Sonntag, 9. Juni 2013

Flexibles Einnorden

Die SPD-Generalsekretärin und überzeugte Katholikin Andrea Nahles besuchte gestern den von der Deutschen Bischofskonferenz ausgerichteten "Eucharistischen Kongress" in Köln. Die SPD? - Arbeiterbewegung? - Internationale? - Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun? Ach was - war gestern (Nee - Vorgestern!).  Vor gar nicht so langer Zeit gefielen sich SPD-Spitzenpolitiker wie Helmut Schmidt noch darin, mit Philosophen wie Karl Popper zu kokettieren. Und der war, wenn schon sonst nicht viel, so doch zumindest erfrischend religionsfern. Heute pilgern SPD-Spitzenpolitikerinnen zu "Eucharistischen Kongressen".  Beim Bündnis 90/Die Grünen sitzen Spitzenvertreterinnen gleich in der Synode der Evangelischen Kirche, Bundestags(vize)präsidenten der SPD fantasieren öffentlich was vom Untergang des Staates ohne die Religion und der Bundespräsident ist praktischerweise gleich ein Pfaffe. Das dümmliche Kokettieren mit Religion wird allmählich in einer beunruhigenden Breite gesellschaftsfähig. Und dümmlich ist es allenthalben. Die brave Gläubische Nahles z.B. gab dem Kölner Bistumsradio domradio.de gleich auch ein braves Interview. Dabei stellte sie auch fest:
"Jesus ist für mich jemand, der mir dann ein Kompass ist."
Mit diesem mutigen Bekenntnis steht Frau Nahles leider nicht mal alleine da, das Bild von Jesus als "Kompass", der Religion als "Kompass", wird von religionsumwölkten Geistern zum Kotzen oft bemüht (nur ein paar Beispiele: [1][2][3]). Dabei ist Religion vielleicht so einiges. Was Religion, Jesus oder wer auch immer aber keinesfalls, nicht mal ein klitzekleines naives Bisschen ist, daß ist sowas wie ein "Kompass".

Denn in welche Richtung weist denn Jesus Frau Nahles? In der Bergpredigt sagt Jesus etwa mit Blick auf das, was jetzt "Altes Testament" heißt:
"Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich." (Mt 5, 17-19)
Trotzdem glaubt kein Christ, er müsse sich wie im Gesetz vorgeschrieben beschneiden lassen und dürfe kein Lamm in Sahnesoße essen. Das mit dem kleinsten Buchstaben des Gesetzes wird Jesus schon nicht so genau gemeint haben!
Außer natürlich, es geht um Schwule. Denn daß Jesus selbst kein Wort über Homosexualität verloren hat, kann nur heißen, daß das alttestamentarische Verbot desselben noch immer voll in Kraft ist. So sehen es zumindest die Christen, die Homosexualität ekelhaft finden. Die übrigen Christen sind eher der Meinung, Jesu Schweigen zu diesem Punkt bedeute Zustimmung. Ja, Jesus sagte gar:
"Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht - um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es." (Mt 19, 12)
Was kann das schon heißen, wenn nicht, daß Jesus kein Problem mit Schwulen hat?
Den christlichen Gegnern der Homosexualität geht es natürlich auch noch um den Schutz der Familie. Dabei war Jesus selbst nicht gerade ein Familienmensch:
"Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig." (Mt 10, 35-37)
Da könnte man als Christ doch genauso gut für die Zerstörung der Familie kämpfen statt für ihren Schutz?
Weist uns Jesus zum Frieden an, wenn er sagt
"Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden." (Mt 5, 9)
oder doch nicht, wenn er sagt
"Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert." (Mt 10, 34)
Also spricht der Herr zu seinen Jüngern:
"Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch." (Lk 9, 50)
bzw. auch
"Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich" (Lk 11, 23)
Äh. Ähhhh... Dafaq?
Und das ist gerade der Unterschied zum Kompass. Die Besonderheit eines Kompass' besteht darin, immer in dieselbe Richtung zu weisen, egal, in welche Richtung der Betrachter gerade blickt. Der religiöse "Kompass" dagegen, egal in welcher Form, weist zuverlässig in die Richtung, in die der Betrachter ohnehin gerade blickt. Und wenn eine Andrea Nahles behauptet, Jesus sei ihr "Kompass", dann weist ihr nur das eigene Bauchgefühl die Richtung. Allerdings werden die eigenen Befindlichkeiten enorm aufgewertet, wenn man statt "Ich finde, daß..." besser "Gott will, daß..." sagt...

Schade, zu Zeiten August Bebels, Karl Kautskys und Eduard Bernsteins hatte die SPD die Funktion von Religion schon mal deutlich klarer gesehen als zu Zeiten einer Andrea Nahles.

Kommentare:

  1. sollte frau nahles, wenn jesus ihr kompass ist, sich dann nicht auch kreuzigen lassen?

    AntwortenLöschen
  2. Beeindruckend, wie du immer aus dem Schinken zitieren kannst. Kennst du das Ding auswendig, oder hast du einen semantischen Suchalgorithmus entwickelt?

    AntwortenLöschen
  3. @klausbaum:
    Jede Wette, aus biblischer Sicht könnte man mühelos ein "ja" als auch ein "nein" begründen!

    @Anonym:
    Das sind die Spätfolgen einer soliden katholischen Erziehung! ;)

    AntwortenLöschen
  4. Das Selbstverständnis der SPD hat sich in den 50ern zu einer Volkspartei gewandelt, und dadurch bedingt ergibt es sich selbstverständlich, keiner nennenswerten Gruppierung zu dauerhaft und systematisch "vor's Schienbein zu treten". Ähnliches gilt prinzipiell für alle Bundestags- und zahlreiche außerhalb vertretene Parteien (auch beispielsweise Linke und, vorwiegend lutheranische, Kirche suchen ein besseres Auskommen miteinander, als man rein vom ideologischen Standpunkt denken würde).
    Religiöse Phrasenwerferei hat hier ebenso ihren Platz, wie diejenige gegenüber Unternehmerverbänden, Gewerkschaften oder Umweltorganisationen. Auf die grundlegende Ausrichtung widerum haben solche Sonntagsreden dann ungefähr soviel Einfluß wie die Auftritte in der Faschingszeit.
    Meinem persönlichen, ideologisch geprägten Standpunkt nach hilft es wenig, den Religionen durch Schaffung eines Feindbildes und Gelegenheit zum symbolischen Märtyrertum beikommen zu wollen. Die Vorgehensweise einer tödlichen Umarmung, in der religiöse Bindungsfaktoren langsam in staatliche Hand übernommen werden ohne dabei aggressiv zu wirken, scheint mehr Erfolg zu bringen.

    Was nun die Interpretationsfähigkeit religiöser Schriften angeht, sehe ich darin keine Neuigkeit. Die Betrachtung, was allein die explizit christlichen Parteien in Deutschland im letzten Jahrhundert jeweils als biblische Botschaft betrachtet haben, genügt, um sich einen Nachmittag amüsiert zu halten. Allerdings muß ich sagen, hier im Artikel ist es wirklich schön in Worte gefaßt.
    Ich weiß, wie frustrierend es ist, wenn von Seiten religiöser Personen alles, was der eigenen Sichtweise im Schrifttum entgegensteht, als "metaphorisch" gekennzeichnet wird, wodurch wundersamerweise der Kern der Glaubenssätze alles ist, was man selbst auch denkt (gewöhnlich ist vom selben Typus auch zu hören, daß jeder Glaubensgenosse, dessen Handeln man ablehnt, "kein wahrer" XYZ ist; was stattdessen, frag ich mich). Andererseits ist es glücklicherweise auch nicht immer nötig, sich mit Personen derartig schwacher Argumentationsfähigkeit die Zeit zu verschwenden, und in solchen Momenten das Gespräch abzubrechen ist ein Luxus, den ich mir gerne gönne.

    Nochmals mit Blick auf Frau Nahles; ein guter Demagoge (was zwingender Bestandteil demokratischer Politik ist) orientiert sich in seiner Wortwahl immer am Publikum. Sollte sie bei Gelegenheit ein paar Worte an Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung richten, dann klingt das alles gleich wieder anders.
    Vermutlich käme dann auch der schöne Heine'sche Vorsatz vor, sich das Himmelreich bereits auf Erden zu errichten.


    Nachtrag: Daß das Captcha im ersten Anlauf das Wort "Saviour" beinhaltete, nehme ich an dieser Stelle als humoristischen Bonus.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Den -naja- "Optimismus", es möge sich da nur um das übliche Gesülze handeln, kann ich leider nicht teilen. Wenn sowohl Andrea Nahles als auch Wolfgang Thierse und Sigmar Gabriel anläßlich der geplanten Gründung eines "Arbeitskreises Laizismus in der SPD" erklären, eine strikte Trennung von Staat und Kirche liege nicht auf der SPD-Parteilinie, dann ist das nicht nur eine Phase (im drastischen Widerspruch zur längeren SPD-Geschichte). Die SPD handelt auch danach, und sei es nur, indem sie einfach mal gar nichts in religiöser Richtung unternimmt. Religiösen Bevölkerungsgruppen möchte man nicht vors Schienbein treten. Bei Konfessionslosen und damit immerhin der relativen Mehrheit aller Deutschen, hat man da offenbar keine besonderen Bedenken...

      Löschen
  5. tja, spd heute + fallback in magisches welterleben religiöser ideologien - aber wundern sollte es nicht wirklich - schon in meiner jugend sagte man:
    "SPD, das sind radieschen, außen leicht rot, aber innen weiß ( = farblos) und bereit, sich jeder farbe anzupassen ..."
    mein persönliches problem ist (früher ich politisch aktiv), dass ich als lange überzeugter nichtwähler an dieser unserer pseudo-demokratie garnicht mehr teilnehmen kann, denn würde ich teilnehmen, dann wäre ich entweder terrorist, oder ich würde als machtinhaber 95% aller heutigen politiker samt ihren seilschaften sowohl in gefängnisse als auch und-oder in psychiatrien einliefern lassen, aber dies kann man dem hiesigen debilianischen "freiheitlichen mündigen bürger" nicht antun, um sein idyllisches weltbild nicht zu erschüttern.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es sind weniger die Gegebenheiten im amtspolitischen Geschehen von Regierung, Parlamenten, usw. als die in der Wahlbevölkerung verbreiteten Sichtweisen, hier sehr schön demonstriert, die mich in den letzten Jahren am demokratischen Modell haben verzweifeln lassen.
      Der selbstgerechte, blutrünstige Mob (von dem ich hoffen muß, nicht in vollem Ausmaß dazuzugehören; sicher bin ich mir nicht), gesegnet mit politischer Allwissenheit, die jeden Zweifler als Idioten bloßstellt, bereit auf jede Randgruppe einzuprügeln, der er nicht selbst angehört.
      Ich habe die Vorstellung abgelegt, zu wissen was gute oder schlechte Politik ist, aber ich fürchte die Meute, und ihren täglichen Aufruf, Terror auf die Tagesordnung zu setzen.
      Der Grundpfeiler unseres politischen Systems...

      Löschen
  6. Eine kurze Anmerkung am Rand noch:
    Meinem Eindruck nach hat die Verfassung dieses Staates die gleiche Wirkung, indem jede Partei, Bewegung oder andere Ansammlung Ähnlichgesinnter sich diejenigen Aspekte herauspickt, die ihrem Standpunkt am besten entsprechen, diese zum Kerninhalt erklären und alles andere als Randbemerkung abtun.
    Ob das nun Rechtsstaatlichkeit, Gleichbehandlung, Sozialstaatlichkeit, Schutz von und/oder Verpflichtung durch Eigentum, Gewährung von Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, Föderalismus, öffentliche Sicherheit oder Schutz der Familie als Institution geht, sei dahingestellt. Der eher abstrakte Wert der Menschenwürde wird ohnehin von allen für nur ihre Position beansprucht.
    Daß im häufigen Fall der Abwägung verschiedener Güter somit jede Seite den Geist der Verfassung ausschließlich bei sich sieht, ergibt sich von selbst, genauso wie die Beurteilung des Verfassungsgerichts je nach neuestem Urteilsspruch zwischen positivem und negativem Extrem wandert.

    Genauso wie sich Menschen als "wahre" Christen, Muslime, Buddhisten, (Atheisten?) o.ä. sehen und jedem, der etwas anderes aus ihren Glaubenswerken herausliest diesen Status absprechen, sehen sich politisch engagierte Personen gleich welchen Standpunktes meist als die eigentlichen Wahrer der Verfassung gegen eine Übermacht ihrer Feinde.
    Zum Glück sind die meisten Formen von Literaturdeutung zwar mitunter ähnlich emotional aber weniger einflußreich.

    AntwortenLöschen