Mittwoch, 28. September 2011

30 000 Jahre Fehlentwicklung

Berlin, 2011 n. Chr.:
"Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, stellt heute eine erste repräsentative Studie zur Häufigkeit der Internetabhängigkeit bei den 14- bis 64-Jährigen in Deutschland vor.
In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen ist die Verbreitung am größten: 2,4 Prozent abhängige und 13,6 Prozent problematische Internetnutzer.
Die Betroffenen verlieren die Kontrolle darüber, wie viel Zeit sie im Internet verbringen.
Dazu erklärt die Drogenbeauftragte: „Wir brauchen zielgenaue Präventionsarbeit und gute und effektive Beratungs- und Behandlungsangebote besonders für die junge Altersgruppe. Die Computerspiel- und Internetsucht wird im nächsten Jahr ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein. Die Broschüre "Online sein mit Maß und Spaß" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist unter : http://www.bzga.de/infomaterialien/suchtvorbeugung/ abrufbar."

Bonn, 1963 n. Chr.:
"Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Heinz Müller, stellt heute eine erste repräsentative Studie zur Häufigkeit der Fernsehabhängigkeit bei den 14- bis 64-Jährigen in Deutschland vor.
In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen ist die Verbreitung am größten: 2,4 Prozent abhängige und 13,6 Prozent problematische Fernsehnutzer.
Die Betroffenen verlieren die Kontrolle darüber, wie viel Zeit sie mit Fernsehen verbringen.
Dazu erklärt der Drogenbeauftragte: „Wir brauchen zielgenaue Präventionsarbeit und gute und effektive Beratungs- und Behandlungsangebote besonders für die junge Altersgruppe. Die Fernsehsucht wird im nächsten Jahr ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein.
Die Sendung "Fernsehn gucken mit Maß und Spaß" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird im Spätprogramm ausgestrahlt."

Berlin, 1938 n. Chr.:
"Der Drogenbeauftragte des Führers, Hermann Göring, stellt heute eine erste repräsentative Studie zur Häufigkeit der Radioabhängigkeit bei den 14- bis 64-Jährigen im Großdeutschen Reich vor.
In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen ist die Verbreitung am größten: 2,4 Prozent abhängige und 13,6 Prozent problematische Radionutzer.
Die Betroffenen verlieren die Kontrolle darüber, wie viel Zeit sie mit dem Hören von Stimmen aus dem Radio verbringen.
Dazu erklärt der Drogenbeauftragte: „Wir brauchen zielgenaue Präventionsarbeit und gute und effektive Beratungs- und Behandlungsangebote besonders für die junge Altersgruppe. Die Radiosucht wird im nächsten Jahr ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein.
Das Programm "Radio hören mit Maß und Spaß" der Reichszentrale für gesundheitliche Aufklärung hören sie gleich nach der Rede des Führers"

Potsdam, 1468 n. Chr.:
"Der Drogenbeauftragte von Kaiser Friedrich III, Albrecht VI, stellt heute eine erste repräsentative Studie zur Häufigkeit der Buchabhängigkeit bei den 14- bis 64-Jährigen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation vor.
In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen ist die Verbreitung am größten: 2,4 Prozent abhängige und 13,6 Prozent problematische Buchnutzer.
Die Betroffenen verlieren die Kontrolle darüber, wie viel Zeit sie mit dem Lesen frisch gedruckter Bücher verbringen.
Dazu erklärt der Drogenbeauftragte: „Wir brauchen zielgenaue Präventionsarbeit und gute und effektive Beratungs- und Behandlungsangebote besonders für die junge Altersgruppe. Die Buchsucht wird im nächsten Jahr ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein.
Die Broschüre "Buchdruck mit Maß und Spaß" der Heiligen Reichszentrale für gesundheitliche Aufklärung befindet sich z.Z. im Druck."

Kiš, 2600 v. Chr.:
"Der Drogenbeauftragte des Gottkönigs Enmebaragesi, Šamšu, stellt heute eine erste repräsentative Studie zur Häufigkeit der Keilschriftabhängigkeit bei den 14- bis 64-Jährigen in Sumer vor.
In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen ist die Verbreitung am größten: 2,4 Prozent abhängige und 13,6 Prozent problematische Keilschriftnutzer.
Die Betroffenen verlieren die Kontrolle darüber, wie viel Zeit sie mit dem Betrachten von in Tontafeln gedrückten Keilen verbringen.
Dazu erklärt der Drogenbeauftragte: „Wir brauchen zielgenaue Präventionsarbeit und gute und effektive Beratungs- und Behandlungsangebote besonders für die junge Altersgruppe. Die Keilschriftsucht wird im nächsten Jahr ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein.
Die Broschüre "Keilschrift mit Maß und Spaß" der Sumerischen Zentrale für gesundheitliche Aufklärung ist abrufbar, sobald der Ton getrocknet ist."

Chauvet, 30 000 v. Chr.:
"Die Drogenbeauftragte des Stammesältesten, Ugah Ughh, stellt heute eine erste repräsentative Studie zur Häufigkeit der Höhlenmalereiabhängigkeit bei den 14- bis 64-Jährigen vor.
In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen ist die Verbreitung am größten: 2,4 Prozent abhängige und 13,6 Prozent problematische Höhlenmalereinutzer.
Die Betroffenen verlieren die Kontrolle darüber, wie viel Zeit sie beim Betrachten von an Höhlenwände gemalte Handabdrücke und Jagdszenen verbringen.
Dazu stammelte die Drogenbeauftragte: „Wir brauchen zielgenaue Präventionsarbeit und gute und effektive Beratungs- und Behandlungsangebote besonders für die junge Altersgruppe. Die Höhlenmalereisucht wird im nächsten Jahr ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein.
Die Broschüre "Höhlenmalerei mit Maß und Spaß" der Sippenzentrale für gesundheitliche Aufklärung finden sie an der großen Wand in der Haupthöhle."

Kommentare:

  1. Hat sich eigentlich mal jemand mit der Häufigkeit der Autofahrabhängigkeit auseinandergesetzt? Gerade bei Pendlern und Außendienstlern sind bestimmte einige mindestens problematische Autonutzer vorzufinden.
    Ich kenne auch einige Busfahrer, die fast jede Kontrolle darüber verloren haben, wieviel Zeit sie hinter dem Steuer verbringen.

    AntwortenLöschen
  2. Und selbstverständlich wurde seit 30000 Jahren nur Schund verbreitet!

    AntwortenLöschen
  3. Ich halte es schon für sinnvoll, über dasjenige Medium Kontakt und mutmaßliche Ersthilfe zu bieten, das der Zeit und den Gewohnheiten entspricht, sofern diese nicht im Direktkontakt möglich ist. Eine Broschüre könnte im aktuellen Fall wohl nicht mit dem Maß an Verbreitung rechnen wie ein Internettext. Gerade für Betroffene ist das wohl der leichteste Weg. In den ironisch angenommenen Szenarien der Vergangenheit (die vermutlich nicht mal weit von der Realität entfernt sind) gilt das gleiche.

    Daß psychische Abhängigkeit vom Internet und Computern im allgemeinen ein tatsächliches Problem ist (eventuell auch bei mir), möchte ich nicht bestreiten, auch wenn die Zahlen wohl zu hoch gegriffen sind. Wenn der erste Griff beim Nachhausekommen unbewußt in Richtung Einschalter geht, wenn über Stunden Seiten immer wieder aktualisiert werden, um auf keinen Fall etwas zu verpassen, obwohl nichts nennenswertes passiert, wenn die Vorstellung, einen Tag netzfrei zu verbringen, beunruhigt, ebenso wie der stundenweise Ausfall des eigenen Anschlusses, ist das schon ein Anlaß, sich Gedanken zu machen. Daß die Netzgemeinschaft sich angegriffen fühlt, überrascht aber ebenfalls wenig.

    Peter Lustigs "Abschalten!" am Ende jeder Sendung hätte wohl kaum die Wirkung erzielt, wenn er es stattdessen via Prospekt versendet hätte.

    AntwortenLöschen
  4. Man könnte begleitend noch den jeweils zeitgenössisch vorangegangenen FAZ-Feuilleton daneben anbringen, z.B.

    1457 n.Ch.: Der neumodische Schnickschnack des Buchdrucks wird sich niemals gegen die erprobte Keilschrift durchsetzen können. Es handelt sich hierbei nur um eine vorübergehende Modeerscheinung, die außerdem dumm macht. Dieser Gutenberg-Hype ist ausschließlich fehlgeleiteten Teenagern geschuldet. Wer möchte schon auf die lauschigen Keilschrifttafeln an der eigenen Hauswand verzichten? Diese sind nunmal zentraler Bestandteil unserer Kultur! Der Untergang des Abendlandes wird [...] [stark gekürzt]

    AntwortenLöschen
  5. @ueberschaubarerelevanz:
    Alles eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz... Ich selber komme inzwischen schon richtig schlecht drauf, wenn ich nicht spätestens mittags meinen Espresso bekomme. Hilfe hat mir aber noch keiner angeboten... :(

    @Jerry:
    Ich will ja gar nicht bezweifeln, daß es Leute gibt, die es übertreiben. Aber das gilt ja wohl für so ziemlich alles. Es soll sogar Leute geben, die derart der Kaninchenzucht verfallen sind, daß sie nach dem nachhause kommen als erstes nach den Kaninchen gucken müssen. Und man kann kein Gespräch länger als zwei Minuten mit ihnen führen, ohne daß sie von ihren Kaninchen erzählen. Trotzdem sorgt sich bei ihnen niemand um eine mögliche Kaninchenzucht-Sucht. Und das, obwohl es ein so schönes Wort wäre! :)
    Vielleicht sollte man dem Aspekt des Leidensdrucks etwas mehr Bedeutung beimessen?

    @TakeFive:
    Wow, durch den Kommentar scheinen ja lange Jahre des FAZ-Feuilleton-Studiums durch! So überzeugend, wie dieser Text daher kommt! :)

    AntwortenLöschen
  6. Jerry schreibt "Ich halte es schon für sinnvoll, über dasjenige Medium Kontakt und mutmaßliche Ersthilfe zu bieten, das der Zeit und den Gewohnheiten entspricht, sofern diese nicht im Direktkontakt möglich ist." Das finde ich gut. Ich gestehe, ich bin sexsüchtig. Bekomme ich jetzt von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung täglich Prostituierte zur Verfügung gestellt? Oder wenigstens kostenlos eines dieser Nacktbilderzeitschriftabos?

    Wie ich hörte, soll Wolfgang Schäuble zu mindestens 2,4% abhängiger Rollstuhlbenutzer sein, zumindest aber problematischer. Wann wird er endlich behandelt?

    AntwortenLöschen
  7. Die Fehlentwicklung hat ja schon vor 32000 Jahren angefangen wenn ich richtig rechne...

    AntwortenLöschen
  8. Sehr schön.
    Und dann sind da noch die Menschen, die beruflich etliche Stunden am Gehäuse hängen und ihren Kindern zu Haus jedwedes elektronische Spielgerät vermiesen wollen ...

    Noch was zur Entwicklung der Technik ist mir wieder eingefallen:

    http://www.youtube.com/watch?v=5PgAEmvtG9U

    AntwortenLöschen
  9. Und was hat man vor 32000 Jahren vorzugsweise gemalt? Richtig: Nackte Frauen bzw. deren Geschlechtsteile...

    Nix ändert sich.

    AntwortenLöschen
  10. Ich erinnere mich noch vage daran, dass uns Kohlenstoffverbindungen damals in der Ursuppe noch nachgesagt wurde, wir litten unter Fortpflanzungssucht.

    Aber heute wie damals gilt: wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen...

    AntwortenLöschen
  11. Ok. Ich sehe, dass hier eine Kritik veröffentlicht wurde. Nur woran genau ... ich weiß es nicht.

    Ist es der Klassiker "Buhuhu ... da sagt jemand, das Internet hat auch negative Effekte ... buhuhu"?
    Ist es eine Kritik an dem Ort der Informationen für Ratsuchende?
    Ist es eine Kritik bezüglich konkreter Punkte der Studie selber?
    Ist es eine Kritik, weil man persönlich nicht glaubt, dass es eine spezielle Internetsucht gibt?
    Ist es eine Kritik, weil man generell die Existenz von Formen einer Mediensucht ablehnt?
    Ist es eine Kritik, weil man alles für einen alten Hut hält und Studien zu einem Thema nerven?

    AntwortenLöschen
  12. Schöne Satire. Aber die (historische) Realität übersteigt das ja alles mal wieder. z.B. "Lesesucht":
    http://de.wikipedia.org/wiki/Lesesucht
    Ähnliche Diskussionen gab es bei der Einführung des Radios: "Da gibt es nur ein energisches Gebot für alle Hörer: Diät! Diät! Das soll heissen: geniesset mit Mass! Bringt euch nicht selbst um alle Freud, um alle Aufnahmefähigkeit durch ein sinnloses Herunterhören des täglichen Programms." (Friedrich Pütz: Die richtige Diät des Hörens, abgedruckt in: Kümmel/Löffler (Hg.): Medientheorie 1888-1933)
    "Risikogruppen" sind dabei meistens Frauen und Kinder...
    Und, kleine historische Klugscheisserei: Die Nazis hatten natürlich kein Problem mit viel Radiohörerei - solange es die "richtigen" Sender waren.

    AntwortenLöschen
  13. Die Angst vor Theater bei den "alten GRiechen" fehlt noch. Und als der "Roman" aufkam wurde auch heftigst gewarnt.
    Jukeboxes in Kneipen zerstörten die Existenz vieler Musiker, deshalb haben die ganze zwei Jahre lang (in den USA) gestreikt (1942-'44).
    Kino?
    CD?
    DVD?
    PC Games?!
    etc.

    -Jeeves

    AntwortenLöschen
  14. Achja, der Renner, schon immer:
    Sex!

    - Jeeves

    AntwortenLöschen
  15. Danke Thomas!

    Beim Radio hab ich angefangen zu lachen.
    Bei der Keilschrift kamen dann die ersten Traenen.

    Vielen Dank fuer den schoenen Text.

    AntwortenLöschen
  16. "Anonym" hat am 30. September 2011 um 10.24 Uhr gesagt:
    "Ok. Ich sehe, dass hier eine Kritik veröffentlicht wurde. Nur woran genau ... ich weiß es nicht. [...]"

    Meine Worte. Vielen Dank! Besser also so wie in dem Kommentar hätt' ich's ned sagen können.

    AntwortenLöschen
  17. Wer nicht einmal zwischen "Abhängigkeit" und "Sucht" unterscheiden kann, hat klar den Posten verfehlt.

    AntwortenLöschen
  18. das mit den büchern hätte ich jetzt später eingeordnet.

    .~.

    AntwortenLöschen