Montag, 8. Februar 2016

Meine Wahrheit und deine Verschwörung

"Zur Ausrottung des Unkrautes der ketzerischen Verdrehtheit aus der Mitte des christlichen Volkes, des Unkrautes, das üppiger als gewohnt nachgewachsen ist und das der Feind des Menschen in dieser Zeit noch frecher nachsät, haben wir desto eifriger beschlossen, uns entsprechend der uns aufgetragenen Sorge zu bemühen, je verderblicher es wäre, wollten wir übersehen, dass dieses Unkraut sich zur Abtötung des katholischen Samens ausbreitet. Da wir aber wünschen, dass gegen die Handlanger solcher Schlechtigkeit die Söhne der Kirche und die Eiferer des rechten Glaubens sich erheben und uns zur Seite stehen, haben wir einige Anordnungen herausgegeben, die von euch als getreuen Verteidigern eben dieses Glaubens mit großer Sorgfalt zu beachten sind, Anordnungen, die im Folgenden der Reihe nach aufgeführt sind."
Papst Innozenz IV, Bull Ad Extirpanda (1252)
"Verschwörungstheorien - der Glaube, daß Ereignisse von Mächten im Verborgenen geheim manipuliert werden - haben eine lange Geschichte und sie existieren in allen modernen Gesellschaften. Jedoch nimmt ihre Bedeutung gegenwärtig zu, insbesondere in Europa. […] 
Nur ein internationales und interdisziplinäres Gemeinschaftsunternehmen wird zu einem umfassenden Verständnis der Geschichte, Politik, Soziologie, Rhetorik und Psychologie von Verschwörungstheorien führen, wie es gebraucht wird um deren für demokratische Werte oft schädlichen Effekte zu begegnen. Das Ziel dieser COST Action ist daher, eine vergleichende Analyse von Verschwörungstheorien anzubieten und Empfehlungen und Strategien für Akteure zu entwickeln, die mit ihnen konfrontiert werden."
Memorandum of Understanding for the implementation
of the COST Action "Comparative Analysis of Conspiracy Theories" (2015)

Ja, ich weiß, eigentlich kann man die beiden Zitate oben unmöglich in eine Reihe stellen. Schon historisch handelt es sich dabei um zwei völlig verschiedene Zusammenhänge. Im ersten geht es um die Kirche und deren Kampf gegen Irrlehren, die sie für falsch und gefährlich hielt. Im zweiten geht es um Wissenschaft und ihren Kampf gegen Irrlehren, die - nun ja - falsch und gefährlich sind. So weit, so klar. Trotzdem gucken wir uns die COST Action 15101, "Comparative Analysis of Conspiracy Theories", noch etwas genauer an.

COST ist ein von europäischen und benachbarten Staaten unterhaltenes Finanzierungsprogramm für internationale wissenschaftliche Forschung. Und im Oktober letzten Jahres wurde ein neues Programm, eine Action, bewilligt, eben jene "Vergleichende Analyse von Verschwörungstheorien". Und da diese COST Actions sehr transparent organisiert sind, kann man sich z.B. das zugehörige Memorandum of Understanding (MoU) ansehen, in dem das beginnende Forschungsprogramm zu Verschwörungstheorien dargelegt wird. Und da fällt gleich die schon beängstigend flüchtige Definition des Forschungsgegenstands selbst auf. Eine Verschwörungstheorie sei "the belief that events are secretly manipulated behind the scenes by powerful forces".

Eine Verschwörungstheorie wäre also demnach, wenn Mitglieder einer Exilregierung eine PR-Agentur beauftragen, vor den Vereinten Nationen eine erfundene Gräuelgeschichte vorzutragen um die Weltöffentlichkeit zur Unterstützung eines Krieg zu gewinnen [1]. Oder wenn Diplomaten und Mitglieder der US-Regierung behaupten, libysche Soldaten würden, mit Viagra ausgestattet, Massenvergewaltigungen begehen. Und sie damit das Eingreifen der NATO in den libyschen Bürgerkrieg rechtfertigen. Und sich nach dem Krieg herausstellt, daß es diese Massenvergewaltigungen nie gegeben hat [2]. Oder oder oder.
Kurzum, mächtige Kreise manipulieren die Welt tatsächlich im Geheimen, das ist so klar wie etwas nur sein kann.

Nun wird man vielleicht hoffen, die an der Untersuchung von "Verschwörungstheorien" beteiligten Wissenschaftler würden schon sorgsam Unsinn und sensible politische Positionen trennen.
Tun sie nicht.
Die COST Action "Comparative Analysis of Conspiracy Theories" bezieht aktuelle politische Konflikte explizit mit ein. So werden im MoU etwa drei Akteure benannt, die Verschwörungstheorien verbreiteten: Orban, Erdogan und Putin. Und bei aller Antipathie für die drei - bisher war die Auseinandersetzung mit politischen Gegnern Aufgabe der Politik, nicht die der akademischen Forschung. Und die Behauptungen der Gegner waren andere politische Positionen oder, wenn man sie entwerten wollte, Propaganda. Aber sie waren keine "Verschwörungstheorien". Nur würde sich der Auftrag, Wissenschaftler entwickelten Strategien zur Abwehr anderer politische Positionen oder Propaganda nicht so recht überzeugend anhören verglichen mit dem Auftrag, Strategien zur Abwehr von Verschwörungstheorien zu entwickeln.

Zumindest mir bereitet es Unbehagen, wenn Wissenschaftler es als ihre Aufgabe ansehen, in einem Konflikt politische Positionen zu untermauern oder zu unterminieren. Oder, wie es im MoU noch heißt, dem Vertrauensverlust in Institutionen und Medien entgegen zu wirken. Oder wenn sie Unternehmen Strategien und Ressourcen zur Verfügung stellen wollen, um mit ungerechtfertigten Angriffen von Verschwörungstheoretikern fertig zu werden (MoU, Absatz 2.1.1).

Vielleicht ist dieses Unbehagen aber auch nur eine Folge dessen, daß ich selbst schon zu einem Verschwörungstheoretiker geworden bin. Das könnte so gekommen sein:
Im MoU sprechen sie, um die Bedeutung ihrer Arbeit zu belegen, von einem Problem der Europäischen Union, dem "conspiracy-minded Russian nationalism stoking the crisis in Ukraine".
Nun glaube ich persönlich nicht, daß das Massaker auf dem Maidan das Werk von Scharfschützen der von der ukrainischen Regierung kontrollierten Polizei war, sondern daß vielmehr ukrainische Faschisten dahinter steckten. Und daß europäische Regierungen und die USA der Massenmord in Kiew letztlich egal war, da er dem gewünschten Regierungswechsel in der Ukraine dienlich war. Dies hielt ich bislang für eine diskutable Interpretation der Ereignisse [3]. Und wenn ich mich zudem noch daran erinnere, daß Viktor Janukowitsch ein demokratisch gewählter Präsident war, der von den USA, der EU und Deutschland als solcher anerkannt worden war, dann erscheint mir die Einschätzung, der mit Rückhalt vor allem im Osten der Ukraine demokratisch gewählte Präsident sei mithilfe von Faschisten und mit stillschweigendem Einverständnis der EU und der USA gestürzt worden, nicht unplausibel. Daraus folgt ein gewisses Grundverständnis für einen eher nach Russland ausgerichteten Widerstand im Osten der Ukraine. Nur ist das jetzt womöglich schon "conspiracy-minded"? Und so sehe ich mich mit einer politischen Einschätzung, die ich für vielleicht nicht mehrheitsfähig, aber doch zumindest für diskutabel hielt, in die Nähe von Leuten gestellt, die glauben, Echsenwesen würden uns alle mit Chemtrails gedankenkontrollieren.

Ich sehe in diesem Forschungsprogramm also durchaus eine potentielle Gefahr und teile damit wohl die Einschätzung, die Volker schon vor einiger Zeit gemacht hat.
Natürlich bleibt abzuwarten, was die "Comparative Analysis of Conspiracy Theories" an Ergebnissen hervor bringen wird. Erst daran wird sich zeigen, ob die Wissenschaft sich tatsächlich weniger um die Suche nach der Wahrheit kümmert als vielmehr um die Verteidigung dessen, was sie für die Wahrheit hält. Oder was die Geldgeber aus Politik und Wirtschaft wollen, daß es für die Wahrheit gehalten werde. Es gibt aber auf jeden Fall Grund, die Aktivitäten der COST Action 15101 im Blick zu behalten. Im Interesse dieser gern herangezogenen demokratischen Werte.

Kommentare:

  1. Ich erlaube mir eine radikalere Sichtweise: mir ist nicht unbehaglich, sondern ich betrachte die "Forschung über Verschwörungstheorie" als eine politisch motivierte Maßnahme zur negativen Konnotierung des Begriffs Verschwörung. Das und nichts anderes.

    Denn Verschwörungen sind ein realer Bestandteil der Welt; die berühmteste bezweckte die Ermordung von Gaius Julius Caesar.

    Verschwörungstheorien können zwar, so wie jede Theorie, in die Irre laufen, aber sie sind realiter diskutable Denkansätze.

    Die Verunglimpfung des Begriffs soll die Möglichkeit seriöser Diskussion abwenden, z. B. bei Nine-Eleven oder beim Mord an Kennedy.

    http://goo.gl/ffbYJa

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    1. Die "radikalere" Sichtweise sei Dir auch von meiner Seite ausdrücklich erlaubt! :)

      Allerdings scheint es mir bei der "Verschwörungstheorieforschung" nicht nur um eine Diskreditierung abweichender Meinungen zu gehen, sondern um Propagandaforschung und -entwicklung. Aber das werden wir ja sehen. Ich bin schon mal sehr gespannt, wie die Forscher ausschließen wollen, daß ihre Strategien zur Abwehr ungerechtfertigter Angriffe von Verschwörungstheoretikern am Ende auch zur Abwehr gerechtfertigter Angriffe durch aufmerksame Bürger dienen können!

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  2. Ich stimme dir mit fast allem zu, was du hier schreibst, spiele aber mal den Teufel - oder seinen Anwalt.

    Welche Verschwörung(stheorie) die was auf sich hält, ist nicht auch politisch? (Echsen in der Regierung, 9/11, jüdische Weltregierung etc..)


    Ich würde es auch komisch finden, wenn COST sich von Anfang an gewissen Themen verschließen würde.

    Interessant fände ich jedenfalls die "Empfehlungen und Strategien" sowohl bei den Vorgängen in der Ukraine als sich zum Thema Echsenmenschen. Die Antworten können ja ganz unterschiedlich sein. ..
    Unterstellen wir COST mal nur Gutes :)

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    1. Es stimmt schon, eine "Verschwörungstheorie" ist ihrem Wesen nach politisch, allein schon weil eine Täuschung der allgemeinen Öffentlichkeit unterstellt wird. Aber da gibt es schon sehr unterschiedliche Dimensionen. Die Theorie, die Relativitätstheorie sei falsch und werde nur deshalb gelehrt, weil Professoren mit dem Eingeständnis eines Fehlers ihre Deutungshoheit gefährden würden ist sicher etwas anderes als eine Theorie zu aktuellen Konflikten wie in der Ukraine.

      Die Grenze zwischen harmlosem Hobby für Cranks und weltpolitisch bedeutenden Folgerungen scheint mir da fliessend wie auch die zwischen Sockenschuss und wichtiger Erkenntnis. Die Frage des Ausgrenzens bestimmter Themen ist da eher die Frage, wo man Grenzen zwischen Unsinn und Wahrheit, denkbar und undenkbar zieht. Und diese Grenzziehung ist sehr wichtig, wenn ausdrücklich Techniken gegen "Verschwörungstheorien" entwickelt werden sollen. Es wäre ja verheerend, würde man Techniken entwickeln, die nicht nur der Abwehr unhaltbaren Blödsinns dienlich sind, sondern auch dem Abblocken von berechtigter Kritik. Und bisher lassen weder die Beschreibungen des Forschungsprojekts noch die Interviews mit dem Koordinator, die ich mir angesehen habe, irgendeine Sensibilität für dieses Problem erkennen.

      Aber gut, unterstellen wir vorerst nur Gutes. Und behalten im Hinterkopf, daß der Weg zur Hölle gepflastert ist mit guten Absichten… :)

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  3. Jetzt hab ich nochmal so lange geschrieben und nu alles weg. schh..Smartphone !

    Also nur noch mal kurz
    Hoffnung machen mir die "vergleichenden Analysen" ;)

    Ich wollte aber vorallem noch dem ersten Kommentar widersprechen,bzw davor warnen zu breit diese Forschung zu verdammen. Ich kenne jemanden der an einer nicht unbekannten Uni in Deutschland zum Thema forscht. Dem ist die Problematik bekannt und er versucht mit seiner Arbeit ua ein Bewusstsein dafür zu schaffen.

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    1. Es ist auch meine Hoffnung, daß sich genügend Teilnehmer an dieser Action der Problematik bewusst sind und all der kritische Kram in der MoU nur helfen soll, an das Geld ranzukommen. Aber selbst im günstigsten Fall - nehmen wir mal Handreichungen für PR-Heinis und rhetorisch unbegabte Politiker raus, welche wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen aus der Erforschung von "Verschwörungstheorien" gewonnen werden? Was solche Theorien in Raum und Zeit gemeinsam haben? Das klingt für mich eher nach "Was ist eine 'Verschwörungstheorie'" eigentlich"? Welche Menschen gegen alle Vernunft zweifelhaften Ansichten folgen? Dann hat die Forschungsgruppe hoffentlich auch eine Forschungsexpedition zur Bischofskonferenz eingeplant!

      Ne, mir scheint, im besten Fall bietet dieses Projekt für ein paar Jahre Geld für die Miete und Kontakte und Netzwerke mit relevanten "Stakeholdern" für die Finanzierung der Miete in den Jahren danach. Im schlimmsten Fall kommen noch ein paar ausgefeilte Propagandatechniken für die "Stakeholder" dabei raus.

      Aber gut, wir werden es ja sehen. Warten wir noch ein, zwei, drei Jährchen und gucken wieder nach! Ich hoffe im Grunde ja, daß ich falsch liegen möge…!

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