Samstag, 15. Januar 2011

Am Anfang war das Wort - am Ende auch

Wenn man hört, wie strenggläubige Pastafari konsequenterweise denn Ausruf Gott sei Dank! in Monster sei Dank! abändern, dann fällt einem wieder mal auf, wie weit das Christentum sich in die Sprache hineingefressen hat. Und das Deutsche steht damit natürlich nicht alleine da. Im Englischen wünscht man einem Niesenden Gottes Segen (God bless you!), und wer das bayrische Grüß Gott! schon immer doof fand, der wird mit dem spanischen ¡Adiós! - a Dios - kein bisschen glücklicher.
Wenn man sich aber schon daran macht, die christlichen Verschmutzungen der Sprache zu umgehen, dann steht man vor noch viel größeren Aufgaben. Erst mal müsste man wohl auch auf eine lange Reihe von geläufigen Sprechweisen verzichten lernen. Etwa Die Hände in Unschuld waschen ("Ich wasche meine Hände in Unschuld und halte mich, HERR, zu deinem Altar", Psalm 26.6; "Da aber Pilatus sah, daß er nichts schaffte, sondern daß ein viel größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu!", Mt 27.24), oder Perlen vor die Säue werfen ("Ihr sollt das Heiligtum nicht den Hunden geben, und eure Perlen nicht vor die Säue werfen, auf daß sie dieselben nicht zertreten mit ihren Füßen und sich wenden und euch zerreißen.", Mt 7.6), oder Sein Licht unter den Scheffel stellen ("Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es denn allen, die im Hause sind.", Mt 5.14), und, und, und...
Wirklich schwierig wird es dann aber erst, wenn es um Worte geht, die es auf Grund des Christentumes gar nicht gibt. So gibt es zwar praktische Worte für solch verzweigte Verwandschaftsketten wie den Bruder meines Ehepartners (Schwager), oder den Ehepartner des Bruders meines Ehepartners (Schwippschwager), aber für die doch potentiell viel engere Beziehung zum Vater/Mutter meines Kindes gibt es keine eigene Bezeichnung. Das andere Elternteil kann entweder nur als mein Ehemann/Ehefrau bezeichnet werden, oder, wenig üblich, über den Umweg über das Kind. Offenbar fehlt ein Wort für das andere Elternteil meines Kindes, weil es im christlichen Abendland keine Kinder ohne Ehe geben konnte.
Dieselbe christliche Sexualmoral hat andere Worte völlig deformiert. Ein schönes Beispiel ist der BH. Im Büstenhalter hinter dieser Abkürzung mag man ja das Halter noch verstehen. Aber daß der BH ausgerechnet Büsten hält? In anderen christlichen Sprachen sieht es da nicht viel besser aus. Das englische bra ist auch eine Abkürzung, gleich für ein ausländisches Wort, brassière. Dieses französische Wort steht aber keineswegs in Frankreich für einen BH, sondern für ein Jäckchen. Im Französischen ist der BH ein soutien-gorge. Und damit eher etwas, das den Hals unterstützt. Überall scheut man offenbar die Nennung der Titte wie der Teufel das Weihwasser. Der Kontrast zu den Sprachen nichtchristlicher oder spät christianisierter Völker ist umso krasser. Im Chinesischen ist der BH ein xiōngyī. Und xiōng ist die Brust und die Kleidung. Ziemlich klar also. Reineren Herzens sind nur noch die Sprecher von Kreolsprachen, wie z.B. Tok Pisin aus Neuguinea. Dort ist der BH ein banis bilong susu, Banis ist die Umschließung, bilong sowas wie von ("belong"), und susu ist der Busen. Und eine Umschließung für den Busen, genau das ist der BH ja letztlich auch.
Es bleibt also noch zuviel zu tun für die Sprachreiniger unter den Pastafari. Ob es einem nun passt oder nicht, das Jahrtausende alte Erbe des Christentums in ihren Sprachen, bis hinein in die Tiefen des Wortschatzes, würden die Europäer auch nach dem Ende des Christentums in Generationen nicht überwinden können.

Kommentare:

  1. Den Vater/ die Mutter meines Kindes würde ich als in den meisten Fällen als Partner oder Gefährte bezeichnen. Ist die Emotionale Bindung groß und ein langfristiges Zusammenleben gegeben, ist es ein Lebensgefährte. Ist das Kind das Ergebnis eines One-Night-Stands, war es nur ein Kopulationspartner.

    Da jeder aber mehrere Kinder mit mehreren Partnern haben kann, stellt sich die Problematik der weiteren Aufgliederung. Es kommen ehemalige Gefährten dazu. Das sind dann die Mütter oder Väter von [Name des 1./2./3./... Kindes].

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  2. Die Worte "Lebensgefaehrte" oder "Kopulationsparter" loesen das "Problem" des fehlenden Wortes aber nicht.
    Wenn ich vom Ehepartner spreche, dann ist das die Beziehung begruendende Ereignis ein Versprechen vor Gott oder vor dem Standesbeamten. Beim Lebensgefaehrten oder dem Kopulationspartner ist es die zusammen verbrachte Zeit oder der Geschlechtsakt. Aber es ist nie die Tatsache, "mir ein Kind geschenkt zu haben". Ein Wort fuer dieses eine Beziehung begruendene Ereignis, sagen wir mal das hypothetische Wort "Mekis", fehlt, und es wird immer nur unterstellt, dass der Ehepartner, Lebensgefaehrte oder Kopulationspartner das andere Elternteil des Kindes ist.
    Aber man sieht das Problem deutlich, wenn man z.B. sagen will, dass man das andere Elternteil seines Kindes nicht kennt (aus welchen Gruenden auch immer...). Dann kann ich nur den "Umweg" ueber das Kind machen: "Ich kenne den Vater/die Mutter eines Kindes nicht." Ich kann die anderen Worte nicht benutzten. "Ich kenne meinen Ehepartner/Lebensgefaehrten nicht" waere doch zumindest noch viel seltsamer und etwas ganz anderes. Mit dem hypothetischen Wort "Mekis" waere das aber kein Problem: "Ich kenne meinen Mekis" nicht" sagt genau das, was man sagen will.
    Und es waere doch durchaus denkbar, dass eine Sprache ein Wort wie "Mekis" hat? Nur wuerde ich bei den Sprechen dieser Sprache dann eine von der christlichen sehr verschiedene Sexualmoral erwarten! :-)

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  3. Guter Einwand. Ich glaube zwar nicht, das der Versuch, hierfür ein neues Wort zu schöpfen, so "erfolgreich" wie bei sitt (= nicht mehr durstig) sein wird, aber man könnte es zumindest probieren.

    Wollen wir hier loslegen und dann an irgendwelche Germanistik-Institute und Zeitungen schreiben?

    Ich fange mal mit ein paar Vorschlägen an:

    Man braucht einen Begriff, der nicht geschlechtsspezifisch ist, da auch trans- und intersexuelle Menschen Kinder zeugen können.
    Er sollte auch nicht zwischen der Art sonstiger möglicher Beziehungen (Ehepaar, Geschwister...) unterscheiden.
    Bei der Aussprache sollte er emotional neutral klingen, da einfach jeder, ob geliebt oder gehasst, ob eng verwandt oder nur zur selben Spezies gehörig, mit diesem Wort bezeichnet werden kann.

    Den Begriff könnte man von "Elter" ableiten, aber er müsste deutlich machen, dass der, der ihn ausspricht, sich auf dem selben Generationenlevel befindet.
    "Elter" klingt aber zu sehr nach "älter", was vermutlich auch der etymologische Ursprung ist.

    Bei der Kindszeugung geht es um genetischen Austausch. Also vielleicht ein Wort wie "Genter"? Es würde anzeigen, dass jemand anderes seine Gene mit meinen zusammengeworfen hat.

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  4. Eigentlich wollte ich mich mit der Analyse der Lage begnügen... ;-)

    Das Wort "Genter" klingt mir aber ein bisschen zu technisch-abstrakt. Vieleicht gibt es noch etwas Anschaulicheres?

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  5. Ist ja nur ein Vorschlag. ^.^
    Ich persönlich finde den technischen Aspekt besser, gerade weil jede emotionale Wertung à la "der Arsch der mich geschwängert hat" oder Beziehungsbezeichnungen wie Ehepartner oder Lebensgefährte außen vor bleiben und notfalls ergänzend genannt werden können.

    Ich stelle grade fest, dass dieser Artikel doch schon etwas älter ist und wohl kaum noch gelesen wird. (Ich selbst hatte ihn nur mal beim wilden Durchblättern des Blogs gefunden. :p)
    Wir können es also auch bei der Analyse belassen.

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