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Dienstag, 10. November 2015

Wenn es doch nur Unsinn wäre

Ups, nach längerer Abstinenz habe ich doch wieder den Fehler gemacht, einen Text von Jan Fleischhauer zu lesen - den heutigen zum Fall Pirinçci. Herr Fleischhauer ärgert sich über einen (vermeintlichen?) Boykott von Prinçcis Büchern durch den deutschen Buchhandel und stellt fest:
"Amazon ist so weit gegangen, jeglichen Hinweis auf den Autoren zu tilgen."
und
"Bei Amazon sind alle Bücher von Pirinçci gesperrt, 'Mein Kampf' hingegen kann man über die amerikanische Seite problemlos beziehen. Will man im Ernst sagen, dass ein Katzenroman von Akif Pirinçci gefährlicher ist als das zentrale Buch von Adolf Hitler?"
Nein. Auf der amerikanischen Seite sind Pirinçcis Bücher aber auch alle problemlos zu haben, und sogar billiger als Mein Kampf. Aber auch wenn ich gerade jetzt zu amazon.de gehe und "Akif" in das Suchfeld eingebe, dann schlägt mir die Suche "Pirincci" zur Vervollständigung vor und nach dem Akzeptieren will Amazon mir seine Bücher von Drittanbietern verkaufen, Katzenkrimis - und "Deutschland von Sinnen" darf ich mir von Amazon sogar als Hörbuch gratis zur Probe runter laden. Man darf Leuten wie Fleischhauer wirklich nichts glauben! Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist ein Missverständnis, dem nicht nur Fleischhauer aufsitzt, sondern fast die gesamte Aufregung um Pirinçcis Dresdener Rede. In Fleischhauers Worten:
"Pirinçci hat sinngemäß gesagt, Politiker würden sich Gegner ihrer Asylpolitik ins KZ wünschen, ein hanebüchener Unsinn, für den er entsprechend Prügel bezog. Aber mit solchem Unsinn steht er nicht allein, die Inanspruchnahme des Holocaust zu rhetorischen Zwecken kommt in Deutschland leider öfter vor."
Und mit dem letzten Teilsatz zeigt er, daß er das Problem komplett mißverstanden hat! Das Problem mit Priniçci ist nicht, daß er Unsinn geredet und einen geschmacklosen Nazivergleich gezogen hat. Das Problem ist viel ernster und größer. Vielleicht sollte man hier etwas früher ansetzen...

Die Angst vor den Muslimen, ihrer Zuwanderung und Vermehrung, ist wahrlich nicht neu. Pirinçci hat sie nicht erfunden. Vor ihm warnte schon Sarrazin vor der Fruchtbarkeit der Kopftuchmädchen. Und schon sechs Jahre vor Sarrzin durfte die besorgte italienische Christin Oriana Fallaci im Cicero, dem "Magazin für politische Kultur", ihre Sorgen ausbreiten, Muslime würden sich "wie die Ratten vermehren" - garniert mit statistischen Zahlen und der Prognose des Endes von Europa. Oder nehmen wir Bernard Lewis, der drei Jahre danach in der Welt etwas von einer "dritten Angriffswelle" der Muslime gegen Europa fabulieren durfte. Diese dritte historische Angriffswelle (nach den Mauren und Türken), sie würde gerade jetzt mit den Waffen des Terrorismus und der Einwanderung geführt.
Und all diese Leute, sie glauben den Unsinn, den sie erzählen, ja wirklich. Und wenn man ein Jahrzehnt warnt, und das, wie diese Leute finden, mit richtigen Argumenten, und die Politik alle Warnungen vor dem Untergang ignoriert, dann kommt man zu einem naheliegenden Schluß. Nicht, daß man Unsinn redet, nein. Zu dem Schluß, daß "die da oben" zu denen gehören! Zu dem Schluß, daß die eigenen politischen Eliten eine muslimische Immigration als Waffe gegen das eigene Volk wenden.
Das klingt nur für normale Menschen idiotisch. Der norwegische Blogger Fjordman schrieb zu diesem Thema 2008:
"José Manuel Barroso, the leader of the unaccountable government for half a billion people, has stated that the EU is an empire."
Und genau genommen nein, Herr Barroso hat nicht behauptet, die EU sei ein Imperium. Das ist genauso falsch wie Fleischhauers Behauptung über die Beseitigung von Pirinçcis Spuren bei Amazon.  Man darf solchen Leuten wirklich gar nichts glauben! Eigentlich hat Herr Barroso zur politischen Organisation der EU das Gegenteil ausgeführt und dann gelächelt, auf seinen akademischen Hintergrund verwiesen und gesagt:
"Sometimes I like to compare the European Union as a creation to the organization of empires. Empires. And äh… Because we have the dimension of empires. But there is a great difference: […]"
[Hier das Video]. Aber weiter schreibt Fjordman:
"If the EU is an empire, this means that a war is being waged against somebody. And it is: A cultural and demographic war waged by mass immigration against native Europeans. Whereas empires are normally created by waging a war against other peoples, the EU is the first empire in history created by leaders allowing other peoples to wage a war against their own."
Und diese Geschichte vom Krieg gegen das europäische Volk, die meinen diese Leute ernst! Zitiert habe ich Fjordman nicht nach seinem Blog, sondern nach dem Pamphlet "2083 - A European Deklaration of Independence" des Anders Breivik. Der meinte das todernst und beging einen Massenmord, um die Welt auf diese Thesen aufmerksam zu machen. Und er mordete nicht Muslime in einer Moschee, sondern griff die norwegische Regierung und den Nachwuchs der Sozialdemokraten an, da diese den Krieg gegen die eingeborenen Europäer unterstützen würden.

Dies alles ist die Tradition, in der Akif Pirinçcis Bemerkung, die Regierung wolle das eigene Volk ins KZ stecken, steht. Und es ist die Tradition, an die er mit seinem angekündigten nächsten Buch mit dem Titel "Umvolkung" anknüpft.
Und diese Gedanken breiten sich immer weiter aus. Anders Breivik hätte man noch beinahe für im medizinischen Sinne geisteskrank erklärt. Heute beklatschen Zehntausende in Dresden solche Theorien. Und im geschätzten Nachbarblog Fliegende Bretter hinterließen Kommentatoren kürzlich Sätze wie:
"Fast man diese und noch einige weitere Punkte zusammen, ist klar, dass wir nicht überrannt werden, sondern das die Ansiedlung Fremder bewusst gefördert wird. Wer noch nicht verstanden hat, das der größte Feind der Deutschen der eigenen Staat ist, dem ist echt nicht zu helfen."
oder verlinkten auf Pegida-nahe Texte wie diesen, in dem es heißt:
"Es gibt zweifellos mehr oder minder kranke Gehirne, die mit dem Gedanken, Migration als Waffe einzusetzen, spielen.
[…]
Insgesamt ist die Wirkung der Migration, ob nun als Waffe genutzt oder nicht, die Destabilisierung Europas. Das kann erwünscht sein, um endlich die Nationalstaaten aufzulösen und in einem Kraftakt eine europäische Zentraldiktatur zu errichten, mit dem Feigenblatt eines impotenten EU-Parlaments vor der Blöße.
[…]
Es kann aber auch erwünscht sein, um diese EU, bevor sie wirklich zu einem Machtfaktor zusammenwächst, im Mark zu treffen und ihre Auflösung zu beschleunigen."
Ja, es ist so grotesk, daß es fast schon wieder komisch ist, diese Migration als Waffe wahlweise um Europa zu einer Diktatur zusammen zu schweißen oder um Europa zu vernichten. Aber diese Menschen glauben diesen Unsinn wirklich. Und das ist das eigentliche Problem mit Pirinçci und Pegida und ihren Freunden: Es geht nicht einfach nur um Unsinn reden. Hier wächst ein wahnhaftes Weltbild heran, daß sehr viel gefährlicher ist als ein hanebüchenen Unsinn redender Katzenbuchautor mit geschmacklosen Nazivergleichen. Manchen Wahn sollte man ernst nehmen. Und bekämpfen, solange er noch klein ist.

Montag, 13. April 2015

Und SS steht für "Sommersemester"...

Vor ein paar Monaten, da sorge es für eine gewisse Empörung, als das ZDF in der Heute-Sendung SS-Runen auf den Helmen von Mitgliedern des ukrainischen Azow-Bataillons zeigte und auf jede Einordnung verzichtete .
Vor ein paar Wochen bebilderte die Süddeutsche einen Artikel mit Mitgliedern des Asow-Batallions, auf deren Waffen ein Abzeichen der Waffen-SS zu sehen war . Zugegen, das Abzeichen war damals nicht sehr deutlich zu erkennen. Aber heute hatte das Asow-Batallion noch mal eine neue Chance, in der Tagesschau. Dort durften sie das Truppenabzeichen der SS-Division "Totenkopf" noch einmal in die Kamera halten während sie erklärten, daß die Waffenruhe nur dem Feind nutzt:
Und diesmal läßt es sich schon deutlicher erkennen:
Ach, wenn das der Führer sehen könnte: Die Wochenschau heißt jetzt Tagesschau, sonst ändert sich nix!

Lust auf mehr Einblicke in die Welt des Freundeskreis "Azow"? Dann ab zu Instagram!

Nein, sie werden keine Sensibilität entwickeln für das, was sie im deutschen Fernsehen aus der Ukraine zeigen. Und zwar ganz einfach, weil sie es nicht wollen...

Dienstag, 10. März 2015

Nazis auf dem Dach

Die Auswahl an Symbolbildern zum Krieg in der Ukraine ist fast immer ärgerlich. Heute ist sie mehr als nur ärgerlich. Die Süddeutsche Zeitung entschied sich beim Artikel "Angst um Frieden in Mariupol" für dieses Bild:
Laut Bildunterschrift zeigt es zwei ukrainische Soldaten in einer Gefechtspause. Sucht man das Bild in der angegebenen Quelle Getty Images, dann erfährt man noch mehr. Etwa, daß das Bild am 9. März in einer besetzten Schule in Lebedynske aufgenommen wurde. Und das diese Männer keine Mitglieder der regulären ukrainischen Armee sind, sondern zum Bataillon Asow gehören, einer nationalsozialistischen Miliz. Was das für Leute sind, kann man auch bei Getty Images lernen, denn dieses Bild stammt aus einer ganzen Serie von Aufnahmen aus der Schule in Lebedynske. So etwa dekorieren diese Herrn ihre Quartiere:
Die Totenkopf- und Hakenkreuzflagge im Hintergrund stammt von einer in sozialen Medien sehr aktiven Gruppe von Straight-Edge-Nazis, die kyrillischen Buchstaben THX stehen für "Nüchternheit, Hass, Hardcore". Wer eine hohe Ekeltoleranz hat, kann ja bei deren Seite im sozialen Netzwerk VKontakte einsteigen. Dort kann man zumindest lernen, was das für ein Logo ist, daß einer der beiden Männer auf dem Magazin seiner Waffe hat. Das hier meine ich, man kann es auf dem Bild nicht so genau erkennen:
Hier die hoch aufgelöste Version von THX:
Es ist das Abzeichen der SS-Division Totenkopf mit dem Motto "Nüchternheit, Hass, Hardcore" drumherum. THX präsentiert eine Reihe von Waffenbildern mit diesem Logo am Magazin, z.B. hier oder hier, für den, der's nicht glauben mag.

Da haben wir also zwei Nazis, einer mit der deutschen Flagge am Oberarm, der andere mit einem SS-Abzeichen am Magazin, als Symbolbild für ukrainische Soldaten in der SZ. Wie deutsch der Krieg in der Ukraine doch ist!


Nachtrag (11.3.): Inzwischen wurde in der Bildunterschrift im Artikel der Hinweis hinzugefügt, daß es sich bei den Männern um Angehörige des Bataillon Asow handelt.

Sonntag, 7. September 2014

Freunde von Freunden

Bei SpOn gab's heute einen Artikel zu russischen "Ultranationalisten", in diesem Fall einer Bande rechter Monarchisten, denen Putin "zu weich" sei und die pro-russische Separatisten in der Ukraine militärisch unterstützen. Und das soll an dieser Stelle mal nicht allein so stehen bleiben. Denn auf den ersten Blick klingt es vielleicht, zumindest in sich, vernünftig und nachvollziehbar, wenn die Opposition rechts von Putin die Rebellen in der Ostukraine unterstützt. Aber so vernünftig nachvollziehbar ist die Welt nicht. Nicht mal in sich. Machen wir eine kleine Reise durch die Kloake der menschlichen Gesellschaft.

Wappen des Bataillon Asow.
Anfangen können wir bei russischen Nazis. Etwa der Nazi-Band "Wotan- Jugend". Trotz des deutschen Namens ist diese Band russisch, und sie ist nicht nur so ein bisschen nazistisch, sie ist so gewaltafin und nationalsozialistisch, wie es nur geht. Auf ihrem Webauftritt oder ihrem Profil beim russischen sozialen Netzwerk und Facebook-Analogon VKontakte.com feiert Wotanjugend gerne mal die Waffen-SS oder erweist dem Massenmörder Anders Breivik ihre Reverenz (Vorsicht, das Stöbern auf deren Seiten erfordert eine wirklich gute Kontrolle über den Brechreflex!).
Diese russischen Nazibande hat auch Freunde in der Ukraine - allerdings nicht, wie man naiv vermuten würde, in den Reihen der pro-russischen Separatisten. Wotanjugend sind Fan und Unterstützer des ukrainischen "Bataillon Asow". Das Bataillon Asow ist eine extrem rechte ukrainische Miliz, die gegen die ostukrainischen Bürgerwehren kämpft. Wotanjugend gedenkt z.B. den Gefallenen des Bataillons Asow auf ihrer Seite, was das Bataillon Asow gerne auf ihrem VK-Profil wiedergibt. So sollen die Kämpfer des Bataillons ihren Kameraden in Erinnerung bleiben:
Screeshot vom VK-Profil des Bataillon Asow.

Das Bataillon Asow revanchiert sich auch gerne mit ein paar Bildern für Wotanjugend, auch wenn deren Hitlergruß noch arg verschämt daher kommt:
Screenshot vom VK-Profil von Wotanjugend.
Die Unterstützung russischer Nazis für das Bataillon Asow beschränkt sich nicht nur auf den Tausch von Bildern und Propaganda auf sozialen Netzwerken. Am 14. August organisierte Wotanjugend ein Benefizkonzert von Nazibands für das Bataillon Asow in Kiew. Wotanjugend hält eine Zusammenfassung des Konzerts bereit, laut eigener Angabe kamen alle Einnahmen aus dem Konzert und dem Souvenirverkauf dem Bataillon zugute. Und das Bataillon Asow bedankte ich auf seinem VK-Profil mit einer umfangreichen Bilderserie vom Konzert. Die Zusammenarbeit von russischen Nazisbands und ukrainischen Nazimilizen scheint gut zu funktionieren.
Auf dem Nazikonzert für das Bataillon Asow (VK-Profil von Wotanjugend).

Nun ist das Bataillon Asow aber nicht irgendeine verbotene terroristische Vereinigung, wie man das vielleicht denken oder zumindest doch hoffen würde. Das Bataillon ist völlig legal, untersteht offiziell dem ukrainischen Innenministerium und wird von ihm in Kampf gegen Rebellen eingesetzt. Und innerhalb der Ukraine wird aus der Zusammenarbeit des Innenministeriums mit dem Bataillon Asow kein Hehl gemacht.
Der Herr, der hier vorne links vor den Flaggen des Bataillons hermarschiert, ist der ukrainische Innenminister Arsen Awakow. Der Herr vorne rechts ist der Präsident des ukrainischen Parlaments, Olexandr Turtschynow.
Diese zwei Bilder stammen von einer Pressemitteilung des ukrainischen Innenministeriums vom 21. August anlässlich einer Feier zur Ehrung der im "Anti-Terror-Einsatz" getöteten oder verletzen Mitarbeiter des Innenministeriums. Das Bataillon Asow ist in der Mitteilung ausdrücklich mit eingeschlossen. Es sind die freundlich vermummten Herren im Hintergrund. Die Repräsentanten der ukrainischen Demokratie wie Herr Turtschynow im oberen Bild  sind die anerkannten Partner der deutschen Außenpolitik und schütteln nicht nur Mitgliedern von Nazimilizen die Hand:
Die deutsche Politik unterstützt politisch und materiell eine Regierung, die sich ihrerseits im Kampf gegen ukrainische Bürger auf eine Nazimiliz stützt. Eine Miliz, die ihre Unterstützung, propagandistisch und in Form von Spenden, auch von russischen Nationalsozialisten erhält. Ja, die Welt ist schon kompliziert. Und eklig. Aber dieses deutsche Spielen in der Jauchegrube ist nicht nur eklig. Man kann sich dabei auch eine Menge ekelhafter Sachen einfangen, die man danach nicht wieder so schnell los wird...

Samstag, 20. Juli 2013

Der falsche Feind meines Feindes

Alexej Navalny auf einer
Kundgebung der
rechtsextremen
"Nationalbolschewistischen
Partei Russlands".
(Quelle: drug-goy)
In den letzten Tagen hört und liest man viel über den russischen Blogger, Antikorruptionskämpfer und "Kremlkritiker" Alexej Navalny. Als "unliebsamer Regierungskritiker" (SpOn)  solle er durch eine Verurteilung wegen Veruntreuung "mundtot gemacht werden". Manche Medienberichte steigern sich geradezu ins Hymnische, wie z.B.:
"'Navalny, Navalny!': Unter ohrenbetäubendem Jubel Hunderter Anhänger steigt der Kremlgegner Alexej Navalny nach seiner vorläufigen Freilassung in Moskau mit geballter Faust aus dem Zug. Lauter Beifall brandet auf, Wartende strecken dem 37-Jährigen Navalny und seiner Frau auf dem Jaroslawski-Bahnhof Blumen entgegen. Die Rückkehr am Samstag aus dem Gerichtsort Kirow gerät für den bekannten Blogger zum Triumphzug." 
Doch was in all den Berichten schmerzlich zu kurz kommt, ist eine Einordnung der politischen Gedankenwelt des attraktiven, kämpferischen jungen Mannes. Jedenfalls eine Einordnung, die über ein dumpfes irgendwie gegen Putin sein hinausgeht. Doch seine Gedankenwelt hat es durchaus in sich...
DWüdW aber hat ihre Freunde überall. So bietet die DWüdW-Russlandredaktion* eine kleine Übersicht:

Man könnte da etwa mit diesem bizarren, von Herrn Navalny auf YouTube eingestellten Video beginnen, das zu einer Kampagne für die Liberalisierung des Waffenrechts in Russland gehört. Die Botschaft: Wenn Ungeziefer ins Haus kommt, hat man eine Fliegenklatsche. Wenn die Karikatur eines kaukasischen Terroristen ins Haus kommt, sollte man eine Pistole zur Hand haben:


Ein anderes interessantes Video des Herrn Navalny ist z.B. dieses. Es zeigt den Teilnehmer einer Demonstration beim Erklären der Unzufriedenheit des russischen Volkes mit der Politik.


Den Kontext dieser Äußerungen erkennt der Betrachter, wenn er einen Blick auf das Fahnenmeer im Hintergrund wirft. Offenbar handelt es sich um eine frühere Kundgebung der inzwischen verbotenen (aber immer noch aktiven) rechtsextremen Nationalbolschewistischen Partei Russlands. Und damit sind wir endgültig im geistigen Umfeld Alexej Navalnys angekommen.
Nehmen wir noch ein Interview, das er dem russischen Onlinemagazin Lenta.ru gab. Das Interview ist schon etwas älter, vom November 2011. Da es aber immer noch auf Herrn Navalnys Blog verlinkt ist, scheint er weiterhin dazu zu stehen. Anlass des Interviews war die Tätigkeit Navalnys im Organisationskomitee des "Russischen Marschs". Der "Russische Marsch" ist eine jährliche Protestveranstaltung russischer Ultranationalisten. Das Interview ist ziemlich umfangreich, wir picken daher nur ein paar Stellen mit deutscher Übersetzung heraus:
Лента.ру: Алексей, зачем ты идешь на "Русский марш"?
Алексей Навальный: Я иду на "Русский марш" уже четвертый раз, и каждый год мне задают этот достаточно странный вопрос. Каждый год я подробно объясняю, что у меня достаточно простая позиция: есть некие политические факты, или просто факты: вот есть солнце, вот есть небо, Волга впадает в Каспийское море, хипстеры любят носить очки в пластмассовой оправе, а в России существует "Русский марш".
Lenta.ru: Alexej, warum gehst Du zum „Russischen Marsch“?

Alexej Navalny: "Ich gehe zum „Russischen Marsch“ bereits zum vierten Mal, und jedes Jahr stellt man mir diese ziemlich merkwürdige Frage. Jedes Jahr erkläre ich ausführlich, dass ich eine ziemlich einfache Position vertrete. Es gibt gewisse politische Fakten oder einfach so Fakten: Es gibt die Sonne, es gibt den Himmel, die Wolga fließt ins Kaspische Meer, und in Russland gibt es den „Russischen Marsch“. "
Лента.ру: В чем смысл шествия русских? Зачем оно вообще нужно?
Алексей Навальный: "Русский марш" появился в результате эволюции националистического движения в России. Я считаю динамику этой эволюции совершенно положительной и позитивной...
Lenta.ru: Wo liegt der Sinn des Demonstrationszuges der Russen? Wozu braucht man ihn überhaupt? 

Alexej Navalny: "Der „Russische Marsch“ ist als Ergebnis der Evolution der nationalistischen Bewegung entstanden. Ich finde die Dynamik dieser Evolution absolut positiv..."
Лента.ру: Считаешь, что нужно вводить визовый режим со странами Средней Азии?
Алексей Навальный: Да. И я не вижу в этом предложении ничего радикального. Американцы голосовали за стену с Мексикой. Обама голосовал за строительство стены с Мексикой. А мы боимся визовый въезд вводить.
Lenta.ru: Bist Du der Meinung, dass man Einreise mit Visa mit den Ländern des Zentralasiens [d.h. den früheren zentralasiatischen Sowjetrepubliken] einführen sollte?

Alexej Navalny: "Ja. Ich sehe in diesem Vorschlag nichts Radikales. Die Amerikaner haben für die Mauer zu Mexiko gestimmt. Obama hat für den Bau der Mauer mit Mexiko gestimmt. Und wir haben Angst, eine Visumpflicht einzuführen."
Лента.ру: Ты периодически приводишь в пример Ле Пена.
Алексей Навальный: Ле Пена я привожу в пример в качестве того, что существует вполне себе респектабельный и легальный политик в Европе, риторика которого, опять же, гораздо жестче, чем риторика ДПНИ по некоторым вопросам. И ничего во Франции не случилось от этого ужасного.
Lenta.ru:  Du bringst von Zeit zu Zeit [den französischen Rechtspopulisten Jean-Marie] Le Pen als Beispiel.

Alexej Navalny: "Ich bringe Le Pen als Beispiel dessen, dass es einen respektablen und legalen Politiker in Europa gibt, dessen Rhetorik, wieder mal, viel härter ist als die Rhetorik der DPNI [→ die rechtsextreme und ca. ein halbes Jahr vor dem Interview verbotene russische "Bewegung gegen illegale Einwanderung"] in einigen Fragen. Nichts Schlimmes ist in Frankreich deswegen passiert."
Лента.ру: Ты считаешь его респектабельным?
Алексей Навальный: Извини меня, он легально существующий, он прошел во второй тур. Да, он респектабельный политик, конечно. За него голосует огромное количество людей, естественно. Он там реально существующий политик. Чего ж мне его не считать респектабельным?
Lenta.ru: Du hältst ihn für respektabel?

Alexej Navalny: "Entschuldige, er ist ein legaler Politiker, er hat es in die 2. Runde [der französischen Präsidentschaftswahlen] geschafft. Ja, er ist ein respektabler Politiker, natürlich. Für ihn stimmen Unmengen von Menschen, natürlich. Er ist dort [in Frankreich] ein real exisitierender [?] Politiker. Warum sollte ich ihn nicht für respektabel halten?"

Wer sich also versucht sieht, Herrn Navalny zum strahlenden Helden einer Opposition gegen ein undemokratisches System zu erheben, der möge sich doch an die Weisheit eines Funny van Dannen erinnern: "Auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein". Und jemand, der den durchaus kritikwürdigen Kreml kritisiert, kann trotzdem ein rechtspopulistischer Nationalist sein, mit dem man wahrlich nicht auf ein Bier gehen möchte...

* Dieser Post entstand, nachdem eine russische Freundin sich
betrübt darüber gezeigt hatte, westliche Medien schrieben den
Falschen zum Helden der russischen Opposition hoch.
Mit besonderem Dank an P. aus B.!

Dienstag, 14. Mai 2013

Nützliche Idioten im Focus

Wenn ausgerechnet bei einem lächerlichen und pseudointelligenten Schmierenverein wie Focus Online ein Kommentar angekündigt wird mit Worten wie:
"Nein! Und das kann man leicht beweisen, wenn man rational denkt und sich nicht nur emotional aufheizen lässt.",
dann kann man sich ja schon auf einen amüsanten Denkversuch für selbstbewusstseinserweiterte Schrumpfhirne freuen. Nur wenn es im Kommentar dann um rechte Gesinnung und Naziterror geht, dann wird es doch alles andere als amüsant. Der Focus Online-Gastkommentator und Professor für neuere Geschichte, Michael Wolffsohn versucht uns heute durch rationales Denken zu beweisen, daß deutsche Behörden unmöglich Rechtsextremismus unterstützen können. Das geht ziemlich schnell:
Nazideutsche wären in der Welt unbeliebt, denen würde niemand die guten deutschen Autos abkaufen wollen [kein Witz, steht wirklich da!]. Und daher würden deutsche Behörden ihrem Land und letztlich auch sich selbst schaden, sollten sie rechtsextreme Umtriebe decken oder gar unterstützen. Daß Nazis sich vielleicht einen Dreck um die Beliebtheit Deutschlands im Ausland scheren und tun, was sie tun, weil sie tatsächlich daran glauben, findet in Wolffsohns rationalen Beweis keinerlei Erwähnung.
Und jetzt weiß ich nicht, was ich an Deutschland gruseliger finden soll? Das in Deutschland Mörder Menschen allein aus Haß auf alles für sie nicht hinreichend Deutsche kaltblütig umbringen? Oder daß sich ein gewöhnlicher, anständiger deutscher Professor tatsächlich nicht vorstellen kann, daß manche Menschen irgendeine Idee, sei es Menschenwürde oder Faschismus, über den Exporterfolg deutscher Automobile stellen...

Freitag, 11. Januar 2013

Suizid hilft gegen Todesangst

Während der Berichterstattung über einen Prozess gegen einen Neonazi im Amtsgericht München wurde die Kamera eines Filmteams des Bayrischen Rundfunks im Gerichtsgebäude wiederholt von Sympathisanten des Angeklagten beschmiert. Der Präsident des Amtsgerichts, Gerhard Zierl, meint zu diesen Vorkommnissen in seinem Haus [Bericht des BR]:
"Natürlich ist es nicht hinnehmbar, daß Kameraobjektive beschmiert oder beschädigt werden."
Und weiter:
"Wenn Sie mich schon fragen, wie man solche Störungen zukünftig verhindern kann - ich will das eigentlich nicht, aber man müßte und könnte daran denken, im Gerichtsgebäude ein Film- und Fotografierverbot zu erlassen. Dann habe ich diese Problematik nicht mehr."
Ja, doch, stimmt ja schon, irgendwie, auf seine eigene Weise...
Na dann: Weiter keine Handbreit den Nazis!

Samstag, 25. August 2012

Mit dem Nazimob in eine bessere Zukunft

Vor einigen Jahren veröffentliche Nicolaus Fest in der Bild Sätze wie:
"Es begann die Zeit der großen „ethnischen Säuberungen“. Überall wurde umgebracht, deportiert und vertrieben [...] Aber es brachte auch homogene Gesellschaften – und damit vielen europäischen Ländern Frieden und Stabilität." 
"Nachdem vor nicht einmal 80 Jahren ganze Völkerschaften der inneren Stabilität Europas geopfert wurden, scheinen die Vorteile homogener Gesellschaften inzwischen fast vergessen."
Es erschien mir damals schon fast unglaublich, daß eine große deutsche Zeitung wirklich den Raum zur Verfügung stellt, um den Zweiten Weltkrieg und seine Völkermorde als schmerzlichen Opfergang zum Wohle Europas zu verklittern. Heute schrieb dann Jasper von Altenbockum in der FAZ:
"Ein wütender Mob zündete vor 20 Jahren das Asylantenheim in Lichthagen an. Der Terror brachte manchen Sozialromantiker zur Besinnung und machte den Weg für eine gesteuerte Einwanderungspolitik frei."
Auch er half, Sozialromantiker
zur Besinnung zu bringen.
Diese Einleitung wurde inzwischen offenbar gehen eine harmlosere Version ausgetauscht. Der Geist des Artikels bleibt aber erhalten:
"Erst „Lichtenhagen“ brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung."
Der Ungeist, aus reinem - und natürlich zu verachtenden - Verbrechen Gutes erwachsen zu sehen, er hat offenbar nicht mehr nur die Bild befallen.

Nun wird eine einzelne Frau wie die Ruderin Nadja Drygalla sozial geächtet, weil sie einen rechtsradikalen Lebenspartner hat. Nach einem Gespräch reist sie offiziell freiwillig von den Olympischen Spielen ab, ihr Antrag auf Sportförderung würde nun "auf Eis liegen". Und manch einer ist auch noch stolz auf die klare Position der Gesellschaft, was Toleranz gegenüber rechtem Gedankengut angeht. Wenn dagegen Redakteure von ganz großen, teilweise sogar angesehenen, deutschen Zeitungen intellektuell verbrämt die süßen Früchte von rechtem Mord und Terror hervorheben, dann passiert - nichts. Es gibt keine breite gesellschaftliche Ächtung, keine Entlassung, keine Versetzung, vermutlich nicht einmal weniger Einladungen zu Grillparties. Was bleibt ist allein die Botschaft: Rechte Gewalt und Terror seien schrecklich, aber brächten doch zumindest die Linken zur Vernunft und Europa die Stabilität.

Vielleicht sollte man sich um die geistige Verfassung Deutschlands wirklich Sorgen machen.