Montag, 23. August 2010

Nix begreifende Charaktere

Im letzten Post fand ich ja, daß der Glaube an einen Gott unter Vernunftkriterien keinerlei Erklärungswert hat. Trotzdem scheint dies Gläubige nicht nur egal zu sein, sondern sie empfinden ihren Glauben keinesfalls als überflüssig. Verstehen kann man diese Diskrepanz, wenn man, wie religiöse Menschen, nicht nur der Vernunft die Möglichkeit zur Erzeugung von Wissen zugesteht, sondern auch dem Glauben. In diesem Fall ist es nämlich keineswegs ein Problem, daß der Gottesglaube vernunftmäßig keinerlei Klarheit schafft, denn es genüg ja völlig, daß er die Welt vermittels Glaube erklärt. Bei der Vorstellung, auch Glauben als Wissensquelle zuzulassen, mag es manch einem vernunftorientierten Zeitgenossen die Zehnägel aufrollen und ihn veranlassen, seinen Spott über die Gläubigen auszuschütten. Keineswegs verwunderlich ist es deshalb, wenn religiöse Mitmenschen gerne herauszustellen versuchen, daß rational erworbenes Wissen im Grunde auch nicht besser ist, als Wissen auf Glauben zu gründen. Also, ist es besser? Vergleichen wir die Mechanismen, die zum religiös motivierten Wissen und zum rational motivierten Wissen führen. Da rationales, vernunftbegründetes Wissen ein recht schwammiger Begriff ist, wollen wir ihn auf naturwissenschaftliches Wissen als dem Paradebeispiel für vernünftige Untersuchungsergebnisse der Welt einschränken.

Was ist Wissen?
Zuerst müssen wir uns für eine solche Betrachtung kurz darüber klar werden, was wir unter Wissen verstehen wollen. Diese Frage mag in ihren Untiefen keineswegs leicht zu beantworten sein, viele Probleme mit diesem Begriff können wir uns hier aber ersparen, denn die Wissensbegriffe der Gläubigen und der Wissenschaften liegen sehr dicht beieinander. Als Grundlage mögen wir den subjektiven Begriff Meinung nehmen. Zwifellos gibt es einen Unterschied zwischen meinen und wissen, und zunächst müssen wir für Wissen verlangen, daß es wahr ist. Wenn ich behaupte, zu wissen, daß noch Bier im Kühlschrank ist, in Wirklichkeit aber keines mehr da ist, dann wird man mir nämlich absprechen, daß ich es gewußt habe, sondern zur zugestehen, daß ich es gemeint hatte. Wahrheit alleine reicht aber noch nicht für Wissen aus, denn ich könnte mit einer wahren Meinung auch einfach zufällig richtig liegen. Und in einem solchen Fall würde man sicherlich auch nicht von Wissen sprechen. Also muß man zusätzlich noch eine irgendwie geartete Begründung für eine wahre Meinung fordern, um wirklich von Wissen sprechen zu können. Allerdings ist der Einfluß des Zufalls damit noch nicht endgültig beseitigt. Denn ich könnte Gründe für eine wahre Meinung haben, aber es könnte weitere, mir unbekannte oder unbeachtete Gründe geben, die meine Begründung für meine wahre Meinung wieder zunichte machen würden, so daß meine Meinung wieder nur zufällig wahr ist, nicht aber aus den von mir angeführten Gründen zusammen mit den unberücksichtigten Tatsachen folgt.
Also letztlich sei Wissen hier eine wahre, begründete Meinung, zu der es keine weiteren Gründe gibt, die die Begründung zunichte machen könnten.

Wissen und Begründung
Wenn man nun nach einem Unterschied zwischen religiösem und wissenschaftlichem Wissen sucht, würde man wohl instinktiv auf die notwendige Begründung abzielen: wissenschaftliche Erkenntnis ist vieleicht besser begründet als religiöse. Aber da irrt man sich. Denn eine gute Begründung gibt es für wissenschaftliches Wissen genauso wenig wie für religiöses. Ein Beispiel möge dies verdeutlichen.
Wenn man die Welt wissenschaftlich erkunden will, so muß man immer Annahmen machen, die außerhalb der Wissenschaft liegen und nicht zu begründen sind. Wenn ich den Weltraum erforschen will, so muß ich zum Beispiel voraussetzten, daß die auf der Erde und ihrer Umgebung untersuchten physikalischen Prozesse auch im restlichen Universum, in mitunter erheblichen räumlichen und zeitlichen Abstand, genauso gültig sind wie hier. Problemlos ist diese Annahme keineswegs, denn das am weitesten von der Erde entfernte "Forschungslabor", die Sonde Voyager I, ist z.Z. gerade mal 114 Astronomische Einheiten von der Sonne entfernt. Die am weitesten von uns entfernten Objekte, Gegenstände wissenschaftlicher Untersuchungen, sind aber mehr als 13 Mrd. Lichtjahre weit weg. Das heißt, wir extrapolieren unsere Erfahrung mit der Welt auf das immerhin 7 200 000 000 000-fache hinaus. Wirklich begründen kann man diese Annahme also genauso wenig, wie man sie überprüfen kann.
Vieleicht möchte man noch einwenden, daß solche Annahmen, wenn schon nicht streng begründbar, so doch notwendig sind, denn ohne sie kann man gar nichts über den Himmel in Erfahrung bringen. Aber dieses Argument kann dann die Religion genauso für sich in Anspruch nehmen. Etwa, da man die Offenbarung Gottes voraussetzen muß, um über die Entstehung des Universums selber etwas in Erfahrung bringen zu können. Und auch das Argument, daß man mit solch unbegründbaren Annahmen in der Wissenschaft zumindest mit großem Erfolg Erklärungen finden kann, gilt im gleichen Maße für die Religion. Schließlich kann sie unter der Annahme göttlicher Offenbarungen die ganze Existenz des Universums, und außerdem noch Fragen der Ethik und was nicht alles, mit großem Erfolg beantworten.
Das Stochern in den Begründungen führt also nicht viel weiter, will man religiöses Wissen von wissenschaftlichem unterscheiden.

Was ist wahr?
Es bleibt also noch das Kriterium der Wahrheit, um ein gutes Unterscheidungsmerkmal zu finden. Dazu müssen wir uns natürlich fragen, wann etwas wahr ist, und diese Frage ist noch schwieriger zu beantworten als die nach dem Wissen. Allerdings sind wir hier bezeichnenderweise wieder in der bequemen Situation, daß die wissenschaftlichen und religiösen Wahrheitsbegriffe sich sehr ähnlich sind. Beide nehmen an, daß Wahrheit etwas ist, das unabhängig vom Menschen gegeben ist. Wahrheit als das, was nützlich ist oder als das Ergebnis einer kompetenten Diskussion, ist sicherlich sowohl für Wissenschaftler als auch für Gläubige unbefriedigend. Wahrheit muß irgendwie in der Welt selber liegen. Die Aussage Die letzten Worte von Robert Falcon Scott waren "Verdammt kalt hier!" ist entweder wahr oder falsch, auch wenn es mangels Zeugen oder Aufzeichnungen keine Möglichkeit gibt, die Wahrheit oder Falschheit dieser Aussage wirklich festzustellen. Er hat letzte Worte gesagt, und diese waren, wie sie nun mal waren, egal, ob wir heute bestimmte andere letzte Worte in irgendeinem Zusammenhang nützlicher finden, und egal, ob seine Biographen sich offiziell auf andere letzte Worte einigen oder nicht. Mit diesem Verständnis von Wahrheit können sich wohl Gläubige wie auch Naturwissenschafter anfreunden. Wie ist es also mit der Wahrheit in dieser Hinsicht von wissenschaftlichem Wissen und Glauben? Ist eines "wahrer" als das andere?

Die Wahrheit über die Wahrheit
Als Verfechter der Wissenschaften wird man jetzt bestimmt sofort einwenden wollen, daß es prinzipiell unmöglich ist, die Wahrheit einer wissenschaftlichen Aussage zu beweisen. Allenfalls ist es möglich, die Falschheit aufzuzeigen, und alles wissenschaftliche Wissen ist in diesem Sinne nur vorläufig. Allerdings muß man hier auch wieder zwischen den wissenschaftlichen Aussagen und den außerwissenschaftlichen Annahmen der Wissenschaft unterscheiden. Im Fall der erwähnten Annahme der universellen Gültigkeit von Naturgesetzen kann man wissenschaftlich die Wahrheit genauso wenig zeigen wie die Falschheit. Denn wenn Beobachtungen einer wissenschaftlichen Theorie widersprechen, dann nimmt man selbstverständlich an, daß die angenommenen Naturgesetze falsch sind, und nicht, daß die Annahme universeller Naturgesetze selbst falsch ist. Man passt gewissermaßen periphere Theorien an, und läßt die Annahmen im Kern unberührt. Dieses Vorgehen ist schlicht notwendig für die Naturwissenschaften, denn es stellt sicher, daß die Wissenschaftler nach der Entdeckung von nach bisherigen wissenschaftlichen Theorien unerklärbaren Phänomenen nicht die Hände in den Schoß legen und feststellen, daß es keine Naturgesetze gibt, die die Welt erklären, sondern daß sie sich daran machen, nach besseren wissenschaftlichen Theorien zu suchen.
Und was machen die Gläubigen? Nichts anderes. Auch sie haben einen harten Kern, an dem nicht gerührt werden darf. Die eher peripheren Aussagen der Religion dagegen können so angepaßt werden, daß sie gut zur Welt passen. Wenn beispielsweise der im neuen Testament erwartete Weltuntergang ausgeblieben ist, dann hat man halt an dieser Stelle etwas falsch verstanden. Der Kern göttlicher Offenbarung wird dadurch aber nicht widerlegt. Und wenn Gott nun mal gütig ist, und doch Naturkatastrophen auftreten, dann muß sich seine Güte nun mal in anderer, komplexerer Form äußern.
Gewissermaßen als letztes Aufbäumen mag der Verfechter der Wissenschaftlichkeit jetzt vieleicht noch einwenden, daß zumindest die peripheren wissenschaftlichen Aussagen prinzipiell widerlegbar sind, die der Religionen aber nicht. Dies ist bereits grundsätzlich kein besonders starkes Unterscheidungskriterium, in der Praxis aber bleibt nichts davon. Denn mitnichten führt jedes nicht sofort erklärbare Phänomen zur Verwerfung der zuständigen wissenschaftlichen Theorie. Oft genug wird das Problem als nicht wesentlich eingestuft. Man nimmt noch unbekannte Einflußfaktoren an, die es zu erkennen gilt, man stellt das Problem zurück, man ignoriert es. Nur wenn die Widersprüche zu häufig und in zu vielen verschiedenen Situationen auftreten, dann wird die wissenschaftliche Gemeinschaft veranlaßt, sich mit dem Problem intensiv zu beschäftigen. Ein schönes neueres Beispiel hierfür ist die Pioneer-Anomalie, die keinesfalls zur Aufgabe der gegenwärtigen Gravitationstheorien geführt hat.
Und umgekehrt kann man auch gelegentlich in den Religionen eine Anpassung an die Welt beobachten. Etwa im erwähnten Fall des fehlenden Weltuntergangs. Oder im Abrücken vom wörtlichen Verständnis des Schöpfungsberichts in zumindest manchen Kirchen. Oder in der Akzeptanz des heliozentrischen Weltbildes.
Sicherlich ist die Falsifizierbarkeit von peripheren Aussagen in den Wissenschaften viel eher üblich als in den Religionen. Tatsächlich handelt es sich dabei aber nur um einen zugegebenermaßen großen quantitativen Unterschied, nicht aber um ein prinzipielles Unterscheidungsmerkmal.

Pragmatismus und Charakter
Wo wir also keinen wirklichen, prinzipiellen Unterschied zwischen wissenschaftlichem und religiösem Wissen finden können, so bleibt der Vernunft nur der Rückfall auf den reinen Pragmatismus. Ein schönes Schlußwort könnte man jetzt von Willard Quine nehmen, der diese Probleme auf einem erheblich tieferen Niveau analysiert hat, bevor er feststellt:
"Einem jeden Menschen ist ein wissenschaftliches Erbe und ein fortdauerndes Trommelfeuer sensorischer Stimulation gegeben; und die Betrachtungen, die ihn anleiten, wenn er sein wissenschaftliches Erbe dem fortdauernden sensorischen Eingaben anpaßt, sind da, wo sie rational sind, pragmatisch."
Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist also schlicht, in welcher Welt wir leben wollen. In einer Welt, in der für einen Kranken gebetet werden soll, oder in der er mit wissenschaftlich fundierten Therapien behandelt werden soll? In einer Welt, in der Geld für religiöse Rituale ausgegeben werden soll, oder für technische und wissenschaftliche Entwicklungen? Das Problem ist bei dieser Wahl nur: die verschiedenen Optionen schließen sich nicht gegenseitig aus. Ich kann mich einer soliden medizinischen Behandlung unterziehen und dabei beten. Ich kann Kirchensteuer zahlen und mit meinen Steuern die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzieren. Und so geht es bei der Unterscheidung zwischen Religion und Vernunft nicht etwa um ein logisches Problem und auch nicht um eine Frage des Pragmatismus, sondern es ist eine Frage des Charakters. Will ich an etwas glauben, das mich tröstet, oder kann ich in einer Welt leben, die sich nicht für meine Probleme interessiert? Will ich an etwas glauben, das mir Anleitung bietet, oder kann ich die Verantwortung eigener Entscheidungen ertragen?
Wie die Mehrheit der Menschen diese Fragen beantwortet, ist ja hinlänglich bekannt.

Kommentare:

  1. "Das Problem ist bei dieser Wahl nur: die verschiedenen Optionen schließen sich nicht gegenseitig aus."
    Naja, hier in Deutschland und mit ein bisschen gesundem Menschenverstand (gMv) kann ich mit meinem Schnupfen vielleicht erst zum Homöopathen gehen oder mich gesund beten lassen und wenn das nicht funktioniert gehe ich eben doch zu einem richtigen Arzt. Nur wird ja oft nicht nur die Alternative gepriesen, sondern auch das "wissenschaftliche Gegenstück" verteufelt und die medizinische Behandlung abgelehnt.
    Schlimm wird es auch dann, wenn Leute, die es sicher gut meinen, in Gebiete fliegen, in denen es keine ausreichende medizinische Grundversorgung gibt und dort ihre Kügelchen verteilen statt richtiger Medizin. Die Leute dort können dann leider nicht beides haben und hätten letzteres dringend nötig.

    Zum Beispiel hier:
    http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2010/03/wie-homoopathen-die-menschen-in-sierra-leone-verarschen.php

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  2. Ja, das stimmt natürlich völlig! Ich kann den Gedanken an diese Homöopathieinitiative für Afrika nur verdrängen, sonst müsste ich mich für Stunden empören. Aber sie zeigt ja zweierlei: Wie wichtig Bildung und Zugang zu Informationen ist. Und, daß so ziemlich alle Gedankensysteme mit einem "Unentschieden" letztlich nicht zufrieden sind. Jedes will am Ende doch mehr recht haben als die anderen. Und da empfiehlt sich dann doch die Kombination gMv + Pragmatismus.

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  3. Hey! Tolle Satire. Hab herzlich gelacht. Besten Dank!

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  4. Naja... Wenn's schon für sonst nichts reicht, dann doch wenigstens zum Lachen...

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