Dienstag, 7. Juli 2015

Von Afrika lernen

Ein Bekannter von mir ging einmal für einige Zeit beruflich und im Dienste eines ausländischen Unternehmens in die Elfenbeinküste. Zu den größten kulturellen Verständigungsproblemen gehörte dabei Verhältnis zu Hauspersonal. Andere Menschen zur Erledigung persönlicher Angelegenheiten einzustellen widerstrebte ihm zutiefst, er und seine mitgereiste Gattin empfanden es als dekadent und überheblich. Als sie keine Putzfrau einstellen und das Haus wie daheim selbst sauber halten wollten, eskalierte die Beziehung zu den Einheimischen. Sie wurden beschimpft, bedroht, es wurde vor ihnen ausgespuckt. Die Beiden fühlten sich sehr unwohl und konnten nicht mehr ruhig schlafen. Denn die Elfenbeinküstler hatten in dieser Hinsicht ein ganz anderes Verständnis. Die Weißen waren für sie Reiche - und gemessen an den Einkommensverhältnissen dort war der Haushalt meines Bekannten tatsächlich schwer reich. Und es war nicht das Privileg der Reichen, Hauspersonal einzustellen, sondern ihre gesellschaftliche Pflicht. Es war ein Weg, die Bevölkerung am Reichtum teilhaben zu lassen, indem man ihnen eine Gelegenheit zur Erwerbsarbeit bot. Dabei gab es ziemlich klare Vorstellungen, wieviel Personal bei einem gewissen Reichtum angemessen war. Eine Putzfrau war das mindeste. Je reicher jemand war, desto mehr Personal kam hinzu, ein Koch, ein Gärtner, irgendwann noch ein Chauffeur. Erst als die Bekannten ihrer gesellschaftliche Verantwortung nachkamen und eine Putzfrau bzw. Putzmann einstellten und einen Jungen bezahlten, für sie die Einkäufe zu erledigen, beruhigte sich die Lage wieder.
Die Beiden arrangierten sich mit den Umständen, die sie für einen Ausdruck einer ökonomisch wenig entwickelten Gesellschaft hielten. Dabei gilt das gleiche Denkmuster in einer weniger persönlichen, abstrakteren Variante auch in Europa: Es ist das beliebte Argument, wenn die Reichen nur immer reicher würden, dann wäre das am Ende für alle gut. Denn der Reichtum würde nach unten durchsickern, es entstünden Arbeitsplätze, am Ende profitierten alle. Nur hat der Weiße Mann respektive die Weiße Frau sich einreden lassen, dies geschehe automatisch. Sie müßten nur geduldig abwarten und immer fleissig sein, dann käme der bescheidene Wohlstand irgendwann auch bei ihnen an. Der Schwarze Mann in der Elfenbeinküste dagegen glaubt ganz offensichtlich nicht an einen Automatismus wenn es um die Erfüllung implizierter sozialer Verpflichtungen der Reichen geht. Anders als in Europa ist es dort der Bevölkerung dort völlig klar, daß es im Zweifel wenig subtilen gesellschaftlichen Drucks bedarf, um den Anspruch auf den eigenen Anteil am Wohlstand durchzusetzen.
Wo wohnen wohl die Doofen?

Kommentare:

  1. Diese Einstellung musste auch ich erst lernen. Meine Frau, Afrikanerin, sah es als "normal" an, eine Housemaid zu haben. In Afrika, im Mittleren Osten, wo wir uns nun mal gerade befanden. Total normal für sie, total unnormal für mich.
    Aber auch beim ehemaligen Kollegen aus Indien ist es so, dass man dort die Boys, Schuhputzer, Gärtner, Driver etc. nutzt, ohne sich darüber Gedanken zu machen. In Europa indes ist es immer noch als ein Zeichen der Arroganz angesehen, "Personal zu haben". Beziehungsweise abwertend, irgendwo als Putzfrau bei jemandem privat zu arbeiten.

    Eine schwierige Situation, die einige Zeit bedarf, bis sie in den Köpfen richtig angekommen ist.

    Aber andererseits auch: in jenen Ländern gibt es kein Sozialsystem, das die weniger Betuchten auffängt. In Europa wird dieses System gerade weitflächig zerstört. Ist es daher ein gutes Zeichen, wieder zum "Personal" zurückzukehren?

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    1. Naja, dieses Prinzip ersetzt das staatliche Sozialsystem. Und die Zerstörung der sozialen Netze in Europa geht ja konsequenterweise auch mit einem Ausbau des flexiblen Niedriglohnsektors einher. Die Rückkehr zum Hauspersonal ist da nur die logische Vollendung. Aber in Deutschland, soviel Bolognese muss sein, wird man vom Hausmädchen mindestens einen Bachelor in Hauswirtschaftslehre erwarten können. Den Studienkredit muss sie aber selbst abbezahlen...

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    2. Den Kredit zum Studium hat sie also aufgenommen und Schulden gemacht, die sie ihr Leben lang (und darüber hinaus) abzubezahlen hat. Und indirekt dazu verleitet haben die reichen Geber sie, da es ohne nicht geht.

      Irgendwie wie Griechenland, oder?

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  2. Habe ähnliches aus Indien gehört.
    Wenn die Europäer dann zurück nach Europa gehen, betteln die Menschen mitkommen zu dürfen. :-(

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