Sonntag, 20. März 2011

Selbstbetrachtungen in der moralischen Klärgrube

Zeit für ein Stück Drecksarbeit. Beim Schreiben fühlt es sich ekelhaft an, beim Lesen fühlt es sich ekelhaft an, aber es muß sein. Denn mit Blick auf die Katastrophenserie in Japan fürchten nicht mehr nur religiöse Spinner den üblichen Weltuntergang, sondern sogar deutsche Politiker erwarten das Nahen der Apokalypse. Und selbst die sachlicheren Zeitgenossen sehen doch, wenn schon nicht das Ende der Welt, so doch zumindest das Ende eines Zeitalters gekommen. Da muß man die schmutzige Aufgabe angehen, Elend gegen Elend aufzurechnen, um die Maßstäbe wieder ein bisschen zurecht zu rücken. Und man sollte sich fragen, weshalb die Maßstäbe eigentlich so grotesk verrückt sind. Um es gleich direkt zu sagen, die Katastrophe in Japan ist, nüchtern betrachtet, allenfalls eine mittelgroße Katastrophe, nicht mehr und nicht weniger.
Lassen wir erst mal die Reaktorprobleme außen vor, und sehen wir nur nach dem Erdbeben und dem folgenden Tsunami. Das vernünftigste Maß, die Schwere einer Katastrophe einzuschätzen, ist wohl die Zahl der Menschenleben, deren Verlust zu beklagen ist. In Japan sind das nach gegenwärtigem Stand 7348 Tote und 10 947 Vermisste. Man wird also weniger als 20 000 Tote zu beklagen haben.
Blickt man nur zehn Jahre weit zurück, so finden man etwa das Erdbeben in Haiti im Januar 2010 mit geschätzten 316 000 Todesopfern. Oder den Zyklon Nagris vom Mai 2008, der in Myanmar mindstens 80 000 Menschen das Leben kostete. Oder das Erdbeben in Kaschmir vom Oktober 2005, das in Pakistan und Indien 85 300 Opfer forderte. Das Erdbeben vor Sumatra im Dezember 2004 und der ausgelöste Tsunami im Indischen Ozean brachten ca. 230 000 Menschen den Tod. Und das Erdbeben von Bam (Iran) im Dezember 2003 kostete 26 271 Menschenleben.
Nein, selbst auf einer Zeitskala von nur einem Jahrzehnt ist die Katastrophe von Japan leider nicht ungewöhnlich verheerend. Und nach einem nur flüchtigen Blick über die Menschheitsgeschichte mit ihren Pandemien von Spanischer Grippe, Pest oder Pocken, jede mit Opferzahlen im zweistelligen Millionenbereich, erscheint jedes Gerede von apokalyptischen Zuständen in Japan geradezu absurd verirrt!
Sicherlich mag, wenn nicht der Blutzoll, so doch der materielle Schaden in Japan ganz enorm sein. Doch liegt dies daran, daß ein reiches Land getroffen wurde. Und die Schwere einer Katastrophe danach zu bemessen, wie reich das betroffene Land ist, das ist selbst mir zu zynisch.
Bleibt noch die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Noch ist diese Folgekatastrophe von Erdbeben und Tsunami im Gange, und mir scheint, niemand kann abschätzen, ob Japan mit zwei blauen Augen davon kommen wird, oder nicht. Bleiben wir daher beim gegenwärtigen Stand der Dinge. Und der ist, alle Hysterie über unser aller Tod durch allgegenwärtige unsichtbare Strahlen mal beiseite, nicht gravierend. Bisher scheint die Zahl von Personen, die akut gefährliche Strahlungsdosen erhalten haben, im Bereich von Hundert zu liegen, und die Zahl der bisherigen Todesopfer noch viel niedriger. Doch auch andere Naturkatastrophen der letzten Jahre haben Folgekatastrophen nach sich gezogen. Auf Haiti brach nach dem Erdbeben eine Cholera-Epidemie aus, die allein bis Ende 2010 schon 157 300 Erkrankte und 3 481 Tote mit sich brachte. Da liegt die Reaktorkatastrophe in Fukushima bisher weit abgeschlagen dahinter.

Nein, was bisher in Japan geschah, hat rein gar nichts mit apokalyptischen Zuständen zu tun. Die Bedeutung dieser Katastrophenkette liegt nicht in dem, was tatsächlich geschehen ist, sondern darin, wie man sie sieht. Und warum erscheint dem Deutschen diese Katastrophe so ungeheuerlich?
Die mediale Abdeckung dieses Ereignissen spielt sicherlich ihre Rolle. Aber ich glaube, etwas anderes is noch viel wichtiger: Japan bietet eine perfekte Identifikationsmöglichkeit. Zusammengesackte Lehmhütten und Cholera-Epidemien, das ist für den Deutschen viel zu archaisch, um sich wirklich mit den Leidenden zu identifizieren. In Japan findet man aber alles, was es auch für den angenehmen Schrecken eines guten Horrorfilms braucht. Nämlich die Gewissheit, selbst gar nicht wirklich bedroht zu sein und es auch nicht zu werden. (Schließlich ist kein Axtmörder hinter einem her, wie man es im Film sieht, und man selbst würde sowieso nie in diese dunkle Gasse hineingehen...) Und außerdem die gute Möglichkeit, sich selbst mit den Opfern zu identifizieren. Das exotische Japan ist anders genug und auch weit genug weg, um nicht bedroht zu sein. Und gleichzeitig erlauben die Blicke von Hochhausdächern auf asphaltierte Straßen, in denen Autos oder Flugzeuge von Wellen herumgeworfen werden, sich selbst bequem in diese Perspektive hinein zu versetzen. Eine Reaktorschmelze oben drauf passt auch. Unser aller technische Untergangsphantasien werden wundervoll bedient!
Am Ende werden wir den Reiz der japanischen Apokalypse vermissen, wenn erst mal nichts gravierendes Neues mehr passiert und die Liveticker immer weiter nach unten auf den Nachrichtenseiten rutschen. Irgendwann werden wir uns unsere Angst wieder von Dioxineiern holen müssen, während wir auf die nächste Pandemiehysterie warten. Nach der Apokalypse in den Alltag zurück finden ist nunmal schwer. Und blicken wir noch ein letztes Mal in unsere schwarzen Seelen: Nicht mal die Meldungen über die neuesten Todesfälle durch die Schweinegrippe haben damals so schön geprickelt wie das Lesen der Ticker mit den letzten Strahlungsniveaus um Fukushima herum!

Kommentare:

  1. Am Ende werden wir den Reiz der japanischen Apokalypse vermissen.
    Ach,das wird schon .Es strahlt ja länger.

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  2. Das schon, aber so unsichtbar! Und wenn die Japaner erst mal die Masken und Plastikklamotten wieder ausziehen, dann gibt's gar keine beeindruckenden Bilder mehr. Und was dann...?

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