Mittwoch, 9. Mai 2012

Todesverachtung im Büro

Wie alle Jahre mal, so ist auch heute wieder die Pest des Bürolebens über uns hereingebrochen - die Arbeitsschutzbelehrung. Wäre man Stahlkocher oder würde man hauptberuflich im Genpool von Ebolaviren herumspielen, eine gründliche Arbeitsschutzschulung wäre eine vielleicht gar nicht mal so schlechte Idee. Aber was soll man denken, wenn eine Veranstaltung (ganz im Ernst!) mit der Feststellung beginnt, daß die größte Gefahrenquelle im Büro darin besteht, gegen Möbel zu laufen? Und so plätschert die Pflichtveranstaltung vor sich hin auf dem Niveau "Problem: Unzureichende Beleuchtung am Arbeitsplatz. Gegenmaßnahme: Sorgen sie für ausreichende Beleuchtung am Arbeitsplatz". Irgendwann hat sich das Hirn dann beleidigt entschlossen, die weitere Verarbeitung des eingehenden Datenstroms an ein paar gerade nicht ausgelastete Nervenzellen in der Nähe der Kniescheibe auszulagern, um selbst auf niedrigem Aktivitätsniveau die Sinnesdaten der neuen, durchaus anmutigen Kollegin noch mal im Detail durchzugehen. Dann kam das Thema "Geistige Ermüdung am Arbeitsplatz" und die Feststellung, daß geistige Ermüdung in mangelnde Motivation bei der Arbeit münden könne. Hier schlug die Kniescheibe Alarm, denn sie nahm an, daß dieses Thema für das Gehirn vielleicht doch von Interesse sein könnte. Also ließ es widerwillig vom Verlauf der Hüfte ab und sah auf der Folie die Antwort auf das Problem der geistigen Ermüdung am Schreibtisch prangen: "Vermeiden sie monotone Arbeitsabläufe". Gut. Und um reich zu werden, kreuzen sie die richtigen Lottozahlen an und um dem Tod zu entgehen, vermeiden sie es, zu sterben. Verabschiedet hat sich die Oberarbeitsschützlerin mit einem "Bis zum nächsten Mal dann!".
Bitte nicht.

Kommentare:

  1. Was meinst du, wie es sich erst anfühlt, so eine Belehrung selbst durchzuführen?
    Denk mal drüber nach.

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    1. Hm... Die hat da doch in ihrem eigenen Arbeitsschutzlehrgang bestimmt tolle Tipps bekommen? Ich meine, Arbeitsschutzlehrgangsveranstalter müssen doch bestimmt auch zu Arbeitsschutzlehrgängen?

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    2. Klar besucht man auch Lehrgänge.
      Aber das macht es nicht weniger schlimm.
      Du musst dir das einmal im Jahr anhören.
      Wir müssen das immer und immer wieder erzählen.

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    3. Jetzt wissen wir aber schon mal was über die Motivation für eine Karriere im Arbeitssicherheitsbereich: Begeisterung für die Materie ist es offenbar nicht...!

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  2. Oh ja, ein alljährlicher Höhepunkt! Das Dumme bei uns ist, dass der Typ, der uns da jedes Jahr aufs Neue ins Koma labert, eigentlich ein netter Kerl ist. Man kann ihn also noch nicht einmal wirklich hassen...
    Natürlich ist das ein dröger Stoff, aber jemand, der ein Händchen für so was hat, kann auch den trockensten Kram so präsentieren, dass die Leute nicht massenhaft wegdämmern. Stellt sich also die Frage: Welche Leute streben eine Karriere als Arbeitssicherheitsbeauftragte an?

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    1. Also, bei uns ist das längst geoutsourced, da kommen immer wieder neue externe Profis... Ich glaube, in die Branche geht derselbe Menschenschlag, der bei uns damals auf der Schule auch als Berufsberater kam... Brrrr, Leute gibt's! ;)

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  3. Sehr zu empfehlen ist hier der Lehrfilm: "Sehen beim Gehen" (leider nicht mit Troy McClure). Die zentrale Botschaft: Mach die Schreibtischschublade zu!!! Und jetzt bitte unterschreiben, dass du den Film gesehen hast, ob auch verstanden interessiert nicht! ;)

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    1. Bei YouTube habe ich den Film ja nicht gefunden. Schade, jetzt bin ich neugierig.

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    2. Hm, das ist bloed. Den Film kannst du dir aber ueber die "Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie" ausleihen. Vielleicht ist er ja eine Alternative zu Zombie-Filmen?!?

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    3. Das ist mir dann doch zuviel Aufwand. Mit Zombiefilmen kann er sowieso nicht konkurieren, schliesslich will ich ja durch einen Film nicht selbst zum Zombie werden. Und wenn nicht mal Troy McClure mitmacht...?

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  4. "Vermeiden sie monotone Arbeitsabläufe" ist gerade für Sachbearbeiter ein besonders sinnvoller Ratschlag. Ich stelle mir da jemanden vor, der täglich sagen wir fünfzig Vorgänge abzuarbeiten hat, bei denen immer dieselben drei Tätigkeiten anfallen. Das könnte dann so aussehen: Pappdeckel aufklappen, Formular überfliegen und persönliche Daten des Antragstellers auf Vollständigkeit prüfen. Eingangsstempel draufhauen. Art des Antrags, Name des Antragstellers und laufende Nummer in eine Liste eintragen. Vorgang an den zuständigen Referenten zur Entscheidung weiterleiten.

    Wie will man da Monotonität vermeiden? Klar, man kann die Reihenfolge der Arbeitsschritte geringfügig ändern (Eingangsstempel vor dem Lesen anbringen), heute die Vorgänge einzeln abarbeiten, morgen stapelweise (also erst alle aufklappen, dann alle auf Vollständigkeit prüfen, dann alle stempeln usw.), aber so richtig uneintönig wird es dadurch nicht wirklich. Aber der Arbeitgeber kann melden, seine Leute seien in Sachen Arbeitsschutz belehrt und auf dem neuesten Stand. Das ist Schattentheater mit Papiertigern, mehr nicht.

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    1. Ich schätze, für Sachbearbeiter heißt das, nicht immer nur Wartenummern aus der D-Serie (graues Formular) aufzurufen, sondern auch mal eine aus der E-Serie dazwischen zu schieben (grünes Formular). Dann wird der Arbeitsalltag bunter!

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    2. Mag sein. Alternativ kann man einfach stundenweise Brillen mit verschieden gefärbten Gläsern tragen. Die Rosabrille kann man mit einem Bogen roter Speisegelatine ganz gut improvisieren. Da hat man auch gleich ein hübsches Rautenraster, das alles ein bisschen auflockert ;)

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    3. Moment, da muß ich erst meinen Arbeitsschutzbeauftragten fragen!
      Nicht, daß ich mit roter Gelatine vor den Augen häufiger gegen Möbel renne...

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