz in der Fähigkeit zu Wahrung der Interessen als zwischen Russland und Deutschland kann man sich kaum denken.

Zweitens demonstriert Russland die Möglichkeit einer Politik, die sich nicht an den Anforderungen "des Marktes" orientiert. Und diese Politik war von einem gewissen Standpunkt aus auch ausgesprochen erfolgreich. Der staatliche Einfluß auf Russlands Rohstoffe hat nicht nur die russische Wirtschaft einigermaßen stabilisiert, sondern ermöglicht jetzt erst den Konfrontationskurs gegen den wirtschaftlich auf Russland angewiesenen Westen. Und selbst "Schockwellen an den Finanzmärkten" und der "Einbruch der Aktienmärkte in Russland" (Süddeutsche) im Zuge des Konflikts um die Ukraine mögen für deutsches Verständnis schlimmer sein als das Jüngste Gericht.  Für die russische Regierung sind sie offenbar kein Grund, die Politik sofort zu korrigieren, auf das sich die Märkte wieder beruhigen.

Man muß kein Freund russischer Machtpolitik oder "gelenkter Demokratie" sein, um als Deutscher von der russischen Politik beeindruckt zu sein. Denn sie zeigt, daß Politik auch anders funktionieren kann als in Deutschland. Und auch wenn man der russische Alternative nicht den Vorzug geben möchte, so ist allein die Existenz einer Alternative ein beeindruckendes Signal in einer Zeit und in einem Land, in dem alles getan wird um den Eindruck zu vermitteln, jenseits der Markkonformität könne es nichts geben, ja, nicht einmal gedacht werden.

Vielleicht muß man also keine deutsche Unsicherheit, keinen Antiamerikanismus und keinen Kalten Krieg bemühen, um die Empörung deutscher Eliten über Russland und das Verständnis in Teilen der deutschen Bevölkerung zu begreifen. Die wahre Provokation Putins besteht darin, sich nicht passiv in die alternativlose durchökonomisierte Denkweise des Westens zu fügen. Und damit auch noch Erfolg zu haben.

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele.

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  2. Bei allem Respekt, aber ich stimme nicht mit Dir überein.
    Die USA und Russland beide als Rechtsbrecher gleichzusetzen ist zur Zeit recht populär, greift meiner Ansicht nach aber erheblich zu kurz. Stefan Reinecke hat gestern auf taz.de dazu treffend festgestellt, dass nach dieser Logik "sich nur noch San Marino und Liechtenstein auf das Völkerrecht berufen können." Vergleicht man das Ranking der USA und Russlands in den gängigen Freiheits-Indizes (Freedom in the World; Index of Economic Freedom; Press Freedom Index; Democracy Index) stellt man fest, dass die USA zweimal die Bestnote und zweimal die zweitbeste Note haben, Russland zweimal die schlechteste und zweimal die zweitschlechteste Note. Die USA wird als "vollumfängliche Demokratie" eingestuft, Russland als "autoritäres Regime". Das heißt, die USA hat in den von dir angeführten Fällen Folter und außergesetzliche Tötungen das internationale Recht und/oder elementare rechtsstaatliche Standards gebrochen (bei den NSA-Programmen meiner Kenntnis nach nationales, aber nicht internationales Recht). In Russland dagegen geht das politische System in seiner jetzigen Form QUA EXISTENZ mit Rechtsbeugung oder Rechtsbrechung einher (wovon russische Homosexuelle, russische kritische Journalisten, russische Oppositionelle und gewisse russische Rockbands ein trauriges Lied singen können.) Das ist m.M.n. durchaus NICHT das Gleiche, weswegen ich grundsätzlich durchaus nachvollziehen kann, das unsere Regierung den USA anders gegenübertritt als Russland. Auch wenn der vielbeschworene Begriff von "Freunden" auf der Staatenebene etwas seltsam anmutet, sagt die Theorie des demokratischen Friedens nun mal aus - und die Empirie belegt das! -, dass etablierte Demokratien füreinander nicht bedrohlich sind. Das mag "die Denkweise des Westens" sein, aber sie produziert m.M.n. im Großen und Ganzen gute, belastbare Ergebnisse.
    Hingegen kann ich Deine Einschätzung, Putin würde mit seinem nicht an den Belangen des Marktes ausgerichteten Kurs Erfolg haben, nicht so ganz nachvollziehen. Für eine endgültige Bewertung in die eine oder die andere Richtung ist es m.M.n. schlicht zu früh. Wir Reuters aber am 17.03. gemeldet hat der an den Rubel gebundene MICEX-Index bislang 66 Mrd. US-$ an Wert verloren. In den ersten knapp vier Monaten von 2014 gab es eine Kapitalflucht aus Russland in Höhe von 50 Mrd. US-$, verglichen mit 63 Mrd. US-$ in den zwölf Monaten von 2013. Sogar Kreml-Offizielle sprechen offen von einer Wirtschaftskrise. Das heißt nicht, dass ich daran glaube, Sanktionen würden die Russen von der Krim vertreiben (Daniel Drezner hat zu diesem Irrglauben einen guten Beitrag auf Foreign Policy geschrieben), aber ich glaube auch nicht daran, dass das Ganze langfristig ein Erfolg für Putin wird, im Gegenteil. 2008 hat Richard Rahn die These aufgestellt, das "System Putin" sei abhängig von einem Wirtschaftswachstum, das groß genug ist um der Breite der Bevölkerung einen steigenden Lebensstandard zu garantieren. Ich bin kein Russland-Experte, aber ein Blick auf Putins Beliebtheit zeigt zwei signifikante Einbrüche: 2005, als er Sozialleistungen zusammenkürzen musste, und 2011 bis 2013, was mit der stagnierenden Wirtschaft korreliert. Ich weiß nicht genug, um hier eine Kausalität zu behaupten, aber m.M.n. liegt die Vermutung nahe, das die Marktlage einen erheblichen Einfluss auf Putin und Russland hat, ungeachtet Putins derzeitigem Popularitätsgewinn durch seine erfolgreiche Machtpolitik. In bereits jetzt für seine Vernachlässigung von (wahrscheinlichen, wenn auch nicht gewissen) ökonomischen Konsequenzen zu feiern ist m.M.n. verfrüht.

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    1. "Bei allem Respekt, aber ich stimme nicht mit Dir überein."

      Das ist ok, ich betrachte Widerspruch nicht als Zeichen mangelnden Respekts! :)

      Es liegt mir fern, die inneren Zustände Russlands mit denen in, sagen wir mal, der EU gleichzusetzen. Aber wenn die Bewertung von außenpolitischen Handlungen von der Freiheit oder Demokratie im Innern abhängig gemacht werden, dann begibt man sich auf schlüpfriges Terrain. Wenn einer von den Guten sich nicht an das Recht hält, dann ist das weniger schlimm als wenn es einer von den Bösen nicht tut (warum nur erinnert mich das jetzt an die Causa Hoeneß?). Und wer die Guten und die Bösen sind, das entscheiden wir. Und wir befinden, daß wir die Guten sind. So menschlich nachvollziehbar solche Einschätzungen sind, so wenig tragfähig sind sie für ein Miteinander, im Innern wie im Äußeren.

      Was die Berücksichtigung von wirtschaftlichen Interessen angeht, so stimme ich natürlich zu, daß auch die Russen von ihrer Regierung gute materielle Lebensbedingungen erwarten. Und tatsächlich hat sich die Situation der russischen Bevölkerung während der Regierungszeit Putins ganz erheblich verbessert [1], ohne daß Russland sich dem Mantra von Privatisierung und Liberalisierung der Märkte ergeben hätte. Zugleich ist es Russland nun möglich, die Wirtschaft in den Dienst der Politik zu stellen um außenpolitische Zeile zu erreichen, und nicht umgekehrt. Und diese Ziele wie Putin selbst scheinen scheinen die Zustimmung der russischen Bevölkerung zu finden [2]. Das würde ich schon als Erfolg für Putin und Russland betrachten.

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    2. Als Prämisse ist das völlig richtig und unbestreitbar: Rechtsbruch ist Rechtsbruch, unabhängig davon, wer ihn begeht. Und ich stimme natürlich auch zu, dass Demokratie im Inneren nicht Card Blanche in der Außenpolitik bedeuten kann.
      Aber es geht um nicht weniger als drei Kategorien: Recht, Ethik und Interessen. Und zwar auf der Staatenebene. Denn während ich dir auf der innerstaatlichen Ebene uneingeschränkt zustimme ("gut" und "böse" sind als rechtsstaatliche Kategorien unanwendbar), lässt sich das m.M.n. leider nicht auf die zwischenstaatliche Ebene übertragen. Denn dort gibt es keine übergeordnete Sanktionsinstanz gegen Rechtsverletzer (der UN-Sicherheitsrat ist international, nicht supranational). Die Konsequenz daraus ist m.M.n., dass jeder Staat auf der internationalen Ebene im Zweifelsfall eher nach seinen Interessen als nach dem Recht agiert.
      Ich halte das natürlich für suboptimal, aber für notwendig und legitim. Die Bundesregierung hat auf internationaler Ebene zuallererst verantwortungsethisch zu handeln, sprich Schaden von denen, die sie vertritt (also uns), abzuwenden. Zweifelslos geschieht das idealerweise dadurch, dass das internationale Recht (das wie nichts anderes für zwischenstaatlichem Frieden gesorgt hat) hochgehalten wird, und zwar - da bin ich völlig bei dir - FÜR ALLE Staaten. Aber das ist nun mal nicht alles. Nach internationalem Recht wäre z.B. eine nordkoreanische Atomwaffe völlig legal, eine iranische hingegen illegal. Ich bringe dieses Beispiel deswegen, weil ich ENTGEGEN der Rechtslage zu dem m.M.n. begründeten Schluss komme, dass Nordkorea noch viel weniger eine Atomwaffe haben sollte als Iran. Eben weil etablierte Demokratien innerstaatlichen Dynamiken unterliegen, die es unwahrscheinlich machen, dass der Staat plötzlich mit Atomwaffen um sich wirft. Im Falle Irans sind diese Korrektiven noch in gewissem Maße vorhanden, im Falle Nordkoreas nicht. Dementsprechend sind die Dynamiken dort weit weniger berechenbar, und das Risiko, dass der Staat unseren elementaren Interessen zuwiderhandelt, größer. Allgemein formuliert, um wieder auf Russland und die USA zu kommen: Nicht das Label "Demokratie" macht die USA zu "den Guten", sondern dass man auf Basis von Erfahrungswerten mit Demokratien mit großer Wahrscheinlichkeit sagen kann, dass die USA nicht gegen unsere elementaren Interessen handeln werden. Auf Russland bezogen fehlt diese Berechenbarkeit teilweise, weil die innerstaatlichen Dynamiken andere sind. Wenn man böse zuspitzen will, kann man meine Haltung auch so zusammenfassen: Doch, auf der Interessenebene sind Rechtsverletzungen von "den Guten" weniger schlimm als von "den Bösen".
      Ich bin mir bewusst, dass diese verantwortungsethische Haltung weit weniger attraktiv ist als eine gesinnungsethische Haltung, ich denke aber, dass sie die im internationalen System einzig realistische Haltung ist.

      Ich stimme zu, dass Putin sowohl für seine Haltung in der Krimkrise als auch für seine Politik im Allgemeinen eine beispiellose Zustimmung genießt. Das führt aber zu folgendem Effekt: In Ermangelung eines ernsthaften Mitbewerbers tritt Putin mittlerweile gegen sich selber an. Natürlich macht es de facto erst mal keinen Unterschied, wenn Putin gegen Putin verliert (sprich: wenn er weniger Stimmanteil bekommt). Trotzdem wäre es ein relativer Machtverlust, und damit tun sich autoritäre Machthaber erfahrungsgemäß schwer: Putins Innenpolitik ist m.M.n. zum Großteil darauf ausgerichtet, Interessengruppen anzusprechen, die wiederum als Multiplikatoren auf die Gesamtbevölkerung wirken (z.B. die russisch-orthodoxe Kirche, der er mit der Anti-Homosexuellen-Gesetzgebung entgegenkommt). Um die Zustimmung der Bevölkerung weiter sicherzustellen muss er also entweder den signifikant gestiegenen Lebensstandard mindestens halten (was durch Sanktionen nicht einfacher wird), oder aber mit neuen "Abenteuern" für Stimmung sorgen. Beides setzt ihn unter Druck, so dass ein langfristiger Erfolg m.M.n. fraglich ist.

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    3. Was die meisten Punkte angeht, so sind wir uns tatsächlich ziemlich einig. Allein mit dem "Nicht das Label "Demokratie" macht die USA zu "den Guten", sondern dass man auf Basis von Erfahrungswerten mit Demokratien mit großer Wahrscheinlichkeit sagen kann, dass die USA nicht gegen unsere elementaren Interessen handeln werden." habe ich große Probleme.

      Ich sehe gar nicht, weshalb Demokratien im allgemeinen berechenbarer sind oder eher die Interessen eines anderen Staates respektieren sollten als undemokratische oder autoritäre Staaten. Spontan fallen mir gleich mehrere Beispiele von ausgesprochen demokratischen Staaten ein, die erheblich die Interessen anderer demokratischer oder nicht demokratischer Staaten verletzt haben, wenn es deren eigenen Interessen genutzt hat. Und auch Beispiele für im Innern ausgesprochen autoritäre Staaten, die keine besondere Bedrohung für andere Staaten dargestellt haben.

      Beim Beispiel Nordkorea denke ich etwa, daß die von diesem Land ausgehende militärische Bedrohung erheblich überschätzt wird. Denn die Regierung mag im eigenen Land so bestialisch vorgehen wie man es sich nur denken kann, und sie mag eine bizarre Ideologie vor sich her tragen. Aber in internationalen Rahmen handelt sie im Grunde sehr rational und berechenbar. Sie braucht die militärische Bedrohung von außen zur inneren Stabilität und sie bedroht andere Länder, um Zugeständnisse zu bekommen. Aber ich glaube nicht, daß die Regierung Nordkoreas auch nur das kleinste Interesse an einem Krieg hat. Denn so groß die Verheerungen auch sein mögen, die sie anrichten könnte, so sicher ist doch, daß dies unausweichlich ihr eigenes Ende wäre. Und die Machthaber eines Landes wie Nordkorea wollen sicherlich ihren Luxus lieber im Diesseits genießen.
      Doch selbst wenn es keine Gegenwehr geben würde, so glaube ich kaum, daß die nordkoreanische Regierung Interesse an einem Einmarsch im Süden haben könnte. Denn der Despot mit der Ausbildung in der Schweiz wird sich sicherlich vorstellen können, welch ein Kulturschock ein Besuch im Süden bei seiner Armee auslösen könnte. Und der könnte seine Macht eher destabilisieren als ein militärischer Erfolg sie stabilisieren würde.
      So mag Nordkorea zu seinen Bürgern das verbrecherischste und undemokratischste der Welt sein, für seine Nachbarn halte ich es für relativ harmlos.

      Und selbst wenn ich damit falsch liegen sollte, so wäre Nordkorea noch lange keine Gefahr für alle Länder der Erde. Ich denke nicht, daß sich Deutschland oder Paraguay vor einem nordkoreanischen Angriff fürchten müssten.

      Kurzum, ich denke, die einfache Einteilung demokratisch - kein Problem für Deutschland / undemokratisch - Gefahr für die deutschen Interessen greift viel, sehr viel zu kurz.

      Wenn man aber bei der eher zynisch-pragmatischen Herangehensweise bleiben will, so sollte man mal fragen, was tatsächlich die deutschen Interessen in der Ukraine und der Krim sind. Die Antwort wäre wirklich mal interessant. Aber ich bezweifle, daß sie geeignet wäre, die breite Bevölkerung auf einen Anti-Russland-Kurs einzustimmen.

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    4. Unbestritten: Mit dem RESPEKTIEREN der Interessen anderer Staaten ist es auch bei und zwischen Demokratien nicht so weit her. Allerdings sind zwischen zwei Demokratien die elementaren Interessen häufiger identisch, so dass auch egoistisches Verhalten zu einem kollektiv optimalen Ergebnis führt. Diese elementaren Interessen sind z.B.
      - Wiederwahl der Amtsträger (schwierig bei Entscheidungen, die den Lebensstandard der Bevölkerung (Sanktionen, Handelskrieg) oder sogar das Leben selbst gefährden (Krieg).
      - Ökonomische Vernetzung (eine nicht-staatlich gesteuerte Wirtschaft, wie sie in Demokratien üblich ist, neigt dazu, sich über Landesgrenzen hinweg auszudehnen. Wird diese Vernetzung durch aggressive Politik gestört, leidet die Wirtschaft. Ein Beispiel dafür sind die Silicon-Valley-Firmen, die momentan bei der US-Regierung massiv gegen die NSA-Programme werben, damit Europa nicht dazu gedrängt wird, eine eigene vollwertige Internet-Industrie aufzubauen).
      Ich kann nicht bestreiten, dass es Gegenbeispiele gibt. Aber zumindest auf der elementarsten Interessenebene (Frieden) gibt es umfangreiche statistische Belege: Bruce M. Russett und John R. Oneal haben 2001 berechnet, dass die Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen zwei Demokratien 41% unter dem Durchschnittswert liegt (Autokratie vs. Autokratie: 67% über Durchschnitt). Das soll nicht heißen, dass Demokratie per se friedfertiger wären. Die höchste Kriegswahrscheinlichkeit (73% über Durchschnitt) besteht zwischen Demokratien und Autokratien, wobei häufig die Demokratie der Aggressor ist. Demokratien sind also keineswegs "besser", aber "besser FÜR UNS." Das bezeichnest du völlig zu Recht als "zynisch-pragmatisch", aber wie würdest du deine Außenpolitik organisieren, wenn du für 83 Millionen Menschen verantwortlich wärest?

      Du hast natürlich auch völlig Recht, dass es nicht immer gleich um Deutschlands (oder Paraguays! ;-)) physische Sicherheit geht. Aber sekundäre Interessen sind m.M.n. durchaus gefährdet: 1) ist Deutschland nicht stark genug, als dass es grundsätzlich an einer hemmungslosen "Der-Starke-frisst-den-Schwachen"-Weltordnung Interesse haben könnte. Und nichts anderes ist es ja, wenn z.B. Nordkorea anderen droht, um Zugeständnisse zu erlangen. Entwicklungen in diese Richtung sollte deswegen entgegengetreten werden, was mich zurück zu Russlands Verhalten bezüglich der Krim bringt. (Ja, auch die USA sollten hier erwähnt werden. Es gab bessere Gründe als Gerhard Schröders Wiederwahl, sich nicht am Irak-Krieg zu beteiligen.
      [Disclaimer: Ich möchte klarstellen, dass ich natürlich nicht so amoralisch bin, dass ich eine "Survival-of-the-fittest"-Weltordnung befürworten wäre, selbst wenn Deutschland stark genug dafür wäre! Es ist m.M.n. offensichtlich, dass eine zumindest grundsätzlich an Recht, Gleichheit und Frieden ausgerichtete Weltordnung in den letzten Jahrzehnten weltweit für unvergleichlich viel mehr Frieden, Sicherheit und absolutem Wohlstand gesorgt hat als Jahrhunderte von Machtpolitik. Fern von ideal, aber besser als alles vorher Dagewesene.]
      2) Aus guten Gründen verteidigen wir uns nun mal kollektiv. Und die ganze Idee funktioniert nur, wenn man den Randstaaten eben auch beisteht, ihre Interessen zu stützen. Und die baltischen Staaten und Polen sind RICHTIG nervös, was Russland angeht.

      Deine Vermutungen zu Nordkorea sind durchweg perfekt logisch. Aber ich würde das nicht mit Berechenbarkeit gleichsetzen. Als ich mich flüchtig mit dem Thema beschäftigt habe (das war zur Zeit des Todes von Kim Jong-Il, als es um die Nachfolge ging) war es erstaunlich, wie wenig selbst die gewöhnlich bestinformierten Kreise zu wissen schienen. Eine Militäraktion nach Außen im Zuge eines inneren Machtkampfes schien durchaus möglich (und ein bisschen was in der Art kam ja auch). Und etwas von dieser Unberechenbarkeit sehe ich eben auch bei Russland...

      PS: Reuters meldet gerade, Russland würde sich "besorgt über die Behandlung der russischen Minderheit" in Estland äußern.

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    5. Mit einer Statistik als Richtungsweiser für Außenpolitik, da werden wir wohl nicht mehr zusammen finden.

      Und was die Sorge Russlands um die russische Minderheit in Estland angeht, so ist das keinesfalls neu. Schon seit Jahren und Jahren ist das ein Thema für Russland, nur hört nun mal jemand hin. Und diese Sorge ist auch durchaus gerechtet, die russische Minderheit in den Baltischen Staaten ist tatsächlich nicht gut gelitten und erheblichen Repressionen ausgesetzt. Ich erspare mir mal, Belege rauszusuchen. Eine kurze Google-Suche "Russische Minderheit Baltikum" wird genug Material liefern, sogar aus Medien, die ansonsten alles andere als russlandfreundlich sind.

      Hier wird wieder eine Meldung, an der an sich nichts neues ist, mutwillig in den Kontext des aktuellen Konflikts gesetzt. Genau das selbe passierte schon vor kurzem, als Russland während des Konflikts um die Ukraine eine Interkontinentalrakete teste. Tatsächlich testet Russland aber schon seit Jahren alle Monate eine solche Rakete. Und das ist eher eine Reaktion auf den Aufbau des amerikanischen Raketenabwehrschirms denn auf die Lage in der Ukraine. Dennoch wurde es in vielen Medien als singuläres Ereignis in den Kontext der Krise um die Ukraine gesetzt. Sowas kann man auch Propaganda nennen...

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  3. Ok, ich fasse mal zusammen: die Menschen finden es gut, dass Putin eine Alternative zur "durchökonomisierten Denkweise des Westens" gefunden hat. Richtig: eine nationalistische Blut-und-Boden-Ideologie, die mit Waffengewalt durchgesetzt wird! Kennt man ja von früher, und da war bekanntlich alles besser.
    Ging es hier nicht mal um Vernunft?

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  4. "die Existenz einer Alternative"
    .
    Als es diese Alternative noch gab: Sowjetunion, DDR, etc. - hat sich "der Westen" (Hato, USA...) nicht das getraut, was er seitdem... (von Banken bis NSA und Drohnenmorden).

    - Jeeves

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  5. Hato = Nato, latürlich.

    - J.

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  6. Interessante Perspektive auf den deutschen Diskurs. Ich empfehle als weitere Lektüre: http://jungle-world.com/artikel/2014/12/49522.html

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