Donnerstag, 3. September 2015

Der Tod und das Bild

"Der Tod eines einzelnen ist eine Tragödie, der Tod von Millionen Statistik."
Josef Stalin

Heute geht mir ständig das Bild The Terror of War im Kopf herum: Ein kleines Mädchen läuft nackt, schwer verletzt und unter Schock mit ausgebreiteten Armen auf den Photographen Nick Út zu, als es vor einem Brandbombenangriff der US-Armee auf ihr Heimatdorf in Vietnam flieht.
Die Veröffentlichung des Photos war 1972 wegen der Nacktheit des Mädchens durchaus umstritten. Trotzdem entschied sich AP damals für die Veröffentlichung weil die Aussage des Bildes alle Bedenken überwiegen würde. Es wurde Weltpressephoto des Jahres 1972, gewann den Pulitzer-Preis 1973 und wurde das bekannteste Anti-Kriegs-Photo der Welt.
Dabei ist das Bild zugleich die größtmögliche Verletzung des Persönlichkeitsrechts des Kindes: Eine Minderjährige wird nackt, verletzt und in einem völlig hilflosen Zustand mit Gesicht und namentlich der ganzen Welt gezeigt.
Der Photograph Út wird zitiert mit der Aussage: "When I presset the button, I knew: This picture will stop the war". Das hat es vielleicht nicht unmittelbar getan, aber es hat dazu beigetragen. Denn es zeigte, was sich hinter den Pressemitteilungen verbirgt, die wir auch heute noch ständig hören und die uns nicht im mindesten berühren: Bei dem Luftangriff sollen auch Zivilisten getötet worden sein, darunter mehrere Kinder. Das Bild zeigt direkt das dahinter stehende, unermessliche Leid, das diejenigen zu tragen haben, die nichts weiter getan haben als am falschen Ort zur Welt zu kommen.

Daran muß ich denken angesichts der Diskussion, ob denn Medien die Bilder von ersticken Flüchtlingen in einem Lastwagen oder von einem ertrunkenen Kind am Strand zeigen dürfen oder ob sie damit die Würde der Toten verletzen. Sie dürfen sie zeigen, sie müssen sie sogar zeigen! Denn ob mag einem nun passt oder nicht, die aktuellen Zahlen von erstickten oder ertrunkenen Flüchtlingen berühren uns nicht sehr. Menschlichkeit ist eine emotionale Angelegenheit, und Emotionen werden nun einmal schlecht durch Zahlen angeregt. Sieht man hingegen, wie die Leiche eines kleinen Kindes vom Strand aufgelesen wird, dann begreift man vielleicht, was es heißt, wenn wieder einmal hunderte Menschen, darunter auch Kinder, im Meer ertrunken seien weil sie nach Europa wollten. Es heißt, daß irgendwo wieder Polizisten oder Feuerwehrleute kleine Leichen in Turnschuhen und T-Shirt aus dem Meer ziehen und in Zinksärge legen müssen. Vielleicht begreift man dann eher, daß es nicht mehr so weiter gehen kann. Und an den Zuständen, die Tausenden den Tod bringen, für die sind wir mit verantwortlich.
Will man hier die Würde der Toten durch Nichtveröffentlichung der Bilder schützen, dann hilft man mit, eine menschliche Katastrophe in einer bequemen Verdrängung zu halten, irgendwo versteckt hinter abstrakten Zahlen. Und man gefährdet damit etwas wichtigeres als die Würde der Toten: Das Leben der Lebenden.

Kommentare:

  1. Voll ins Schwarze. Man muss den Schrecken zeigen, damit die Leute ihn zur Kenntnis nehmen und verstehen. Und manchmal muss man den Leuten die Bilder vom Schrecken förmlich aufzwingen, dass sie ihn nicht mehr länger verdrängen können. Wie damals in Vietnam und wie jetzt in Bodrum.

    Ich finde es richtig, dass man sich über die Verwendung von Bildern Gedanken macht und auch die Würde und die Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Personen bedenkt. Das muss sein, aber es muss eben eine Abwägung sein, das Ergebnis darf nicht schon im voraus (womöglich ideologisch begründet) feststehen.

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  2. Ein sehr kluger und zutreffender Text, danke.

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  3. Danke!

    @gnaddrig:
    Ja, ganz richtig, ich will natürlich nicht bestreiten, daß man nachdenken und im Einzelfall abwägen muß! Das ist aber gerade etwas, daß viele der Kritiker einer Veröffentlichung nicht tun, sondern sie reagieren vorschnell im medienkritischen Reflex. Besonders aufgefallen ist mir das anhand der von einigen angestellten Vergleiche, Bilder von Opfern eines Flugzeugabsturzes würde man ja auch nicht zeigen. Dabei geht völlig unter, daß es sich dabei um zwei sehr verschiedene Situationen handelt: Das eine ist ein politisches Problem bei dem es an Bewusstsein mangelt, das andere ist kein politisches Problem, dessen Schrecken wirklich jedem ganz klar ist...

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    1. Das ging auch nicht an Deine Adresse. Dass Du tatsächlich abwägst (bzw. das Abwägen für wichtig hältst) geht aus Deinem Text deutlich hervor, und ich wollte nur in dieselbe Kerbe hauen.

      Was die unterschiedliche Behandlung der Bilder von Unfallopfern und von auf der Flucht umgekommenen Flüchtlingen angeht, gebe ich Dir auch recht. Intention und Kontext können wichtiger sein als das, was tatsächlich zu sehen ist. Reflexartiges Zeigen oder Nichtzeigen greift da zu kurz.

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    2. Wir sind uns völlig einig!

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