Sonntag, 15. April 2012

Die letzten Traumatisierten der Titanic

Die Süddeutsche präsentiert anläßlich des hundertsten Jahrestages des Untergangs der Titanic einen beeindruckenden Kommentar: Was bleibt, ist ein mitleidiges Lächeln. Und das stimmt. Nur bemitleidet man den Kommentar, nicht den Fortschrittsglauben, der darin kritisiert wird. Die dort zur Schau getragene Fortschrittsskepsis kommt, wie immer nach einer Katastrophe, aus dem wohlfeilen moralischen Standpunkt einer abgeklärten Vernunft, die ein kindisches Streben nach Größer-Schneller-Weiter kritisiert. Heute meint der Autor der Süddeutschen, "Wissenschaftsjournalist des Jahres 2009" Werner Bartens, ein solches Streben nur noch bei Schwellenländern ausmachen zu können:
"Allenfalls die phallokratischen Ambitionen einiger Schwellenländer, in geologisch aktiven Gebieten der Erde das höchste Gebäude der Welt zu errichten (die Antenne zählt aber mit!), erinnern an den siegesgewissen Taumel der Titanic-Erbauer und ihr Schneller-Höher-Weiter."
Nun soll wohl die unsinnige Behauptung, nur einige Schwellenländer würden sich an einem Schneller-Höher-Weiter interessiert zeigen, darüber hinweg täuschen, daß die Fortschrittsskepsis ein typisch westeuropäisches Phänomen ist. Auch in hoch entwickelten Ländern wie Japan oder den USA ist die Begeisterung für technologische Höchstleistungen ungebrochen. Doch an der Überlegenheit seines abgeklärt-vernünftigen Standpunkts läßt der Herr Bartens keinen Zweifel aufkommen:
"Die westlichen Industrieländer haben sich längst aus dieser Konkurrenz verabschiedet - und betrachten das Treiben wie Erwachsene den Wettlauf von Kindern um den größten Turm aus Bauklötzen."
Man könnte hier aber das schöne Bild auch umkehren. Dann ist das, was man sich selbst als Reife und Besonnenheit des Alters schön redet, plötzlich nichts weiter als Altersschwäche und Impotenz. Müde, ohne Energie, Begeisterung und Hunger nach Neuem sitzt man auf der Bank und schaut den Jungen zu, deren agiles und leidenschaftliches Streben nur schwanzgesteuerte - oder wie es bei der Süddeutschen natürlich heißt: phallokratische - Kindereien seien. Und ohne selbst noch etwas Beeindruckendes hervorbringen zu können, kommentiert man jeden der unausweichlichen Fehler der Handelnden mit einem selbstgefälligen "Siehste! Wer etwas macht, macht's falsch!". Doch übersehen die Impotenz für Reife haltenden Europäer, die sich "aus der Konkurrenz verabschiedet haben": Es ist nicht die ach so altersweise Untätigkeit, die die Zukunft gestaltet, sondern das begeisterte Handeln der potenten Jugend, egal wie viele Fehler die dabei auch machen wird. Im Falle der Technologie heißt dies, daß das Höher-Schneller-Weiter, das Streben nach neuen technischen Höchstleistungen, letztlich die technologische Entwicklung in all ihrer Breite mit sich ziehen wird. Und dann werden die "Schwellenländer" Europa eines Tages wirklich alt aussehen lassen.
Doch Herr Bartens untermauert seine Fortschrittsskeptik ja. Und zwar durch allerlei wirre Bezüge. So scheint es ihm irgendwie gegen den Fortschritt zu sprechen, wenn es bei Großforschungsprojekten wie den Beschleunigerexperimenten des CERN zu Verzögerungen und Schwierigkeiten kommt. Daß der Bau einer riesigen, komplexen, nie zuvor gebauten Maschine nicht nach Fahrplan verlaufen kann, scheint ihm nicht weiter bedenkenswert zu sein. Stattdessen sähe er lieber einfach nur "kleine oder mittelgroße Forschungsgruppen" am Werk. Auch die Tatsache, daß andere Organisationsstrukturen und Techniken beim Entschlüsseln des menschlichen Genoms, auch wenn sie später gestartet sind, mit älteren Bemühungen konkurrieren konnten, scheint ihm aus irgendwelchen Gründen auf die "Grenzen des Wachstums" hinzuweisen. Zur Abrundung werden zu den wissenschaftlich-technischen Großprojekten dann noch die Bemühungen von weltumrundenden Abenteurern untergerührt. Der Rest sind banale Erkenntnisse der Art:
"Kein Flugzeug, kein Zeppelin und erst recht kein Raketenstart galt als absolut sicher."
Da ist es doch mal interessant nachzusehen, weshalb das gerade bei der Titanic damals anders war. Hier findet man den Versuch, den Ursprung des Unsinkbarkeitsglaubens aufzuspüren. Die erste Erwähnung von "unsinkbar" findet sich demnach in einer Information der Reederei über die Titanic und ihr Schwesterschiff Olympic von 1910, in der es noch recht moderat heißt:
"...; and as far as it is possible to do so, these two wonderful vessels are designed to be unsinkable."
Dann waren es nicht etwa wie behauptet die Erbauer, sondern Journalisten der Irish News, der Belfast Morning News und des Shipbuilder Magazine, bei denen aus einem "entworfen, um unsinkbar zu sein, so weit es halt möglich ist" ein "praktisch unsinkbar" wurde - um im öffentlichen Bewußtsein zu einem "tatsächlich unsinkbar" zu werden. Offenbar sind Journalisten am Mythos Unsinkbarkeit nicht ganz unschuldig gewesen.
Womöglich hatten und haben Menschen, die neue Techniken entwickeln und einsetzen, niemals an ihre absolute Sicherheit geglaubt. Und die Öffentlichkeit glaubt auch nicht mehr daran, da hat sie ihre Lektion aus dem Untergang der Titanic wohl gelernt. Allein manch ein Journalist schreibt noch immer verbissen gegen einen Glauben an, die sein Berufsstand vor einhundert Jahren eifrig mit herbeigeschrieben hat. Vielleicht sind Journalisten die Letzten, die das Trauma vom Untergang der Titanic noch nicht überwunden haben.

Kommentare:

  1. Die Titanic, ein »Symbol für die Hybris des Menschen« – Zwei Dinge im Leben, sagt eine Redensart, bleiben keinem erspart: der Tod, und das Finanzamt. Und, drittens: die unvermeidliche Floskel vom »Symbol für die Hybris des Menschen« beim Lesen eines Textes über die Titanic. Worauf man sich verlassen kann.

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    1. Ja, die Titanic wird wie eine Art Turmbau zu Babel der Neuzeit behandelt: Der Mensch wird größenwahnsinnig, übernimmt sich und kriegt eins aufs Dach.

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    2. Ja, man entkommt den Mahnungen zur Demut nicht... Ich frage mich ehrlich, warum. Nicht einmal die leidenschaftlichsten Verteidiger einer Technik behaupten heute eine Unfehlbarkeit, sondern allenfalls eine geringe Versagenswahrscheinlichkeit. Und damit liegen sie auch richtig. Da kommt das demütige nur-nicht-zuviel-wollen fast wie in einen vernünftigen Mantel verpackte religiöse Unterwürfigkeit daher...

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