Mittwoch, 7. April 2010

Mit Freud auf's Klo

Der Freud'schen Theorie der infantilen Sexualität nach machen Kinder im Alter von so um die zwei Jahre eine "anale Phase" in ihrer Entwicklung durch. In dieser Phase konzentriert sich die Empfindung körperlicher Lust auf das Ausscheiden bzw. die Unterdrückung des Ausscheidens. Kommt es in dieser Zeit zu Konflikten mit der Erziehung zur Reinlichkeit, so kann es im späteren Leben u.a. zur Ausbildung einer zwanghaften und übertriebenen Sparsamkeit kommen.
Und dann gibt es da Dinge in der Welt, die passen so schön zusammen, man würde sie in jedem Roman oder Film für viel zu durchsichtig erzählt halten. Um Kosten zu sparen und den Umsatz zu erhöhen plant Ryanair, die Zahl der Toiletten in seinen Flugzeugen auf eine zu reduzieren und für die dann eine Benutzungsgebühr zu erheben. Und endlich findet der zwanghafte Spartrieb wieder dahin zurück, wo er herkam: zum Stuhlgang! Danke, Ryanair. Ob man es sich aber antun muß, mit einer Gesellschaft analer Charaktere zu fliegen? Ich gucke mal lieber, ob ich nicht eine Fluggesellschaft in der genitalen Phase finde...

Montag, 5. April 2010

Andere Länder, andere Sorgen

Jeder hat so seine Sorgen. Die USA müssen eifrig argumentieren, daß es mit Folter nichts zu tun hat, versetzt man Menschen im Verhör durch Übergießen mit Wasser in Todesangst vor Ertrinken. Das sind nur "verschärfte Verhörmethoden". Dafür können die Amerikaner aber unbekümmert Krieg in Afghanistan führen. Die Deutschen dagegen müssen argumentieren, daß töten und getötet werden durch deutsche Soldaten in Afghanistan keinesfalls ein Krieg ist. Das ist alles irgendwie robustes Brunnen bohren und Brücken bauen. Besonders hart trifft es mal wieder den Vatikan. Nicht nur, daß er erklären muß, daß sein Kampf gegen das Kondom nicht millionenfachem Todschlag gleich kommt. Sondern daß es im Zweifel besser ist, der ganze afrikanische Kontinent verreckt an AIDS, bevor die Menschen, durch Kondome geschützt, am Ende noch Spaß am vögeln mit verschiedenen Partnern finden. Und das er auch noch erklären muß, daß zehntausende von Mißbrauchsfällen durch Priester auf der ganzen Welt kein kirchliches Problem sind, sondern nur eine Kampagne durch Atheisten, 68er oder Freimaurer in den Medien. Nein, vom Vatikan wird vom Personal nicht nur die Verbreitung dieser Thesen erwartet, sondern auch, daß es sie selber glaubt.
Und ich muß erklären, daß zu schnell zu fahren nicht heißt, daß ich die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritten habe. Vielmehr ist das alles nur eine Kampagne frustrierter Polizisten, die die Farbe meines Autos nicht leiden können.
Aber wie so oft, alle scheinen mit ihrer Argumentation davon zu kommen, nur ich mal wieder nicht. Aber was soll's. Ich muß hat sechzig Euro rausrücken. Würde man den anderen ihre Sicht aber nicht abkaufen, man müßte akzeptieren, daß an Bord des Flagschiffs der Freien Welt in staatlichem Auftrag gefoltert wird. Das Deutschland im glatten Bruch der Verfassung einen Krieg führt. Oder das Gottes Bodenpersonal für die Gegenseite arbeitet.
Das wären häßliche Einsichten. Nicht, daß wir sie uns nicht für uns selbst eingestehen könnten. Denn blicken wir mal verschämt in die dunklen Abgründe unserer Seelen: Ausgenommen ein paar Träumer und Vegetarier vieleicht, gehen uns allen Menschenrechte, Grundgesetz und aidskranke Neger doch am Arsch vorbei. Aber die Chuzpe, das alles offen zuzugeben, und etwa das Grundgesetz mal ein bisschen zu reformieren, die haben wir dann doch nicht. Schließlich soll alles schön demokratisch und rechtmäßig aussehen, und schon gibt es keine Probleme. Also akzeptieren wir auch die blödsinnigsten Wortspielereien und Argumentationen noch.
Das wäre alles nur von Herzen unsymphatisch und zynisch. Wenn wir uns dann aber empören oder uns lustig machen über den absurden Glauben und die unsinigen Überzeugungen von Scientologen, UFO-Sekten odes des Nachbars, der nachts mal wieder laut mit seinen Stimmen diskutiert - dann wird die Selbstgerechtigkeit dann wirklich unerträglich ekelerregend.

Sonntag, 4. April 2010

Konvergenz in Kunduz

2008:
Bundesverteidigungsminister Jung stellt fest, daß in Afghanistan kein Krieg herrscht - sondern eine "andere Situation".
(Count: 12 Gefallene, 92 Verwundete)

2009:
Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg stellt fest, daß in Afghanistan "kriegsähnliche Zustände" herrschen.
(Count: 17 Gefallene, 128 Verwundete)

2010:
Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg stellt fest, daß die Situation in Afghanistan "umgangssprachlich als Krieg" zu bezeichnen ist.
(Count (Zwischenstand): 20 Gefallene, 133 Verwundete)

Da bin ich schon gespannt, wie nah man sich als Verteidigungsminister noch an die Bezeichnung "Krieg" heranrobben kann, ohne wirklich "Krieg" zu sagen. Und wie lange man sich als Bürger diese sprachlichen Verrenkungen noch gefallen läßt, ohne sich als für dumm verkauft zu empfinden.

Freitag, 2. April 2010

Wissenschaft und Welt (Teil I)

Manchmal, wenn philosophisch interessierte Menschen mit naturwissenschaftlich orientierten Geistern diskutieren, scheint es mir so, als ob die Beteidigten direkt aneinander vorbei reden. Und die Hauptursache dafür liegt in der Bedeutung der Worte, die sie verwenden. Gerade der naturwissenschaftliche Gesprächsteilnehmer zieht sich mit Vorliebe in die Sicherheit seiner klar definierten Bedeutungen innerhalb wissenschaftlicher Theorien zurück und bemerkt so wenig wie sein "unwissenschaftlicher" Gesprächsparter, daß dann keine sinnvolle Kommunikation von der Naturwissenschaft nach draußen mehr möglich ist. Ich möchte das am Beispiel von Wasser verdeutlichen. Was ist die Bedeutung des Wortes "Wasser"?

Der Naturwissenschaftler wird vermutlich ohne zu zögern antworten, Wasser sei "H2O", das sei die beste und einzig wahre Definition von Wasser, und wenn man von Wasser spreche, spreche man eigentlich von H2O. Aber das stimmt nicht. Denn was sagen und verstehen wir denn, wenn wir das Wort "Wasser" benutzen? Sicherlich hängt das entscheidend vom Zusammenhang ab, und in den allerwenigsten Zusammenhängen verstehen wir "H2O". Wenn die Mitbewohnerin sagt, daß "schon wieder Wasserpfützen im Bad sind", will sie mir nicht sagen, daß da Pfützen, die überwiegend aus H2O bestehen, im Bad sind, und so verstehe ich es auch nicht. Und wenn ich dem Kellner im Restaurant sage, daß ich eine Flasche Wasser möchte, will ich weder sagen noch versteht er, daß ich eine mit H2O gefüllte Flasche wünsche.
Oder noch etwas weiter getrieben: die Identifizierung von "Wasser" mit "H2O" setzt voraus, daß man eine gewisse Molekül- und Atomtheorie mit akzeptiert. Nun ist es aber sehr gut denkbar, daß es einen Beduinen in der Wüste gibt, der niemals etwas von Molekül- und Atomtheorie gehört hat. Wenn die Bedeutung von "Wasser" H2O wäre, könnte er ohne diese Kenntnis das Wort "Wasser" nicht sinnvoll benutzen. Trotzdem kann sich aber selbst ein Chemiker durchaus sinnvoll mit einem solchen Beduinen über die Suche nach Wasserstellen, den verbleibenden Wasservorrat oder das beste Wasser für die Teezubereitung unterhalten.
Genauso verstehen wir ganz klar, was z.B. Shakespeare meint, wenn er das Wort "Wasser" in seinen Werken benutzt hat, obwohl er noch nichts von "H2O" wissen konnte. Also kann "H2O" nicht die Bedeutung von Wasser sein. Da mag es so etwas wie ein persönliches Konzept von Wasser geben, welches mich z.B. verstehen läßt, das die Wasserpfützen im Bad meinen, das ich endlich den Duschvorhang richtig zuziehen soll. Oder ein kulturelles Konzept von Wasser, das den Kellner verstehen läßt, was ich es heißt, wenn ich auf die Frage nach meinem Wunsch mit "Wasser" antworte, oder das Shakespeare auch nach Jahrhunderten noch verständlich sein läßt. Das Konzept "H2O" ist nur ein weiteres Konzept von Wasser unter vielen.
Nun ist es vieleicht noch nützlich darauf hinzuweisen, daß das Konzept "H2O" für Wasser keinesfalls mit dem sonstigen Gebrauch von "Wasser" deckungsgleich ist, daß es also gewissermassen nicht um eine andere "Intension" von Wasser geht, die aber die gleiche "Extension" zur Folge hat. Denn so ist beispielsweise flüssiges Wasser und festes Wasser beides im Konzept "H2O" inbegriffen, wogegen die alltägliche, nicht wissenschaftliche Sprache zwischen "Wasser" und "Eis" unterscheidet. Umgekehrt verweisen Worte wie "Wodka" (= "Wässerchen") oder "Königswasser" auf die Zugehörigkeit zu einer gewissen Kategorie "Wasser", wogegen das chemische Konzept von Wasser als "H2O" diese Substanzen gerade unterscheidet durch ihren Anteil an "nicht-H2O", d.h. "C2H5OH", bzw. "HCl" und "HNO3".

Man sollte also die verschiedenen Bedeutungen des Wortes "Wasser" deutlich auseinander halten. Man kann etwa sagen, daß es in der chemischen Theorie so etwas wie H2O gibt, das man *auch* als "Wasser" bezeichnet, und das durchaus einen deutlichen Überlapp mit anderen Bedeutungen von "Wasser" aufweist. Nichts desto trotz hat dieses "Wasser" als H2O seine Bedeutung ausschließlich innerhalb einer chemischen Theorie. Wenn man also als Naturwissenschaftler mit einem Philosophen über Wasser spricht, sollte man sich hüten, diesen Begriff, sei es bewusst oder unbewusst, auf seine Bedeutung innerhalb einer naturwissenschaftlichen Theorie zu beschränken, denn sonst wird man sich nicht verstehen.
Ähnliches gilt natürlich für eine Vielzahl anderer Begiffe auch, die sowohl in der Naturwissenschaft benutzt werden oder innerhalb einer ihrer Theorien definierbar sind, und die auch in anderen, nicht naturwissenschaftlichen Zusammenhängen verwendet werden. Schöne Beispiele wären etwa Worte wie "Druck", "rot" oder "Form".

Donnerstag, 1. April 2010

Homöopathie hilft immer!

...gibt's zum Beispiel hier!
(Ok, sind in Wirklichkeit Bachblüten...)

Strahlen unter Darmstadt

Die von Google eingeblendeten Werbeanzeigen sind meist nur nervig ("Günstige Hotels in Helsinki!", nur weil man mal eine e-mail aus Finland bekommen hat), nützlich bisher nie. Heute allerdings war wieder mal eine von denen darunter, die zu ganz spannende Erkenntnissen führen. So sollte ich mich doch mal in "Geomantie - Ganzheitliche Lebensraumgestaltung" unterrichten lassen. Und das spannende daran ist, daß dieser 12-monatige (!) Fernkurs von der Studiengemeinschaft Darmstadt angeboten wird. An die meine ich mich ganz vage zu erinnern, in Form von penetrant lächelnden Gesichtern auf den letzten Seiten von Frisörzeitschriften, die einen für den Realschulabschluß begeistern wollten. Diese Studiengemeinschaft Darmstadt wirbt nun aber auf ihrer Seite mit der staatlich geprüften Qualität ihrer Kurse:
"Alle Fernlehrgänge der SGD sind durch die Staatliche Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) in Köln geprüft und zugelassen. In einem intensiven Verfahren – geregelt im Fernunterrichtsschutzgesetz von 1977 – prüfen erfahrene Fachleute, ob der Lernstoff vollständig, fachlich einwandfrei und pädagogisch so aufbereitet ist, dass der Kursteilnehmer sein Lehrgangsziel sicher erreichen kann."
Wie aber sieht denn nur das intensive, staatlich geregelte Verfahren mit erfahrene Fachleuten aus, das sicherstellt, daß ich vollständigen, fachlich einwandfreien Lernstoff im Bereich "Geomantie und Ganzheitliche Lebensraumgestaltung" bekomme? Klarer wird einem das auf jeden Fall nicht, wenn man den Lehrstoff genauer ansieht. Denn was sie anbieten ist:
- Grundlagen der Geomantie
Und da sagt einem Wikipedia schon: "Die heutige europäische Geomantie ist eine unwissenschaftliche esoterische Lehre, die sich selbst als „ganzheitliche“ Erfahrungswissenschaft versteht und versucht, die Identität eines Lebensraumes, eines Ortes oder einer Landschaft zu erfassen und diese durch Gestaltung, Kunst oder Raum- und Landschaftsplanung zu berücksichtigen und individuellen Ausdruck zu verleihen." Da freue ich mich ja schon mal auf den "fachlich einwandfreien Lernstoff"!
- Die Lebensenergie: Die Ätherlehre
Die kennt die Wikipedia nicht einmal.
- Orte der Kraft: Heilige Plätze und Stätten
- Radiästhesie (wichtige Technik, wie z. B. das Rutengehen, um Strahlungen und Schwingungen zu erspüren)
Auch da muß ich mal darauf vertrauen, daß die Fachleute sichergestellt haben, daß der Kurs kein relevantes Fachwissen vergessen hat. Und so geht das noch eine ganze Weile weiter. Vieleicht ist es doch hilfreicher, mal nachzusehen, was das Fernunterrichtsschutzgesetz von 1977 denn an intensiven Verfahren festlegt, um einen Kurs staatlich zu prüfen und zuzulassen. Und so steht da in §12 (1):
"Fernlehrgänge bedürfen der Zulassung. Das Gleiche gilt für wesentliche Änderungen zugelassener Fernlehrgänge. Keiner Zulassung bedürfen Fernlehrgänge, die nach Inhalt und Ziel ausschließlich der Freizeitgestaltung oder der Unterhaltung dienen. Der Vertrieb von Fernlehrgängen nach Satz 3 ist der zuständigen Behörde anzuzeigen."
Nein nein nein! Es ist nicht so, daß der Geomantiekurs nur der Freizeitgestaltung und Unterhaltung dient und gar nicht zugelassen werden muß, wie man das jetzt vieleicht denken mag! In der Liste aller Fernkurse der ZFU finden sich im Bereich Freizeitgestaltung solche tollen Kurse wie "Bach-Blüten" oder "Homöopathische Erste Hilfe für Hunde und Katzen", neben "Astrologischer Menschenkunde" und klassischer Homöopathie findet sich aber auch der Geomantiekurs unter den zugelassenen Kursen. Also weiter im Gesetz. So stehen im nächsten Absatz schon die Gründe, die einer Zulassung im Wege stehen. So ist die Zulassung eines Fernlehrgangs zu verweigern, wenn
"1. der Fernlehrgang nicht zur Erreichung des vom Veranstalter angegebenen Lehrgangsziels geeignet ist oder
2. Inhalt oder Zielsetzung des Fernlehrgangs gegen die öffentliche Sicherheit oder Ordnung verstoßen oder
3. der Veranstalter nicht den Nachweis erbringt, dass eine vollständige, zutreffende und den gesetzlichen Bestimmungen entsprechende Unterrichtung des Teilnehmers (§ 16) rechtzeitig vor Abgabe des Vertragsangebots vorgesehen ist, oder
4. die Ausgestaltung der vom Veranstalter vorgesehenen Vertragsbedingungen den gesetzlichen Anforderungen nicht entspricht."

Das klingt jetzt gar nicht so intensiv. Gesetzliche Bestimmungen und Anforderungen gibt es an die Geomantie sicherlich nicht. Die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet sie auch nicht (doof sein ist zwar gefährlich, aber nicht verboten). Da bleibt nur noch, ob das Lehrgangsziel durch den Lehrgang erreicht werden kann. Und wenn das Ziel des Kurses darin besteht, mit der Wünschelrute herumzulaufen und "Im Rhythmus und Zyklus mit der Natur [zu] leben", tja, wer sollte da behaupten, der Kurs könne dieses Ziel nicht erreichen? Schließlich weiß niemand so genau, worin das Ziel denn da genau besteht.
Soviel also zum intensiven Verfahren zur staatlichen Zulassung.
Ich habe mich dann aber doch entschieden, von einer Teilnahme am Kurs abzusehen. Denn beim Durchsehen der Liste mit ZFU-zugelassenen Fernkursen bin ich auf einen viel schöneren Lehrgang gestoßen: "Fachkraft für Schimmelpilzsanierung". Denn da hat man auch mit Lebensraum zu tun, und außerdem weiß man dabei wenigstens, worum es eigentlich geht. Und nach all den Kämpfen mit Chlorwasser im Bad muß einer ja dem armen Schimmelpilz wieder auf die die Beine helfen.

Mittwoch, 31. März 2010

Sexueller Mißbrauch der Statistik

Großer Beliebtheit bei den Vertretern der katholischen Kirche erfreut sich ja zur Zeit das Argument, die diskutierten Fälle sexuellen Mißbrauchs durch Priester hätten gar nichts mit der Kirche zu tun, denn immerhin würde der weitaus größe Anteil sexuellen Mißbrauchs von Kindern ja nicht in der Kirche, sondern in der restlichen Gesellschaft stattfinden. So in den vielbemühten Familien, Sportvereinen, usw. Generalvikar Roland-Bernhard Trauffer läßt sich in der Berner Zeitung sogar zur Verkündigung einer Zahl hinreißen: mehr als 95% der Fälle kämen in "der übrigen Gesellschaft", die nicht zölibatär lebe, vor. Na, das sollte man von einem gewissen Standpunkt ja auch hoffen! Denn man kann ja mal, nur um ein Gefühl für die Zahlen zu bekommen, in die Statistik für Deutschland schauen. In diesem Fall mal in die Daten für das Jahr 2005:
Die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2005 listet unter der Rubrik "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" 9805 Tatverdächtige im Bereich Sexueller Mißbrauch von Kindern auf (davon sind 96.4% männlich).
Das Statistische Bundesamt teilt im Jahrbuch 2005 mit, daß in Deutschland 40 340 000 männliche Deutsche lebten.
Die Katholische Bischofskonferenz läßt in ihren Nachweisungen für 2005 wissen, daß es in Deutschland 16 190 Priester (aktive und Ruheständler) gab.
Also machen katholische Priester nur 0.04% der männlichen Bevölkerung aus. Also sollten sie, wenn sie nicht besser und nicht schlechter als der Rest der Bevölkerung wären, auch nur 0.04% der Tatverdächtigen stellen! Bei 9805 Tatverdächtigen insgesamt wären das 4.
Das sind also die Zahlen, mit denen man vergleichen muß. Leider kenne ich keine Statistik für tatverdächtige Priester in Deutschland. Wenn es aber stimmt stimmt, daß in neun Jahren 300 von 400 000 Priestern weltweit der Pädophilie bezichtigt wurden, dann sind das immerhin schon mal 0.08% (statt 0.02% der männlichen deutschen Bevölkerung 2005). Da habe ich so meine leisen Zweifel, daß die katholische Kirche im Schnitt noch ganz gut wegkommt!

Dienstag, 30. März 2010

Jetzt aber wirklich: Fast!

Vieleicht noch eines zum heutigen CERN-Tag. Da schreibt z.B. die Tagesschau zum neuen Energierekord der Protonen:
"Wissenschaftlern am Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf ist es erstmals gelungen, im Teilchenbeschleuniger LHC Protonen nahezu bei Lichtgeschwindigkeit kollidieren zu lassen."
Und um jede darin enthaltene Mehrdeutigkeit zu beseitigen schreibt die Süddeutsche einfach nur:
"Es ist geschafft: Wissenschaftler am Kernforschungszentrum Cern haben erstmals Protonen nahezu mit Lichtgeschwindigkeit kollidieren lassen."
Jaja, mit dem "nahezu" ist das so eine Sache. So schreiben die Zeitungen, daß beim heutigen Rekord eine Energie von 7 TeV ereichte wurde, was das dreieinhalbfache des alten Rekordswerts sei. Mal sehen:
Die alten 2 TeV entsprechen 99.999989% der Lichtgeschwindigkeit. Und 7 TeV entsprechen 99.9999991% der Lichtgeschwindigkeit. Ja, jetzt bin ich wirklich überzeugt! Heute waren die kollidierenden Protonen wirklich noch nahezuer an der Lichtgeschwindigkeit!

Weltuntergänge für die Massen

Im LHC am CERN drehen heute die Protonen ihre Runden, und in der Presse dreht heute das CERN seine Runden. Und dabei fällt auf, daß eine ganze Reihe der berichtenden Medien, so etwa die Tagesschau, Die Zeit, die FAZ, die Frankfurter Rundschau, oder auch Die Welt, es sich nicht verkneifen können, auf die Kritiker zu verweisen, die einen Weltuntergang durch die Teilchenphysikexperimente befürchten. Nun ist es ja nicht gerade so, daß die Gefahr durch bei den Experimenten möglicherweise entstehenden Schwarzen Löchern nicht schon gründlich und auf allen Ebenen diskutiert worden wäre. Und immer ergab sich, daß keine Gefahr für die Erde besteht. So sehen es z.B. wissenschaftliche Fachpublikationen, die Informationsseiten des CERN, das Bundesverfassungsgericht und gründliche Zeitungsartikel.
Warum also wird noch immer über eine eigentlich längst zu den Akten gelegte Gefahr berichtet? Soll man dies als einen Fall ausgewogener Berichterstattung betrachten? Dann frage ich mich aber, weshalb nicht bei jedem neuen Elektronikartikel auch von den Menschen berichtet wird, die befürchten, Strahlen aus den Geräten könnten ihre feinstoffliche Aura schädigen? Ich habe keinen Zweifel, daß es solche Menschen gibt. Schließlich hat immer irgendwer vor irgendwas Angst.
Oder glauben die Medien selber an eine Gefahr durch die Experimente in der Schweiz? Das nehme ich mal nicht an, denn immerhin berichten die Tagesschau oder Die Welt selber, daß eigentlich kein Risiko besteht.
Also ist es vieleicht am ehesten so, daß Berichte von Schwarzen Löchern und Weltuntergängen einfach zu interessant klingen, als daß man sie sich entgehen lassen könnte. Sicherlich werden Artikel mit solchen Schlagworten gleich viel häufiger gelesen, verglichen mit trockenen Meldungen über neue Kollisionsenergien, unter denen sich eh niemand etwas vorstellen kann. Und ob wirklich etwas dran ist an den Schwarzen Löchern, das ist da wohl selbst für seriöse Medien zweitrangig. Das CERN wird sich vieleicht gar nicht so sehr daran stören und die Aufmerksamkeit dankbar zur Kenntnis nehmen. Aber dieses kleine Beispiel vom CERN zeigt, daß die Medien nicht das berichten, was von Belang ist, sondern das, wovon sie sich allgemeine Aufmerksamkeit versprechen. Und das sollte man vieleicht mal im Hinterkopf behalten bei den nächsten dramatischen Schlagzeilen über Sozialbetrug oder Pandemien...