Donnerstag, 2. September 2010

Sam Harris zwischen Gut und Böse

Da ist es also schon wieder passiert. Sam Harris, nach eigener Einschätzung wohl alleinig im Besitz einer "guten" Philosophie, will einem wieder ein neues Buch samt einer wissenschaftlich fundierten Ethik verkaufen, und das Evo-Magazin bietet eine deutsche Übersetzung seiner FAQs zu diesem Thema an. Über seine Antworten auf zwölf Fagen kann man jetzt diskutieren, muß man aber gar nicht. Denn letztlich geht es nur um den altbekannten Utilitarismus, bloß mit ein bisschen Botox gegen die Altersfalten. Bemerkenswert ist alleine der unbescheidene und offenbar frei von Selbstkritik vorgetragende Anspruch, eine wissenschaftliche Ethik zu liefern. So wird die Frage Gibt es richtige und falsche Antworten auf moralische Fragen? eindeutig mit Ja beantwortet, ohne daß sich irgendein bescheidener Verweis darauf fände, daß dieses Ja nur dann gilt, wenn man seine eigene, spezielle ethische Theorie erst einmal akzeptiert hat. Der Dreh- und Angelpunkt seiner Ausführungen steckt alleine im ersten, kurzen Satz seines Textes, und wird dem Leser ganz beiläufig untergeschoben. Dabei ist es dieser harmlos daher kommende Satz, der die größte Aufmerksamkeit und Diskussion verdienen würde. Er lautet:
"Moral muss sich früher oder später auf das Wohlbefinden von bewussten Lebewesen beziehen."
Dieser Satz ist eine Grundannahme, die für alle weiteren Schlüsse und Argumente in Harris' Werk benötigt wird. Und die schlichte Frage, die man hier stellen muß, ist: Warum denn?
Dieser Satz enthält seine Antwort auf die große Frage Was soll man tun?,und sie lautet Nach Wohlbefinden streben! Aus dieser Antwort leitet er in Kombination mit seinem Wissenschaftsverständnis seine ethische Theorie ab. Warum soll man aber nach Wohlbefinden streben? Eine pragmatische Antwort wäre hier wohl angemessen. Doch Harris ist das offenbar nicht genug, kritisiert er doch Gemeinschaften mit anderen Werten, etwa die Taliban oder die katholische Kirche, unter der Annahme, das die Forderung nach dem Wohlbefinden auch für sie gültig ist. Nun will ich dem Autor nicht die Unfähigkeit unterstellen, die sich aus einer pragmatisch gewählten Gültigkeit dieser Annahme ergebende Unsinnigkeit einer solchen Argumentation zu erkennen. Also scheint er einen über die reine Pragmatik hinausreichenen, zwingenden Grund für die Gültigkeit des Strebe nach Wohlbefinden anzunehmen. Aber ganz offen und nicht mal ironisch gesagt, sehe ich keinerlei logischen oder wissenschaftlichen Grund, dem Satz Man soll nach Wohlbefinden streben mehr zuzustimmen, als Sätzen wie Man soll nach Duschvorhängen streben oder Man soll nach einem gebrochenen Fuß streben. Natürlich, ich stimme dem Satz Ich strebe nach Wohlbefinden viel mehr zu als den Sätzen Ich strebe nach Duschvorhängen und Ich strebe nach einem gebrochenen Fuß, und das geht vermutlich den allermeisten Menschen so. Aber das sind wohlgemerkt andere Sätze als die man-soll-Sätze zuvor! Wenn jemand ein logisches oder wissenschaftliches Argument kennt, das es einem erlaubt, den ersten der sollens-Sätze den übrigen oder jedem anderen vorzuziehen, dann möge er es mich doch bitte wissen lassen! Solange es da aber beim Schweigen bleibt, muß man davon ausgehen, daß Harris' Ethik kein bisschen besser begründet ist als jede andere in sich schlüssige ethische Theorie auch, und sei sie ansonsten noch so abstrus. Man sollte meinen, dies sei genug Grund für ein wenig Bescheidenheit im Auftritt...

Kommentare:

  1. Das ist lustig. Genau das Thema habe ich vor einer Woche mit "evolutionären Humanisten" diskutiert. Ich halte eine "wissenschaftlich" abgeleitete Ethik für gefährlich, wenn nicht sogar totalitär. Statt von Gott, ist sie eben durch die Wissenschaft legitimiert. Hochgradig fragwürdig. Ich war der Meinung, dass Ethik immer ein Konsenz einer Gruppe von Menschen ist, die zusammenleben wollen oder müssen. Ist Kant eigentlich nicht mehr gut genug? Was das Streben nach Wohlbefinden angeht, kann z.B. das Tragen einer Burka sehr wohl geeignet sein, wenn ich nur verinnerlicht habe, dass mir das die Tür ins Paradies öffnet. Wenn's dann nicht so kommt, kriege ich es ja nicht mehr mit, siehe Epikur.

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  2. Ja, genau solch eine Diskussion hatte ich auch mal, und mir wurde auch ganz Angst und Bange bei dem, was mein Gegenüber so selbstsicher und selbstverständlich über Ethik geäußert hatte. Eine solche "wissenschaftliche" Ethik erscheint mir sogar noch totalitärsgefährdeter zu sein als die typische Christenmoral. Offensichtlich fehlt es bei einigen "Wissenschaftsgläubigen" an jedem Sinn für die Grenzen der Vernunft, der Wissenschaft und der menschliche Komponente in ihr. Hoffentlich kommen solche Menschen niemals wirklich zu Einfluß!

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  3. Genau meine Rede. Ich warnte auch davor, von der "wissenschaftlichkeit" zur "wissenschaftsgläubigkeit" zu (ver)kommen. Technokratie oder Theokratie - wo wäre da der Unterschied? Es gibt keinen - beides ist Horror und Terror.

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  4. Das ist so richtig, ich kann dem nichts mehr hinzufügen!

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