Freitag, 23. September 2011

Großer Geist mit großer Verspätung

Was mußte man während der letzten Tage nicht alles über den Papst lesen, mal von mehr, mal von weniger bekannten Persönlichkeiten. Zum Beispiel:

Annette Schavan: Der Papst ist "einer der größten Denker unserer Zeit" (taz).
Wolfgang Thierse: Der Papst ist ein "hochgradiger Intellektueller" (Süddeutsche).
Manfred Lütz: Der Papst ist "einer der großen modernen Intellektuellen" (focus).
Marco Politi: Der Papst ist "ein großer Intellektueller" (Mainpost).
Winfried Kretschmann: Der Papst hat "intellektuelle Brillanz" (Badische Zeitung).
Ludger Hölscher: Der Papst ist "ein Genie, ein Intellektueller" (Schweriner Volkszeitung).
Arno Makowsky: Der Papst ist "unbestritten einer der großen Intellektuellen unserer Zeit." (Abendzeitung)

Da habe ich mich dann ja schon mal gefragt, was zum Teufel denn den Papst zu so einem brillanten Intellektuellen unserer Zeit macht? Das intensive Studium seiner Habilitationsschrift Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura wird die obigen Kommentatoren doch wohl kaum so in Begeisterung versetzt haben? Und ob Vorträge zum Thema Liturgie und Kirchenmusik einen so entscheidenden Beitrag zu den Problemen unserer Zeit lieferten?
Heute ist mir dann endlich klar geworden, weshalb der Papst ein für unsere Tage so wichtiger Denker ist! Die Süddeutsche Online hat's geschrieben:
Papst würdigt Luther
Eine große Leistung in unserer Zeit! Nicht nur, daß ein Papst gerade mal 350 Jahre nach Galileo Galileis Tod feststellen konnte, daß dieser, gut, nicht direkt so komplett recht gehabt hatte - aber doch zumindest nicht ganz so gottlos war wie erst gedacht. Und nun, schlappe 465 Jahre nach seinem Tod wird auch Martin Luther von einem Papst gewürdigt! Jetzt ist es endlich offensichtlich, daß die katholische Kirche, die sich ja bewußt nicht vorschnell dem schnellebigen Zeitgeist anpassen will, viel zur modernen Welt zu sagen hat! Und es gibt auch Hoffnung, wenn man die Zeitintervalle mal so auf andere Denker anwendet. Und von Hoffnung lebt die Kirche ja:

So um das Jahr 2212 sollte ein Papst dann anerkennen, daß Kants Kritik der reinen Vernunft auch einen interessanten Beitrag eines Christen zur Geistesgeschichte darstellt.
Schon 2290 dürfte auch Charles Darwin dran sein. Der hat sich zwar bestimmt geirrt, war aber laut zukünftigem Papst sicher trotzdem irgendwie ein großer Gottsuchender.
Und im Jahre 2378 dann sollte auch Bertrand Russell darauf hoffen können, daß er, obwohl er in der Hölle schmoren muß, zu Lebzeiten in einzelnen philosophischen Theoriefragen auch aus Sicht der Mutter Kirche nicht komplett unrecht hatte.

Ach, wie würden wir uns nur ohne die großen Intellektuellen in der katholische Kirche in unserer Zeit zurechtfinden?
Amen.

Kommentare:

  1. Es würde vermutlich helfen, einfach erstmal die wissenschaftlichen Schriften und Arbeiten zu lesen - und dann zu urteilen?!

    AntwortenLöschen
  2. Der Oberpope ist wohl ein gelehrter Mann, aber mit Sicherheit kein Intellektueller, und schon gar kein Genie.

    Vielleicht ein Savant? Die autistische Leugnung der Realität würde schon dazu passen.

    AntwortenLöschen
  3. Die ständig in den Medien auftauchende Benennung des Papstes als "großen Denker/Intellektuellen" auch außerhalb des Papstmagazins "BILD" ist mir in den letzten Tagen auch aufgefallen. Bemerkenswert, dass man das Oberhaupt einer Glaubensgemeinschaft, die ja gerade nicht auf Wissen beruht, zur Instanz für Wissen macht. Seine Rede im Bundestag, die ich wegen der positiven Bemerkungen in den Medien nachträglich anschauen wollte, konnte ich bemerkenswerterweise nicht in den Mediatheken der ÖR finden (ich hab aber auch nicht so eifrig gesucht), sondern letztlich nur bei YouTube. Sekundärinfos jedoch, die die Rede in den Himmel loben, fanden sich in allen Mediatheken zu genüge.

    AntwortenLöschen
  4. Wenn man so über den trägen Zeitgeist anderer schreibt, sollte man seine Rechtschreibung vielleicht mal dem Jetzt anpassen. Die letzte Reform ist ja auch schon ein paar Jährchen her. Ich vermute, hier ist man dann ungefähr 2030 soweit?

    AntwortenLöschen
  5. Mit Darwin hatte übrigens schon Johannes Paul II. mehr oder weniger seinen Frieden gemacht, als er 1996 (auf eine Schrift eines seiner Vorgänger bezugnehmend) schreib: "Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen der Enzyklika, geben neue Erkenntnisse dazu Anlaß, in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen. Es ist in der Tat bemerkenswert, daß diese Theorie nach einer Reihe von Entdeckungen in unterschiedlichen Wissensgebieten immer mehr von der Forschung akzeptiert wurde. Ein solches unbeabsichtigtes und nicht gesteuertes Übereinstimmen von Forschungsergebnissen stellt schon an sich ein bedeutsames Argument zugunsten dieser Theorien dar."

    AntwortenLöschen
  6. @Anonym (9:59):
    Naja, die Strategie, den Papst zum Genie zu erklären, ist aus katholischer Sicht ja nicht schlecht. Wenn ein Genie und großer Denker glaubt, dann müssen die intellektuellen Zweifel des Normalos doch wohl nur Folge seines beschränkten Geistes sein?

    @Anonym (10:15):
    Was Rechtschreibung angeht, bin ich wohl so was wie der Pius-Bruder unter den Orthografen. Man muß ja nicht jede auf einem Konzil durchgedrückte Modernisierung mitmachen... ;)

    @Anonym (10:31):
    Ja, aber mit einem zentralen Aspekt der Evolutionstheorie, der Ziellosigkeit, hadert der Katholik zwangsläufig immer noch.

    AntwortenLöschen
  7. O-Ton Ratzi im Bundestag:
    "Aber daß in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muß sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen. "
    Ich würde es schon als ein Zeichen besonderer Weisheit ansehen, dass er mit dieser Aussage schon 2011 in der Wirklichkeit der deutschen Verfassung angekommen ist. Das hat er offenbar den vielen Abgeordneten voraus, die in Interviews diese Passage immer wieder als richtunggebend betonen.

    AntwortenLöschen
  8. @Anonym (11:27):
    Und die "Kriterien seiner Orientierung" findet man wohl beim Bibelstudium:

    "Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus."
    Eph 6, 5

    Ist der Verfassungsschutz eigentlich schon informiert? :)

    AntwortenLöschen
  9. Wie intellektuell mag jemand sein, der die Verbreitung von HIV in weiten Teilen der dritten Welt billigend in Kauf nimmt nur um eine Doktrin zu schützen die noch nie zeitgemäß war? Er ist vielleicht nicht gänzlich unwissend, aber ich würde ihm in weiten Teilen sowohl Intellekt als auch gesunden Menschenverstand absprechen...

    AntwortenLöschen
  10. »Es herrscht zu viel Vernunft in der Welt« sprach Herr Ratzinger (bei seinem Deutschlandbesuch vor fünf Jahren in München) und rief dazu auf, »sich wieder stärker von religiösen Werten leiten zu lassen.«
    Zu viel. Hat der tatsächlich so gesagt. Und wenn der Herr Papst was sagt, dann wirds wohl so stimmen, oder. Der Papst lügt nicht, und der Teufel schlaft nicht, bekanntlich.

    AntwortenLöschen
  11. Dass es ohne Rückbindung an Gott keine wahre Freiheit gibt ist wohl eine dieser genialen Erkenntnisse aus dem Mund dieser Obervernunft, die einem Einfältigen wie mir als der alte, totalitäre Geist erscheint, als der absolutistische Anspruch auf Wahrheit, und um sich mit solch schnöden Ansichten erst nicht auseinandersetzen zu müssen erklärt man das Gesprochene lieber als sakrosankt und zur intelektuellen Ausnahmeleistung, und sonnt sich ein wenig darin, die Genialität des Denkers zumindest erkannt zu haben, und ein wenig mit zu schimmern im grellen Schein des Lichtes, welches der kath. Gott ja auch zu sein behauptet, neben Wahrheit und Leben.

    AntwortenLöschen
  12. "Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus."
    Eph 6, 5

    danke, habe es gerade an meine Mitarbeiter weitergeleitet. Hoffentlich sind ein paar gläubige dabei

    AntwortenLöschen