Donnerstag, 8. September 2011

Liebe mit dem Kugelschreiber

Ich sollte mal was von meinem Nachbarn erzählen, dem aus der Wohnung direkt oben drüber. Wir wohnen jetzt schon fast ein Jahr in unserer Wohnung, und ich habe ihn in dieser Zeit ein einziges Mal gesehen, vor Monaten. Anscheinend haben wir einen recht unterschiedlichen Tagesablauf. Und gesehen habe ich ihn auch nur, weil er meine Frau angebaggert hat.
Man mag ihm zugute halten, daß er wohl nicht wußte, daß die Dame in meiner Wohnung dort nicht alleine zu Hause ist, wahrscheinlich hatte er auch mich vorher nie gesehen. Erst klingelte er an zwei Abenden bei uns. Er hatte seine Wäsche zum Trocknen vor seinem Balkon aufgehangen, und der Wind hatte beim ersten Mal eine Unterhose, beim zweiten Mal ein Handtuch von der Leine weg und hinunter auf unseren Balkon geweht. Und diese Wäsche wollte er wieder abholen. Beide Male hatte die Dame des Hauses die Tür geöffnet und die Kleidung wieder hinaus gereicht. Am nächsten Samstagmorgen aber fand sich ein unter der Wohnungstür hindurchgeschobener Zettel im Flur. Und zwar ein ganz romantischer, aus einem karierten Notizblock herausgerissen und schräg mit Kugelschreiber bekritzelt: Er würde die Dame mögen, und sie könne doch mal zu ihm herauf kommen, er sei das Wochenende über alleine in seiner Wohnung. Gut, darüber könnte man noch hinweg sehen, war dieser Samstag doch so was wie das lokale Äquivalent zum Valentinstag, und ein so kleiner und lieblos beschmierter Zettel schien doch eher aus einer Bierlaune heraus entstanden, denn ein ernsthafter Liebesbrief. Zumindest dachte ich, eine ernsthafte schriftliche Umwerbung eine Dame, und wenn's nur eine Einladung auf einen Sprung nach oben ist, gehört auf einen richtigen Papierbogen geschrieben, mit Tinte, oder wenigstens mit einem Tintenroller. So aber blieb seine mutige Offenbarung inniger Gefühle schlicht ungehört.
Doch schon am folgenden Samstag fand sich ein neuer Zettel vor der Tür, wieder irgendwo heraus gerissen und auf der Vorder- und Rückseite mit Kuli beschrieben. Die Dame sei sehr schön (da hat er recht), er liebe die sehr (könnte man ihm nicht verübeln) und sie solle doch mal rauf kommen oder auch anrufen.
Ab diesem Punkt, denke ich, konnte man seine Bemühungen nicht mehr ignorieren. Ich sollte mal zu ihm raufgehen. Zugegeben, ich war zuerst ein bisschen nervös. Denn obwohl von Natur aus recht - sagen wir mal - solide gebaut, bin ich doch nicht unbedingt so der Bodybuilder-Typ. Und ich hatte ja keine Ahnung, ob ich nicht womöglich einem Pitbulls züchtenden Hells Angel das Wochenende verderben würde. Aber die Umworbene versicherte mir, daß ich eine schmächtige Person, einen Kopf kleiner als ich, zu erwarten hätte. Und so klingelt ich, seine "Liebesbriefe" in der Hand, an der Wohnungstür. Meine Schultern spreizte ich so weit ich konnte, und ich setzte den finstersten Blick auf, zu dem ich nur fähig bin. Ganz sicher habe ich noch nie so gefährlich ausgesehen! Er war beim Öffnen der Tür zunächst offenbar enttäuscht. Die ihm vorgehaltenen Papierfetzen riss er mir sofort aus der Hand und zerknüllte sie. Als nächstes war er offenbar peinlich berührt. Und nach einem kurzen Gespräch hat er sich dann auch nie wieder gemeldet. Die schöne Frau von eine Etage tiefer mag über seinen mangelnden Willen, um seine große Liebe zu kämpfen, insgeheim ein bisschen enttäuscht gewesen sein, aber sie verkraftete das Ende seiner Umwerbungen dann doch recht schnell. Und so vergaß ich ihn auch wieder. Aber eigentlich erzähle ich das alles nur, damit man verstehen kann, weshalb es letztlich nur seine Schuld war, als ich, wieder Monate später und nachts alleine in unserer Wohnung, mit meinen Schultern unseren Couchtisch zertrümmerte. Aber das führe ich lieber erst das nächste Mal genauer aus... Und rückwirkend gesehen war es ja sogar eine ziemlich interessante Annäherungsstrategie, der Frau der Begierde seine Unterwäsche auf den Balkon zu werfen!

Kommentare:

  1. Tolle Geschichte. Ich bin schon ganz gespannt, wie es weiter geht, und wie sich die Sache im dem Couchtisch entwickelt. Daumen hoch! Und Gruß an die schöne Frau, wenn sie mag, kann sie ja mal vorbeikommen :-)

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  2. Vorsicht! - Sofern keine Pitbulls im Haus sind!
    ;)

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